Eine Analyse von Prof. Roberto Pertici

Die Reform von Papst Franziskus wurde bereits von Martin Luther geschrieben

Papst Franziskus mit Pastor Jens-Martin Kruse von der evangelisch-lutherischen Kirche in Rom (November 2015).
Papst Franziskus mit Pastor Jens-Martin Kruse von der evangelisch-lutherischen Kirche in Rom (November 2015).

(Rom) Rund um den fünften Jahrestag des Pontifikats von Papst Franziskus wurde viel geschrieben. Besonders häufig wurde dabei der Begriff „Revolution“ gebraucht. Der Vatikanist Sandro Magister veröffentlichte auf seinem Blog Settimo Cielo die Analyse von Roberto Pertici, Ordinarius für Zeitgeschichte an der Universität Bergamo. Perticis Forschungsschwerpunkt sind das 19. und 20. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Beziehungen von Staat und Kirche. Sein Text stellt eine interessante, streckenweise bemerkenswert Analyse der Umwälzungsprozesse dar, die derzeit in der Kirche vorangetrieben werden. Wer wissen will, was Papst Franziskus antreibt, was er anstrebt und wie weit er auf diesem Weg bereits vorangeschritten ist, sollte Perticis aufschlußreiche Analyse lesen.

Das Ende des „römischen Katholizismus“?

von Roberto Pertici

1.

An diesem Punkt des Pontifikats von Franziskus kann meines Erachtens begründet behauptet werden, daß es den Untergang jener so machtvollen geschichtlichen Realität signalisiert, der als „römische Katholizismus“ bezeichnet wird.

Das bedeutet wohlverstanden nicht, daß die katholische Kirche am Ende ist, aber daß die Art und Weise, in der sie sich in den vergangenen Jahrhunderten historisch strukturiert und selbst dargestellt hat, ihrem Untergang zustrebt.

Das ist das Projekt, das scheint mir offensichtlich, das vom „Brain Trust“, der sich um Franziskus schart, bewußt vorangetrieben wird: ein Projekt, das sowohl als eine extreme Antwort auf die Krise im Verhältnis von Kirche und moderner Welt als auch als eine Vorstufe für einen erneuerten ökumenischen Weg in Gemeinschaft mit den anderen christlichen Konfessionen, besonders den protestantischen, verstanden wird.

2.

Unter „römischem Katholizismus“ verstehe ich die große geschichtliche, theologische und rechtliche Konstruktion, die ihren Anfang in der Hellenisierung (wegen des philosophischen Aspektes) und in der Romanisierung des frühen Christentums (wegen des politisch-rechtlichen  Aspektes) nahm und sich auf den Primat der Nachfolger des Petrus stützt, wie er aus der Krise der spätantiken Welt und der  theoretischen Systematisierung in Gregorianischen Zeit (“Dictatus Papae“) hervorging.

In den folgenden Jahrhunderten gab sich die Kirche zudem ein eigenes, internes Recht, das Kanonische Recht, dessen Vorbild das Römische Recht war. Dieses rechtliche Element hat zur schrittweisen Ausformung einer komplexen hierarchischen Organisation mit präzisen internen Normen geführt, die sowohl das Leben der „zölibatären Bürokratie“ (Carl Schmitt) regeln, die sie verwaltet, als auch der Laien, die ein Teil davon sind.

Das andere entscheidende Moment in der Ausformung des „römischen Katholizismus“ ist die vom Konzil von Trient erarbeitete Ekklesiologie. Sie bekräftigt gegen die lutherischen Thesen vom „universalen Priestertum“ die Zentralität der kirchlichen Vermittlung für die Erlangung des ewigen Seelenheils und schreibt den hierarchischen, einheitlichen und zentralisierten Charakter der Kirche fest, damit auch ihr Kontrollrecht und wenn notwendig das Recht, Positionen, die der orthodoxen Formulierung der Glaubenswahrheiten widersprechen, zu verurteilen und ihre Rolle bei der Sakramentenverwaltung.

