Die Kapuziner und die „benediktinische“ Erneuerung der Kirche in den USA – „Theologen können großen Schaden für die Kirche anrichten“

(New York) Es ist kein Geheimnis, daß die Söhne und Töchter des heiligen Johannes Bosco im Vatikan eine wichtige Rolle spielen. Dem Salesianerorden gehören sowohl der ranghöchste Mann hinter dem Papst als auch die ranghöchste Frau im Vatikan an. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone ist Salesianer, Schwester Enrica Rosanna, Untersekretärin der Ordenskongregation ist Salesianerin. Im deutschsprachigen Episkopat stellt der Orden den regierenden Primas Germaniae und Erzbischof von Salzburg und den Bischof von Linz.

Nach Pädophilieskandal: franziskanische Erneuerung in der US-Kirche

Weniger bekannt ist die neue, für mitteleuropäische Ohren ungewohnte Rolle der Kapuziner im Episkopat der Vereinigten Staaten von Amerika. Der Kapuzinerorden entstand 1525, zeitgleich mit der protestantischen Kirchenspaltung, als einige Franziskaner ihre Klöster verließen, um zur ursprünglichen Strenge des franziskanischen Ordensideals zurückzukehren. Diese franziskanische Erneuerungsbewegung bestimmt heute maßgeblich die kirchliche Linie in den USA. Dabei geht es nicht so sehr um Zahlen, sondern um die Bedeutung und den Einfluß der Führungspositionen, die sie einnehmen.

Mit diesem Phänomen beschäftigte sich jüngst der progressive National Catholic Reporter. John Allen, Vatikanist des NCR und der CNN, erklärte der Tageszeitung Il Foglio: „Der Stil der Kapuziner unter den amerikanischen Bischöfen unterscheidet sich in drei Merkmalen von den anderen Bischöfen: sie sind immer nahe beim Volk, sie haben keine ‚klerikale‘ Mentalität und bemühen sich vor allem um Zusammenarbeit mit den Laien und drittens haben sie ein einfaches und bescheidenes Lebensmodell, das gefällt und besticht.“

Die genannten Eigenschaften scheinen maßgeschneidert für eine Kirche, die mehr als andere den Sturm (tatsächlicher oder vermeintlicher) sexueller Mißbrauchsskandale durch Kleriker zu spüren bekam. Es ist daher kein Zufall, daß zwei anerkannten Kapuziner-Bischöfe der USA, Kardinal Seán Patrick O’Malley und Erzbischof Charles Joseph Chaput mit Boston und Philadelphia zwei Erzdiözesen anvertraut wurden, die vom Pädophilieskandal besonders gebeutelt wurden.

Nach den Vorwürfen an ihre Vorgänger, Kardinal Bernard Francis Law in Boston und Kardinal Justin Francis Rigali in Philadelphia, nicht angemessen mit dem Skandal umgegangen zu sein, wurden Nachfolger gesucht, die ein klares pastorales und spirituelles Profil haben. Die Wahl fiel auf zwei Kapuziner.

Ob Kollare oder Kapuzinerkutte: Das Lebensmodell des Bettelordens „besticht“

„O’Malley ist ein Kirchenfürst, der sein einfach-grobes Ordenskleid vorzieht. Auch Erzbischof Chaput wird bald in das Kardinalskollegium berufen werden. In gewisser Hinsicht eine Anomalie, wenn man bedenkt, daß die Kapuziner es lange Zeit ablehnten, ein Bischofsamt außerhalb der Missionsgebiete anzunehmen“, so Allen. Erzbischof Chaput zieht, seit er Bischof ist, zwar äußerlich das römische Kollare der Kapuzinerkutte vor, „weil ich damit meinem Diözesanklerus nahe sein will“, doch ist er durch und durch ein Sohn des heiligen Franz von Assisi.

Aber nicht nur in Boston und Philadelphia lassen die Kapuziner ihre Stimme hören. Auch in anderen Diözesen sind sie „die treibende Kraft“. Seit 2005 ist der Leiter des Sekretariats für Glaubensfragen der amerikanischen Bischofskonferenz, Pater Thomas Weinandy, ein Kapuziner. Die beiden Erzbischöfe Chaput und O’Malley sehen keinen direkten Zusammenhang mit ihrer Ordenszugehörigkeit. Msgr. Chaput wies jede Spekulation, der Kapuzinerorden betreibe in den USA eine gezielte Personalpolitik, als „absurd“ zurück. Kardinal O’Malley sieht seine Ernennung und die von Msgr. Chaput mehr mit anderen Aspekten verbunden, als mit der Tatsache, daß sie beide Kapuziner sind.

