Keine Distanzierung, nur eine „Präzisierung“

Franziskus, die Hölle und das Scalfari-Lehramt

Papst Franziskus: „Es ist eine Ehre, ein Revolutionär genannt zu werden"
Papst Franziskus: „Es ist eine Ehre, ein Revolutionär genannt zu werden"

(Rom) Das Ritual ist bekannt, und das seit viereinhalb Jahren, seit jener Kontaktaufnahme von Papst Franziskus mit Eugenio Scalfari im Sommer 2013. Gestern veröffentlichte Scalfari ein neues Interview mit seinem „Freund“ Franziskus. Neu ist eine „Distanzierung“ durch den Vatikan, wie manche katholische Medien behaupteten. Doch gibt es überhaupt eine Distanzierung? Und wenn ja, wovon hat sich der Vatikan distanziert?

Das Scalfari-Lehramt

Eugenio Scalfari ist der Gründer der Tageszeitung La Repubblica und Doyen des italienischen Linksjournalismus. Seine Stimme hat in der italienischen Politik und zu Angelegenheiten, die den Vatikan betreffen, auch international Gewicht. Stolz verweist der Atheist in seiner Villa in Velletri auf die Logenmitgliedschaft seiner Vorfahren. Sein Urahn, Antonio Scalfari, gründete Ende des 18. Jahrhunderts eine Loge in Kalabrien. Seither waren in männlicher Linie alle Ahnherren, einschließlich seines Vaters Pietro Scalfari, Freimaurer.

La Repubblica, für die er nach wie vor regelmäßig Kolumnen schreibt, ist die einzige Tageszeitung, die Franziskus täglich liest, wie der Papst selbst erklärte. Seit dem Sommer 2013 ist Scalfari sein Hauptgesprächspartner unter den weltlichen Medien. Mit keinem anderen Journalisten führte Franziskus so viele Gespräche und Interviews.

Die Wiedergabe der päpstlichen Worte ist allerdings prekär. Scalfari und Franziskus plaudern bei persönlichen Begegnungen miteinander oder telefonieren. Jedesmal machte Scalfari ein Interview oder eine Kolumne daraus. Mit anderen Worten: Wann immer Franziskus den Kontakt zu Scalfari sucht, weiß er, daß seine Worte veröffentlicht werden. Nochmals anders gesagt: Wenn Franziskus der glaubensfernen und kirchenkritischen Welt offenbar etwas mitteilen will, kontaktiert er Eugenio Scalfari.

Kirchenkritisch? Eugenio Scalfari war ein unerbittlicher Kritiker der Pontifikate von Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Niemand hätte eine Lira oder einen Cent darauf verwettet, daß ausgerechnet er zum Freund eines regierenden Papstes würde.

Die fehlende Distanzierung

Geschehen also Zeichen und Wunder? Ist Scalfari drauf und dran sich zu bekehren? Zweifel sind angebracht. Schließlich war es Papst Franziskus , der persönlich Scalfari im Januar 2016 aufgefordert hatte: „Bekehren sie sich nicht“.

Präzisierung nicht Distanzierung
Präzisierung nicht Distanzierung

Bereits das erste von Scalfari veröffentlichte Interview mit Papst Franziskus Anfang Oktober 2013 sorgte für internationales Aufsehen. Trotz höchst zweifelhafter Aussagen erfolgte keine Distanzierung durch den Heiligen Stuhl. Vatikansprecher Federico Lombardi SJ befand sich in einer ziemlichen Zwickmühle. Andere Journalisten wollten Klarheit, ob das Interview authentisch sei. Der Vatikansprecher sagte zwar viele Worte, ohne jedoch etwas zu sagen. Der Sache nach hätte er die teils unglaublichen Aussagen dementieren müssen. Lombardi, der nicht informiert worden war, konnte zugleich aber nicht ausschließen, daß der Papst nicht vielleicht wirklich gesagt hatte, was ihm von Scalfari zugeschrieben wurde. Dem Papst aber kann ein Vatikansprecher nicht widersprechen.

