Ex-Jesuit Josè Maria Castillo in Santa Marta

Papst Franziskus „rehabilitiert“ Befreiungstheologen

Josè Maria Castillo
Der Ex-Jesuit Josè Maria Castillo mit Papst Franziskus gestern in Santa Marta.

(Rom) „Papst Franziskus rehabilitierte in vollem Umfang den Theologen Josè Maria Castillo und sein Werk“, so das progressive, spanische Nachrichtenportal Religion Digital. Castillo, ein ehemaliger Jesuit, der sich wegen seiner heterodoxen Ansichten und befreiungstheologischen Ausrichtung jahrzehntelang Konflikte mit seinen Oberen und der kirchlichen Hierarchie lieferte, wurde gestern von Papst Franziskus empfangen.

1929 in der spanischen Provinz Granada geboren, wollte José María Castillo Sánchez 1946 in die Gesellschaft Jesu eintreten, wurde aber aus gesundheitlichen Gründen abgewiesen. Er trat darauf in das diözesane Priesterseminar des Bistums Gaudix ein, für das er 1954 zum Priester geweiht wurde. 1956 gelang ihm im zweiten Anlauf die Aufnahme in den Jesuitenorden. 1962 wurde er in Dogmatik an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom zum Doktor der Theologie promoviert. In den folgenden Jahren lehrte er an der Theologischen Fakultät von Granada Dogmatik.

Josè Maria Castillo
Josè Maria Castillo

Zugleich kam es in Castillo zu einem grundlegenden Wandel. Dafür waren, laut eigenen Angaben, das Zweite Vatikanische Konzil, die Wahl von Pedro Arrupe zum General des Jesuitenordens und die damaligen sozialen und politischen Umbrüche verantwortlich. Anders ausgedrückt: Castillo rückte weit nach links und sah die Priorität in der „Befreiung“ der Menschen im marxistischen Sinn von den Fesseln des kapitalistischen Systems und inzwischen auch der Natur. Der Sozialismus schien auf der Siegesstraße unaufhaltsam vorzurücken. Castillo engagierte sich, Sozialismus und Christentum in Einklang zu bringen. Dazu unternahm er zahlreiche Reisen nach Lateinamerika, wo zur damaligen Zeit mit sowjetischer und kubanischer Unterstützung zahlreiche revolutionäre und auch bewaffnete Gruppen aktiv waren.

Francisco Fernandez de la Cigoña nennt Castillo einen „Schmalspur-Küng“ in Anspielung auf den Schweizer Theologen Hans Küng, der zeitgleich einen vergleichbaren, allerdings weniger marxistischen, aber nicht minder relativistischen Weg eingeschlagen hatte. Castillos Bücher spielten im spanischsprachigen Raum vor allem in den 60er und 70er Jahren eine nicht unerhebliche Rolle.

Als mit der Wahl von Papst Johannes Paul II. in Spanien eine neue Generation von Bischöfen installiert wurde, änderte sich das Blatt für Castillo. 1980 wurde der Jesuit weitgehend aus dem Lehrbetrieb an der Universität Granada entfernt. Seine Lehrveranstaltungen wurden auf Einführungen am Studienbeginn beschränkt.

Da er weder seine Ansichten änderte noch seine Publikations- und Vortragstätigkeit einstellte, wurde ihm 1988 die Venia legendi entzogen. Da sich Castillo seither als „Opfer der Zensur“ sieht, veröffentlicht er heute seine Beiträge auf Blogs wie „Theologie ohne Zensur“ (von ihm selbst betrieben), „Freie Theologie“ oder „Cristianos Gays“.

Der Befreiungstheologe

Castillo wich 1989 nach Mittelamerika aus, wohin er seit Jahren enge Kontakte geknüpft hatte, und konnte an der Jesuitenuniversität Universidad Centroamericana José Simeón Cañas Lehrveranstaltungen übernehmen. Die erst 1965 gegründete Universität wurde während des Episkopats von Erzbischof Oscar Romero (1977–1980) und unter der Federführung des spanischen Jesuiten Jon Sobrino zu einem Zentrum der Befreiungstheologie.

„Theologie ohne Zensur“
„Theologie ohne Zensur“

Castillo war einer der Gründer der befreiungstheologisch ausgerichteten Asociación de Teólogos Juan XXIII (Theologenvereinigung Johannes XXIII.), deren stellvertretender Vorsitzender er wurde. Zugleich gehört er den Comunidades Cristianas Populares (Christliche Volksgemeinschaften) an, die Teil eines vor allem in Lateinamerika verbreiteten, progressiven Netzwerkes von Basisgruppen sind. Sie fordern eine Zurückdrängung des klerikalen Einflusses in der Kirche und eine Aufwertung der Laien, die „Option für die Armen“, den interreligiösen Dialog, die Anerkennung der Homosexualität, die Abschaffung staatlicher Finanzierung für die Kirche, die strikte Trennung von Staat und Kirche. Diese Thesen finden sich auch in zahlreichen Büchern Castillos, darunter „Theologie für die Basisgemeinschaften“ (1990) oder „Die Armen und die Theologie“  (1997)

In der Kirche fand laut Castillo seit 1980 eine „intensive vorkonziliare Restauration“ statt, gegen die er sich als Verteidiger des Zweiten Vatikanischen Konzils und seiner Ziele sah.

