Schule von Bologna wirbt für Tagle als Papst-Nachfolger – „Vollkommener Franziskus-Interpret“

Kardinal Luis Antonio Tagle: Für Alberto Melloni, den Leiter der "Schule von Bologna" der "vollkommene Interpret" von Papst Franziskus
Kardinal Luis Antonio Tagle: Für Alberto Melloni, den Leiter der "Schule von Bologna" der "vollkommene Interpret" von Papst Franziskus

(Rom) Der progressive Kirchenhistoriker Alberto Melloni, Leiter der Schule von Bologna, rührte vergangene Woche eifrig die Werbetrommel für ein Gesprächsbuch des philippinischen Kardinals Luis Antonio Tagle. Das Buch mit stark autobiographischen Zügen will Melloni als vorzeitige Bewerbung um die Franziskus-Nachfolge im nächsten Konklave verstanden wissen.
Alberto Melloni ist für die Öffentlichkeit im deutschen Sprachraum ein Unbekannter, nicht aber für Kircheninsider. Die von Pino Alberigo (1926-2007) gegründete Schule von Bologna, die eigentlich, „Stiftung für Religionswissenschaften Johannes XXIII.“ heißt, hält noch immer eine Art Weltmonopol der Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Gründungsziel der Schule ist es, die auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil angestrebte und in der Nachkonzilszeit teilweise umgesetzte progressive „Wende“ der katholischen Kirche irreversibel zu machen. Ein Instrument dafür war die Eroberung der Deutungshoheit über das Konzil. Von der Schule von Bologna stammt die „Hermeneutik des Bruchs“, deren wichtigster Verfechter sie ist. Dazu wurde eine fünfbändige Konzilsgeschichte erarbeitet und ein weitgehendes Auslegungsmonopol erobert. Die Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils sollte die progressive Stoßrichtung einzementieren. Papst Benedikt XVI. setzte diesem Monopol seine „Hermeneutik der Kontinuität“ entgegen und versuchte sie dadurch zu überwinden.

Deutungshoheit über das Konzil und der Umbau der Kirche

Mit Geldern der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) wurde auch eine deutsche Ausgabe herausgegeben. Die Förderung der Schule von Bologna durch die Deutsche Bischofskonferenz folgte dabei einer inneren Logik. Die Bischöfe des deutschen Sprachraumes waren die Promotoren, die Organisatoren und die Infanterie des progressiven Lagers beim Konzil.

Das Institut wird aufgrund der guten politischen Vernetzung faktisch vom italienischen Steuerzahler finanziert. Paolo Prodi, Bruder des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten und Präsidenten der EU-Kommission (1999-2004), Romano Prodi, gehörte zu den Gründern der „Schule“.

Alberto Melloni
Alberto Melloni

In der Vergangenheit hatte sich ein anderer Kardinal frühzeitig selbst zum Kandidaten im Konklave gemacht, und dazu das Mittel der Autobiographie genützt. Der Jesuit Carlo Maria Martini wurde zum „ewigen“ Gegenspieler von Papst Johannes Paul II., obwohl er diesem die Ernennung zum Erzbischof von Mailand und die Erhebung in den Kardinalsstand verdankte. Der 2012 verstorbene „Ante-Papst“, als der sich Martini selbst bezeichnete, sollte allerdings ewiger Kandidat bleiben. Erst seinem Mitbruder Jorge Mario Bergoglio gelang, was Martini verwehrt blieb, weshalb die Zugehörigkeit beider zum Jesuitenorden nicht als Zufall zu sehen ist.

Kardinal Luis Antonio Tagle gehört nicht dem Jesuitenorden an. Es ist allerdings bekannt, daß progressive Kreise Ausschau nach einem Nachfolger für Papst Franziskus halten, der Mitte Dezember 80 wird. Melloni tut es mit seiner Buchbesprechung kaum überhörbar. Der Aufwind, den diese Kreise nach der als „restaurativ“ abgelehnten Phase von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. verspüren, soll nicht so schnell wieder verlorengehen.

„So spricht die Kirche wieder von den Armen“

Für seine Rezension des Tagle-Buches, die mehr einem überschwenglichen Loblied ähnelt, standen Melloni die Spalten von La Repubblica offen, bekanntlich die „einzige Tageszeitung“, die Papst Franziskus nach eigenen Angaben liest.

„So spricht die Kirche wieder von den Armen“, schreibt der Kirchenhistoriker im Titel. Das Buch schildere „die Geschichte eines Priesters an der Seite der Letzten, der die Botschaft von Franziskus voll und ganz interpretiert“. Das Sprechen über die „Armen“ sei in den vergangenen Jahrzehnten, den Pontifikaten des polnischen und deutschen Papstes, eine „verleugnete Prophetie“ gewesen.