Kardinal O’Malley, seit 1985 Bischof verschiedener Diözesen, wurde vor allem wegen seiner seelsorglichen Erfahrung mit den hispanischen Gemeinschaften geschätzt. Msgr. Chaput, Bischof seit 1988, auch wegen seiner indianischen Abstammung. Beide betonen jedoch immer wieder die zentrale Bedeutung der kapuzinischen Spiritualität für ihr Leben. Erzbischof Chaput sagte einmal: „Die Tatsache, daß ich Kapuziner bin, lehrte mich die Bedeutung der Zusammenarbeit zu erkennen und weckte in mir den Wunsch, das Evangelium auf sehr einfache und klare Weise anzunehmen. Der heilige Franziskus sagte, daß wir das Evangelium sine glossa, ohne Ausreden, annehmen müssen. Ich bin mir bewußt, daß es meine Verantwortung ist, diese Lehre in der Verkündigung und auch in meinen Entscheidungen für das Leben der Kirche in die Tat umzusetzen. In diesem Sinn kann ich nicht anders als mich als Kapuziner zu bezeichnen. Wenn die Menschen wissen wollen, wer ich bin, müssen sie die Tradition der Kapuziner studieren.“

Kapuziner-Bischöfe erneuern Diözesen mit Tatkraft und Mut im Sinne Benedikts XVI.

Robert Royal, Theologe, Philosoph und Vorsitzender des Faith & Reason Institute von Washington bestätigt die Einschätzung Allens. Sowohl Kardinal O’Malley als auch Erzbischof Chaput seien in einer schwierigen Situation die richtigen Männer gewesen. Beide waren imstande, auf die Herausforderungen tatkräftig zu reagieren. Msgr. Chaput habe die Diözese mit Tatkraft und Mut grundlegend erneuert.

Beobachter sprechen von einer „affirmativen Orthodoxie“. Die heutige Linie des amerikanischen Episkopats charakterisiere sich hauptsächlich, so der Vatikanist Sandro Magister, damit „entschlossen die Präsenz der katholischen Kirche in der Gesellschaft ohne Kompromisse und Verwässerungen zu bekräftigen“.

Zwischen den Kapuziner-Bischöfen gibt es natürlich auch Unterschiede. Msgr. Chaput ist nicht O’Malley und umgekehrt. Der erste gilt als konservativer, der andere mehr den sozialen Fragen zugeneigt. Für beide ist jedoch geistlich die Zugehörigkeit zu ihrem Orden prägend und damit genau jene Prägung, die sich Papst Benedikt XVI. für die ganze Kirche wünschte, als der Pädophilieskandal 2010 seinen Höhepunkt erreichte.

Wenn amerikanische Kommentatoren über den „Aufstieg“ der Kapuziner in den USA schreiben, blicken sie jedoch vor allem auf Pater Thomas Weinandy. Der 65jährige Kapuziner promovierte in Theologie am King’s College in London und ist emeritierter Ordinarius für Theologie an der Universität von Oxford. Es sei kein Zufall, heißt es, daß die Kirche ihn an die Spitze der Glaubenskommission der Bischofskonferenz bestellte. Seine Prinzipienfestigkeit verbindet ihn mit seinen Mitbrüdern, die ein Bischofsamt bekleiden. Er gibt dem gesamten amerikanischen Episkopat in Glaubensfrage den Weg vor. Sein Büro steht in Kontakt mit den Theologen des Landes, erörtert, vertieft, mahnt, kritisiert und zensuriert auch, wo es angebracht scheint, deren Wirken. Theologen können ein „großes Unheil und Leid für die Kirche sein, wenn sich ihre Arbeit nicht auf die Lehre ihrer eigenen Kirche stützt und auf ein Leben, das Zeugnis vom Glauben gibt“, sagte Pater Weinandy vor kurzem in einem Vortrag an der Academy of Catholic Theology in Washington.

Krise“ der katholischen Theologie durch „respektlose“ Theologen verursacht

Pater Weinandy warnt seit langem vor einer „Krise“ in der katholischen Theologie, die von Theologen verschuldet ist, die „häufig wenig Respekt vor den Glaubensgeheimnissen haben, wie sie die Kirche immer gelehrt und bekannt hat“.

