Pentin: Kardinal Müller „sagte das genaue Gegenteil von allem, was er bisher gesagt hat“

Kardinal Müller bei TGcom24
Kardinal Müller bei TGcom24

(Rom) Der Rom-Korrespondent des National Catholic Register, Edward Pentin, faßte in seinem Artikel „Cardinal Müller’s TV Interview Causes Bewilderment“ (Kardinal Müllers Fernsehinterview verursacht Verwirrung) die Gründe für diese Irritationen über die jüngsten Aussagen des Glaubenspräfekten zusammen.

Der Artikel bezieht sich auf das TV-Interview von Kardinal Müller mit TGcom24 vom 8. Januar. Der Kardinal sagte darin:

„Jeder, vor allem die Kardinäle der Römischen Kirche, haben das Recht, dem Papst einen Brief zu schreiben. Es hat mich aber erstaunt, daß dieser öffentlich gemacht wurde, um den Papst fast zu zwingen, Ja oder Nein zu sagen. Das gefällt mir nicht. Auch eine brüderliche Zurechtweisung scheint mir sehr fern, in diesem Moment ist sie nicht möglich, weil es sich nicht um eine Gefahr für den Glauben handelt, wie der heilige Thomas gesagt hat.“

Und weiter:

Amoris laetitia ist sehr klar in seiner Lehre.“

Dergleichen hatte der Glaubenspräfekt bisher noch nicht gesagt. Unter Ausschluß der Öffentlichkeit war er vielmehr zu einem genau entgegengesetzten Schluß gelangt.

Pentin zitiert einen Offizial, der dem National Catholic Register vor kurzem anvertraute, daß ein Offiziale der Glaubenskongregation, die vor der Veröffentlichung am 8. April 2016 einen Entwurf von Amoris laetitia prüften, „ähnliche“ Zweifel erhoben, wie jene Dubia, die im Herbst von den vier Kardinälen vorgebracht wurden. Diese Zweifel wurden Teil der Korrekturvorschläge, die dem Papst von der Glaubenskongregation vorgelegt wurden. Wie Jean-Marie Genois bereits am 7. April im Le Figaro berichtete, also einen Tag vor der Pressekonferenz, auf der Kardinal Schönborn Amoris laetia der Öffentlichkeit vorstellte, handelte es sich dabei um dringend empfohlene Korrekturen im Umfang von „20 Seiten“.

„Ein anderer Offizial“, so Pentin, teilte vergangene Woche dem National Catholic Register mit, daß Kardinal Müller ihm persönlich gesagt habe, daß „die Glaubenskongregation [dem Papst] viele, viele Korrekturen [zu Amoris laetitia] übermittelt hatte, aber keine einzige von ihnen angenommen wurde“.

Vor diesem Hintergrund wird klarer, warum die jüngsten Aussagen von Kardinal Müller gegenüber TGcom24 große Irritationen auslösten. Pentin dazu:

„Es ist das genaue Gegenteil von allem, was er in der Sache bisher gesagt hat, und ich hatte den Eindruck von jemandem, der nicht für sich selbst sprach, sondern wiederholte, was jemand anderes ihm zu sagen aufgetragen hatte.“

Text: Giuseppe Nardi
Bild: TGcom24 (Screenshot)

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11 Kommentare

  1. Es ist ja wohl so, daß Herr Kardinal Müller schon oft genug von Papst Franziskus übergangen worden ist und dann auch noch durch die erzwungene Entlassung von 3 sehr guten Mitarbeitern sehr gedemütigt wurde. Kardinal Müller muß wie ein guter Boxer viele Schläge von Papst Franziskus hinnehmen. Vielleicht kann man zu Gunsten von Kardinal Müller sagen, daß er womöglich seine Ansichten nicht geändert hat, aber seine Strategie sozusagen- allerdings auch Anlaß für Mutmaßungen, ob er die wahre Lehre noch verteidigt, so wie die 4 Kardinäle Brandmüller, Burke, Caffarra und Meisner.
    Wenn man nicht weiterkommt, muß man zumindest nach außen nachgeben und sich dem Gegenüber ein Stückweit beugen. Vielleicht ist es so. Und andererseits: würde er mit wehenden Fahnen untergehen oder von selber abtreten, wäre der Kirche wahrscheinlich nicht gedient.
    Man kann sein Verhalten in dem Sinne positiv einschätzen, daß er immer noch auf seinem Posten ist und keine Nerven zeigt. Ob das dem Papst gefällt, ist eine andere Frage und welches seine nächsten Schritte gegen Kardinal Müller sein werden, wird sich zeigen.

