Osloer Attentate haben mit Christentum nichts zu tun – Anders Behring Breivik wirre Ideologie

(Oslo) Da die norwegische Polizei den mutmaßlichen Attentäter von Oslo vorschnell als „fundamentalistischen Christen“ präsentierte und die Medien es so weiterverbreiteten (einschließlich der deutschen Redaktion von Radio Vatikan) wird das Christentum indirekt in Terrorismusnähe gerückt. Deshalb verfasste der Soziologe Massimo Introvigne, OSZE-Repräsentant gegen Rassismus und antichristliche Diskriminierung eine Stellungnahme , in der er die Gedankenwelt Anders Behring Breiviks analysiert. Seine Schlußfolgerung:  Breiviks wirre Gedankenwelt hat nichts mit dem Christentum zu tun.

Die schreckliche Tragödie von Oslo verlangt vor allem Respekt und Gebet für die Opfer. Dann aber auch Überlegungen über Sicherheitsmaßnahmen, wie sie auch eine Gesellschaft wie die skandinavische, die ihre besondere Offenheit betont, angesichts der vielfältigen Formen von Terrorismus anwenden muß. Zu diesen Maßnahmen kann und darf nicht die Stigmatisierung angeblicher „christlicher“ Fundamentalisten gehören, die wie Kriminelle und potentielle Terroristen dargestellt werden. Es ist wirklich unglücklich, daß die norwegische Polizei vor der gesamten Weltpresse den Attentäter Anders Behring Breivik anfangs als fundamentalistischen Christen präsentierte. Das hatte zur Folge, daß er in einigen Ländern von den Medien fälschlicherweise sogar als Katholik bezeichnet wurde.

Der Vorfall zeigt, daß heute das Wort „Fundamentalist“ auf sehr allgemeine und unpräzise Weise verwendet wird, um damit jeden zu benennen, der extremistische oder generell „rechte“ Ideen hat und einen – wenn auch nur sehr vagen – Bezug zum Christentum. Daraus entsteht schnell das soziale Phänomen der Gruppenhaftung und einer „Kollektivschuld“, derzufolge jeder Christ, der z.B. gegen Abtreibung oder die Anerkennung der „Homoehe“  ist, zum Fundamentalisten gestempelt wird, und seit der Attentäter von Oslo als „christlicher Fundamentalist“ bezeichnet wurde, auch zum potentiellen Terroristen.

Falscher Gebrauch des Begriffs „Fundamentalismus“

Nur wenige Tage vor dem Attentat von Oslo schickte die Beobachtungsstelle Intoleranz und Diskriminierung von Christen in Wien den Verantwortlichen des Projekts Religare eine von der EU-Kommission finanzierte Untersuchung über das multireligiöse Europa. Das umfangreiche Memorandum warnt ausdrücklich vor dem falschen Gebrauch des Begriffs „Fundamentalismus“, der ansonsten zu einem Instrument der antichristlichen Diskriminierung wird.

Der Ausdruck „fundamentalistischer Christ“ hat einen präzisen Inhalt. Er geht auf die Broschüren der Fundamentals zurück, die zwischen 1910 und 1915 in den USA veröffentlicht wurden. Es handelt sich um eine radikale Kritik an der liberalen protestantischen Theologie, der historisch-kritischen Methode der Bibelauslegung und der biologischen Evolutionslehre. Ein Fundamentalist ist ein Protestant, der – zudem meist sehr antikatholisch – auf der wörtlichen Auslegung der Bibel beharrt und jeglichen hermeneutischen Ansatz, der den modernen Humanwissenschaften Rechnung trägt, ablehnt, und daraus ultrakonservative theologische und moralische Prinzipien ableitet.

Priester der Satanskirche veröffentlicht  Breiviks Manifest

Anders Behring Breivik ist kein Fundamentalist. Wir wissen etliches über seine Ideen, z.B. von seinem Facebook-Profil, das zwar gelöscht wurde, aber nicht, bevor jemand den Inhalt gespeichert und wieder im Internet online gesetzt hat. Weiters von 70 Seiten an Beiträgen auf der anti-islamischen norwegischen Internetseite document.no, die es auch in englischer Sprache gibt, und schließlich von seinem 1500-seitigen Buch „2083 – eine europäische Unabhängigkeitserklärung“, gezeichnet „Andrew Berwick“, das er am 22. Juli, wenige Stunden vor dem Attentat, einer Reihe von Freunden und Zeitungen geschickt hat. Am 23. Juli wurde es von Kevin Slaughter, einem „Priester“ der Kirche Satans, die von Anton Szandor LaVey (1930 – 1997) in Kalifornien gegründet wurde, und heute weltweit die meisten Anhänger in Skandinavien zählt, im Internet veröffentlicht.

