Franziskus im Urteil von Bergoglianern und Papstkritikern

Der Papst der Gegensätze

Papst Franziskus „hat sich mit Beratern umgeben, die vielleicht politisches oder rhetorisches Talent haben, aber keine Männer von Gewicht und Seriosität sind“.
Papst Franziskus „hat sich mit Beratern umgeben, die vielleicht politisches oder rhetorisches Talent haben, aber keine Männer von Gewicht und Seriosität sind“.

(Rom) Geht die Katholizität „der größten Veränderung seit vielen Jahrhunderten“ entgegen? Davon überzeugt ist Matteo Matzuzzi, der für die Tageszeitung Il Foglio berichtet, „wie Papst Franziskus die Kirche revolutioniert“. Dieser Prozeß geht nicht ohne Brüche und Konflikte über die Bühne. Bald fünf Jahre nach seiner Wahl werfen sie immer mehr Fragen auf. Wohin werden sich die Schwerpunkte der Kirche verlagern? Wie steht es um die „Seilschaften“ in der Kirche? Was wird aus dem kulturellen und geistlichen Erbe von Johannes Paul II. und Benedikt XVI.? Wird sich Franziskus gegen die Widerstände halten können oder kommt es zum großen Aufstand?

„Sinnlose Festungen aufgeben“

Innerhalb von 30 Jahren werden sich die Hochburgen der größten Religion der Welt in Lateinamerika, Afrika und Asien befinden. Westeuropa, Motor der Entwicklungen in den vergangenen zweitausend Jahren, ist faktisch bereits ins Heidentum zurückgefallen. „Für Franziskus ist es sinnlos, mit einer Kriegsideologie eine verlorene Festung zu verteidigen“, so Matzuzzi.

Der britische Historiker Philip Jenkins schrieb zu den künftigen Verhältnissen in der Kirche vor kurzem:

„Man stelle sich das Jahr 2050 vor, wenn 50 Kardinäle Lateinamerikaner, 30 Afrikaner und 15 Asiaten sein werden“.

Philip Jenkins
Philip Jenkins

Und er meinte damit im Konklave wahlberechtigte Kardinäle. Was so unspektakulär klinge, sei ein epochaler Umbruch. Das Christentum ist in das Römische Reich hineingewachsen. Rom wurde zu ihrem Zentrum und ist es bis heute geblieben. Mit der Entchristlichung Westeuropas droht erstmals das Hinterland dieses Zentrums, vom Glauben abzufallen. Jenkins geht es in seiner Analyse nicht um umstrittene nachsynodale Schreiben oder Fragen des Kirchenrechts. Er schaut auf die großen Tendenzen, und die seien eindeutig. Anfang des 20. Jahrhunderts waren Frankreich, Italien und Deutschland die Staaten mit den meisten Katholiken. Heute sind es Brasilien, Mexiko und die Philippinen. Dabei gehe es nicht nur um Statistik und Geographie. Es geht um die künftige Kirchenführung. Es gehe um eine Form von kirchlicher Geopolitik mit all ihren Konsequenzen.

Wer die Geschichte als Heilsgeschichte sieht, wird darin eine Antwort Gottes auf die Selbst-Entchristlichung Westeuropas erkennen. Als Luther in Europa die Kirche spaltete und ganze Länder Rom entfremdete, schenkte Gott zum Ausgleich der Kirche einen ganzen Kontinent: Lateinamerika.

Achsenverschiebung mit Konflikten

Diese Achsenverschiebung wird nicht ohne Konflikte stattfinden, wie die Bischofssynode über die Familie zeigte. Die Europäer, auch und derzeit gerade die von Selbstsicherheit strotzenden Progressiven, halten sich nach wie vor für die eigentlichen Entscheidungsträger. Als die afrikanischen Synodalen dem Programm von Kardinal Walter Kasper die Gefolgschaft versagten, entfuhr ihm erbost eine rassistische Äußerung. Wer hätte das gedacht.

Solche Konflikte könnten sich noch verstärken, sollten die progressiven Kreise, die sich unter Papst Franziskus endlich am Ziel sehen, weil sie in Westeuropa das Sagen haben, feststellen müssen, daß ihnen von ganz anderer Seite, aus Afrika und Asien, neuer Widerstand erwächst und sie zahlenmäßig sogar zurück in die Minderheit wirft. Sowohl Kardinal Kasper als auch Papst Franziskus („Den Schrei des Volkes hören“) scheinen sich den Durchmarsch in Sachen Scheidung und Zweitehe viel leichter vorgestellt zu haben. Das Versteckspiel rund um Amoris laetitia, etwas zu wollen und unter Gleichgesinnten umzusetzen, es aber öffentlich nicht zu sagen, ist eine Folge dieser unerwarteten Widerstände gegen die westeuropäisch-progressive Zwangsbeglückung.