Das Interview wurde schließlich auf der Internetseite des Heiligen Stuhls veröffentlicht, verschwand dann nach Kritik wieder, um einige Monate später dort wieder aufzutauchen. Scalfari selbst lüftete im November 2013 seine Methode. Im Club der Auslandspresse in Rom enthüllte er vor einem interessierten Kollegenkreis seine Vorgehensweise. Er führe die Gespräche mit Franziskus ohne Tonbandgerät und ohne sich Notizen zu machen. Anschließend rekonstruiere er den Inhalt aus dem Gedächtnis und gebe ihn teilweise sogar in direkter Rede wieder. Damit sei zwar nicht jedes Wort verbürgt, aber der Inhalt allemal, dafür garantiere er. Der Vatikan schwieg dazu. Vielmehr wurden Scalfari-Interviews von Papst Franziskus vom Vatikanverlag bereits Ende 2014 in Buchform veröffentlicht.

Weitere solche Scalfari-Interviews folgten. Der Vatikan begnügte sich, gelegentlich, darauf zu verweisen, daß die Worte des Papstes nicht wörtlich wiedergegeben seien. Eine inhaltliche Distanzierung erfolgte aber nie. Die Schlußfolgerung ist: Alle von Scalfari dem Papst in den Mund gelegten Aussagen wurden auch tatsächlich von Franziskus so gesagt.

Der „Osterempfang“ für Scalfari in Santa Marta

Was soll also an der gestern von Scalfari in La Repubblica veröffentlichten Kolumne und dem neuen Interview mit Papst Franziskus anders sein? Katholische Medien berichteten, daß der Vatikan sich „distanziert“ habe. Distanzierte sich der Vatikan aber wirklich? Wovon genau?

Scalfari legte ein Interview vor, dem er eine Kolumne voranstellte, die er „Gespräch mit dem Papst“ nannte. Die Überschrift auf der Titelseite lautet:

„Franziskus: ‚Das Geheimnis der Schöpfung ist die Energie‘“.

Scalfari erklärt darin zunächst das Geschehen der Heiligen Woche „laut der christlichen Geschichte“. Ganz nebenbei macht er aus Jesus „den Sohn von Maria und Josef aus dem Stamm David“. In drei Jahren der Lehrtätigkeit habe Jesus „eine Religion gegründet, die in gewisser Weise jene der jüdischen Bibel fortsetzt, aber mit neuen Grundsätzen, die in diesen drei Jahren den Samen einer religiösen, aber auch sozialen und politischen Revolution im Guten wie im Bösen, in der Sünde und in der Vergebung, in den Verbrechen und in der Barmherzigkeit ausgestreut hatte“.

Dann schildert Scalfari seine jüngste Begegnung mit Papst Franziskus, die am vergangenen Dienstag, 27. März, in Santa Marta stattgefunden habe, „dort, wo der Papst wohnt und die Freunde empfängt“. Scalfari läßt keinen Zweifel, daß er zu den „Freunden“ von Franziskus zählt. Über ihre Freundschaft schrieb er bereits in der Vergangenheit und sagt es auch diesmal unüberhörbar:

„Ich besitze das Privileg, sein Freund zu sein“.

Es sei bereits das fünfte persönliche Treffen gewesen. Die Telefongespräche nicht gerechnet:

„Wir telefonieren oft miteinander“.

Warum telefonieren sie „oft miteinander“?

„Um uns Nachrichten auszutauschen.“

„Wir reden über Religion und Politik“

Einmal sei er sogar mit seiner ganzen Familie beim Papst gewesen.

„Die anderen vier Male haben wir über alles gesprochen. Ein Ungläubiger und der Papst, Bischof von Rom auf dem Stuhl des Petrus und inspiriert vor allem von den Paulusbriefen, der das Christentum in eine Religion verwandelte, die bestimmt war, zur Religion mit dem größten Anhang zu werden, zusammen mit der muslimischen, zu der Franziskus die Brüderlichkeit suchte und noch immer sucht im Namen eines einzigen Gottes, an dem sich alle Religionen inspirieren sollten.“

Und was versteht Scalfari darunter, wenn er sagt, sie würden „über alles“ sprechen?

„Wir sprechen lange miteinander. Über Religion und über Politik.“

Soweit die Einleitung, auf die in der gestrigen Repubblica-Ausagbe das eigentliche Interview folgt, für das Scalfari folgende Überschrift wählte:

„Papst: ‚Es ist eine Ehre, ein Revolutionär genannt zu werden‘“.

Es ist sinnvoll, sich die freimaurerische Familientradition im Hause Scalfari ins Gedächtnis zu rufen, wenn man seine Ausführungen und auch seine Fragen liest.

„Spezies verschwinden und werden durch andere ersetzt“

Die erste Frage Scalfaris lautet, ob die „wahre Schöpfung“ nicht das Paradies sei, wie es Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle dargestellt hat, sondern die Vertreibung von Adam und Eva aus diesem Paradies?