  2. Ist Glaubenspräfekt Müller nun freiwillig eingeknickt oder wurde ihm zu verstehen gegeben, was er zukünftig von sich zu geben habe?
    Beide Möglichkeiten können ihn nicht glücklich machen.
    Wie fühlt er sich, was geht hinter seiner Stirn wirklich vor?
    Es ist erschreckend, was sich zurzeit abspielt. Das Vertrauen schwindet rapide.

  3. Wenn das wirklich so wäre, dass „er nicht mehr für sich selbst spricht, sondern das sagt, was ein anderer ihm aufgetragen hat“, dann hätten wir wieder eine Marionette mehr im Kasperle-Theater.

  4. Die Entlassung der Priester des Zuständigkeitsbereiches von Kardinal Müller
    ohne diesen vorher zu konsultiert zu haben, kommt einem Schuss vor den Bug gleich, den ein Mann wie Kardinal Müller sicherlich gut verstanden hat. Die neue Barmherzigkeit hat einen eiskalten Atem.

  5. 3 Entlassungen
    Ich vermute, daß diese eigentümliche Erklärung des Kardinales
    Müller nur zu erklären ist als seine Reaktion auf die vom Papst
    durchgesetzte Entlassung dreier seiner bewährten Mitarbeiter. Das
    war sozusagen ein Wink mit der päpstlichen Barmherzigkeitskeule:
    „Wenn Du nicht jetzt zu AL in meinem Sinne Dich äußerst…“. Denn
    es ist unvorstellbar, daß Kadinal Müller nicht die theologischen
    Schwächen und Mehrdeutigkeiten von AL überlesen könnte.
    Uwe C. Lay Pro Theol Blogspot

  6. Kardinal Müller hat Ende April 2016 (24.4.?) in Oviedo/Spanien einen längeren Vortrag über Amoris Laetitia gehalten, der am 3.5.2016 in der Tagespost vorgestellt und am folgenden Samstag in der gleichen Zeitung im Orginal abgedruckt worden ist. Die Schlagzeile der Voranzeige lautete:

    „Kardinal Müller: Papst hält an der Lehre seiner Vorgänger fest.
    Der Glaubenspräfekt sieht in dem nachsynodalen Schreiben von Franziskus keine Neuerungen für Wiederverheiratete.

    Aus dem Vortrag von Kardinal Müller seien für Herrn Pentin u.a. zur Rückerinnerung drei Sätze zur Kommunion für Wiederverheiratete Geschiedene wiederholt, wie sie die Tagespost vom 3.5.16 zitiert hat, woraus sich jene Konsequenzen ergeben, die der Präfekten der Glaubenskongregation gemäß der Schlagzeile der Voranzeige gezogen hat:

    – „Hätte AL eine so verwurzelte und so gewichtige Disziplin aufkündigen wollen, hätte es sich deutlich ausgedrückt und die Gründe dafür angegeben. Es gibt jedoch darin keine Aussage in diesem Sinne. Der Papst stellt in keinem Augenblick die Argumente seiner Vorgänger in Frage. Diese basieren nicht auf der subjektiven Schuld dieser unserer Brüder und Schwestern, sondern auf der sichtbaren, objektiven Lebensführung, die den Worten Christi entgegengesetzt ist.“

    - „Der Grundsatz ist, dass niemand ein Sakrament – die Eucharistie – wirklich empfangen wollen kann, ohne gleichzeitig den Willen zu haben, den anderen Sakramenten, darunter dem Ehesakrament, gemäß zu leben. Wer auf eine dem Eheband entgegengesetzte Art und Weise lebt, widersetzt sich dem sichtbaren Zeichen des Ehesakraments.