In seinen Schriften prangert Castillo eine „Doppelmoral“ der Kirche an. In Sachen Sexualität sei sie ganz streng, aber in Sachen Geld ganz tolerant. Alle Religionen seien eine religiöse Tatsache, nicht nur die katholische Kirche. Es gehe in erster Linie um kulturelle und historische Unterschiede. Daher sei der konfessionelle Religionsunterricht in einen Geschichtsunterricht der Religionen umzuwandeln. Der Zölibat für Priester sei abzuschaffen. Verheiratete Männer und Frauen sollten zu Priester geweiht werden. Die Laien müßten in allen Leitungsgremien der Kirche vertreten sein. Die Kirche habe zu akzeptieren, daß es staatliche Gesetze gibt, die keine religiöse, moralische Grundlage haben. Die Kirche müsse aufhören, theologische Positionen zu verurteilen, Bücher zu zensurieren und Theologen zu bestrafen. Es brauche in der Kirche eine Befreiung der Frau. Die Kirche solle auch aufhören, Formen der Sexualität, die Scheidung oder die Abtreibung zu verurteilen. Im Mittelpunkt des Christentums stehe Jesus, und damit nicht das Göttliche, sondern das Menschliche.

Austritt aus dem Jesuitenorden

2007 verließ Castillo den Jesuitenorden, auf eigenen Wunsch, wie er betont, „nach 25 Jahren der Zensur durch die Kirche und den Jesuitenorden“. Er habe den Schritt „zum Schutz seiner psychischen Hygiene“ gesetzt. Seither schreibt er vor allem Bücher und hält Vorträge in Lateinamerika, Spanien und Italien.

Als im selben Jahr fast 500 spanische Märtyrer, die Opfer des Roten Terrors geworden waren, zu den Altären erhoben wurden, übte Castillo deutliche Kritik. Die politische Linke als Täter ist ein Thema, das nicht gerne gehört wird. Castillo relativierte die Tragweite des Martyriums, indem er Rom den Vorwurf machte, Opfer rechter Militärdiktaturen in Lateinamerika nicht seligzusprechen. Den Faktor Zeit, der Spanische Bürgerkrieg lag damals bereits mehr als 70 Jahre zurück, die von ihm genannten Verbrechen in Lateinamerika noch keine 30 Jahre, und den Faktor Versöhnung, die Kirche will die historische Wahrheit aufzeigen, jedoch keine Gräben aufreißen, blendete er in seiner Polemik aus.

Das Martyrium im Spanien der 30er Jahre relativierte Castillo zudem, indem er anklingen ließ, daß die Opfer der Volksfront nicht aus religiösen, sondern politischen Motiven ermordet worden seien. Sehr versteckt, aber doch hörbar, deutete Castillo an, daß „nur“ rechte Katholiken ermordet wurden, was aus linkskatholischer Sicht impliziert, daß sie gar keine richtigen Christen sein konnten.

Die Begegnung in Santa Marta

Gestern früh war Castillo Gast in Santa Marta. Er nahm an der morgendliche Messe des Papstes teil. Anschließend kam es zu einer Begegnung zwischen Franziskus und Castillo. Begleitet wurde der ehemalige Jesuit von einem Journalisten von Religion Digital. Dieser berichtete folgende Worte des Papstes zu Castillo:

„Ich lese sehr gerne ihre Bücher, die den Leuten so gut tun.“

"Wir beide werden immer Jesuiten sein"
„Wir beide werden immer Jesuiten sein“

„Mit diesen Worten ‚segnete‘ Franziskus den spanischen Theologen im Vatikan, dem vor mehr als zwei Jahrzehnten die Lehrberechtigung entzogen wurde“, so Religion Digital begeistert.

Castillo überreichte Papst Franziskus sein neuestes Buch „Die Humanisierung Gottes“. Der Ex-Jesuit sagte zum Jesuiten auf dem Papstthron:

„Heiligkeit, wir sind beide Jesuiten ohne Papiere“.

Anschließend erklärte Castillo dem Journalisten, was er damit gemeint hatte:

„Aus der Gesellschaft Jesu steigt man entweder auf wie im Fall des Papstes, oder ab wie in meinem Fall. Beide sind wir Jesuiten und werden es immer bleiben, nun aber ohne offizielle Papiere.“

In der Vergangenheit hatte Castillo von Papst Franziskus bereits einen Brief erhalten, auf den ein Telefonanruf.

„Der Papst schätzt Josè Maria Castillo sehr“, so Religion Digital.

Im Anschluß an die Begegnung sagte der Ex-Jesuit:

„Wir müssen aus diesem Papst Nutzen ziehen, der ein Segen Gottes für seine Kirche ist und ihn mit unserem ganzen Sein unterstützen. Denn damit unterstützen wir das Zweite Vatikanische Konzil und, was noch wichtiger ist, das Reich Gottes“.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Religion Digital/Teologia sin censura

 



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1 Kommentar

  1. Zitat (s.o.): „2007 verließ Castillo den Jesuitenorden…’zum Schutz seiner psychischen Hygiene‘.“
    Auf die Frage, weshalb Papst Franziskus nicht im Apostolischen Palast wohnen wolle,antwortete dieser (Zitat (aus katholisches info vom 22.2.2018 ‚Strahlender Aufstieg…“): „Aus psychiatrischen Gründen…“ und es heißt ebenda auch, als „Gründe, weshalb er die Texte seiner Kritiker nicht liest: ‚Wegen der psychischen Hygiene‘, ‚der psychischen Gesundheit‘.“

    Weshalb muss ich da nur an die alte Redeweise denken: Gleich und gleich gesellt sich gern …?
    Die entscheidende Frage ist dabei immer nur, was dabei heraus kommt; und zwar für sich selber, vor allem aber für die Mitmenschen bzw. „die Sache“, um die es dabei geht.
    Trotz allem, oder gerade deswegen: Beten und hoffen!

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