Es wäre zu kurz gegriffen, wenn wir uns nur auf das bisher Gesagte beschränken würden, denn es gibt oder besser, es gab, auch eine verbreitetes „katholischen Fühlen“:

  • eine kulturelle Haltung, die, was die menschliche Natur betrifft, auf einen Realismus gründet, aber ernüchtert bereit ist, „alles zu verstehen“ als Voraussetzung, um „alles zu vergeben“;
  • eine nichtaszetische Spiritualität, die Verständnis für gewisse materielle Aspekte des Lebens hat, und sie auch nicht verachtet;
  • engagiert in der täglichen Caritas gegenüber den Armen und Bedürftigen, ohne jede Notwendigkeit sie zu idealisieren oder zu neuen Idolen zu machen;
  • bereit auch, sich in der eigenen Pracht zu zeigen, also keineswegs taub gegenüber der Schönheit und den Künsten als Zeugen einer höheren Schönheit, der sich der Christ zuneigen soll;
  • aufmerksamer Erforscher der verborgensten Beweggründe des Herzen, des inneren Kampfes zwischen Gut und Böse, der Dialektik zwischen den „Versuchungen“ und der Antwort des Gewissens.

Man könnte daher sagen, daß in dem, was wir „römischen Katholizismus“ nennen, neben dem religiösen noch drei Aspekte zusammenfließen: der ästhetische, der rechtliche und der politische. Es handelt sich um eine rationale Sicht der Welt, die sich zur sichtbaren und kompakten Institution macht und unvermeidlich in einen Konflikt mit dem aus der Moderne hervorgegangenen Vertretungsanspruch geraten muß, der sich auf den Individualismus und einem Verständnis von Macht gründet, die von unten ausgeht, und daher das Autoritätsprinzip in Frage stellt.

3.

Dieser Konflikt wurde von jenen, die ihn analysiert haben, unter verschiedenen, oft gegensätzlichen Gesichtspunkten betrachtet. Carl Schmitt schaute mit Bewunderung auf die „Widerstandskraft“ des „römischen Katholizismus“, den er als letzte Bastion sah, die imstande war, den zersetzenden Kräften der Moderne Einhalt zu gebieten. Andere haben ihn hingegen hart kritisiert: In diesem Kampf habe die katholische Kirche ihre rechtlich-hierarchischen, autoritären, äußeren Züge auf verderbliche Weise betont.

Von den entgegengesetzten Bewertungen einmal abgesehen herrscht jedoch einvernehmen darin, daß der „römische Katholizismus“ in den vergangenen Jahrhunderten in eine defensive Position gedrängt wurde. Vor allem das Entstehen der Industriegesellschaft und die daraus folgende Modernisierung stellte ihre soziale Präsenz schrittweise in Frage und löste eine Reihe von anthropologischen Veränderungen aus, die noch heute im Gange sind: Fast so, als sei der „römische Katholizismus“ „organischer“ Teil einer agrarischen, hierarchischen, statischen, auf Armut und Angst beruhenden Gesellschaft, die aber keine Relevanz in einer „fließenden“, dynamischen Gesellschaft erlangen könne, die von sozialer Mobilität geprägt ist.

Eine Antwort auf diese Krisensituation wurde vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) gegeben, das nach den Absichten von Papst Johannes XXIII., der es einberufen hatte, eine „pastorale Aktualisierung“ (aggiornamento) durchführen sollte, d.h., mit neuem Optimismus auf die moderne Welt zu schauen und kurzum die Wachsamkeit abzubauen. Es ging nicht mehr darum, ein jahrhundertealtes Duell fortzusetzen, sondern sich dem Dialog zu öffnen und die Begegnung zu suchen.

Die Welt erlebte in jenen Jahren  außergewöhnliche Veränderungen und eine bis dahin nicht gekannte wirtschaftliche Entwicklung: nach Eric J. Hobsbawm wahrscheinlich die sensationellste, schnellste und triefgreifendste Revolution der menschlichen Lebensbedingungen der Geschichte. Das Ereignis Konzil trug zu dieser Veränderung bei, wurde aber auch von ihr mitgerissen: Der Rhythmus der „Aggiornamenti“ (Aktualisierungen), die auch vom schwindelerregenden Wandel des Gesamtklimas und der allgemeinen Überzeugungen –  besungen von Bob Dylan mit „The Times They Are A Changin“ – begünstigt wurde, entglitt der Hierarchie aus den Händen, oder besser gesagt, jenem Teil, der eine Reform, aber keine Revolution durchführen wollte.

