Papst mischt die Karten für die Wahl des neuen Großmeisters des Malteserordens

Villa Malta auf dem Aventin in Rom
Villa Malta auf dem Aventin in Rom

(Rom) Am kommenden Samstag, dem 29. April versammelt sich in Rom der Große Staatsrat des Souveränen Malteserordens zum ordenseigenen „Konklave“, um einen neuen Großmeister und Fürsten des wählen– den 80. in der bald tausendjährigen Geschichte des Ritter- und Hospitalordens. Die Wahl wird notwendig, weil Papst Franziskus mit einem Brachialakt vom amtierenden Großmeister ohne Nennung von Gründen den Rücktritt erzwang und sich nun massiv in die Wahl des Nachfolgers einmischt.

Papst setzte Großmeister ab und wünscht nun einen genehmen Nachfolger

Die Umstände, die zu diesem Konklave führten, sind nicht weniger überraschend als die Umstände, die zum Konklave führten, das 2013 Papst Franziskus wählte. In beiden Fällen ist es zu einer vorzeitigen Wahl gekommen, obwohl sowohl Papst Benedikt XVI. 2005 als auch der 79. Großmeister Fra Matthew Festing 2008 auf Lebenszeit gewählt worden waren.

Während der plötzliche Amtsverzicht von Benedikt XVI. das Pontifikat von Franziskus erst möglich machte, war es der argentinische Papst, der die Amtszeit von Großmeister Festing abrupt und radikal beendete. Franziskus ist es auch, er nun keinen Zweifel läßt, einen ihm genehmen Nachfolger als Großmeister zu wünschen.

Nachdem er am 24. Januar Festing zum Rücktritt gezwungen hatte, stellte er den Orden unter kommissarische Aufsicht. Dazu ernannte er Kurienerzbischof Angelo Becciu, Substitut des Kardinalstaatssekretärs, zum Apostolischen Sonderlegaten. Damit setzte er auch Kardinal Raymond Burke, den offiziellen Vertreter des Papstes beim Orden, vor die Tür. Offiziell ist der US-Kardinal zwar noch Kardinalpatron der Malteser, doch steht das nur mehr auf dem Papier, das bekanntlich geduldig ist. Die Realität sieht anders aus. „Ich habe auf Wunsch von Papst Franziskus mit den Angelegenheiten des Ordens derzeit nichts mehr tun“, erklärte der Kardinal selbst in einem Interview. Burke war erst im November 2014 von Franziskus im Zuge einer anderen Strafaktion aus dem Vatikan zum Malteserorden abgeschoben worden, nachdem er bei der ersten Bischofssynode über die Familie als Wortführer gegen die von Franziskus unterstützen Kasperianer aufgetreten war.

Päpstliche Einmischung – Interdikt gegen abgesetzten Großmeister

Am Ostermontag erfolge ein ungewöhnlicher päpstlicher Telefonanruf an einen seiner Mitarbeiter, der gerade mit Ordensrittern unterwegs war. Ihnen, so wird vermutet, sollte der Anruf in Wirklichkeit gelten und signalisieren, daß Papst Franziskus die Wahl des neuen Großmeisters zur Chefsache gemacht hat.

Wer wird den Malteserorden in die Zukunft führen und seine Souveränität wiederherstellen?
Wer wird den Malteserorden in die Zukunft führen und seine Souveränität wiederherstellen?

Zwei Tage zuvor, am Karsamstag, was erst am Dienstag der Osterwoche bekannt wurde, hatte Sonderlegat Becciu den abgesetzten Großmeister Festing in einem Brief „im Namen des Papstes“ wissen lassen, daß seine Anwesenheit während der Neuwahl seines Nachfolgers in Rom nicht erwünscht ist. Um einen „ruhigen und harmonischen“ Verlauf der Wahl sicherzustellen, habe er, Becciu, „mit Zustimmung des Papstes“ entschieden, daß der geschaßte Großmeister, obwohl Profeßritter des Ordens, und damit Angehöriger des Ersten Standes, nicht an der Wahl teilnehmen darf und am Wahltag überhaupt aus Rom fernbleiben soll.

