Kardinal Müllers „Abschiedsbrief“ an die Piusbruderschaft

Kardinal Müllers "Abschiedsbrief" an die Piusbruderschaft
Kardinal Müllers "Abschiedsbrief" an die Piusbruderschaft

(Rom) Hat Kardinal Gerhard Müller kurz vor seiner Entlassung als Glaubenspräfekt der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) noch einen Brief geschrieben, mit dem die Bedingungen für eine kanonische Anerkennung durch Rom wieder in die Höhe geschraubt wurden? Bereits am 1. Juli hatte die französische Presseagentur Medias-Catholique.info dies berichtet und Auszüge aus dem Brief des damaligen Noch-Glaubenspräfekten veröffentlicht. Zweifel schienen aber angebracht. Zu sehr ähnelten Inhalt und Abfolge dem Drehbuch von 2012. Sollte jemand nur aus Versehen den falschen Film eingelegt haben? Nun bestätigte die Piusbruderschaft aber die Existenz dieses Briefes. Ein Deja-vu und warum?

Eine Rückblende

Bereits im Frühjahr 2012, damals regierte in Rom noch Papst Benedikt XVI., standen zwischen der von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründeten Piusbruderschaft und dem Heiligen Stuhl alle Signale für eine unmittelbar bevorstehende Einigung auf grün. Versucht man eine vorsichtige Rekonstruktion der Ereignisse, so reiste der Generalobere der Bruderschaft, Bischof Bernard Fellay, im Juni vor fünf Jahren in der festen Überzeugung in den Vatikan, einer kirchlichen Anerkennung der Priesterbruderschaft stünde nichts mehr im Wege. Dann kam die Überraschung. Mitte Mai hatte die Vollversammlung der Glaubenskongregation getagt und die ventilierte Verständigung verworfen. Unter Berufung auf diese Vollversammlung wurde wieder die ursprüngliche Doktrinelle Präambel als unabdingbare Bedingung gefordert. Die Einigung platzte und es folgte ein Stillstand, der mit dem Rücktritt von Benedikt XVI. seine eigene Dynamik erhielt. Soweit der Rekonstruktionsversuch, der von keiner Seite offiziell bestätigt wurde.

Unter Papst Franziskus wurden die Gespräche unerwartet wiederaufgenommen. Bald hieß es, die unter Benedikt XVI. verlangte Doktrinelle Präambel sei überholt. Die Rede war nun von einer Doktrinellen Erklärung. Franziskus wolle eine Einigung und habe daher nicht die Absicht, unüberwindbare Hürden zu errichten. Nur Wunschdenken? In den vergangenen Monaten begannen sich die Gerüchte wieder zu häufen, daß die Anerkennung bevorstehe. Die Stimmung, die entstand, war dieselbe wie 2012. Auf beiden Seiten gab es Bedenkenträger und solche, die die Perspektive einer Einigung begrüßten. Seit längerem steht fest, daß die Bruderschaft, im Falle einer Anerkennung, zur Personalprälatur erhoben würde, eine Rechtsform, die in der Bruderschaft durchaus gefallen findet. Zumindest darin besteht weitgehende Einigkeit.

Wer hat 2017 wieder den Film von 2012 eingelegt?

Doch im Frühsommer 2017 scheint sich nach einem festen Drehbuch zu wiederholen, was sich 2012 zugetragen hat. Die Einigung schien, dem Vernehmen nach, zum Greifen nahe. Im Mai 2017 tagte, wie jedes Jahr, die Vollversammlung der Glaubenskongregation und mit einem Mal wurde das in den Gesprächen Erreichte verworfen und für unzureichend erklärt. Wie 2012 wurde der Piusbruderschaft nun wieder die ursprüngliche Doktrinelle Präambel vorgelegt. Diese müsse unterschrieben werden. Das sei Voraussetzung für jeden weiteren Schritt.

Beobachter könnten sich die Frage, wozu eigentlich jahrelange Verhandlungen geführt werden, wenn dann eine Verhandlungsseite in regelmäßigen Abständen alles annulliert und auf den Ausgangspunkt zurückkehrt. Dagegen würde Einspruch erhoben. Die Glaubenskongregation könnte geltend machen, immer an der Doktrinellen Präambel festgehalten zu haben, die zur Bedingung erklärt wurde. In der Sache steckt zuviel Konjunktiv.

DICI, der französische Pressedienst der Piusbruderschaft, bestätigte gestern, daß Bischof Fellay am 26. Juni ein Schreiben von Kardinal Müller erhielt. Das war vier Tage vor der Mini-Audienz, die Papst Franziskus seinem Glaubenspräfekten gewährte, um ihm in weniger als 60 Sekunden die Entlassung mitzuteilen. Für eine Begründung dieser Entlassung blieb bei einem so eng bemessenen Zeitrahmen sprichwörtlich keine Zeit.

Von der Vollversammlung der Glaubenskongregation habe sich Kardinal Müller, im Auftrag des Papstes, die Bestätigung für drei Bedingungen geholt, die er im Schreiben an Fellay als conditio sine qua non für eine kanonische Anerkennung der Bruderschaft auflistet, egal für welche Rechtsform. Die Kardinäle und Bischöfe seien ihm einstimmig gefolgt, so Müller an den FSSPX-Generaloberen.

Die drei Bedingungen

Die drei Bedingungen lauten:

  1. Von den Mitgliedern der FSSPX ist die Professio fidei von 1988 zu verlangen. Die Professio fidei von 1962 ist nicht ausreichend.
  2. Der neue Text der Doktrinellen Erklärung muß einen Paragraphen enthalten, mit dem die Unterzeichner ausdrücklich erklären, die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Nachkonzilszeit anzuerkennen, indem sie diesen doktrinellen Lehren den ihnen geschuldeten Grad der Anerkennung zukommen lassen.
  3. Die Mitglieder der FSSPX haben nicht nur die Gültigkeit, sondern auch die Rechtmäßigkeit des Ritus der Heiligen Messe und der Sakramente nach dem Novus Ordo anzuerkennen. Wörtlich heißt es: „in Übereinstimmung mit den nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil promulgierten liturgischen Büchern“.