Kardinal Caffarra hatte 2014, im Zusammenhang mit der ersten Bischofssynode über die Familie,  in einem Interview mit Il Foglio zu den Kasper-Forderungen Stellung genommen:

„Von welchen Erwartungen sprechen wir eigentlich? Von jenen des Westens? Ist der Westen das entscheidende Paradigma, nach dem die Kirche ihre Verkündigung auszurichten hat? Sind wir noch immer auf diesem Punkt? Hören wir auch ein wenig die Armen. Ich bin etwas irritiert und werde nachdenklich, wenn ich höre, man müsse in eine bestimmte Richtung gehen, andernfalls sei es besser, wenn die Bischofssynode gar nicht stattfindet. Welche Richtung? Die Richtung, die von den Mitteleuropäern bestimmt wird, wie man sagt? Warum nicht die Richtung, die von den Afrikanern benannt wird? Da haben wir es. Das ist der Punkt.“

Die Anspielung war auf Kardinal Kasper gemünzt, der erklärte hatte, daß die Bischofssynode entweder die Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten anstrebe oder besser gar nicht stattfinde, denn einen anderen Grund stattzufinden, gebe es nicht. Damit hatte der deutsche Kardinal allerdings, mehr enthüllt, als er vielleicht wollte. Der gleich nach dem Konklave als „Theologe des Papstes“ herumgereichte Kardinal hatte damit offengelegt, mit welcher Absicht Franziskus die Bischofssynode über die Familie einberufen hatte. Schließlich wurde Kasper von Franziskus auf ganz ungewöhnliche Weise bereits beim ersten Angelus nach der Papstwahl gelobt und stand damit „Pate“ für das Pontifikat.

Spätestens bei der Wahl des übernächsten Nachfolgers von Franziskus werden die Europäer im Konklave kein entscheidendes Gewicht mehr haben. Ein Machtverlust, ob so wahrgenommen oder nicht, der noch manchen Konflikte ins sich bergen könnte, so Jenkins.

Verlassene Wagenburgen, doch nicht alles läuft nach päpstlichem Wunsch

Matzuzzi ist der Meinung, daß Papst Franziskus die „Sinnlosigkeit“ der alten Grabenkämpfe Europas erkannt habe. Deshalb gebe er die Schützengräben und Stellungen auf. Unterliegt er da vielleicht aber nur der eigenen Propaganda? Es waren kirchenfeindliche Kräfte, die unter Papst Benedikt XVI. diese „Wagenburg“-Theorie aufbrachten und sie nimmermüde behaupteten. War es aber nicht vielmehr so, daß es sich dabei um ein vordergründig gegen Benedikt XVI. gerichtetes Konstrukt handelte, das sich hauptsächlich gegen Glaubenswahrheiten richtete? Ist nicht die Wahrheitsfrage entscheidend?

Matteo Matzuzzi
Matteo Matzuzzi

Tatsache ist, daß Franziskus die Stellungen räumt, die von eben diesen Kräften am stärksten unter Beschuß genommen wurden. Der Sinn und Zweck? Das Feindfeuer endet. Doch welcher Nutzen wird daraus gezogen? Ändert sich die Haltung, die Grund des Beschusses ist?

Im September 2015 maßregelte Franziskus bei seinem Besuch die US-Bischöfe wegen ihrer „konservativen“ Haltung. Er tat es mit einer bis dahin nicht gekannten Härte. Die Abneigung gegen die Linie dieses Episkopats war unüberhörbar. Die Bischöfe sollten den Kulturkampf beenden, ihre Festungen aufgeben, aufhören, das Kreuz wie eine Kriegsfahne vor sich herzutragen, und hinausgehen.

Wohin eigentlich?

In den USA findet, im Gegensatz etwa zum deutschen Sprachraum, der Kulturkampf auf Augenhöhe statt und ist noch keineswegs entschieden. Franziskus wollte, daß die Bischöfe sich mit Barack Obama anfreunden. Der Sozialist Bernie Sanders war der päpstliche Lieblingskandidat für die Obama-Nachfolge. Daß der jüdische Senator auch Abtreibungsbefürworter ist, scheint Franziskus keine schlaflose Nacht bereitet zu haben. Notfalls wäre auch Hillary Clinton akzeptabel gewesen. Hauptsache kein Republikaner. Es kam dann aber alles ganz anders.

US-Präsident wurde ein Außenseiter, den sogar das republikanische Establishment ablehnte, Donald Trump, der Wirklichkeit gewordene Alptraum der politischen Linken. Auch in diesem Punkt sind die Pläne von Franziskus nicht aufgegangen. Die US-Bischöfe haben nun, zwei Jahre später, dezent, aber unmißverständlich geantwortet. Sie haben den „Mann des Papstes“, Blase Kardinal Cupich, den Erzbischof von Chicago, bei der Wahl zum Vorsitzenden der Lebensrechtskommission der Bischofskonferenz durchfallen lassen. Ein für die Welt fast unscheinbares Signal, das in der Kirche aber viel aussagt. Sehr viel.

68er-Grabenkämpfe neu angefacht

Die progressistischen Kräfte drängen Papst Franziskus dennoch in immer neue Konflikte gegen das, was sie abfällig ein „vorkonziliares“ Kirchenverständnis nennen. Zu den jüngsten Provokationen gehört Michael Sean Winters Artikel im National Catholic Reporter, der über diese Wahl der US-Bischofskonferenz schrieb:

„Die US-Bischöfe haben Franziskus den Mittelfinger gezeigt“.

