Verklärungskirche auf dem Berg Tabor im Heiligen Land geschändet – Von den Byzantinern zu den Franziskanern

Unbekannte drangen in der Nacht auf den 24. Oktober in die Verklärungskirche auf dem Berg Tabor ein und brachen den Tabernakel auf. Die konsekrierten Hostien wurden auf den Boden geworfen.
Unbekannte drangen in der Nacht auf den 24. Oktober in die Verklärungskirche auf dem Berg Tabor ein und brachen den Tabernakel auf. Die konsekrierten Hostien wurden auf den Boden geworfen.

(Jerusalem) In der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober drangen Unbekannte in die Verklärungsbasilika auf dem Berg Tabor im Heiligen Land ein. Die Täter brachen den Tabernakel auf und schändeten das Allerheiligste Altarsakrament. Sie beschädigten Ikonen und plünderten einen Opferstock.

Der Weihbischof des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem und Patriarchalvikar für Israel, Msgr. Giacinto-Boulos Marcuzzo, sprach von einem „schwerwiegenden“ Vorfall. Er zeigte sich entsetzt über den „Mangel an Ehrfurcht vor dem Heiligen, dem Göttlichen“, das normalerweise „in diesem Land vorhanden ist“, nicht nur unter Christen, sondern auch unter Juden und Muslimen.

Nachdem ihm die Schändung mitgeteilt worden war, eilte der Patriarchalvikar sofort auf den Berg Tabor. „Ich habe soeben meine Visitation des Ortes abgeschlossen. Es ist wirklich eine Quelle des Schmerzes und des Bedauerns, solche Verwüstungen sehen zu müssen“, so Msgr. Marcuzzo gegenüber dem Pressedienst Asianews.

Laut Anzeige, die von der israelischen Polizei aufgenommen wurde, sind Unbekannte in die Basilika eingedrungen. Sie haben die Überwachungskameras ausgeschaltet, Kelche und Patenen geraubt, Ikonen beschädigt und den Opferstock geplündert. Auch eine Bronzestatue der Gottesmutter Maria wollten die Eindringlinge mitgehen lassen. Offenbar wegen ihres zu großen Gewichts wurde sie von den Tätern außerhalb der Basilika zurückgelassen. Einige Freiwillige fanden sie später und brachten sie an ihren Platz in der Kirche zurück. In einer Seitenkapelle neben dem Hochaltar entzündeten die Eindringlinge ein Feuer.

Tabernakel aufgebrochen und die konsekrierten Hostien auf den Boden geworfen

Der „schwerwiegendste“ Vorfall, so der Patriarchalvikar, besteht darin, daß die Täter den Tabernakel aufgebrochen haben. Sie wollten offenbar den Kelch stehlen und haben die darin aufbewahrten konsekrierten Hostien auf den Boden geworfen.

Patriarchalvikar Marcuzzzo vor dem aufgebrochenen Tabernakel
Patriarchalvikar Marcuzzzo vor dem aufgebrochenen Tabernakel

Die „wahrscheinlichste“ Vermutung sei, daß es sich bei den Tätern um Kleinkriminelle handle. Auch der Patriarchalvikar zeigte sich bemüht, keinen Zusammenhang zu jüdischen Extremistenkreisen herzustellen, die in den vergangenen Jahren verschiedene Heilige Stätten im Heiligen Land geschändet oder angegriffen haben, darunter den Abendmahlssaal und die Dormitio-Abtei in Jerusalem, die Verkündigungsbasilika in Nazareth, die Brotvermehrungskirche von Tabgha und verschiedene andere katholische und griechisch-orthodoxe Kirchen.

Gegen einen solchen Zusammenhang spreche, so die Polizei, daß keine antichristlichen Schmierschriften auf dem Berg Tabor angebracht wurden, wie sie bei den Angriffen der sogenannten „Price tag“-Aktionen der Fall waren.

Die jüdischen Extremisten von „Price tag“ beschuldigen Christen und Muslime, ihnen „das Land zu rauben“. Zu Beginn war diese Bewegung nur im Grenzgebiet zum Westjordanland und in Jerusalem aktiv. Inzwischen hat sie sich auf ganz Israel und die Gebiete der jüdischen Kolonien ausgeweitet.

Himmelfahrt Elijas und Verklärung des Herrn

„Auch wenn sich der Vorfall am Ende des Laubhüttenfestes ereignete, glaube ich nicht, daß es religiöse Motive für die Tat gibt“, so Msgr. Marcuzzo. Der Patriarchalvikar führte einen ersten Wiedergutmachungsritus durch. Der offizielle Ritus zur Sühne und Wiedergutmachung, um die geschändete Basilika wieder für die heilige Liturgie nützen zu können, wird „demnächst“ stattfinden. Ein genaues Datum wurde noch nicht genannt.

auf-den-boden-ausgestreute-konsekrierte-hostienDazu werden „alle eingeladen, die eine besondere Verehrung für die Gottesmutter und Verbundenheit mit diese Ort empfinden, natürlich auch die Muslime“, so der Patriarchalvikar.

Die Verklärungsbasilika befindet sich auf der Spitze des Berges Tabor in Galiläa. Dort war der Prophet Elija in einem feurigen Wagen in den Himmel aufgefahren, und dort hatte sich, nach der Überlieferung der Evangelien, Jesus zurückgezogen. Zusammen mit Petrus, Jakobus und Johannes bestieg er den Berg, wo er mit Moses und Elija sprach und verklärt wurde. Die drei Apostel sahen Jesus in einem ganz besonderen Licht. Mit der Verklärung des Herrn wird der Beginn des anbrechenden Gottesreiches angesetzt.