Am 30. Juni schickte Bischof Fellay dieses Schreiben an alle Priester der Bruderschaft mit einer Anmerkung, wie sie bereits dargelegt wurde. Auch Fellay spricht davon, daß sich die Bruderschaft plötzlich wieder derselben Situation wie 2012 gegenübersieht. Wie schon 2012 war aus dem Mund des zuständigen vatikanischen Verhandlungsführers, Kurienerzbischof Guido Pozzo, Sekretär der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, auch 2017 weit Wohlwollenderes zu hören, als nun dem Müller-Brief zu entnehmen ist. Weiß die Rechte im Vatikan nicht was die Linke tut? Soll mit der Piusbruderschaft Katz und Maus gespielt werden? Wahrscheinlicher ist, daß im Vatikan ein Ringen zwischen unterschiedlichen Positionen im Gange ist. Zwischen Kreisen, die der Piusbruderschaft wohlwollender gesonnen sind, und solchen, die sich nicht genug distanzieren können. Tatsache ist, daß bereits Benedikt XVI. Kurienvertreter mit den Kontakten zur Bruderschaft betraut hatte, die einer Einigung geneigter sind. Deren Wort allein zählt aber nicht, da andere, gewichtigere Stimmen sich dann vordrängeln, um ihr Njet zu deponieren.

Die Vollversammlung der Glaubenskongregation ist kein Gremium, das verbindliche Normen festlegen oder Entscheidungen treffen kann. Ihr gehören Kirchenvertreter aus aller Welt an. Sie dann daher als Ausdruck eines in der Weltkirche herrschenden Klimas gelten. Sie berät in dieser Sache den Papst nur.

Bischof Fellay rief gestern die Schlußerklärung der Oberenkonferenz der Bruderschaft in der Schweiz in Erinnerung, wie sie am 29. Juni 2016 veröffentlicht wurde. Der Pressedienst der Bruderschaft spricht davon, daß es sich beim Brief von Kardinal Müller „um keine Überraschung“ handle.

Römische Widersprüchlichkeiten

Bereits am 8. Oktober 2016 hatte Bischof Fellay in Port-Marly in Frankreich auf Widersprüche in den Aussagen von Kardinal Müller und Kurienerzbischof Pozzo hingewiesen. Diese Widersprüchlichkeiten wurden nun von DICI zitiert, gegenübergestellt und kommentiert:

„Was für eine Verwirrung! Wem sollen wir glauben?“

Der Brief und die Entlassung von Kardinal Müller, der auch Vorsitzender von Ecclesia Dei war, schafft einen neuen Stillstand. In Reaktionen war bereits zu lesen, daß die Forderungen, die der Kardinal diktierte, das Papier nicht wert seien, auf dem sie geschrieben wurden, weil er als Glaubenspräfekt bereits Vergangenheit ist. Bis zu einem bestimmten Grad ist natürlich etwas dran, wenn bei Verhandlungen auf einer Seite eine zentrale Figur ausgetauscht wird. Vorerst gilt es, abzuwarten. Das können in der Kirche freilich beide Seiten sehr gut. Ungeduldig scheint nur Papst Franziskus zu sein. Er sandte mehrere wohlwollende Gesten in Richtung Bruderschaft aus. Waren sie nur Köder, um die FSSPX zu bewegen, jenen Forderungskatalog zu unterschreiben, der einmal Doktrinelle Präambel, einmal Doktrinelle Erklärung heißt, aber offenbar immer dasselbe meint?

Die Art und Weise, wie der Vatikan die Verhandlungen mit der Piusbruderschaft führt, wirft jedenfalls Fragen auf. Fest steht vor allem, daß es in der Kirche starke Widerstände gegen eine kanonische Anerkennung der Bruderschaft gibt. Widerstände, die von Papst Franziskus offensichtlich geteilt werden. Zumindest scheint er ihnen nachzugeben. Oder ist doch alles ganz anders – nun, da Kardinal Müller aus dem Amt ist? Bei Franziskus weiß das keiner so genau, auf keiner der beiden Seiten.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: DICI (Screenshot)

 

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Johannes

Es wird eher nicht zu einer Einigung kommen! Entweder wird es Gott verhindern, oder die deutschen Bischöfe.

Gott möchte sicher nicht, dass das letzte katholische Glied sich mit einem Rest Kirche vereinigt, die durch ihren Modernismus und Liberalismus zahlreiche Seelen an den Abgrund geführt hat und selbst eher dem Untergang geweiht ist.

Die deutschen Bischöfe (vornweg nach wie vor Kardinal Müller) wollen sicher nicht zurück zur vorkonzilischen Kirche und zur Messe aller Zeiten. Zu „schön“ ist es im Zeitgeistboot wo man sich mit anderen christusfeindlichen Kräften eingerichtet hat.

Marion Brogle

Wieso sollte Gott das nicht wollen? Vielmehr muss jedes Glied der römisch-katholischen Kirche in diesen letzten Zeiten „wie Gold im Feuer geläutert“ werden.
Und: Ist die FSSPX mit der Annahme der veränderten Missa Tridentina von 1962, die nicht mehr die wunderbaren Oktaven kennt (außer Weihnachten und Ostern) nicht einen faulen Kompromiss gegangen? Wieso sollte das nicht auch Konsequenzen haben? Man lese das „Quo primum“ des heiligen Papstes Pius V.

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