    - Was seine Existenz im Leib betrifft, macht er sich zum ,Gegenzeichen‘ der Unauflöslichkeit, auch wenn ihn subjektiv keine Schuld trifft. Gerade deshalb, weil sich sein Leben im Leib dem Zeichen entgegenstellt, kann er nicht zum höchsten eucharistischen Zeichen gehören, in dem sich die menschgewordene Liebe Jesu manifestiert,indem er die Kommunion empfängt. Würde ihn die Kirche zur Kommunion zulassen, so würde sie das begehen, was Thomas von Aquin , Falschheit in den sakramentalen Zeichen‘ nennt.“

    Der betreffende Satz in AL Nr. 8/305 lautet:
    „Aufgrund der Bedingtheiten oder mildernder Faktoren ist es möglich, dass man mitten in einer objektiven Situation der Sünde – die nicht subjektiv schuldhaft ist oder es zumindest nicht völlig ist – in der Gnade Gottes leben kann, dass man lieben kann und dass man auch im Leben der Gnade und der Liebe wachsen kann, wenn man dazu die Hilfe der Kirche bekommt.“
    Die dazugehörige Fußnote 351 lautet: „In gewissen Fällen könnte es auch die Hilfe der Sakramente sein. Deshalb » erinnere ich [die Priester] daran, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn « (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium [14. November 2013], 44: AAS 105 [2013], S. 1038). Gleichermaßen betone ich, dass die Eucharistie » nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen « ist ( ebd., 47: AAS 105 [2013], S. 1039)[351].

    Kardinal Müller ist im Recht, wenn er sagt, dass sich die Fußnote 351 weder speziell auf „Wiederverheiratete Geschiedene“ beziehen, noch diese indirekt einschließen kann. Daher sagt er: „Ohne näher darauf einzugehen, reicht es aus, darauf hinzuweisen, dass sich diese Fußnote auf objektive Situationen der Sünde im Allgemeinen bezieht, nicht auf den speziellen Fall der zivil wiederverheirateten Geschiedenen. Denn die Situation der Letztgenannten hat eigentümliche Züge, die sie von anderen Situationen unterscheidet.“

    Folgende Begründung wäre zu ergänzen: Da jede Wiederverheiratung einer/es Geschiedenen, obwohl sie den Worten Jesu und damit dem Willen Gottes entgegensteht, aus freiem Willen geschieht, ist sie nicht nur objektiv, sondern eindeutig auch „subjektiv schuldhaft“. Nichtwissen scheidet angesichts der Tatsache aus, dass im sakramentalen Eheschließungsversprechen „… bis dass der Tod euch scheidet“ der Willen Gottes im vollen Bewusstsein bejaht worden ist. Somit erübrigt sich eine Diskussion, ob bei der Wiederverheiratung der eine oder andere Beteiligte doch nicht auch ein wenig unschuldig gewesen ist.

    Damit schied wohl von allen Anfang an für den Präfekten der Glaubenskongregation Ludwig Kardinal Müller die Zulassung Wiederverheirateter Geschiedener zur Hl. Kommunion unter Bezugnahme auf Fußnote 351 aus!

  7. Mir scheint, dass zwischen den Zeilen seiner Aussagen mehr steht als in den Zeilen. Wenn Kardinal Müller so sehr betont, dass ihn die Veröffentlichung der Dubia gestört habe, heisst das doch, dass er mit dem Inhalt einverstanden ist. Und wenn er sagt, eine Zurechtweisung sei nicht möglich, weil der Glaube nicht bedroht sei (mit dieser Begründung!), dann heisst das doch, dass eine Zurechtweisung zwar angebracht wäre, aber eben nicht möglich sei. Der Druck auf ihn ist wohl enorm , aber seine wahre Haltung scheint durch seine Formulierungen hindurchzuschimmern.

  8. Doppelzüngigkeit ist die Sprache Satans. Was ist nun in Kardinal Müller gefahren? Ist nun die letzte Bastion des wahren Glaubens gefallen? Hat nun der totale Glaubensabfall Rom erreicht? Haben die Freimaurer die totale Macht übernommen? Seit dem 2. Vatikanischen Konzil hat der Heilige Geist auf „wunderbare“ Weise gewirkt. Ist es der wahre Heilige Geist, oder ist der derjenige Geist, der die Maske der Heiligen Geistes trägt und wundersame Wunder wirkt? Wessen Geist ist die neue Barmherzigkeit?
    Die wenigen Getreuen werden sich an heilige Orte zurückziehen. Halten wir Jesus, unserm Herr und Gott die Treue und lassen wir uns von der Gottesmutter und dem Geist Jesu führen. Folgen wir dem Heiligen Maximilian Kolbe und der militia immaculatae:
    „Sie wird dir das Haupt zertreten.” (Gen 3, 15)
    „Du allein hast alle Häresien auf der ganzen Welt besiegt.”
    (aus dem röm. Brevier)

