Renaissance für weibliche Ordensberufe – In Europa erholen sich vor allem kontemplative Frauenorden

(Rom) Eine „fließende“ Religiosität, fehlende Fixpunkte, Relativierung des Charismas und eine schwache geistige Grundlage sind die größten Probleme, die in den letzten 40 Jahren zur Schwächung von Frauenorden geführt haben. Damit erklärt German Sanchez, der Vorstand des Instituts für Religionswissenschaften an der Päpstlichen Universität Regina Angelorum in Rom, in einem Zenit-Interview die Ursachen für die Krise, in der sich vor allem weibliche Ordensgemeinschaften befinden.

Der Leiter des ISSR ist jedoch überzeugt, daß neue Generationen von Ordensfrauen mit einer neuen Ausrichtung heranwachsen. Der größte Teil von ihnen stamme derzeit nicht aus der EU und „sie haben alle einen große Hunger nach Spiritualität“. „Lassen wir die Soziologie und die Psychologie beiseite: Natürlich helfen die Humanwissenschaften, aber im Zentrum muß eine gesunde Spiritualität stehen, die auf dem eigenen Ordenscharisma aufbaut. Es funktioniert nicht, wenn man wie in einem Supermarkt etwas von da und etwas von dort nimmt“, erklärt Sanchez. „Die neuen Generationen suchen klare Bezugspunkte und richten sich nach diesen aus.“

Auf die Frage, wie die schwere Berufungskrise der Frauenorden überwunden werden kann, erklärt der Leiter des ISSR, daß auch in Europa neue Ordensberufungen erwachen, hier vor allem in jenen Ordensgemeinschaften, die die Ausrichtung der Berufungspastoral geändert haben. „Man soll nicht warten, bis die Berufungen an die Pforte klopfen, wie es vor vielen Jahren war“, so Sanchez. „Heute muß man an die Herzen der Mädchen anklopfen, das heißt, das christliche, geistliche Leben der Mädchen pflegen.“ Nach Meinung des ISSR-Leiters handelt es sich dabei um eine Aufgabe, die früher von der Familie, der Pfarrei und der Schule erfüllt wurde, heute jedoch brachliege, da sich niemand darum kümmere. „Aus diesem Grund müssen die Ordensfrauen diese Pflanzstätten des geistlichen Lebens neu kultivieren“, so Sanchez.

„Um Berufungen zu haben, müssen wir die christlichen Tugenden pflegen. Berufungen sind Antworten auf einen Ruf Gottes. Wenn die Mädchen aber nie daran gewöhnt wurden, die Stimme Gottes zu hören, wie kann der Ruf gehört und dann auf diesen geantwortet werden?“

Sanchez berichtet, daß Ordensgemeinschaften, die das geistliche Leben der Mädchen pflegen, bereits „wunderschöne Antworten“ erhalten: „Es gibt in Italien Kongregationen, die jährlich Dutzende von Berufungen erleben.“ Der Institutsleiter fügt gleich ein konkretes Beispiel an: „In Holland gibt es eine Ordensfrau, die jährlich ihrem Ordensnoviziat mindestens drei Berufungen zuführt.“

Stark sei auch das Wachstum der kontemplativen Orden und der Klausurschwestern. Laut Sanchez „erholen sich die kontemplativen und die in strenger Klausur lebenden Ordensgemeinschaften gegenüber den apostolischen und aktiven Orden, weil sie eine klare, unverkennbare Identität leben“. Ein sichtbares Beispiel dafür sei in Italien Schwester Anna Maria Canopi. Sie hat ein verfallenes Kloster auf der Insel San Giulio im  Ortasee in Piemont neu belebt. Anfangs zog Canopi mit fünf weiteren Schwestern dorthin. Heute zählt die Benediktinerinnenabtei Mater Ecclesiae achtzig Nonnen. Vor kurze wurde von dort aus ein weiteres Kloster mit vierzehn Nonnen im Aostatal als Tochtergründung eröffnet, das Papst Benedikt XVI. im vergangenen Jahr besuchte.

Zum Vorwurf, daß die Ordensschwestern in den Entwicklungsländern nicht ausreichend vorbereitet und ausgebildet würden, erklärte Sanchez, daß gerade auch sein Institut erfolgreich daran arbeite, noch bestehende Lücken zu schließen. So hatte die Bischofskonferenz von Peru das ISSR mit der Durchführung von Weiterbildungskursen für Ordensobere beauftragt. Die Kurse verliefen so erfolgreich, daß im folgenden Jahr die Beauftragung auf alle Ordensschwestern ausgeweitet wurde. „Solche Aufträge und Einladungen kommen aus der ganzen Welt“, so German Sanchez.

(CR/JF)



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