So erlebte man zwischen 1967 und 1968 die „Wende“ von Paul VI., die zuerst in einer besorgten Analyse der ´68er-Unruhen und dann der „sexuellen Revolution“ zum Ausdruck kam, die in der Enzyklika Humanae vitae von 1968 enthalten ist. Der Pessimismus dieses großen Papstes ging in den 70er Jahren soweit, daß er im Gespräch mit dem Philosophen Jean Guitton sich und ihm die beunruhigende Frage des Lukasevangeliums stellte: „Wird der Menschensohn, wenn er wiederkommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?“ (Lk 18,8). Und er fügte hinzu: „Was mich am meisten bewegt, wenn ich die katholische Welt betrachte, ist, daß im Inneren  der Katholizität manchmal ein nichtkatholisches Denken vorherrschend scheint, und es kann sein, daß dieses nichtkatholische Denken im Inneren der Katholizität morgen das Stärkere sein wird.“

4.

Es ist bekannt, welche Antwort die Nachfolger von Paul VI. auf diese Situation gegeben haben: Wandel und Kontinuität konjugieren; zu einigen Fragen die nötigen Korrekturen vornehmen (unter diesem Gesichtspunkt besonders denkwürdig ist die Verurteilung der „Befreiungstheologie“); den Dialog mit der Moderne suchen, der gleichzeitig auch Herausforderung ist: zu Fragen des Lebens, der menschlichen Beziehungen, der religiösen Freiheit.

Benedikt XVI. bekräftigte in seiner Rede an die Römische Kurie vom 22. Dezember 2005, der wirklich programmatischen Rede seines Pontifikats, einen Fixpunkt: Die großen Entscheidungen des Zweiten Vatikanischen Konzils sind im Licht der Tradition der Kirche zu lesen und zu interpretieren, also auch im Sinne der Ekklesiologie des Konzils von Trient und des Ersten Vatikanischen Konzils. Dies schon allein aus dem einfachen Grund, weil es nicht möglich ist, den von vielen Generationen geglaubten und gelebten Glauben formal zu widersprechen, ohne der Selbstdarstellung und Wahrnehmung einer Institution wie der katholischen Kirche ein nicht wieder gutzumachendes vulnus [Verletzung] zuzufügen.

Bekannt ist auch, daß diese Linie nicht nur extra ecclesiam auf breite Ablehnung stieß, die Medien und Intellektuelle gegen Papst Benedikt in ungewohnt aggressiver Form zum Ausdruck brachten, sondern auf nikodemitische Weise und lautes Gemurmel auch in der klerikalen Welt, also auch im Corpus ecclesiarum, von dem dieser Papst in den schwierigsten Momenten seines Pontifikats weitgehend alleingelassen wurde. Daher, so meine Überzeugung, rührt auch sein Amtsverzicht im Februar 2013, der trotz beruhigender Erklärungen ein epochales Ereignis ist, dessen Gründe und langfristigen Implikationen erst noch zu klären sind.

5.

Das war die von Papst Franziskus geerbte Situation. Ich beschränke mich darauf, jene biographischen und kulturellen Aspekte anzudeuten, die Jorge Mario Bergoglio, zum Teil ab initio, dem fremd seinließen, was ich „römischen Katholizismus“ genannt habe.