R.R. Reno
R.R. Reno

Keine feine Art sich auszudrücken, dafür aber eine typische. Sie soll natürlich provozieren, nämlich eine Reaktion des Papstes gegen die aufmüpfigen US-Bischöfe. Der Einfluß dieser progressistischen Kräfte ist nicht unbeachtlich, da sich der Papst auch im engsten Kreis mit Personen umgibt, die ihr nahestehen oder sie unter den neuen Vorzeichen in Windeseile inhaliert haben. Ihre Anpassungsfähigkeit entspricht auf der politischen Ebene jener von Trotzkisten, die in den 90er Jahren zu „Neokonservativen“ wurden, obwohl ihnen nichts fremder war als echter Konservativismus. Ihnen ging es nur um die Machtfrage. Der Rest, auch Selbstbezeichnungen, waren bestenfalls taktischen Überlegungen geschuldet, die auch dazu dienten, erfolgreich Verwirrung zu stiften.

Dem hält Russell Ronald Reno III., der Herausgeber von First Things, der bedeutendsten konservativen Publikation im US-Kulturkampf, entgegen, daß die „alten Kampflinien“ der Nach-68er-Zeit zwar neu gezogen werden, aber Etiketten wie „konservativ“ und „progressiv“ in diesem Pontifikat wieder an Bedeutung gewinnen.

Den Anstoß dazu gab Franziskus nicht zuletzt selbst durch seine scharfe Kritik, die er am Beginn seines Pontifikats gegenüber lateinamerikanischen Ordensleuten und dann in Brasilien gegen traditionsverbundene Katholiken äußerte.

Einen Kulturkampf führen unter dem Vorwand, den Kulturkampf überwinden zu wollen

Genau diesen Kulturkampf führe Franziskus in der Kirche unter dem Vorwand, den Kulturkampf „überwinden“ zu wollen. Die Entlassung von Professor Josef Seifert, von Kardinal Gerhard Müller und die öffentliche Demütigung von Kardinal Robert Sarah sei Ausdruck dieses päpstlichen Kulturkampfes. Kritiker sprechen von „Säuberungen“.

Franziskus bekämpft dabei eines seiner erklärten Feindbilder: „jene, die Rosenkränze zählen“. Laut seiner Definition sind damit jene Kirchenkreise gemeint, die erstarrt „am Gesetz“ festhalten, mehr tot als lebendig seien und eine lebendige Kirche ersticken würden.

Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus und wird von den Betroffenen, die Franziskus angreift, auch anders gesehen. Sie sagen, daß es in erster Linie um das Kirchenverständnis gehe. Sie halten an der Tradition fest, denn das sei das Um und Auf des Christentums: das geoffenbarte Wahrheit Jesu Christi und die apostolische Überlieferung in Treue zu bewahren. Daran könne und dürfe es keine Veränderung, nur eine Vertiefung geben. Das haben sogar Päpste in lehramtlichen Dokumenten festgehalten.

Jede Veränderung wäre Verrat und würde die Kirche zum Spielball der gerade vorherrschenden Moden machen. Die Kirchengeschichte sei der nachprüfbare Beweis. Zu allen Zeiten habe es Kirchenkreise gegeben, die der dominanten Richtung zuneigten und sich mit ihr arrangieren wollten. Dem widerstanden zu haben, oft mit Mühe und Kämpfen, sei das Verdienst der Glaubenstreuen.

Das Leiden mit der Humanität und den Menschenrechten

Seit der Aufklärung, besonders seit der französischen Revolution, leidet ein Teil der Kirche darunter, sich mit der Welt nicht mehr „einigen“ zu können, nicht das Christentum mit der aufgeklärten (religionslosen) Humanität vereinen zu können, nicht die Menschenrechte auf eine Stufe mit den Geboten Gottes stellen zu können. Es geht um einen aus dem Christentum geborenen Humanismus, der aber das Christentum nicht mehr zu brauchen scheint und damit allerweltstauglich ist, auch für Gottlose, Religionslose und andere Religionen. Soweit die Theorie.

Dieses Leiden war der Bruch, den bereits das Pontifikat von Johannes XXIII. begleitete. Das Ende der „Unheilsboten“, das er verkündete, und der „neue Frühling“ und das „neue Pfingsten“ für die Kirche, das er ankündigte, sollten durch diese „Aussöhnung“ zwischen Kirche und alter Welt erfolgen. Für die Kirche wurde es zum größten Desaster der Kirchengeschichte. Sie hatte zwar schon schlimmere Tage erlebt, gerade unter der französischen Revolution, was sie Unvereinbarkeit ausreichend illustrieren sollte, aber nun schien (und scheint) der Feind mehr denn je in der Kirche selbst zu sitzen.

Dieses Leiden war auch die Bruchlinie zwischen Kardinal Carlo Maria Martini SJ, dem Ante-Papst, der die besonders unduldsame Riege der Jesuiten gegen Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. anführte. Kritiker unterstellen dieser Richtung nicht ohne Polemik, das Wirken des Heiligen Geistes mit dem Zeitgeist zu verwechseln.