    • Geehrter @Johann,

      1. Was oder wer in Kard. Gerhard Müller gefahren ist, weiß ich nicht- kann es jedoch schon vermuten. Es ist in soweit auch unwichtig, als ich zuallererst für mein Heil zuständig bin, und Kard. Müller primär für das seinige. Das wird er dann selbst vor dem Richterstuhl Gottes zu erklären haben.
      2. Ob Kard. Müller nun wirklich „die letzte Bastion des wahren Glaubens“ ist: da habe ich doch starke Zweifel.
      Ich kenne sehr viele Menschen, nicht selten einfache, die viel mehr den Titel „letzte Bastion des wahren Glaubens“ für sich beansprüchen könnten- und darüber hinaus soviel Demut haben, es nicht zu tun.
      3. Wie man schon seit vielen Monaten sieht, hört und weiß, hat tatsächlich der totale Glaubensabfall Rom erreicht.
      4. Die Spitze im Vatikan kokettiert tatsächlich zu Paß und zu Unpaß mit Freimaurersymbolen und kaballistischer Esoterik, um von „Magie“ (sei sie nun schwarz oder weiß) zu schweigen.
      Tibi Christe splendor Patris
      Sub tuum Praesidium

    • Müller war doch nie wirklich konservativ. Das gilt ganz unabhängig von dem, was er jetzt in dieser Frage sagt. Er ist Lehmannschüler, und das führt nun einmal zwangsläufig zu K. Rahner SJ.

  9. Papst Franziskus hat sich mit „Amoris Laetitia“ zu Beginn des Jahres 2014 im Vorfeld der Familiendoppelsynode 2014/15 durch seine öffentliche Positionierung auf Seiten des relativistischen Modernisten Walter Kardinal Kasper und seiner Gefolgsleute im Vatikan, im deutschen Episkopat, in den deutschen Universitäten, sowie unter den Jesuiten in Rom und im deutschsprachigen Raum in jene Sackgasse manövriert, in der er sich jetzt befindet und die ihn zum Schweigen gegenüber den 5 Fragen der 4 Kardinäle zwingt. Für den offenen Weg, Amoris Laetitia wie Ludwig Kardinal Müller im Lichte der Tradition zu lesen, was möglich wäre, kann er sich angesichts des Aufwands der Dialogprozesse zur Vorbereitung der Doppelsynode und dieser selbst, aus seiner eigenen modernistischen Interessenslage und dem daraus resultierenden reformistischen Sendungsbewusstsein leider nicht entscheiden. Dazu wäre es notwendig, die Zweifel der Kardinäle im Sinne der geltenden Ehelehre der Kirche auszuräumen und zivil wiederverheirateten Geschiedenen, die in fortgesetzter Intimität leben, nach den Bedingungen von CF den Empfang von Beichte und Altarssakrament zu verwehren. Anderseits kann er sich aber nicht mehr, wie er es vorgehabt hatte, auf die Theologie Kaspers stützen, die den Weg freigemacht hätte, zur uneingeschränkten Zulassung aller zivil wiederverheirateten Geschiedenen zu den besagten Sakramenten.
    Denn Kardinal Kasper hat auch zur Doppelsynode seine theologischen Positionen wieder den Ergebnissen der längst umstrittenen, kirchlich niemals übernommenen Spätdatierungshypothese aus der protestantischen Leben-Jesu-Forschung entnommen, die 20 der 27 neutestamentlichen Schriften, darunter vor allem die vier Evangelien, einer späten, unkontrollierten Gemeindetheologie zuordnet und damit das durch die apostolischen Zeugen überlieferte Wort Gottes zu einem jederzeit relativierbaren Menschenwort degradiert, das je nach Bedarf den jeweiligen Lebensrealitäten angepasst werden könne.
    Bereits in seiner „Einführung in den Glauben“ (1972) ging Walter Kasper von der Tatsache der Spätdatierung aus und verstrickte sich in Irrtümern, denen 1994 von Papst Johannes Paul II./ Kardinal Ratzinger widersprochen worden ist. Doch Kardinal Kasper hat nicht aufgegeben und nach eigenem Bekunden dazugelernt, aber seine Schlussfolgerungen nie bestritten: Wenn vom historischen Jesus in den späten, nicht authentischen Evangelien keine endgültige Wahrheit Gottes, sondern nur Relatives von Menschen überliefert ist, kann die Kirche keine absolute Wahrheit lehren. Daher ist Wahrheit für ihn nichts Absolutes, sondern ein laufendes „Geschehen“, das man nicht festhalten könne – auch nicht in Dogmen.
    Doch die Hypothese von der Spätdatierung ist mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit falsch und damit alles, was Kardinal Kasper an Theologischem aus ihr ableitet.