  • Der Charakter seiner Ausbildung an der Peripherie, die tief in der lateinamerikanischen Welt verwurzelt ist und ihn schwer die Universalität der Kirche verkörpern läßt, oder zumindest dazu treibt, sie auf neue Weise zu leben, indem er die europäische und nordamerikanischen Zivilisation ad acta legt;
  • Die Zugehörigkeit zu einem Orden, der Gesellschaft Jesu, der im vergangenen halben Jahrhundert eine der aufsehenerregendsten politisch-kulturellen Neupositionierungen vornahm, von der man in der jüngeren Geschichte Kenntnis hat, indem er von einer „reaktionären“ zu einer verschiedenartig „revolutionären“ Position wechselte und einen Pragmatismus an den Tag legt, der unter vielen Aspekten Gegenstand einer Reflexion sein sollte;
  • Die Distanziertheit gegenüber dem ästhetischen Element, das dem „römischen Katholizismus“ eigen ist, seine hartnäckige Ablehnung jeder sichtbaren Ausdrucksform der Würde seines Amtes (die päpstliche Wohnung, die Mozzetta, der gewohnte päpstliche Apparat, die Repräsentationsfahrzeuge, die Sommerresidenz Castel Gandolfo) und dessen, was er „Gewohnheiten eines Renaissance-Fürsten“ nennt (von der anfänglichen Verspätung, dann der völligen Abwesenheit bei Konzerten klassischer Musik, die ihm zu Ehren am Beginn seines Pontifikats gegeben wurden).

Ich will aber versuchen, das herauszustreichen, was meines Erachtens den zahlreichen Veränderungen gemeinsam ist, die Papst Franziskus in die katholische Tradition einführt.

Dabei stütze ich mich auf das kleine Buch eines führenden Kirchenmannes, der allgemein als Haupttheologe des derzeitigen Pontifikats gesehen wird,  und den Franziskus eloquent bereits bei seinem ersten Angelus am 17. März 2013 zitierte:

„In diesen Tagen hatte ich die Gelegenheit, das Buch eines Kardinals – Kardinal Kaspers, eines Theologen, der sehr tüchtig ist, eines guten Theologen – über die Barmherzigkeit zu lesen. Und jenes Buch hat mir sehr gut getan, doch glaubt jetzt nicht, daß ich Werbung für die Bücher meiner Kardinäle mache! Dem ist nicht so! Doch es hat mir so gut, so gut getan.“

Das Buch von Walter Kasper, auf das ich mich beziehe, trägt den Titel: „Martin Luther –  Eine ökumenische Perspektive“ und ist die überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrages, den der Kardinal am 18. Januar 2016 in Berlin hielt. Das Kapitel, auf das ich die Aufmerksamkeit lenken will, ist das sechste: „Martin Luthers ökumenische Aktualität“.

Das ganze Kapitel ist auf einer dualen Argumentation konstruiert, laut der Luther hauptsächlich durch die Reformverweigerung des Papstes und der Bischöfe, veranlaßt wurde, den Bruch mit Rom zu vertiefen. Nur wegen der Taubheit Roms – schreibt Kasper – mußte der deutsche Reformator auf der Grundlage seines Verständnisses von einem allgemeinen Priestertum zum Mittel einer Notordnung greifen. Er habe aber weiterhin darauf vertraut, daß sich die Wahrheit des Evangeliums durchsetzen werde, und hat daher die Tür für eine künftige Verständigung grundsätzlich offengelassen.

Aber auch auf katholischer Seite blieben am Beginn des 16. Jahrhunderts viele Türen offen. Es herrschte kurzum eine Situation, die im Fluß war. Kasper schreibt: Es gab keine harmonisch strukturierte katholische Ekklesiologie, sondern lediglich Ansätze, die mehr eine Doktrin über die Hierarchie als eine wirkliche Ekklesiologie waren. Die systematische Ausarbeitung der Ekklesiologie erfolgte erst mit der Kontroverstheologie als Antithese zur Polemik der Reformation gegen das Papsttum. Das Papsttum wurde so auf eine bis dahin so nicht gekannte Weise zum entscheidenden Wesensmerkmal der katholischen Identität. Die jeweiligen konfessionellen Thesen und Gegenthesen bedingten und blockierten sich gegenseitig.

Heute muß man – folgt man dem Gesamtsinn von Kaspers Argumentation – eine „Entkonfessionalisierung“ vorantreiben, sowohl der Konfessionen der Reformation als auch der katholischen Kirche, obwohl letztere sich nie als eine „Konfession“ verstanden hat, sondern als Weltkirche. Man muß wieder zu etwas ähnlichem zurückkehren wie der Situation, die vor dem Ausbruch der religiösen Konflikte des 16. Jahrhunderts herrschte.