„Franziskus hört meine Frage an und antwortet mir dann auf eine Weise, die völlig anders war als das, was normalerweise erzählt wird. Der Schöpfer, also der Gott in den Höhen der Himmel, hat das gesamte Universum geschaffen und vor allem die Energie, die das Instrument ist, mit dem unser Herr die Erde, die Berge, das Meer, die Sternen, die Galaxien und die lebende Natur und sogar die Partikel und Atome und die verschiedenen Spezies geschaffen hat. Jede Spezies besteht seit Tausenden oder vielleicht Milliarden von Jahren, aber dann verschwindet sie. Die Energie hat das Universum explodieren lassen, das sich hie und da verändert. Neue Spezies ersetzen jene, die verschwunden sind, und es ist der Schöpfergott, der diesen Wechsel regelt.“

„Es gibt keine Hölle“

Scalfari: Heiligkeit, bei unserem vorigen Treffen, sagten Sie mir, daß unsere Spezies an einem bestimmten Punkt verschwinden wird, und Gott aus seinem kreativen Samen andere Spezies schaffen wird. Sie haben nie von Seelen gesprochen, die in der Sünde gestorben sind und in die Hölle fahren, um dort in alle Ewigkeit zu bleiben. Sie haben mir hingegen von guten Seelen gesprochen, die zur Anschauung Gottes gelangen. Aber die bösen Seelen? Wo werden sie bestraft?

Papst Franziskus: Sie werden nicht bestraft. Jene, die bereuen, erhalten die Vergebung Gottes und reihen sich unter die Seelen, die ihn betrachten. Aber jene, die nicht bereuen, denen kann nicht vergeben werden, und sie verschwinden. Es gibt keine Hölle. Es gibt das Verschwinden der sündigen Seelen.

Die weiteren Fragen befassen sich mit Politik und der Betitelung von Franziskus als Revolutionär, wozu der Papst meinte:

„Dieses Wort ehrt mich, so wie Sie es gebrauchen“.

Keine „Distanzierung“ des Vatikans, nur eine „Präzisierung“

Am Nachmittag reagierte das vatikanische Presseamt mit einer Stellungnahme, die als „Präzisierung“ bezeichnet wurde, nicht aber als Dementi oder Distanzierung.

„Worte des Papstes zu Scalfari: Keine getreue Wiedergabe“

Der Vatikan bestätigte damit, daß es tatsächlich am 27. März zu einem Treffen zwischen Scalfari und dem Papst in Santa Marta gekommen war.

Wörtlich heißt es in der „Präzisierung“:

„Der Heilige Vater hat jüngst den Gründer der Tageszeitung La Repubblica wegen Ostern zu einem Privattreffen empfangen, ohne ihm ein Interview gegeben zu haben. Was vom Autor des heutigen Artikels berichtet wird, ist das Ergebnis seiner Rekonstruktion, in der nicht das vom Papst wörtlich Gesagte zitiert wird. Nichts vom genannten Artikel, das unter Anführungszeichen steht, ist daher als getreue Wiedergabe der Worte des Heiligen Vaters zu verstehen.“

Was genau aber will der Heilige Stuhl damit sagen?

Stimmt es nicht, was Scalfari dem Papst in den Mund legte? Was davon stimmt nicht? Was schon? Ist Scalfari ein Lügner?

Nichts dergleichen behauptet der Vatikan. Offenbar mit gutem Grund. Bereits im Oktober 2017 hatte Scalfari in großen Lettern verbreitet, daß Papst Franziskus die Hölle abgeschafft habe. Seine Schlagzeile lautete damals:

„Papst Franziskus hat die Hölle abgeschafft“.

Wollte das vatikanische Presseamt also nur in Erinnerung rufen, was Scalfari bereits im Herbst 2013 erklärte und nie anders behauptete, daß er nämlich aus dem Gedächtnis rekonstruiert, aber für die sinngemäße, treue Wiedergabe garantiert?