In diesem Sinn übte er harte Kritik an einem Buch von Schwester Elizabeth Johnson von der Fordham University von New Zork. Die Bischöfe stellten fest, daß das von Johnson 2007 veröffentlichte Buch: „Quest for the Living God: Mapping Frontiers in the Theology of God“ (Die Suche nach dem lebendigen Gott) „das Evangelium und den Glauben derer, die daran glauben, völlig untergräbt“. Daraufhin machten viele amerikanische Theologen, gewissermaßen in eigener Sache für Schwester Johnson mobil, einschließlich das wissenschaftliche Komitee der Catholic Theological Society of America.

Vor der Academy of Catholic Theology erwähnte der Kapuzinerpater Weinandy Schwester Johnson zwar nicht namentlich, seine Analyse über den Zustand der Theologie galt jedoch auch ihr. Der göttliche Ruf zum Theologen, sagte Weinandy, sei „eine der höchsten Ehren, die Gott einem Menschen schenken kann“. Die Ehre beinhalte aber auch Verantwortung, „die philosophische und theologische Wahrheit, wie sie die Kirche lehrt, voranzubringen, zu fördern und zu verteidigen“. Viel zu oft verkomme die Theologie statt dessen zu einem „intellektuellen Spiel“, zum „Spaß eines intelligenten und ausgeklügelten Zeitvertreibs“ oder zur „bloßen persönlichen Erregung oder einem Gestammel, die durch akademisches Geschwätz verbreitet werden“.

Pater Thomas Weinandy: Theologie ist kein „intellektuelles Spiel“

Für Pater Weinandy „gründet viel von dem, was heute als katholische Theologie verbreitet wird, nicht auf der Zustimmung zum von Gott offenbarten Glauben, wie er in der Heiligen Schrift und durch die Glaubens- und Morallehre der Kirche dargelegt ist“. Im Gegenteil. Ein großer Teil der katholischen Theologie sei „ein bloßer Versuch der Vernunft geworden, die Inhalte des Glaubens zu beurteilen, als wären sie menschlichen Ursprungs“, mit Theologen, die sich aufschwingen „als Richter über den Glauben, die entscheiden, was man zu glauben habe und was nicht“. Eine solche Haltung, so Weinandy, „endet zum Teil mit der Aushöhlung des Glaubens in den Corpus Christi und führt die Menschen in die Finsternis des Irrtums. Und nicht zuletzt erzeugt sie unweigerlich Spaltungen in der Kirche.“

Weinandy, Chaput, O’Malley, drei Kapuziner mit entscheidenden Aufgaben in der amerikanischen Kirche. Ihre Profile entsprechen dem, was die Kirche in den USA braucht, um den Pädophilieskandal zu überwinden. 2010 verlangte Papst Benedikt XVI. von den irischen Katholiken als entscheidende Antwort auf den Mißbrauchsskandal eine Wende der Buße und des Geistes mit einer Rückkehr zum Kern des Glaubens. Gleichzeitig forderte er sie auf, nicht der Welt nachzugeben. Deshalb werden die Berufungen von amerikanischen Kapuzinern direkt mit der Linie von Papst Benedikt XVI. zur Erneuerung der Kirche in Zusammenhang gebracht.

Am 23. März 2011 sagte er: „Das große Verdienst der Kapuziner war im 16. und 17. Jahrhundert zur Erneuerung des christlichen Lebens beigetragen zu haben, in dem sie mit ihrem Lebenszeugnis und ihrer Verkündigung in die Tiefe der Gesellschaft vordrangen. Auch heute braucht die Neuevangelisierung gut vorbereitete, eifrige und mutige Apostel, damit das Licht und die Schönheit des Evangeliums über die kulturellen Strömungen des ethischen Relativismus und der religiösen Gleichgültigkeit siegen und die verschiedenen Arten zu denken und zu handeln in einen wahren christlichen Humanismus verwandeln.“

Der Kapuziner Lorenzo da Brindisi widerlegte Martin Luther

Im vom Papst Gesagten spiegelt sich die Haltung des Kapuziners Lorenzo da Brindisi wider, der als „Doctor Apostolicus“ 1575 von Venedig aus die Christen, die sich der Reformation angeschlossen hatten, zur Umkehr aufrief. Der Kapuziner widerlegte Martin Luthers Thesen, daß Teile des katholischen Glaubens nicht biblisch seien und auch nicht von den Kirchenvätern „gedeckt“ seien. „Mit seiner klaren und eindeutigen Darlegung bewies er die biblische und patristische Grundlage aller Glaubensartikel, die Luther bezweifelt hatte“, sagte Papst Benedikt XVI.

Text: Palazzo Apostolico/Giuseppe Nardi
Bild: Palazzo Apostolico

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