Eingriffe über Eingriffe in die innersten Angelegenheiten eines Ordens, der eigentlich ein souveränes Völkerrechtssubjekt ist. Die Zuständigkeiten des Heiligen Stuhls beschränken sich auf das religiöse Leben der Profeßritter, doch Papst Franziskus setzt sich derzeit am laufenden Band über rechtliche Bestimmungen, ob kirchenrechtlicher oder völkerrechtlicher Art, kurzerhand hinweg. Er weiß, daß Personalpolitik der eigentliche Hebel für „nachhaltige“ und dauerhafte Eingriffe ist.

Päpstliche Einladung nach Santa Marta

Den Tag des Malteser-Konklaves verbringt Papst Franziskus in Ägypten, wo er in einem zweitägigen Aufenthalt den „Dialog“ mit dem Islam vertiefen will. Am Vorabend seiner Ägypten-Reise, dem 27. April, hat er für 19 Uhr eine nennenswerte Repräsentanz des Malteserordens nach Santa Marta geladen. Zu ihnen gehört auch Großkanzler Albrecht Freiherr von Boeselager, der heute der eigentlich mächtige Mann im Orden ist, zugleich aber auch der Stein des Anstoßes, über den allerdings Großmeister Festing gestürzt wurde.

Festing hatte Boeselager Anfang Dezember 2016 wegen der Verteilung von Verhütungsmitteln zur Rede gestellt, die in Hilfsgebieten durch das Hilfswerk des Ordens erfolgt ist. Die Verantwortung für diese Hilfsprojekte lag bei Boeselager, der vor seiner Zeit als Großkanzler das Amt des Großhospitaliers bekleidet hatte. Zudem ging es noch um eine unklare Spende in zweistelliger Millionenhöhe, die offenbar hinter Festings Rücken über einen Schweizer Treuhänder abgewickelt werden sollte. Festing warf Boeselager Vertrauensbruch vor und forderte seinen Rücktritt, was der deutsche Freiherr ablehnte. Als ihn Festing daraufhin absetzte, rief Boeselager das vatikanische Staatssekretariat zu Hilfe, das prompt und ungewöhnlich entschlossen zu seinen Gunsten intervenierte. Im einzigen persönlichen Gespräch das Franziskus dem Großmeister gewährte, forderte er die Wiedereinsetzung Boeselagers als Großkanzler. Als Festing sich weigerte, verlangte der Papst seinen Kopf.

Ein „Gegner des Papstes“

Soweit in geraffter Form die Vorgeschichte, die dazu führte, daß am Samstag ein neuer Großmeister gewählt werden muß. Seither wird hinter den Kulissen eifrig an Mehrheiten gefeilt. Dabei wird auch moralischer Druck ausgeübt, denn wer sich der „Boeselager Richtung“, auch „Deutsche Richtung“ genannt, verweigert, wird verdächtigt, ein „Gegner des Papstes“ zu sein. In Zeiten eines akzentuiert autokratischen Regiments im Vatikan keine leichtfertig wegzusteckende Anklage. So plump wird es nicht geäußert, aber dafür angedeutet.

Das Teilnahmeverbot für den abgesetzten Großmeister soll offensichtlich verhindern, daß die Hintergründe des ganzen Konfliktes von berufener Seite auf den Tisch gelegt wird. Mitglieder des Großen Staatsrates könnten von Festing Aufklärung verlangen, die dieser nur zu gerne geben könnte. Im Namen einer zweifelhaften „Einheit“ und „Harmonie“ soll die Wahl jedoch in gewünschten Bahnen verlaufen.