Breiviks Interesse für Freimaurerei

Bereits aus seiner Facebook-Seite geht hervor, daß das Hauptinteresse Breiviks der Freimaurerei gilt. Wer sein Profil bei Facebook besuchte, stieß vor allem auf ein Bild, das Breivik im Freimaurer-Schurz als Mitglied einer Johannesloge zeigt, das heißt, einer Loge, die die ersten drei Grade des norwegischen Freimaurerordens, also der regulären norwegischen Freimaurerei, verwaltet. Breivik ist Mitglied von Sà¸ilene, einer der Osloer Johanneslogen dieses Ordens, der selbst natürlich nichts mit dem Attentat zu tun hat. Kein protestantischer Fundamentalist würde von sich ein Bild in Freimaurerkleidung zeigen. Der christliche Fundamentalismus lehnt die Freimaurerei strikt ab. Bei Breiviks Interesse für die Freimaurerei handelt es sich nicht um etwas Vergangenes, sondern nach wie vor Aktuelles, da das Bild erst 2011 von ihm ins Netz gestellt wurde. 2009 schlug er auf document.no eine Geldsammlung „in meiner Loge“ vor.

Es gilt hinzuzufügen, daß zudem seine Leidenschaft für das Internetrollenspiel „World of Warcraft“ und für eine Vampire-Fernsehserie „Blood Ties“, seine erklärte Freundschaft mit dem Betreiber der größten norwegischen Pornoseite im Internet, und nicht zuletzt die Tatsache, daß einer der Empfänger seines Memorandums ein Satanist ist, Züge sind, die für einen fundamentalistischen Christen absurd sind. Während er in einem Teil seines Buches zwar Wertschätzung für die traditionelle Familie bekundet, erklärt Breivik an anderer Stelle die Abtreibung für zulässig. Gleichzeitig gibt er darin bekannt, 2000 Euro beiseite gelegt zu haben, die er „eine Woche vor der Ausführung meiner [terroristischen] Mission“ für ein Luxus-Callgirl ausgeben wolle.

Hauptinteresse gilt nicht der Religion, sondern dem Kampf gegen den Islam

Seine Texte zeigen, daß er sehr belesen ist, wenn auch auf ungeordnete Weise. Sie scheinen nicht die eines einfachen Verrückten, wenn sie auch megalomanische und offensichtlich widersprüchliche Züge aufweisen. Das Hauptinteresse Breiviks gilt nicht der Religion, sondern dem Kampf gegen den Islam, der durch die Einwanderung seiner Meinung nach Europa zu überfluten drohe. Umso mehr ein kleines Land wie Norwegen. Diese Ideen sind natürlich nicht besonders originell und einige der Autoren, die Breivik zitiert, sind vollkommen respektabel. Breivik dekliniert diese Idee jedoch zum Teil in einem rassistischen und paranoiden Tonfall.

Breiviks Beschimpfungen gegen Papst Benedikt XVI. und die katholische Kirche

Breiviks Hauptziel ist es, den Islam zu stoppen und dafür sucht er überall Verbündete. Daher rührt auch seine Abneigung gegen die norwegische Regierung, der er vorwirft, eine uneingeschränkte islamische Einwanderung zu fördern. Er selbst teilt mit, im Alter von 15 Jahren entschieden zu haben, in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Norwegens getauft und konfirmiert zu werden. Seine wohlhabende und agnostische Familie ließ ihn frei entscheiden. Er sei aber dann zum Schluß gekommen, daß die protestantischen Gemeinschaften inzwischen tot seien und den multikulturellen und pro-islamischen Ideologien nachgegeben hätten. In einem ersten Augenblick schrieb er, daß die Protestanten in die katholische Kirche zurückkehren sollten. Dann korrigierte er sich und führte aus, daß auch die katholische Kirche sich inzwischen an den Islam verkauft habe, seit der derzeitige Papst entschieden habe, den interreligiösen Dialog mit den Moslems fortzusetzen. Breivik drohte Papst Benedikt XVI.: „Er hat das Christentum und die europäischen Christen im Stich gelassen und muß als feiger, inkompetenter, korrupter und unrechtmäßiger Papst betrachtet werden.“ Wenn erst einmal die Protestanten und der Papst beseitigt seien, könne ein „großer christlicher europäischer Kongreß“ organisiert werden, aus dem eine völlig neue und anti-islamische „Europäische Kirche“ entstehen könne.