    Denn im falschen Vertrauen auf die Ergebnisse der protestantischen Leben-Jesu-Forscher hat er als gelernter Dogmatiker den folgenden Faktoren Glauben geschenkt: Dass erst nach der Tempelzerstörung zwischen 70 und 100 mündlich umherirrendes, dabei bereits verändertes Jesusmaterial von unbekannten Verfassern zu unbekannten Zeiten unter falschen Namen in unbekannten Gemeinden, unabhängig voneinander gesammelt, geordnet, erweitert, zum Teil aus dem Alten Testament herausgesponnen, mythologisch überformt, an den Zeitgeist angepasst und endlich zu vier Evangelien verschriftet worden ist, in Gesellschaft mit weiteren 16 Schriften ebenso unbekannter Herkunft, alles geschrieben von Gemeindetheologen, die niemand gesehen und gekannt hat und die unreflektiert von Juden und Heiden, wieder spurlos im Dunkel der Geschichte verschwunden sind.
    Berechnet man die mathematische Wahrscheinlichkeit des gleichzeitigen Eintreffens all dieser Faktoren zwischen den Jahren 70 und 100, so erhält man einen Wert von 1:1000000000 (in Worten: eins zu 1 Milliarde). Das heißt: Wenn die Spätdatierung nur zu einem Milliardstel richtig sein kann, muss die historisch-kritische Hypothese von der Spätdatierung nach menschlichem Ermessen falsch sein und damit alles, was aus ihr abgeleitet wird.

    Damit bleibt richtig, dass die von Jesus Christus geoffenbarte und in den Evangelien apostolisch bezeugte Wahrheit Gottes in menschlicher Sprache, gesichert im geistgeleiteten Lehramt der Kirche, aus dem göttlichen Wort und nicht aus jederzeit relativierbaren Menschenworten besteht. Daher müssen die Worte Jesu zu Ehe und Ehebruch nach wie vor als apostolisch authentisch überliefertes und damit als verbindliches Wort Gottes von allen begriffen und geglaubt werden, die ein Leben in römisch-katholisch rechter Weise führen wollen.
    Spätestens im Sommer 2015 musste auch Papst Franziskus erkennen, dass die römisch-katholische Kirche nach Jesu authentischem Wort für einen modern-relativistischen Weg in eine „große Zukunft“ (Kardinal Marx) kein Mandat hat. Den richtigen Weg hat Jesus unmittelbar vor Seinem Tod am Kreuz gewiesen: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; keiner kommt zum Vater, außer durch mich“ (Joh 14,6).
    Was war zu tun?
    Im Mai 2015 wurde in der römischen Gregoriana unter jesuitischer Leitung eine mehrtägige Modernisten-Konferenz abgehalten, der Kardinal Kasper allerdings nicht mehr angehörte. Das Thema war dem Vernehmen nach: „Liebe in der Ehe“, dessen Ergebnisse noch vor der Ordentlichen Synode 2015 formuliert worden sind. Das nachsynodale Schreiben „Amoris Laetitia“ ist demnach ein, wenn auch doppelbödiger Kompromiss zwischen der bisherigen Lehre der Kirche und den ursprünglichen, wesentlich weitergehende, aber schlussendlich nicht erfüllten Reformvorstellungen der modernistischen Kasperianer im Umfeld von Papst Franziskus. Dass es sowohl im Sinne der Tradition, als auch als „Türöffner“ im Sinne der Modernisten gelesen werden kann, ist ein relativ dürftiges Ergebis eines enormen Aufwands. Daher will es Papst Franziskus gegen die antithetisch wirkenden „Dubia“ der vier Kardinäle zumindest bis in eine gewisse Zukunft retten, bevor er aus einer Distanz der Reflexion lehramtlich und in Latein Abschließendes sagen kann – und will. Bis dahin muss wohl Kardinal Müller erst einmal den Druck von ihm nehmen. Dafür kann man Verständnis aufbringen.

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