Was bleibt von der Distanzierung? Nichts, da es nie eine gab

Was bleibt also von der „Distanzierung“ des Vatikans? Wie bereits in der Vergangenheit: gar nichts. Was immer Scalfari auch an päpstlichen Aussagen veröffentlicht, der Vatikan distanzierte sich bisher nicht und distanzierte sich auch gestern nicht. Gegenteilige Meldungen sind nicht zutreffend und entspringen wohl mehr einem Wunschdenken bestimmter Medien. Geradezu naiv wirkt dabei die Behauptung, das von Scalfari Behauptete könne schon deshalb nicht stimmen, weil Franziskus an anderer Stelle vom Satan und der Hölle gesprochen habe. Bekanntlich neigt Franziskus dazu, seine Aussagen je nach Publikum zu variieren und zu dosieren. Scalfari ist nicht nur Privatmann, sondern ein gewichtiges Sprachrohr in die Welt hinein. Das weiß natürlich auch Franziskus, denn das ist auch der Grund, weshalb er so engen Kontakt zu ihm pflegt.

Das bedeutet das Ganze im Klartext? Was Scalfari gestern veröffentlichte, wurde von Franziskus auch tatsächlich so gesagt, zwar vielleicht nicht wortwörtlich, aber sinngemäß.

Die Frage lautet also: Was will Franziskus mit seiner speziellen, vom laizistischen „Propheten“ Scalfari verkündeten „Osterbotschaft“ der Menschheit mitteilen?

Text: Giuseppe Nardi
Bild: La Repubblica/Vatican News (Screenshots)



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3 Kommentare

  1. Keine Fake-News, keine böswilligen Unterstellungen, nein. Das sind Fakten, die Giuseppe Nardi in seinem alarmierenden Beitrag über das in dieser Weise noch nie dagewesene Vorgehen eines Papstes dargestellt und daraus plausible Schlussfolgerungen gezogen hat! Man sucht nach passenden Adjektiven, die nicht beleidigend wirken und dennoch den Tatbestand zu charakterisieren vermögen: unverständlich bis unglaublich, eigentlich sogar ungeheuerlich, perfide, hinterlistig …

    Wie ist dieses Vorgehen eines Papstes wirklich einzuordnen, wie zu verstehen? Letztlich unbegreiflich und eigentlich nur verständlich unter der Sichtweise eines endzeitlich teuflischen Zerstörungsversuchs. Gibt es da nicht eine Reihe von einschlägigen Prophezeiungen, Visionen und Warnungen, auch und sogar in der Hl. Schrift, etwa in der Geheimen Offenbarung des Johannes. Aber davon scheint eine sog. „weiterentwickelte“ Theologie nichts mehr wissen zu wollen. Auch das ist besorgniserregend.

    • Die Ursachen für diese Häresien des derzeitigen Papstes sind bereits im Jahre 1717 zu suchen.
      Schon die Gründer der Freimaurerei wussten, dass man vor allem Zeit braucht um die Menschen, die Gesellschaften und (die Kirche !!!!) zu verändern.
      Je weiter diese Veränderungen vorangeschritten sind, desto schneller dürfen weitere „Veränderungen“ folgen. Die betroffenen Menschen, Gesellschaften und die Kirche merken in ihrer Gesamtheit und Verwirrung die immer schneller erfolgenden „Veränderungen“ dann nicht mehr.
      Grund : Der Mensch neigt zur Bequemlichkeit.
      Die effektivste Versklavung ist eine freiwillige Versklavung.
      Die Gründerväter der Freimaurerei wussten das schon damals.
      Das einzigste was man braucht ist Zeit – für diese Generationenarbeit.

      Warum nehmen die Hochgradfreimaurer diese „Arbeit“ auf sich über so einen langen Zeitraum ?
      Warum nicht ?
      Die Gründerväter waren damals schon reich. Die Hochgradfreimaurer von heute besitzen dagegen schon die halbe Welt.
      Sie leben also schon seit Generationen nicht schlecht dabei.
      Ihre Opfer (unter anderem ihre Befehlsempfänger in der Politik) neigen zur Bequemlichkeit und haben teilweise Angst (da erpressbar).
      Die Hochgradfreimaurer (und ihre Unterorganisationen) sind dagegen straff organisiert – Abweichlertum wird streng bestraft !!!

      Man darf also auch die Veränderungen im Vatikan ruhigen Gewissens den Freimaurern zuschreiben (die logischerweise auch vielerorts bei den Priesterausbildungen schon lange Einfluss nehmen).
      War es doch schon immer das oberste Ziel der Freimaurer die katholische Kirche zu zerstören.
      Die von Versklavung bedrohten Menschen wissen dann nicht mehr was Gut und Böse ist, was Richtig und Falsch ist.
      Das sollte ein jeder wissen.

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