Liebesgebot verlangt, aufzustehen, notfalls auch gegen den Priester oder den Bischof

Minimalismus – die Krankheit der heutigen Katholizität

Don Fredo Olivero bei der Mitternachtsmette, als er erklärte, das Glaubensbekennntnis auszulassen, weil er nicht daran glaube.
Don Fredo Olivero bei der Mitternachtsmette, als er erklärte, das Glaubensbekennntnis auszulassen, weil er nicht daran glaube.

Von Roberto de Mattei*

In diesen Tagen sind im Internet zwei Videos zu sehen, die Anlaß zum Nachdenken geben. Das erste Video gibt die Worte von Don Fredo Olivero, Rektor der Kirche zum heiligen Rochus in Turin, während der Weihnachtsmette wieder.

„Wißt ihr, warum ich das Credo nicht spreche? Weil ich nicht daran glaube.“

Unter dem Gelächter der Gläubigen sagte er dann:

„Wenn es jemand versteht…. Ich aber habe nach vielen Jahren verstanden, daß ich es nicht verstehe und es nicht akzeptieren kann. Singen wir irgend etwas anderes, das die wesentlichen Dinge des Glaubens sagt.“

Der Priester ersetzte das Glaubensbekenntnis durch den Gospel „Dolce sentire“ aus dem Film „Schwester Sonne, Bruder Mond“1) Das Lied wurde vom Filmkomponisten Riz Ortolani für den 1972 von Franco Zeffirelli gedrehten Film „Bruder Sonne, Schwester Mond“ über den heiligen Franziskus komponiert. Der Film brachte „das Lebensgefühl und Sehnsüchte von Hippies und Popkünstlern der 1960er-Jahre zum Ausdruck“ (Wikipedia). Das Besingen der Schöpfung wurde zum Ersatz für das Glaubensbekenntnis, das den Kern des Bekennens und Bezeugens im Glauben bildet.

Das Credo faßt alle Artikel des katholischen Glaubens zusammen. Das Leugnen eines einzigen Artikels stellt eine Häresie dar. Das Credo als Ganzes zu leugnen, ist ein Akt der öffentlichen Apostasie. Es in der heiligen Messe zu leugnen, ist ein nicht tolerierbarer Skandal.

Don Salvatore Priola
Don Salvatore Priola

Die Absetzung, die Suspendierung a divinis, ja die Exkommunikation des Priesters hätte sofort stattzufinden. Nichts davon ist geschehen. Während die Medien die unglaubliche Nachricht verbreiteten, kam kirchlicherseits die einzige Reaktion aus dem entgegengesetzten Ende Italiens, aus Sizilien. Dort brachte Don Salvatore Priola, der Pfarrer und Rektor der Marienwallfahrtskirche von Altavilla Milicia, in einer Predigt seine Empörung über die Worte des Priesters aus Piemont zum Ausdruck und forderte seine Gläubigen und jeden Getauften auf, öffentlich auf Skandale dieser Art zu reagieren.

Ein Video gibt seine leidenschaftlichen Worte wieder:

„Brüder und Schwestern, wenn Ihr einen Priester Dinge sagen hört, die dem katholischen Glauben widersprechen, müßt Ihr den Mut haben, aufzustehen und es dem Priester zu sagen, auch während der Messe: ‚Das ist Ihnen nicht erlaubt!‘ Es ist Zeit, aufzustehen, wenn Ihr Dinge hört, die gegen unser Glaubensbekenntnis sind. Auch wenn sie ein Bischof sagt, auch wenn sie ein Priester sagt. Steht auf und sagt es: ‚Vater, Exzellenz, das ist Ihnen nicht erlaubt!‘ Weil es ein Evangelium gibt. Weil wir alle dem Evangelium unterstehen, vom Papst abwärts. Wir sind alle unter dem Evangelium.“

Die beiden so gegensätzlichen Predigten zwingen zu einigen Überlegungen. Wenn ein Priester soweit ist, das katholische Glaubensbekenntnis vom Altar aus zu leugnen, ohne daß von der kirchlichen Autorität Sanktionen gegen ihn verhängt werden, befinden wir uns wirklich in einem unerhört schwerwiegenden Moment der Kirchenkrise. Um so mehr, weil Don Olivero kein Einzelfall ist. Tausende von Priestern weltweit denken so ähnlich und verhalten sich entsprechend. Außergewöhnlich an diesem Fall ist und alle Anerkennung der wirklichen Katholiken verdient die Aufforderung des sizilianischen Pfarrers, aufzustehen, und das sogar in der Kirche, um einen Priester und sogar einen Bischof öffentlich zu ermahnen, daß er Ärgernis gibt. Diese öffentliche Zurechtweisung ist nicht nur erlaubt, sondern kann manchmal sogar Pflicht sein.

Das ist ein Punkt, der zu betonen ist. Der wahre Grund für die aktuelle Krise ist nicht so sehr die Arroganz derer, die den Glauben verloren haben, sondern die Schwäche jener, die ihn bewahrt haben, aber es vorziehen, zu schweigen, anstatt ihn öffentlich zu verteidigen. Dieser Minimalismus ist die gegenwärtige geistliche und moralische Krankheit. Viele Katholiken sind der Ansicht, daß Widerstand gegen Irrtümer nicht zu leisten sei, weil es genüge „sich gut zu verhalten“ oder den Widerstand auf die bloße Verteidigung des negativen moralisch Absoluten zu beschränken, also das, was immer und unter allen Umständen dem natürlichen und göttlichen Gesetz widerspricht.