Breivik: Judentum zuverlässigstes Bollwerk gegen Islam

Wenn Breivik einen Feind hat, den Islam, so hat er auch einen Freund, das Judentum, wenn dieser Freund auch recht imaginär erscheint, denn es scheint keine besonders intensiven direkten Kontakte gegeben zu haben. Im Judentum sieht Breivik das sicherste Bollwerk gegen den Islam. Der Terrorist zeigt einen richtigen Kult für den Staat Israel und dessen militärische Kräfte. Dem entspricht auch seine große Abneigung gegen den Nationalsozialismus: „Wenn es eine Figur gibt, die ich hasse, ist es Adolf Hitler“ schreibt er, und fantasiert über Zeitreisen, um in die Vergangenheit zurückzukehren und ihn, Hitler, zu töten. Es stimmt, daß er sich in einem Internetforum für  Neonazis anmeldete. Er machte es aber offensichtlich nur mit der Absicht, diese zu überzeugen, daß zwar einige Ideen des Führers zum Volkstum richtig waren, daß es aber sein größter Fehler gewesen sei, nicht zu verstehen, daß die reinsten und edelsten Vertreter des Westens Juden seien, und wenn der Nationalsozialismus schon jemanden auslöschen wollte, so hätte er sich im Nahem Osten gegen die Moslems wenden müssen.

Breivik nimmt häufig Bezug auf die britische English Defence League, mit der er, wie es scheint, auch direkten Kontakt hatte. Die anti-islamische Bewegung wird regelmäßig beschuldigt, rassistisch zu sein und ebenso regelmäßig weist sie diesen Vorwurf zurück und greift ihrerseits den Neonazismus an. Der Attentäter von Oslo schreibt dazu, daß auch der Multikulturalismus eine Form von Rassismus sei und daß „man den Rassismus nicht mit Rassismus bekämpfen kann“. Der Nationalsozialismus, der Kommunismus und der Islam sind für Breivik drei Seiten ein und derselben antiwestlichen Doktrin, und alle drei sollten laut ihm verboten werden. Haupttriebfeder für ihn ist jedoch der Kampf gegen den Islam. Wer immer jetzt oder auch potentiell ein Feind der Moslems ist, wird für ihn zum möglichen Verbündeten. Dazu gehören militante Atheisten, wie sie in Norwegen verhältnismäßig häufig anzutreffen sind. Breivik fordert sie auf, nicht nur das Christentum zu bekämpfen, sondern auch den Islam. Dazu gehören auch die Homosexuellen, denen er darzulegen versucht, daß sie in einer islamisch beherrschten Welt verfolgt würden.

So erstaunt nicht einmal sein Kontakt mit der Kirche Satans, die eine Form des „rationalistischen“ Satanismus predigt, in dem der Starke über den Schwachen herrscht und über die Tugenden des wilden Kapitalismus siegt laut den Thesen der amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand (1905-1982), die vom Terroristen auch zitiert wird. Die Satanskirche äußert sich in Skandinavien immer wieder gegen die Einwanderer. Selbst die Roma seien laut Breivik in Indien nicht durch die Hindus versklavt und in ihre derzeitige miserable Situation gebracht worden, wie der Großteil der Geschichtsschreibung behauptet, sondern durch die Moslems. Breivik zeigt sich, auch das ein Zug, der ihn wesentlich von großen Teilen des europäischen Rechtsextremismus unterscheidet, recht zigeunerfreundlich. Er fordert auch sie auf, gegen den Islam zu kämpfen und verspricht ihnen dafür in seinem neuen Europa sogar einen eigenen unabhängigen Staat.