„Klima des Terrors“

Franziskus habe mit seinem Kulturkampf ein „Klima des Terrors“ in der Kirche erzeugt, so der konservative Catholic Herald. Die Anspielung auf den Grande Terreur der französischen Revolution dürfte nicht ganz zufällig sein. Ganz anderer Meinung ist der progressive Autor Austen Ivereigh, der behauptet, zwischen Franziskus und Johannes Paul II. gebe es „keine Zäsur“. Bergoglianisch äußert sich auch Guillaume Goubert von La Croix, der Tageszeitung der französischen Bischöfe:

„Franziskus fordert eine Änderung des Verhaltens. Was für einen Sinn macht es, die Institutionen zu ändern, wenn die Verhaltensweisen gleich bleiben? Der Papst vertritt die Linie, daß die Wirklichkeit wichtiger ist als die Idee.“

Austen Ivereigh
Austen Ivereigh

Stellt man diese Behauptung auf den Prüfstand, scheint sie nicht standzuhalten. Das gilt übrigens für das meiste von dem, was derzeit aus dem Munde päpstlicher Vertreter an die Öffentlichkeit dringt. Viele Worte mit wenig Substanz. Ivereigh behauptet in seinem Buch „Der große Reformer. Franziskus und wie man einen radikalen Papst macht“, daß die „Revolution von Franziskus“ pastoraler Natur sei. Sie habe ihre Wurzeln im „Prozeß der lateinamerikanischen Kirche, der 2007 in Aparecida“ begonnen habe. Franziskus sprach mehrfach mit Begeisterung über die Bischofstagung von Aparecida. Das liegt nun zehn Jahre zurück. Bisher scheinen sich die Vertreter dieses „Prozesses“ aber mehr selbst zu loben, als Konkretes vorweisen zu können. Franziskus selbst nannte konkret nur, daß es ihn begeistert habe, daß die Bischöfe während der Tagung in der Wallfahrtskirche gemeinsam mit den Gläubigen die heilige Liturgie feierten. Schafft diese symbolische „Einheit“ bereits Inhalte?

Ivereighs wiederholte Hinweise auf „Lebenswirklichkeiten“ klingen wie die jüngste Sprechblase, mit der progressive Kreise ihr in die Jahre gekommenes 68er-Programm anpreisen. Falsche Grundvoraussetzungen werden dadurch nicht richtiger. Nicht von ungefähr sprechen Kritiker davon, daß es die ergraute 68er-Generation mit Papst Franziskus kurz vor ihrem biologischen Abgang doch noch auf dem Papstthron geschafft habe. Eine Generation, die sich vor allem durch Realitätsverweigerung auszeichnet, weil sie selbst nach 50 Jahren das Scheitern ihrer Ideen nicht zur Kenntnis nehmen will.

Strukturelle Veränderungen und Zölibat

Im Gegensatz zu Benedikt XVI, der doppelt so lange regierte, wurden von Franziskus in der halben Zeit mehr strukturelle Veränderungen durchgeführt.  Er folgt damit einer typisch linken Vorgehensweise. Veränderung der Verhaltensweisen oder Anpassung „der Idee“ an die Verhaltensweisen? Letzteres geschieht beim Ehesakrament. Der Papst scheint zu sagen: Jeder hat eine zweite Chance. Auch eine sakramental gültige Ehe könne scheitern. Das Scheitern ist in den Dokumenten mindestens gleichgewichtig zum eigentlichen Ziel geworden, wenn nicht schon überbetont. Es sei hartherzig den Betroffenen keine zweite Chance zu geben. Schließlich leiden sie darunter. Es gehe darum darauf abzuzielen, den Menschen in der Zweitehe zur Vollendung im Glauben zu helfen. Wirklich überzeugend klingt das nicht. Gerade jungen Menschen (es sind ohnehin nur mehr wenige, die in Westeuropa es bis vor den Traualtar schaffen), die noch nicht von utilitaristischem Denken korrumpiert sind, dürfte eine solche „inklusive“ Deutung schwer vermittelbar sein. Weder was die behauptete Beibehaltung der Unauflöslichkeit der Ehe anbelangt noch was die Verwirklichung im zweiten Anlauf betrifft.

Falsche Prämissen, scheinen falsche Antworten zu rechtfertigen. Das stimmt. Falsches wird dadurch aber nicht richtiger. Im Zusammenhang mit dem Priestertum und dem Priesterzölibat zeichnet sich bereits Ähnliches ab. Franziskus sagte bisher zum Zölibat nur, er persönlich habe „keine Probleme“ damit und sehe sich „derzeit“ nicht darüber hinaus, etwas zu ändern. Eine überzeugte Verteidigung einer erkannten Wahrheit sieht anders aus. Außer man denkt selbst, der eigene Lebensstil folge nur einem Kirchengesetz. Persönliche Erfahrungen in die eine oder andere Richtung sagen noch nichts über die Gültigkeit und über die Natur einer Sache aus. Im zweiten Satz wird die vermeintliche Verteidigung des Priesterzölibats durch das Temporaladverb „derzeit“ zum Bocksfuß. Der Papst sagte damit, der Priesterzölibat könne abgeschafft werden und er sehe nur im Moment keinen Anlaß dafür. Das könnte sich morgen somit schon ändern. Für Oktober 2019 hat er eine Sondersynode für den Amazonas einberufen. Einiges deutet darauf hin, daß es dann soweit sein könnte.

Auch der rasche Umbau des Episkopats, den Franziskus weltweit in die Tat umsetzt, gehört einem strukturellen Reformansatz. Er findet in der Öffentlichkeit zwar wenig Aufmerksamkeit, dürfte aber die nachhaltigste Maßnahme dieses Papstes sein, die auf Jahrzehnte Einfluß nimmt.

Ein Ruck für die Kirche und Büchse der Pandora

Der Philosoph Massimo Borghesi ist hingegen der Meinung, Franziskus habe der Kirche einen Ruck gegeben. Sie habe zwar 1989 richtig vor einer Zukunft ohne christliche Werte gewarnt, sich dann aber in eine Wagenburg mit „drei oder vier nicht verhandelbare Grundsätze“ zurückgezogen.