Byzantiner, Benediktiner, Johanniter

Im 4. Jahrhundert entstand an der Stelle der heutigen Basilika eine erste große byzantinische Basilika. Laut Pilgerberichten aus dem 6. und 7. Jahrhundert gab es damals auf dem Berg Tabor bereits drei Kirchen nach den von Petrus angeregten drei Hütten für Jesus, Elija und Moses, von denen das Evangelium berichtet. Der Berg wurde von einer großen Zahl von Mönchen bewohnt. Mit der Eroberung durch den Islam kam das christliche Leben auf dem Berg zwar nicht zum erliegen, wurde aber stark dezimiert. Für das frühe 9. Jahrhundert sind im Commemoratorium de Casis Dei, einem 808 für Kaiser Karl dem Großen angefertigten Bericht über die Kirchen und Klöster des Heiligen Landes, für den Berg Tabor vier Kirchen, ein Mönchskloster und ein Bischofssitz überliefert. Ein Bischof Teophanes lebte dort mit 18 Mönchen. Die christliche Präsenz scheint zwischen 979 und 1009 im Zuge der Eroberung des Heiligen Landes durch die muslimischen Fatimiden ausgelöscht worden zu sein.

Der Berg Tabor in Galiläa
Der Berg Tabor in Galiläa

Im Zuge des Ersten Kreuzzuges  ließen sich 1099 Benediktiner auf dem Berg nieder, wo sie die Ruinen der byzantinischen Kirchen vorfanden. Aus den Resten bauten sie bis 1101 ein großes befestigtes Kloster zum Schutz gegen die Muslime. 1187 besetzte Sultan Saladin nach der Schlacht von Hattim den Berg, wo er zwei Benediktinerklöster und ein griechisch-orthodoxes Kloster sowie vier Kirchen vorfand. Die Benediktiner wurden von ihm vertrieben, die Bauten blieben vorerst aber bestehen.

Einige Zerstörungen fanden unter Sultan Abu-Bakr Malik al-Adil I. statt, der 1211/1212 eine muslimische Festung auf dem Berg errichten ließ. Von den Tempelrittern bedrängt, gaben die Muslime den Berg bereits 1218 auf. Die Festung wurde vor dem Abzug von ihnen selbst zerstört.

Erneut ließen sich christliche Mönche auf dem Berg nieder, der von Papst Alexander IV. zum Schutz derselben 1255 dem Johanniterorden (heute Malteserorden) überantwortet wurde. Die Mönche konnten die weitgehend intakt gebliebenen Kirchen und Klöster wiederbeleben. 1263 gelang es allerdings den Muslimen unter Sultan Baibars I. erneut den Berg zu erobern. Nun zerstörten sie die Gebäude der Christen systematisch.

Die lateinische Präsenz auf dem Berg Tabor brach damit ab, nicht aber die griechische. Griechisch-orthodoxe Christen der Umgebung kehrten wahrscheinlich noch im 13. Jahrhundert auf den Berg zurück. Wie archäologische Untersuchungen ergaben, bauten sie schrittweise und in bescheidenerem Umfang einige der Kirchen wieder auf, die zumindest bis ins 16. Jahrhundert von Gläubigen besucht wurden, und in denen die Heilige Liturgie zelebriert wurde.

1631 konnten Franziskaner das Land kaufen

Dank des unermüdlichen Wirkens des damaligen Kustos des Heiligen Landes, des Franziskanerpaters Diego Campanile da San Severino (1574-1642), konnte der Franziskanerorden 1631, während der türkischen Herrschaft, das Gelände auf dem Berg Tabor kaufen und besiedeln. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts begannen sie mit Ausgrabungen und Untersuchungen der Kirchenruinen  aus der Zeit der Byzantiner und der Kreuzfahrer. Aufgrund dieser Untersuchungen errichteten sie die heutige Verklärungsbasilika, die 1924 fertiggestellt wurde. Der Plan dazu stammte vom italienischen Franziskanerbruder Antonio Barluzzi, der mehrere Kirchen im Heiligen Land errichtete.

Verklärungsbasilika
Verklärungsbasilika

Die Franziskanerkustodie des Heiligen Landes geht auf das Jahr 1217 zurück, als der Franziskanerorden vom Generalkapitel, das der heiligen Franz von Assisi einberufen hatte, in Provinzen eingeteilt wurde. Die Provinz des Heiligen Landes umfaßte das gesamte östliche Mittelmeer von Ägypten bis Griechenland. Der heilige Ordensgründer besuchte die Provinz persönlich im Zuge des Fünften Kreuzzuges, an dem er als Botschafter des Friedens  teilnahm und Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik herausforderte, den Beweis für die Richtigkeit der islamischen Religion zu erbringen.

Nach dem Fall von Akkon im Jahr 1291, dem letzten Stützpunkt der Kreuzritter auf dem Festland, waren die Franziskaner die einzige verbleibende Vertretung der lateinischen Kirche im Heiligen Land. 1342 übertrug Papst Clemens VI. der Franziskanerkustodie offiziell sämtliche Rechte zur Vertretung der römischen Kirche. So blieb es bis 1847, als das Lateinische Patriarchat von Jerusalem wiedererrichtet wurde. Noch heute spielen die Franziskaner eine herausragende Rolle im Heiligen Land, so auch auf dem Berg Tabor.

Auf dem Berg befindet sich auch wieder ein griechisch-orthodoxes Kloster, das 1862 fertiggestellt wurde, und eine Elija-Kirche.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons/Asianews

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