Die Namen der 15 Geladenen

Die Namen des illustren Kreises der 15 hochrangigen Ritter, die Papst Franziskus handverlesen im Vorfeld der Wahl nach Santa Marta ruft, wurde heute vom Vatikanisten Sandro Magister veröffentlicht und dem Rang nach geordnet:

  • Fra Ludwig Hoffmann von Rumerstein, Großkomtur und Statthalter ad interim;
  • Albrecht Freiherr von Boeselager, Großkanzler;
  • Dominique de La Rochefoucauld-Montbel, Großhospitalier;
  • János Esterházy de Galántha, Rezeptor des Gemeinsamen Schatzamtes;
  • Erich Prinz von Lobkowicz, Vorsitzender der deutschen-Assoziation;
  • Marwan Sehnaoui, Vorsitzender der libanesischen Assoziation;
  • Jaime Churruca y Azlor de Aragón, Vorsitzender der spanischen Assoziation;
  • Thierry de Beaumont-Beynac, Vorsitzender der französischen Assoziation;
  • Fra Giacomo Dalla Torre Del Tempio di Sanguinetto, Großprior von Rom;
  • Fra Luigi Naselli di Gela, Großprior von Neapel und Sizilien;
  • Clemente Riva di Sanseverino, Delegierter Großprior der östlichen Emilia und der Romagna;
  • Fra Ian Scott, Großprior von England;
  • Fra Emmanuel Rousseau, Mitglied des Souveränen Rates;
  • Jack E. Pohrer, Vorsitzender der amerikanischen Assoziation;
  • Msgr. Fra Giovanni Scarabelli, Profeß-Konventualkaplan.

Verbreitetes Unbehagen im Orden

Offiziell, so Magister, wurden sie vom Sonderlegaten Becciu eingeladen, allerdings mit dem Hinweis, daß auch Papst Franziskus mit ihnen sprechen wolle. Der Grund des Treffens ist derselben, mit dem Becciu das Interdikt über Fra Matthew Festing verhängte: um sicherzustellen, daß die Wahl „in einem Klima des Friedens und der wiedergewonnenen Harmonie“ stattfinden könne.

Hatte bereits die Absetzung Festings durch Papst Franziskus für große Unruhe im Orden gesorgt, löste das gegen Festing verhängte Verbot nicht weniger Bestürzung und Unverständnis aus. „Einigen erscheint das als unerträglicher Amtsmißbrauch“, so Magister. Selbst Gegner Festings sprechen von einer überzogener Härte. Dieses verbreitete Unbehagen im Orden war der Anlaß für die jüngste Intervention des Vatikans: die Einladung ausgewählter Ordensritter nach Santa Marta, die zur Beruhigung, Gewinnung (oder Einschüchterung) dienen soll.

In Wirklichkeit löste die Einladung „neue Gegensätze im Orden aus, anstatt sie beizulegen“, so Magister. Nicht wenige Ordensritter sehen darin eine weitere, unangemessen Einmischung durch den Vatikan und eine Druckausübung durch Papst Franziskus zur Beeinflussung der Großmeisterwahl.

Verschiebung der Großmeisterwahl wahrscheinlich

Ob es am Samstag überhaupt zur Wahl des 80. Großmeisters kommt, ist allerdings fraglich. Boeselager beispielsweise kann nicht Großmeister werden. Er gehört dem Zweiten Stand an. Laut Ordensverfassung muß der Großmeister Angehöriger des Ersten Standes sein. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin ließ im Zuge des Konflikts bereits vor Weihnachten wissen, daß Papst Franziskus den Orden „reformieren“ wolle, was schon damals von manchen als Drohung verstanden wird.

Am Samstag könnte daher Großkomtur Hoffmann von Rumerstein im Amt eines Statthalters bestätigt werden, der in Abwesenheit eines Großmeisters den Orden führt. Magister nennt auch den Großprior von Rom, Fra Giacomo Dalla Torre Del Tempio di Sanguinetto, als möglichen Kandidaten für eine interimistische Statthalterschaft. Die eigentlichen Entscheidungsvollmachten würden damit weiterhin beim Päpstlichen Kommissar liegen. Eine Situation, die weder Boeselager noch dem Papst ungelegen sein könnte.