Ist die Analyse aber zutreffend? Fehlte es der Kirche unter Benedikt XVI. an missionarischem Eifer? Oder war sie nicht vielmehr ein sicherer Leuchtturm? Die Leuchttürme werden von Franziskus abgetragen, „um die Orientierungslosen nicht zu stören“, wie es in Rom hinter vorgehaltener Hand und nur halb scherzhaft heißt. Und hat er nicht mehrfach dem „Proselytismus“ eine so radikale Absage erteilt, daß jeder missionarische Eifer erstarren muß, allein schon aus Sorge, vom eigenen Papst der Proselytenmacherei bezichtigt zu werden?

„Man hat fast den Eindruck, das Bergoglio-Pontifikat habe die Büchse der Pandora geöffnet, in der alle in der Nachkonzilszeit angestauten Konflikte enthalten sind, die durch die lange Ära von Johannes Paul II., die mit dem Amtsverzicht von Benedikt XVI. zu ihrem Ende gelangt ist, niedergehalten wurden“, so Matzuzzi.

„Wir haben keine Informationen, wohin dieser Papst gehen will“

R.R. Reno von First Things, zuvor Professor der Theologie und der Ethik, an der Creighton University, spricht von einem „großen Leiden“ an der aktuellen Situation. Es stimme, daß die Pontifikate von Johannes Paul II. und Benedikt XVI., so verschieden die beiden Päpste auch gewesen seien, eine Einheit bilden. Ihre starken Persönlichkeiten haben aber vielleicht eine „falsche Stabilität“ vorgetäuscht, von der „unsere Schwäche“ dahinter zugedeckt wurde.

„Nun sitzt Franziskus seit bald fünf Jahren im Sattel und wir wissen, daß er bestimmte Aspekte der beiden vorherigen Pontifikate annullieren oder zumindest in neue Richtungen gehen will. Ihm fehlen allerdings die Besonnenheit von Wojtyla und das intellektuelle Gewicht von Ratzinger. Bergoglio hat sich mit Beratern umgeben, die vielleicht politisches oder rhetorisches Talent haben, aber keine Männer von Gewicht und Seriosität sind.“

Wie soll es also weitergehen? Dazu Reno:

„Wir haben keine Informationen darüber, wohin dieser Papst gehen will oder ob er die Fähigkeit hat, jenseits von Gesten und Schlagwörtern etwas Substantielles anzustreben.“

Der unverstandene Papst

Das Problem wird auch von den Bergoglianern gesehen, wenn sie auch bemüht sind, den intellektuellen Aspekt geringer zu gewichten. Sie sprechen davon, daß Papst Franziskus „nicht verstanden“ werde. „Die Gründe dieser Schwierigkeit, Franziskus zu verstehen, sind unterschiedlich“, so Borghesi, der dem Papst jüngst eine eigene Biographie widmete: „Jorge Mario Bergoglio. Eine intellektuelle Biographie“ (Una biografia intellettuale, Jaca Book).

„Ein Aspekt ist das kulturelle und intellektuelle Hinterland von Bergoglio, das – wie ich in meinem Buch aufgezeigt habe – bisher nicht untersucht wurde. Als Johannes Paul II. gewählt wurde, gab es Gelehrte, die seine Formung und seine Studien, seine kulturellen und religiösen Wurzeln verständlich zu machen versuchten.“

Auch damals sei dieser Hintergrund eines polnischen Papstes, Polen lag damals hinter dem Eisernen Vorhang, für den Rest der Welt nicht so einfach verständlich gewesen. Bei Bergoglio würden diese Interpreten fehlen. Stattdessen heiße es, der argentinische Papst sei nicht ausreichend vorbereitet. Borghesi dazu:

„Der Papst verfügt in Wirklichkeit über eine komplexe und reiche Ausbildung, die viel den europäischen Jesuiten verdankt, besonders den französischen. Die Einfachheit des Papstes darf nicht mißverstanden werden. Er selbst hat diese Einfachheit als Methode gewählt.“

Auf dem Schreibtisch des Papstes stapeln sich Appelle, Bitten, Dubia, Correctiones

Tatsache ist aber, daß auf dem Schreibtisch von Papst Franziskus in Santa Marta sich mehr Petitionen, Appelle, Bittbriefe, Dubia und Correctiones stapeln, als bei jedem Papst vor ihm. Und die meisten haben denselben Tenor: Sie sind Bitten, Aufforderungen, Beschwörungen die überlieferte Glaubenslehre und Glaubenspraxis beizubehalten. Noch einheitlicher ist darauf die Reaktion des Papstes: nämlich gar keine.

Guillaume Goubert
Guillaume Goubert

Kein Papst behauptete eine größere Volksnähe und kein Papst kümmerte sich bisher weniger um diese Stimmen aus dem Volk. In der Tat stellt sein Verständnis von „Volk“ ein eigenes Kapitel dar, das noch einer endgültigen Enträtselung harrt.

