Die Spur einer Fehlentwicklung seit 1968

Die Dialektik der Gegner von Humanae vitae

Humanae vitae: Mit zweifelhafter Dialektik die kirchliche Lehre ändern.
Humanae vitae: Mit zweifelhafter Dialektik die kirchliche Lehre ändern?

(Rom) Im Vatikan ist ein „unfaires“ Manöver im Gange, das jene betreiben, die Humanae vitae umschreiben möchten. Der Vatikanist Sandro Magister veröffentlichte dazu ein Schreiben, das ihm von einem „Kirchenvertreter mit wissenschaftlicher Spezialisierung von hohem Niveau und bedeutenden Lehraufträgen in Italien und im Ausland, der aber auch in der Seelsorge tätig ist“, übermittelt wurde.

Der Autor des Briefes zeigt die Haltlosigkeit der Argumente auf, die für eine Überarbeitung der Enzyklika Humanae vitae vorgebracht werden mit dem Ziel, deren zentralen Kern zu beseitigen. Das war vor allem Mitte Dezember bei einer Tagung an der Päpstlichen Universität Gregoriana der Fall.

Moraltheologe auf Abwegen

Besonders abwegig sei die „unfaire“ Behauptung, künstliche Verhütungsmittel seien deshalb erlaubt, weil sie von vielen Katholiken genützt werden, und die dabei kei schlechtes Gewissen hätten.

Damit werde ein „fehlgeleitetes Gewissen“ zur Tugend gemacht, so der Autor. Die Verantwortung dafür könne aber nicht auf die Paare abgeschoben werden. Die Verantwortung tragen jene in der Kirche, die sie schlecht erzogen haben, indem sie die Lehre von Humanae vitae sie systematisch und über Generationen, unterschlagen, verschwiegen und verbogen haben.

Konkret geht der Briefautor auf den Vortrag des Priester Maurizio Chiodi ein. Chiodi lehrt Moraltheologie an der Theologischen Fakultät von Norditalien (FTIS). Er gehört zum umstrittenen Kreis der neuernannten Mitglieder der Päpstlichen Akademie für das Leben, die Papst Franziskus im Juni 2017 auf Empfehlung von Kurienerzbischof Vincenzo Paglia vorgenommen hatte.

Chiodis distanzierte Haltung zu Humanae vitae ist seit Jahren bekannt. Diese Bedenken wurden durch seine Rede an der Gregoriana bestätigt.

Versuche zur Neuinterpretation

Papst Paul VI. hatte mit der Enzyklika 1968 inmitten der Studentenunruhen bekräftigt, die zu einer radikalen Mentalitätsverschiebung nach links führten, daß künstliche Verhütungsmittel unerlaubt sind. Das war acht Jahre nachdem die „Pille“ auf den Markt gekommen und die Entkoppelung von Sexualität und Zeugung in vollem Gange war. Die Bischöfe des deutschen Sprachraumes, aber nicht nur sie, verweigerten sich sofort. Mit den Königsteiner, Mariatroster und Luzerner Erklärungen ließen sie die Katholiken im offenen Widerspruch zum Papst wissen, daß sie das selbst mit ihrem Gewissen ausmachen sollten.

Humanae vitaeVor dem Hintergrund dieses Ungehorsams der kirchlichen Hierarchie, der nicht folgenlos bleiben konnte, werden zahlreiche der weiteren Fehlentwicklungen im deutschen Sprachraum verständlicher.

Das Thema der Gregoriana-Tagung deutete bereits an, in welche Richtung der Zug rollen sollte:

„Humanae vitae im Licht von Amoris laetitia neu lesen“.

Chiodi stellte in seinem Referat die Gültigkeit und Verbindlichkeit der kirchlichen Lehre in Sachen Verhütungsmittel in Frage, obwohl diese von Paul VI. und seinen Nachfolgern gelehrt und bekräftigt und auch von Papst Franziskus nicht geändert wurde. Humanae vitae lehrt, daß eine ehelicher Akt, der bewußt unfruchtbar gemacht wird, in sich nicht mehr ehrlich ist. Dieser Aspekt steht auch in kausalem Zusammenhang mit der Lehre der Kirche zur Homosexualität. In einer hochsexualisierten Gesellschaft tun sich solche Gedanken und Vorstellungen freilich schwer, durchzudringen und Gehör zu finden.

Der Briefautor macht für den Istzustand aber maßgeblich die Kirchenvertreter selbst verantwortlich. Wenn es heute so schwer sei, gehört zu werden, dann deshalb, weil zu viele in der Kirche seit 1968 die Enzyklika Humanae vitae abgelehnt und daher offen und vor allem verdeckt bekämpft hätten.