Anglo-israelitische Ideologie

Ein “religiöser“ Ton läßt sich bei Breivik, wenn überhaupt nur in der entschiedenen Verteidigung der Juden und des Staates Israel finden. Dieses Element findet sich tatsächlich in einigen fundamentalistischen protestantischen Gruppen. Diese vertreten die Idee, daß Israel ein mit Blick auf das Ende der Welt von Gott gewollter Staat sei. Die Akzente, die Breivik setzt, sind jedoch andere. Obwohl direkte Verweise fehlen, erinnern seine Ausführungen unverkennbar an die anglo-israelitische Ideologie, die im 19. Jahrhundert in Großbritannien entstand und in Skandinavien weit verbreitet ist, vor allem in der dortigen Freimaurerei. Ihr zufolge seien auch die Bewohner Nordeuropas „Juden“, Nachkommen des verlorenen Stammes Israels. Der Name der „Dänen“ zum Beispiel würde laut dieser Ideologie auf den jüdischen Stamm Dan zurückgehen. Im 20. Jahrhundert spaltete sich die anglo-israelitische Bewegung. Der gewaltbereite Mehrheitszweig, der für Attentate in den USA verantwortlich ist, behauptet, daß die Nordeuropäer heute die einzigen wahren „Juden“ seien. Jene, die sich heute in Israel oder anderswo Juden nennen, seien ethnisch gar keine, da sie mehrheitlich Khasaren seien und damit Angehörige eines zentralasiatischen Volkes, das sich teilweise im 8./9. Jahrhundert zum Judentum bekehrte. Daher rührt die Abneigung dieses Zweigs der anglo-israelitischen Ideologie gegen Israel und erklärt seine Verbindungen zu antisemitischen und neonazistischen Gruppen.

Während diese anglo-israelitische Strömung in den USA vorherrscht, ist in Nordeuropa der ältere Zweig der Ideologie vertreten, für den die heutigen Juden die wahren Erben des Stammes Juda sind, die darauf warten, mit ihren angelsächsischen und skandinavischen Brüdern der verlorenen Stämme wiedervereint zu werden. Wer dieser Richtung angehört, betrachtet die Nordeuropäer als Brüder der Juden, ist philosemitisch eingestellt und verteidigt  entschieden das Judentum und den Staat Israel.

Die stark freimaurerische Templer-Neugründung

Laut seinem Buch-Manifest habe der Terrorist 2002 gemeinsam mit anderen in London den Templerorden wiedergegründet, der sich in eine kaum überschaubare Zahl völlig heterogener anderer Neugründungen, einreiht, die sich auf die Templer berufen: Die „Armen Gefährten Christi von Salomons Tempel (PCCTS)“, der sich allerdings wenig auf die katholischen Tempelritter des Mittelalters beruft, dafür aber sehr auf die Templergrade der Freimaurerei. Breivik lobt „die grundlegende gesellschaftliche Rolle“ der Freimaurer, wenn er sie auch für unfähig hält, zu den angeblich notwendigen militärischen Aktionen überzugehen. Die Freimaurerei sei offen für „Christen, agnostische Christen und christliche Atheisten“, also Christen, Agnostiker und Atheisten, die die Bedeutung der kulturellen Wurzeln Europas anerkennen, die „christlichen Wurzeln, aber auch die jüdischen und die Aufklärung, und nicht zuletzt auch die nordischen und heidnischen“, um sich den wahren Feinden, die der Islam und die Einwanderung seien, zu widersetzen.

Unter diesen eklektischen Bezügen spielt das Christentum keine besondere Rolle. Der Attentäter zitiert zahlreiche Autoren, doch sein geistiger Vater ist der anonyme norwegische Blogger „Fjordman“, der 2005 eine Million Leser hatte, dann aber seinen Blog schloß, ohne je seine Identität preiszugeben. Breivik übernahm einen Text „Fjordmans“, demzufolge das Christentum, dessen einzige positiven Seiten heidnischen Ursprungs gewesen seien, nach dem Mittelalter für Europa „eine schlimmere Bedrohung als der Marxismus“ geworden sei.