Während im lutherischen Bereich diese „Entkonfessionalisierung“ heute bereits weitgehend vollzogen ist (durch die starke Säkularisierung jener Gesellschaften, weshalb die Probleme, die der Grund für die konfessionellen Kontroversen waren, für die große Mehrheit der „reformierten“ Christen irrelevant geworden sind), ist im katholischen Bereich noch viel zu tun, weil dort Aspekte und Strukturen von dem überlebt haben, was  ich „römischen Katholizismus“ genannt habe. Daher ist die Aufforderung zur „Entkonfessionalisierung“ vor allem an die katholische Welt gerichtet. Kasper fordert sie als eine „Wiederentdeckung“ der ursprünglichen Katholizität, die nicht auf eine konfessionelle Sichtweise eingeengt ist.

Zu diesem Zweck sei es notwendig, die Überwindung der tridentinischen Ekklesiologie und jene des Ersten Vaticanum konsequent durchzuführen. Laut Kasper hat das Zweite Vatikanische Konzil dafür den Weg geöffnet, aber seine Rezeption  war umstritten und verlief alles andere als linear. Daraus ergebe sich die Rolle des derzeitigen Papstes: Papst Franziskus habe eine neue Phase in diesem Rezeptionsprozeß eingeleitet. Er betont die Ekklesiologie des Volkes Gottes, des wandernden Volkes Gottes, den Glaubenssinn des Volkes Gottes, die synodale Struktur der Kirche, und um das Verständnis für die Einheit zu fördern, bringt er einen interessanten neuen Ansatz ins Spiel. Er beschreibt die ökumenische Einheit nicht mehr als konzentrische Kreise um das Zentrum, sondern als Polyeder, das heißt, als eine Realität mit vielen Seiten. Nicht ein von außen zusammengefügtes Puzzle, sondern ein Ganzes, und wie ein Edelstein reflektiert es das Licht, das auf wunderbar vielfältige Weise darauf fällt. Unter Rückgriff auf Oscar Cullmann greift Papst Franziskus das Konzept der versöhnten Verschiedenheit auf.

6.

Wenn wir kurz in diesem Licht die Handlungen von Franziskus Revue passieren lassen, die für Aufsehen sorgten, verstehen wir die Logik, die sie verbindet:

  • die Betonung, seit dem ersten Tag seiner Wahl, seines Amtes als Bischof von Rom anstatt als Papst der Weltkirche;
  • die Destrukturierung der kanonischen Figur des römischen Papstes (das berühmte: „Wer bin ich, um zu urteilen?“), der also nicht nur charakterliche Eigenschaften, wie oben beschrieben, zugrunde liegen, sondern ein tieferer, theologischer Beweggrund;
  • die faktische Schwächung einiger der charakteristischsten Sakramente des „katholischen Fühlens“ (die Ohrenbeichte, die unauflösliche Ehe, die Eucharistie) aus pastoralen Gründen der „Barmherzigkeit“ und des „Annehmens“;
  • die Überbetonung der Parrhesia im Inneren der Kirche, der angeblich kreativen Verwirrung, mit der ein Verständnis von Kirche fast als einer Art Föderation von Ortskirchen verbunden ist, die mit weitgehenden disziplinären, liturgischen und auch doktrinellen Befugnissen ausgestattet sind.

Manche empfinden es als Skandal, daß in Polen eine andere Interpretation von Amoris laetitia bezüglich der Kommunion für die wiederverheirateten Geschiedenen gelten wird als in Deutschland oder in Argentinien. Franziskus aber könnte darauf antworten, daß es sich eben um verschiedene Seiten jenes Polyeders handelt, das die katholische Kirche ist, dem sich früher oder später – warum nicht? – in einem Geist der „versöhnten Verschiedenheit“ auch die post-lutherischen Kirchen der Reformation hinzufügen könnten.