Irrendes Gewissen zur Tugend erheben

Das Hauptargument Chiodis, mit dem er den Kern der Enzyklika aus den Angeln heben und für überholt erklären will, ist der statistische, soziologische und pastorale Verweis, daß die von Paul VI. bekräftigte Bestimmung vom Gottesvolk in großem Stil mißachtet wird. Entscheidend, so der Moraltheologe, sei dabei, daß sich die katholischen Männer und Frauen, die künstliche Verhütungsmittel nützen, sich keiner Schuld bewußt seien. Daher klagen sie sich in der Beichte dessen auch nicht an und bitten den Beichtvater nicht um Rat und geistliche Hilfe.

Laut der Vortragsniederschrift, die von LifeSiteNews am 8. Januar veröffentlicht wurde, sagte Chiodi, daß „auch eine breite Mehrheit gläubiger Eheleute lebt, als würde es diese Bestimmung nicht geben“.

Diese Aussage sei, so der Briefautor, allerdings wenig originell. Die Zahl der Theologen und Kirchenvertreter, die sie in der Vergangenheit vorgebracht haben, reicht weit zurück.

Die Laien zur Rechtfertigung einer Position heranzuziehen, die der kirchlichen Lehre widerspricht, sei „irreführend“ und zurückzuweisen. Damit werde auch versucht, die Verantwortung abzuschieben.

Dahinter verberge sich ein falsches Verständnis vom Gewissen.

Der bequeme Weg gegen Humanae vitae

Zahlreich seien nämlich die Priester und Laien in der Familien- und Jugendpastoral, die bewußt oder unbewußt entscheidende Teile der kirchlichen Morallehre unter den Tisch fallenließen. Sie haben dazu beigetragen, daß das Gewissen der Gläubigen nicht ausreichend geschult wurde. Das Ergebnis dieser Unterlassung nun als Argument heranzuziehen, um eine Änderung der Lehre zu fordern, sei perfid und unfair.

Zu viele in der Kirche seien nämlich den bequemen Weg gegangen und hätten sich auch nicht um die natürliche Empfängnisregelung gekümmert. Ein Defizit, das bei einem direkten Vergleich zwischen einzelnen Ländern besonders deutlich werde. Wo die natürliche Empfängnisregelung von der Kirche aufgegriffen und den Paaren aufgezeigt wurde, ist eine hohe Übereinstimmung zwischen den Gläubigen und der Lehre der Kirche feststellbar. Das genaue Gegenteil gilt in den meisten westlichen Ländern, wo Humanae vitae als Hemmschuh der ungezügelten, sexuellen „Entfaltung“ und Lustbefriedigung, oder gar als Bevormundung, gesehen und abgelehnt wird.

Hubert Hecker machte jüngst in einer bemerkenswerten Reihe auf die Defizite in der Jugendpastoral aufmerksam und den kirchenfremden Sexuallehren, die in kirchlichen Einrichtungen verbreitet werden.

Paglias Umerziehungsversuche

Der Briefautor zeigt anhand eines konkreten Beispiels das Versäumnis kirchlicher Vertreter auf, die nun die Folgen ihrer Versäumnisse zur Tugend machen möchten. Chiodi selbst, der Humanae vitae nicht vertritt, wurde in der Vergangenheit vom vatikanischen „Familienminister“ Vincenzo Paglia mehrfach eingeladen, zum Thema Ehemoral und Fortpflanzung Weiterbildungsseminare für die Offizialen seines Dikasteriums zu halten.

Was sollten sie von Chiodi lernen?

Da die Offizialen über eine solide Ausbildung in der Schule der Kardinäle Alfonso Lopez Trujillo und Ennio Antonelli erhalten hatten, wußten sie dem fremden Geist zu widerstehen und Paglias-Umerziehungsabsichten abzuwehren. Der Päpstliche Rat für die Familie wurde inzwischen zwar aufgelöst, Paglia jedoch von Papst Franziskus zum Vorsitzenden der Päpstlichen Akademie für das Leben und das Päpstliche Institut Johannes Paul II. für Ehe- und Familienwissenschaften ernannt.

Es ist, als würde man einen Elefanten, von dem gerade ein Porzellanladen verwüstet wurde, in zwei neue hineintreiben.

„In diesem Klima des angewandten Revisionismus ist allerdings zu erwähnen, daß es auch wichtige Stellungnahmen gibt, die Humanae vitae verteidigen und die authentische Lehre der Enzyklika unterstützen“, so Magister.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Settimo Cielo (Screenshot)

 

 

 



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