Der Bergoglianer Borghesi meint, die westlich geprägte Kirche sei antikommunistisch gewesen, habe dann aber mit dem Ende des Kommunismus die Spannung verloren und nachgelassen. Die Berliner Mauer ist gefallen, doch die erhoffte Renaissance des Glaubens fand nicht statt. Stattdessen habe der Materialismus verbunden mit dem Hedonismus einen unerwarteten Sieg gefeiert. Dieser erlahmten Kirche habe Bergoglio einen „Ruck“ gegeben, das trage zum Unverständnis für ihn bei. Wer, etwa an der Römischen Kurie, sich im Laufe der Jahre seinen Platz erarbeitet habe, wolle nicht, daß etwas diese „bequeme“ Stellung in Frage stellt. Das erkläre den Widerstand „alter Seilschaften“. Wobei allerdings zu klären wäre, was Borghesi genau unter „alte Seilschaften“ meint.

Die „lahmen“ Kräfte und der kapitalistische Linksliberalismus

Dem ist gerade aus deutscher Sicht etwas entgegenzuhalten. Immerhin ging der Eiserne Vorhang mitten durch Deutschland. Sind es nicht dieselben „lahmen“ Kräfte, die 1989 die „Zeichen der Zeit“ des Mauerfalls nicht zu nützen wußten (weil sie sich vielleicht mit der Mauer abgefunden hatten und nicht wenige, klammheimlich, den Sozialismus vielleicht sogar für die bessere Variante hielten?), die nun die eifrigsten Bergoglianer sind? Ist diese seltsame Mischung aus Kapitalismus als Wirtschaftsform und Liberalismus und Marxismus als politisch und gesellschaftlich tonangebender Richtung nicht geradezu das Ideal, das den solchermaßen Gesinnten durch 1989/91 unerwartet in den Schoß gefallen ist?

Borghesi zitiert dagegen Methol Ferré, „den größten katholischen Denker Lateinamerikas des 20. Jahrhunderts“ – einer Einschätzung, der zu widersprechen wäre – mit den Worten:

„Wir müssen den Freund im Feind wiederentdecken. Es ist notwendig, im libertinischen Atheismus den frustrierten Wunsch nach Glückseligkeit zu wecken, und hier kommt Bergoglio ins Spiel.“

Aber wie genau?

Nur „erweiterte“ Positionen?

Ivereigh behauptet, indem Franziskus „fortsetzt“, was seine Vorgänger gemacht haben. Es gäbe keinen „Bruch“. Wenn Franziskus die Todesstrafe verurteilt, „erweitere“ er nur die Pro Life-Position von Johannes Paul II. Und mit seiner Öko-Enzyklika Laudato si habe er nur die „Humanökologie“ von Benedikt XVI. aufgegriffen, die er erweitere durch die Aussage, daß die Christen auch Verantwortung für den Planeten tragen.

Überzeugend wirkt das nicht. Vor allem nicht, das die vermeintliche „Erweiterung“ zur Schwächung dessen führt, was die Vorgänger dazu sagten. Und auch nicht, wenn die Aussagen aus dem Mund jener kommen, die während der genannten Vorgängerpontifikate keine so freundlichen Worte fanden, die sie nun finden, um das Pontifikat von Franziskus abzustützen.

Ivereigh treibt es mit seinem dialektischen Spiel sogar ziemlich weit: Er wirft den Kritikern von Franziskus vor, denselben „hermeneutischen Fehler der Progressiven in den 70er und 80er Jahren“ zu machen, die damals umgekehrt einen Bruch behauptet hätten.

Roben, der Herausgeber von First Things, sieht die Sache etwas anders. Johannes Paul II. und Benedikt XVI. konnten die nachkonziliaren Spannungen zudecken, weil sie selbst auf dem Konzil zu den Progressiven gehört hatten, aber, einsichtiger als die Radikalen, in der Nachkonzilszeit Fehlentwicklungen erkannten. Sie traten den radikalen Progressiven entgegen, ohne sich jedoch vom gemeinsamen Konzilsbekenntnis zu distanzieren. Beide verkörperten große Strömungen der Katholizität des 20. Jahrhunderts und konnten diese glaubwürdig vertreten. Franziskus hingegen habe als erster Nachkonzilspapst beim Konzil keine Rolle gespielt. Er sei ein Kind der Nachkonzilszeit und habe daher keine wirkliche Vorstellung davon, wie die gegensätzlichen Strömungen, die auf dem Konzil wirkten, zusammengehalten werden können. Er sei zudem weder Philosoph (wie Johannes Paul II.) noch Theologe (wie Benedikt XVI.), sondern lasse sich, wie viele Jesuiten, von der Intuition leiten. Daher könne Franziskus auch die Nachkonzilszeit nicht in ihrem ganzen Umfang verkörpern. Er verfüge wahrscheinlich nicht einmal über eine Zusammenschau dieser Zeit.

„Das schafft ein Vakuum und führt zur Neuauflage von einigen alten Kämpfen zwischen Konservativen und Progressiven, wenn auch in neuer Form.“

„Franziskus ist kein Linker“

Ivereigh ist ein Progressiver und überzeugter Bergoglianer. Seine Worte sind unter diesem doppelten Vorzeichen zu lesen. Er ist überzeugt:

„Franziskus ist kein Linker, der die Glaubenslehre zu verdünnen oder der Moderne anzupassen versucht. Und jene, die ihn angreifen, indem sie behaupten, er habe das getan, leiden an Blindheit.“

Doch Ivereighs Worten folgt ein großes Aber.