Die “Templer-Rächer“ Breiviks sollten, so seine Überzeugung, im „europäischen Bürgerkrieg“ in drei Phasen handeln. In der ersten Phase (1999-2030) sollten sie das eingeschlafene Gewissen der Europäer mit „Schockangriffen durch Untergrundzellen“ wecken. Ausgeführt durch „Zellen“, die auch nur aus einer oder zwei Personen bestehen. In der zweiten Phase (2030-2070) sollte zum bewaffneten Guerillakampf und zu Staatsstreichen übergegangen werden. In der dritten Phase (2070-2083) müsse es zum offenen Krieg gegen die islamischen Einwanderer kommen. Breivik ist sich dabei bewußt, daß die Angriffe in der ersten Phase jene, die sie ausführen, zu Terroristen machen, die von allen gehaßt werden. Dies sei aber für ihn die Form des „templerischen Martyriums“, zu dem er bereit sei.

Ziele der “Schockangriffe“ seien die politischen Parteien: vor allem die norwegischen Sozialdemokraten. Doch nennt er Parteien in verschiedenen Ländern, die auf verschiedene Weise den Krieg gegen den Islam und die Einwanderung behindern würden. So nennt er unter anderem auch Angriffe auf Erdölraffinerien, um die Energiezufuhr der einzelnen Staaten zu treffen. Auch gegen Papst Benedikt XVI. sendet er Drohungen aus. Laut seiner Analyse seien die meisten europäischen Rechtsparteien zu zaghaft und unfähig und damit letztlich „kontraproduktiv“. Und da ich einer ihrer Repräsentanten bin, beunruhigt mich auch die Wiedergabe eines Artikels, der die OSZE als besonders pro-islamische und gefährliche internationale Organisation bezeichnet.

Die vielleicht wichtigste Frage im Moment ist, ob Breivik, wenn er sagt, daß sein Orden der Templer-Rächer Mitglieder in verschiedenen europäischen Staaten habe und es Kontakte zu „Kriegsverbrechern“ gebe, einen Roman im Stil des schwedischen Autors Stieg Larrson (1954-2004) schreibt oder ob er die Realität beschreibt.

Andere autobiographische Details, die auf den ersten Blick unglaubwürdig erschienen, wie die Diplomaten in seiner Familie, der Besuch von Eliteschulen, wurden inzwischen von der norwegischen Polizei bestätigt. Die Polizei wird klären müssen, ob die Gründung des Neo-Templer Ordens, die Kontakte zu Kriegsverbrechern, ein Aufenthalt in Liberia, um sich von einem von ihnen („einer der größten europäischen Helden“) ausbilden zu lassen, bevor er mit acht Gefährten 2002 in London den Orden gründete, bloße Fragmente seiner Einbildung sind oder ob das von Breivik geschilderte wirklich geschehen ist. Was hingegen feststeht ist, daß ein gutes Drittel seines Buches, ein wahres Handbuch des Terrorismus mit einem Tagebuch über die Vorbereitung seines Attentats, detaillierte Kenntnisse über Waffen, Sprengstoff und neue terroristische Kampftaktiken, sogenannte Open Source Warfare enthält, die auch von kleinsten Gruppen angewandt werden können, über kugelsichere Westen einschließlich der Socken. Ein bisher kaum beachtetes Detail dabei ist, daß diese Kenntnisse Breiviks doch erstaunlich sind und schwerlich nur mit dem Internet zu erklären sind, wo man angeblich alles findet, für jemanden, der wie der Attentäter von Oslo nicht einmal den Militärdienst absolviert hat.

Breivik schreibt immer in paranoidem Ton. Wenn man aber eine Methode in seinem Wahnsinn finden will, so muß man den Roten Faden in seinem Denken aufspüren und das ist in erster Linie seine Islam-Feindlichkeit, die sich bisher im Westen kaum gewaltsam manifestierte. In zweiter Linie ist es seine geradezu mystische Solidarität zwischen der nordischen und der jüdischen und israelischen Identität, die ihre Wurzeln in alten esoterischen und freimaurerischen Theorien hat, die Breivik pflegt. Fest steht, daß das Christentum – „fundamentalistisch“ oder nicht – mit all dem herzlich wenig zu tun hat, wenn schon höchstens als einer von vielen unwahrscheinlichen Verbündeten, die der Terrorist erhoffte, für seinen gewaltsamen Kampf gegen die islamische Einwanderung zu gewinnen.

 Text: Bussola Quotidiana/Giuseppe Nardi

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