Der Statthalter wird auf ein Jahr berufen. In dieser Zeit könnten die von Papst Franziskus erwähnten „Reformen“ durchgeführt werden, die – unschwer vorhersehbar – vor allem die Wahlordnung für die Wahl des Großmeisters betreffen werden.

Auch den Vertrauten Festings und den über die so massiven päpstlichen Eingriffe besorgten Ritter könnte ein Aufschub der Großmeisterwahl als Zeitpolster entgegenkommen. Die Dinge können sich oft schnell ändern, die der Rücktritt von Benedikt XVI. und die Wahl von Franziskus bewiesen haben.

Reform des Wahlrechts und Großmeisterwahl in einem Jahr?

Der Großmeister muß Profeßritter sein, denn nur diese legen unter allen Rittern die ewigen Ordensgelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams ab. Das sind derzeit von den weltweit rund 13.000 Rittern weniger als 60. Sie bilden einen besonderen Stand ähnlich den Kardinälen in der Kirche, die allein berechtigt sind, den Papst zu wählen. Die Kardinäle müssen ihn nicht aus den eigenen Reihen wählen, tun dies aber seit alters her. Bei den Maltesern ist es ähnlich und doch anders. Der Zweite und der Dritte Stand wählt zusammen mit dem Ersten Stand den Großmeister, muß ihn allerdings aus dem kleinen Kreis der „Mönchsritter“ wählen. Der reduziert sich auf derzeit zwölf Kandidaten, weil nach alter Sitte alle vier Großeltern des Großmeisters von adeliger Abkunft sein müssen.

Letztere Regelung sichert dem Orden seinen elitären Charakter, insgesamt aber sichert die Beschränkung der Kandidaten für das Großmeisteramt auf den Ersten Stand vor allem seinen geistlichen Charakter. Damit wurde bisher und soll auch weiterhin verhindert werden, daß der altehrwürdige Orden Gefahr läuft, zu einer bloßen humanitären NGO unter anderen zu werden. Gerade der „deutschen Richtung“ im Orden wird seit einigen Jahren nachgesagt, den Malteserorden zu einer solchen NGO machen zu wollen, die gewiß effizient, mit deutscher Gründlichkeit durchorganisiert und aufgrund ihres einzigartigen Rechtsstatus durch die diplomatische Immunität des Ordens allen vergleichbaren NGO’s überlegen wäre. Sie sehen im Orden den Rahmen, um darin den gewissermaßen perfekten humanitären, internationalen Akteur und Ansprechpartner für Regierungen und internationale Institutionen aufzubauen. Kritiker wenden dagegen ein, daß dies nur zu einem inakzeptablen Preis möglich wäre: den Verlust der Identität als katholischer Orden, wenn nicht sogar den Verlust seiner christlichen Identität. Das Hauptunterscheidungsmerkmal gegenüber anderen humanitären NGO’s wäre nicht mehr das Charisma des Ritter- und Hospitalordens, der in Jerusalem die Pilger betreute, die zu den heiligen Stätten pilgerten, der durch Jahrhunderte die Christenheit militärisch verteidigte und der immer Werke der tätigen Nächstenliebe mit den Werken der geistlichen Nächstenliebe verbunden.

„Doch wie man weiß, hat der ordensinterne Konflikt weit tiefere und schwerwiegendere Gründe, nicht zuletzt auch die ungeklärte Frage der mysteriösen 30 Millionen Euro“, so Sandro Magister. Mit ihnen hat nicht nur Boeselager zu tun, sondern ein weiterer der 15 Geladenen, der Libanese Marwan Sehnaoui. Sehnaoui war auch Mitglied der vatikanischen Untersuchungskommission, die mehrheitlich aus Boeselager-Vertrauten bestand, die mit ihm zudem direkt mit der mysteriösen Millionen-Affaire am Genfer See zu tun haben. Den Papst scheint das wenig zu bekümmern. Wer ihm zu Gesicht steht, den verteidigt er geradezu bedingungslos, wer ihm nicht zu Gesicht steht …

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons

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