„Es stimmt, daß die Glaubenslehre in einen neuen Kontext gestellt wird, in dem Sinn, daß sie in eine Spannung mit der pastoralen Wirklichkeit gestellt wird.“

Gleichzeitig fehlt nicht ein Seitenhieb, den Ivereigh dem langen Wojtyla-Ratzinger-Pontifikat verpaßt. Franziskus gebe der Kirche die „pastorale Dynamik des Zweiten Vatikanischen Konzils“ zurück“, die sie „im Zuge des nötigen, nachkonziliaren Stabilisierungsprozesses verloren“ habe.

Solchen Aussagen könnten tatsächlich als „ideologisch motivierte“ kritisiert werden. Eine Kritik, die Papst Franziskus an diese, ihm zujubelnde Seite aber noch nicht gerichtet  hat, während er sich mehrfach und unüberhörbar gegen die „Konservativen“ und mehr noch gegen die „Traditionalisten“ richtete, die er kurioserweise als „Pelagianer“ und Männer des „Gesetzes“ beschimpfte.

Guillaume Goubert, ist ein anderer, überzeugter Bergoglianer. Er meint, an der Römische Kurie sei man „nervös“, weil man nicht mehr gegenüber „allen wiederverheirateten Geschiedenen dieselbe Haltung“ einnehmen könne. Das kompliziere die Dinge. So simpel sind die Dinge? Das Problem ist nur mangelnde Flexibilität von Bürokraten?

„Weigerung, Klarheit zu schaffen, wird Autorität des Amtes schmälern“

Auch hier widerspricht Reno von First Things:

„Das Pontifikat Bergoglio wird sicher die Kirche verändern, selbst dann, wenn er nicht ein bestimmtes Projekt verfolgen sollte. Seine Weigerung, doktrinelle Klarheit zu schaffen, wird mit aller Wahrscheinlichkeit die Autorität seines Amtes schmälern.“

Das werde in der Kirche zu orthodoxeren Reaktionen führen.

„Das könnte ein positives Erbe sein.“

Massimo Borghesi
Massimo Borghesi

Franziskus scheint mehr darauf abzuzielen, die Kirche in weltpolitische Angelegenheiten einzubinden, wie sein Vorgehen in Sachen Klimawandel, mehr Gleichheit und Kampf gegen den Populismus zeigen. Reno sieht darin vor allem päpstliche Improvisation am Werk. Dem Papst gehe es darum, Themen aufzugreifen, die von der breiten Masse geteilt werden.

Borghesi widerspricht energisch. Er will nicht Improvisation am Werk sehen. Für Franziskus sei die Kirche eine „paradoxe Form beständiger Synthese der Gegensätze“. Borghesi spricht von einer „originellen“ Idee, die ihn zudem an Romano Guardini erinnere. Der Philosoph sieht einen geistesgeschichtlichen Strang, der von Adam Möhler über Erich Przywara, Hans Urs von Balthasar, Guardini, Gaston Fessard bis Henri de Lubac reiche. Kenner des Jesuitenordens dürften das anders sehen. Oder anders gesagt: Richtig daran ist, daß es sich um ein typisch jesuitisches Denken handelt, weshalb es vor allem die Jesuiten und den Genannten betrifft.

Die „Peripherie“ ist „kein biblischer Begriff“

Borghesi selbst schränkt ein, daß Romano Guardini in Bergoglios Denken vor seinem Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland 1986 keine Rolle gespielt habe. Fessard hingegen habe der junge Bergoglio auf Empfehlung seines Philosophieprofessors Miguel Angel Fiorito gelesen. Daher habe er die Vorstellung, daß das Leben eines Jesuiten von der Spannung zwischen den Gegensätzen bestimmt sei, zwischen Gnade und Freiheit und zwischen dem unendlich Großen und dem unendlich Kleinen. Diese Vorstellung übertrage Franziskus auf die Kirche, deren Einheit durch die dialektische Polarität zusammengehalten werde, weil sie die Gegensätze vereine, ohne sie zu annullieren. Darauf gründe auch sein Blick vom Zentrum an die Peripherie und von der Peripherie auf das Zentrum, etwa auf Europa von Lampedusa, von Albanien, vom Kaukasus oder von Schweden aus.

Der Herausgeber von First Things kann dem Begriff „Peripherie“, oder zu deutsch „Ränder“, nicht viel abgewinnen:

„Das ist kein biblischer Begriff. Wie beim Großteil der moralischen und politischen Rhetorik unserer Zeit (Diversität, Marginalität, Inklusion) ist die Bedeutung vage und leicht manipulierbar.“

Mit anderen Worte: Ein Schlüsselbegriff des derzeitigen Pontifikats ist weder biblischen, noch christlichen Ursprungs. Es handelt sich um einen Import aus einer anderen Disziplin, vielleicht der Soziologie. Reno plädiert dafür, bei biblischen Begriffen zu bleiben. Zudem werde durch die Berufung auf die „Peripherie“ der Laizismus des Westens nicht wirklich in Frage gestellt. Es genüge ein Blick auf die Geschichte der vergangenen 50 Jahre, um das festzustellen. Damit dürften wohl auch Entkolonialisierung und Entwicklungshilfe gemeint sein, aber auch die zahlreichen linken Experimente, in der einstigen Dritten Welt, das „Paradies auf Erden“ zu errichten.