Auf diesem eingeschlagenen Weg ist es nicht schwer, vorherzusehen, daß die nächsten Schritt eine Neuausrichtung der Katechese und der Liturgie im ökumenischen Sinn sein werden, auch hier, wenn man die verschiedenen Ausgangspunkte betrachtet, mit einem für die katholische Seite weit anspruchsvolleren Weg als für die „protestantische“. Dazu gehört auch eine Schwächung des Weihesakraments in seinem „katholischsten“ Aspekt, dem Zölibat, womit die katholische Hierarchie auch aufhören wird, die „zölibatäre Bürokratie“ nach Schmitt zu sein.

In diesem Zusammenhang versteht man die starke Hervorhebung von Luthers Gestalt und Werk besser, die durch die Spitze der katholischen Kirche anläßlich des 500. Jahrestages von 1517 stattfand bis hin zur umstrittenen Briefmarke, die ihm von der Vatikanischen Post gewidmet wurde und ihn zusammen mit Melanchton zu Füßen von Christus am Kreuz zeigt.

Persönlich habe ich keinen Zweifel, daß Luther einer der Giganten der „Weltgeschichte“ ist, wie man einst zu sagen pflegte, aber est modus in rebus: gerade die Institutionen müssen eine Art von Schamgefühl haben, wenn sie Umbrüche von solchen Dimensionen ins Werk zu setzen, denn sonst laufen sie Gefahr, sich lächerlich zu machen. Das haben wir im 20. Jahrhundert erlebt, als die Kommunisten von damals durch die Bank und wie auf Kommando die bis zum Vortag verurteilten und unerbittlich bekämpften  „Abweichler“  rehabilitierten: der „Gegenbefehl, Genossen!“ der Karikaturen von Giovannino Guareschi.

7.

Wenn also gestern der „römische Katholizismus“ als ein Fremdkörper der Moderne wahrgenommen wurde – eine Fremdheit, die ihm nicht verziehen wurde –, dann versteht sich, daß heute sein Untergang von der „modernen Welt“ in ihren Institutionen in Politik, Medien und Kultur freudig begrüßt wird, und der derzeitige Papst als der gesehen wird, der den Bruch zwischen der Kirchenführung und der Welt der Information, der Organisationen, der internationalen Think Tank behebt, der sich 1968 mit Humanae vitae auftat und in den darauf folgenden Pontifikaten weiter vertiefte.

Ebenso klar ist, daß die kirchlichen Gruppen und Kreise, die sich bereits in den 60er Jahren eine Überwindung der tridentinischen Kirche wünschten, und die das Zweite Vaticanum in diesem Sinne verstanden, nachdem sie in den vergangenen 40 Jahren sich verborgen halten mußten, nun ans Licht kommen und zusammen mit ihren Erben unter den Laien und Klerikern jenen „Brain Trust“ bilden, von dem am Beginn die Rede war.

Einige Fragen bleiben jedoch offen und verlangen ein weitergehende und alles andere als leichtes Nachdenken.

Wird die von Papst Franziskus und seiner Entourage vorangebrachte Operation einen dauerhaften Erfolg haben, oder wird sie innerhalb der Hierarchie, und dem was vom katholischen Volk bleibt, auf Widerstände stoßen, die stärker sind, als die letztlich marginalen, die bisher aufgetreten sind?

Welche Art von neuer „katholischer“ Realität in der westlichen Gesellschaft wird sie hervorbringen?

Und allgemeiner: Welche Auswirkungen wird sie auf das gesamte kulturelle, politische, religiöse Leben der westlichen Welt haben, die – obwohl in einem eine hohen Maße säkularisiert  – lange Zeit eine ihrer tragenden Strukturen im „römischen Katholizismus“ hatte?

Es empfiehlt sich aber, daß Historiker keine Prophezeiungen machen, sondern sich damit begnügen, etwas, wenn es ihnen gelingt, von den stattfindenden Prozessen zu begreifen.

Text: Erstveröffentlichung Settimo Cielo
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: CTV (Screenshot)



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1 Kommentar

  1. Wenn das die Zukunft ist, wozu dann noch katholisch sein?
    Meine Liebe zur Kirche wird unter diesem Papst immer mehr erschüttert.
    Es bleibt wohl perspektivisch tatsächlich nichts anderes als der Gang
    zu den Piusbrüdern.

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