Das ist sakrosankt, aber wir sollten nicht vergessen, daß es nicht nur negative Gebote gibt, die uns sagen, was wir nie tun dürfen. Es gibt auch positive Gebote, die uns sagen, was wir tun sollen, welche Werke und Haltungen Gott wohlgefällig sind und mit denen wir den Nächsten lieben können. Während die negativen Gebote (nicht töten, nicht stehlen, nichts Unreines tun) konkret formuliert sind, weil sie eine bestimmte Handlung immer, an jedem Ort und in jeder Situation, ausnahmslos verbieten, sind die positiven Gebote (das Gebet, das Opfer, die Kreuzesliebe) unbestimmt, weil sie nicht festschreiben können, was in den verschiedenen, konkreten Situation zu tun ist. Dennoch verpflichten auch sie je nach Situation.

Die Modernisten dehnen die „Situationsethik“ völlig unangemessen, im Namen der Liebe Gottes, von den positiven Geboten auf die negativen aus und vergessen, daß die Liebe untrennbar mit der Einhaltung des Moralgesetzes gekoppelt ist, weil Jesus gesagt hat:

„Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren“ (Joh 14,21).

Die Konservativen begnügen sich oft mit Positionen eines moralischen Minimalismus und vergessen ihrerseits, daß ein Katholik Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele, allen Gedanken und aller Kraft (Mk 12,30; Mt 22,37) zu lieben hat.

Deshalb lehrt der heilige Thomas von Aquin, daß wir alle nicht zum Guten, sondern zum Besseren verpflichtet sind, nicht nur auf der Ebene des Handelns, sondern jener der Liebe (In Evang. Matth. 19,12).

Die erste moralische Wahrheit ist die Liebe. Der Mensch hat Gott vor allen Geschöpfen zu lieben, und die Geschöpfe gemäß der von Gott festgelegten Ordnung. Es gibt negative Handlungen, die man nie tun darf, unter keinen Umständen. Es gibt aber auch positive Handlungen, die man unter bestimmten Umständen zu tun verpflichtet ist. Diese moralische Pflicht hat ihre Grundlage nicht in einem negativen Gebot, sondern in der Liebe Gottes.

Die Gebote haben demnach eine Untergrenze, das, was man nicht tun darf. Sie haben aber keine Obergrenze, weil die Liebe zu Gott und dem Nächsten keine Grenzen kennt, und wir in dem Maß vollkommen sind, wie groß unsere Liebe ist. Johannes Paul II. erklärt dies in Nr. 52 der Enzyklika Veritatis splendor:

„Auch wenn nur die negativen Gebote immer und unter allen Umständen verpflichten, heißt das andererseits nicht, daß im sittlichen Leben die Verbote wichtiger wären als das Bemühen, das von den positiven Geboten aufgezeigte Gute zu tun. Der Grund ist vielmehr folgender: Das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe hat in seiner Dynamik keine obere Grenze, wohl aber hat es eine untere Grenze: unterschreitet man diese, verletzt man das Gebot. Zudem hängt das, was man in einer bestimmten Situation tun soll, von den Umständen ab, die sich nicht alle von vornherein schon voraussehen lassen“.

Der Theorie des „kleineren Übels müssen wir jene des „größeren Guten“ entgegensetzen. Auf der Ebene des Handelns, kann man das Gute nicht a priori festschreiben, weil die guten Taten, die wir setzen könnten, viele sind, sie also unbestimmt und nicht absehbar sind. Wenn das größere Gute sich in unserem Gewissen klar und deutlich zeigt, so daß es hic et nunc getan werden kann, wird die Unterlassung zur Schuld. Wir haben eine moralische Pflicht, es zu tun.

Das Gebot der brüderlichen Zurechtweisung gehört zu den positiven, moralischen Geboten. Man ist nicht immer gehalten, sie zu machen, und man kann sie nicht von anderen verlangen. Aber jeder von uns muß sich verpflichtet fühlen, bei öffentlicher Leugnung der katholischen Wahrheiten zu reagieren. Wer Gott wirklich liebt, muß dem Beispiel des Eusebius folgen, einem Laien, der dann Bischof wurde, der 423 sich öffentlich gegen Nestorius erhob, der die Gottesmutterschaft Mariens leugnete.

Die Aufforderung von Don Salvatore Priola, aufzustehen, wenn wir Dinge hören, die dem katholischen Glauben widersprechen, ist eine Einladung, unseren Maximalismus in der Liebe zu Gott zu zeigen und die Flamme unseres Glaubens nicht unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter zu stellen, und damit durch unser Beispiel die Dunkelheit unserer Zeit zu erhellen (Mk 4, 21,25).

*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017.

Bild: Radioromalibera/Youtube (Screenshots)



Katholisches wird immer für den Leser kostenlos bleiben. Damit das Magazin Tag für Tag mit neuen Artikel weiterhin erscheinen kann sind Zuwendungen notwendig: Unterstützen Sie bitte Katholisches mit einer Spende.
Zuwendungsübersicht



Print Friendly, PDF & Email

   [ + ]

1. Das Lied wurde vom Filmkomponisten Riz Ortolani für den 1972 von Franco Zeffirelli gedrehten Film „Bruder Sonne, Schwester Mond“ über den heiligen Franziskus komponiert. Der Film brachte „das Lebensgefühl und Sehnsüchte von Hippies und Popkünstlern der 1960er-Jahre zum Ausdruck“ (Wikipedia). Das Besingen der Schöpfung wurde zum Ersatz für das Glaubensbekenntnis, das den Kern des Bekennens und Bezeugens im Glauben bildet.

1 Kommentar

  1. Leider hat aber auch schon Papst Pius XI. während der Papstmesse am 07.10.1930 im Credo das ‚filioque‘ – anwesenden Russen zuliebe – ausgelassen. Dies hängt mit der Ostpolitik des Heiligen Stuhles zusammen.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*