Das Pontifikat „riecht nach Modernismus“

Matzuzzi bringt es schließlich auf den Punkt. Das Pontifikat „riecht nach Modernismus“, um einen Begriff zu entstauben, der inzwischen älter als die Oktoberrevolution ist. Ob das auch damit zu tun hat, daß das Zweite Vatikanische Konzil dem Jahr 1968 vorausging und nicht umgekehrt?

Der Bergoglianer Borghesi widerspricht. Wer Franziskus einen Modernisten nenne, habe nichts verstanden. Es werde das verbreitete Märchen behauptet, Karl Rahner habe Bergoglio geprägt. Das stimme aber nicht. Vielmehr, so Borghesi, habe Rahner „überhaupt keinen Einfluß auf den künftigen Papst gehabt“. Stattdessen habe ihn der Rahner-Kritiker Hans Urs von Balthasar beeinflußt, und für den habe ja wiederum auch Benedikt XVI. große Sympathie empfunden. Als Beleg führt Borghesi an, daß er in Bergoglios Predigten seit Ende der 90er Jahre Aspekte der „ästhetischen Theologie“ Balthasars entdeckt habe. Daher habe den Papst auch nicht verstanden, wer behauptet, er würde die Wahrheit der Barmherzigkeit unterordnen. Das sei unmöglich, da die beiden Transzendente untrennbar miteinander verbunden seien.

Borghesi stützt seine These auf zahlenmäßig geringe Belege, vor allem übersieht er, daß Bergoglio Ende der 90er Jahre bereits im siebten Lebensjahrzehnt stand. Die  maßgeblichen, lebensprägenden Einflüsse im Denken werden aber viel früher aufgenommen. Spätere, grundlegende Veränderungen – sollte es solche geben – sind zudem in der Regel deutlich nachvollziehbar. Von solchen Veränderungen weiß Borghesi in seinem Buch aber nichts zu berichten.

„Bergoglio hat neue Ära für die Kirche aufgetan“

Ivereigh ist sich jedenfalls sicher. Von Bergoglio werde noch in Generationen gesprochen werden, weil die Folgen seiner „Revolution“ erst langsam sichtbar werden.

„An Bergoglio wird man sich als den erinnern, der eine neue Ära für die Kirche aufgetan hat.“

Der Widerspruch einer solchen Apologetik liegt auf der Hand. Einerseits sei alles bei Franziskus in Kontinuität zu seinen Vorgängern und zugleich alles Revolution und eine neue Ära, was ja voraussetzt, daß ihr eine andere Ära vorausging.

Einig sind sich die gegensätzlichen Beurteiler von Franziskus nur darin, daß sich die missionarische Zukunft und evangelisierende Dynamik der Kirche aus Europa in andere Kontinente verlagern werde. Warum, unter welchen Vorzeichen und mit welcher Dynamik das geschehen wird, darüber gehen die Positionen von Bergoglianern und Papstkritikern schon wieder auseinander. Vor allem wird die Rolle, die Franziskus dabei spielt, ganz unterschiedlich gesehen.

Während die einen überzeugt sind, daß die Kirche durch Franziskus „neue Glaubwürdigkeit in der Welt“ zurückgewinne, sehen die anderen, daß das Papsttum durch einen Verlust an Glaubwürdigkeit – allem voran die Weigerung für Klarheit zu Fragen der Glaubenslehre und zu Häresievorwürfen zu sorgen – Schaden nimmt. Sehen die einen in Franziskus einen „charismatischen, ehrlichen und warmherzigen Stil“ am Werk, der „das Papsttum evangeliumsnahe mache“, sehen die anderen einen ideologisch motivierten Kirchen-68er am Werk, der jene tragenden Kräfte, die er nicht mag, lieblos ausgrenzt und beschimpft. Was seinen Kurs für die Kirche angeht, wird ihm sogar Unehrlichkeit vorgeworfen, weil er einen bestimmten Kurs steuert, es aber nicht zugeben und auf Anfrage dazu auch nicht Rede und Antwort stehen will. Auch deshalb, weil bei der Bischofssynode über die Familie zu Mitteln gegriffen wurde, um ein bestimmtes, vom Papst (und Kasper) gewolltes Ziel zu erreichen, die schwerlich mit Transparenz und Ehrlichkeit in Einklang zu bringen sind.

Was läßt sich aus den verschiedenen Urteilen gewinnen? Daß die Polarisierung in der Kirche massiv zugenommen hat. Sie betrifft nicht nur die Inhalte, sondern in erster Linie auch die Person des Papstes. Die einen atmen „Frischluft“, wie der honduranische Kardinal und Bergoglio-Wähler Oscar Rodriguez Maradiaga verkündet. Andere sind sehr skeptisch wie ein Kardinal, den Matzuzzi zitiert, ohne seinen Namen zu nennen. Er kommentierte rückblickend das Konklave vom März 2013 mit den Worten:

„Ich habe keine Tauben in der Sixtinischen Kapelle gesehen.“

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Youtube/Actualidade religiosa/TV2000/RosminiPadova/ (Screenshots)

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1 Kommentar

  1. Der Volksmund sagt „Sage mir, mit wem du umgehst und ich sage dir wer du bist“ und „an den Früchten ist jemand zu erkennen“.
    Das ist weder theologisch, noch philosophisch, das ist pragmatisch – und da wird mir angst und bange.

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