„Prophetie im biblischen Sinn“, so Melloni, sei nicht, die Zukunft vorhersagen zu wollen. Die Prophetie sei „etwas ganz anderes“, nämlich eine „verbale oder nonverbale Geste“, die zeige, wo der Einzelne „im Dilemma der Geschichte zwischen Unterdrückten und Unterdrückern“ stehe. In diesem Sinne „prophetisch“ sei der von Johannes XXIII. am 11. September 1962, einen Monat vor Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils, gesprochene Satz: Die Kirche wolle „die Kirche aller sein, aber vor allem die Kirche der Armen“.

„Prophetische Geste in einer [dafür] noch nicht reifen Kirche“

Papst Franziskus mit Kardinal Tagle (Manila 2015)
Papst Franziskus mit Kardinal Tagle (Manila 2015)

Melloni verblüfft mit seiner „exklusiven“ Interpretation dieses Satzes, obwohl gerade „Inklusion“ als Schlagwort eine Hochkonjunktur erlebt. Der Konzilspapst habe mit dem Satz, so der Historiker, „nicht eine arme Kirche“ gemeint, auch nicht eine Kirche, die sich um die Armen kümmere, sondern eine „Kirche der Armen“. Dieses „spirituelle Programm“ sei damals „marginal“ gewesen und habe sich auf die Erfahrung französischer Theologen beschränkt. Es war jedenfalls „kein kirchliches Programm“. Selbst als Kardinal Lercaro auf dem Konzil den Vorschlag unterbreitete, „das Geheimnis des armen Christus“ zum Grundgerüst der Konzilsarbeiten zu machen, sei dieser ungehört verhallt. Es sei eine „prophetischer Geste in einer [dafür] noch nicht reifen Kirche“ gewesen, so Melloni.

Kardinal Lercaro war einer der vier Konzilsmoderatoren und damals Erzbischof von Bologna. Als solcher war er tatkräftiger Gründungspate der Schule von Bologna.

Das Thema der „Kirche der Armen“ sei dann aber, so Melloni, wieder von der kirchlichen Tagesordnung, aus dem Lehramt, der Theologie und der Verkündigung verschwunden. Stattdessen habe es die „Mobilisierung“ für das „Ehrenamt“ gegeben. Etwas was man tun könne oder auch nicht. Damit werde der historischen Zwangsläufigkeit aber nicht Rechnung getragen, weil die „Kirche der Armen“ keine Option sei, sondern ein Muß. Nur in Lateinamerika sei sie durch die Befreiungstheologie wachgehalten worden.

„Dann kam Papst Franziskus“

„Dann kam Papst Franziskus“, und mit ihm die „heftige Rückkehr“ zu einem Programm, das ein halbes Jahrhundert „verdrängt“ worden sei. Melloni erweitert dieses „Programm“ fliegend zu einer „Kirche der Armen und der Armut“.

Papst Franziskus setze diese „Wiedergewinnung“ auch durch seinen Regierungsstil um, indem er Bischöfe ernennt, die „imstande sind, diese Dimension in den Ortskirchen zu interpretieren“. Diese Vorgehensweise habe „einige kirchliche Teile erschreckt“, die ihre „Seilschaften bedroht“ sehen, und die Kirche zur Gefangenen der „Mittelmäßigkeit“ gemacht habe. Als Beispiel für diese Ernennungspolitik des Papstes nennt Melloni die Berufung von Corrado Lorefice zum Erzbischof von Palermo und Matteo Zuppi zum Erzbischof von Bologna. Beide seien als „Straßenpriester“ verschrien.

Herausragendes Beispiel: Tagle

Das herausragendste Beispiel sei jedoch Luis Antonio Tagle, Erzbischof von Manila auf den Philippinen. Auch er werde als „Straßenpriester“ herabgesetzt, indem man seine hohe theologische und intellektuelle Bildung übersehe. Das neue Buch „Ich habe von den Letzten gelernt“ (hrsg. von Lorenzo Gerolamo Fazzini, Verlag Emi) lege diese nun endlich offen. Mit 25 Jahren habe ihn ein „eifriger Bischof“ bereits zum Regens seines Priesterseminars gemacht. Besonders betont Melloni Tagles Mitarbeit an der fünfbändigen Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Daß Tagle der von Melloni geleiteten Schule von Bologna angehört, erwähnt er nicht ausdrücklich. Wer es weiß, der versteht.

"Ich habe von den Letzten gelernt"
Tagle-Buch: „Ich habe von den Letzten gelernt“

Nicht unerwähnt läßt der Historiker hingegen, daß Tagle von Joseph Kardinal Ratzinger in die Internationalen Theologenkommission berufen wird, und es Ratzinger mit seiner intellektuellen Schwäche für Theologen ist, der dem Filipino eine internationale Karriere ermöglicht.

Tagle wiederum erwähnt in seiner „Autobiographie“ nicht, daß er wegen seiner Zusammenarbeit mit der Schule von Bologna von der Glaubenskongregation vorgeladen wurde. Melloni hingegen begeistert diese Episode, sodaß er sie wie eine Kriegstrophäe schwenkt. Was sich einmal in der Karriere nicht so gut machte, gilt derzeit – zumindest in den Augen einiger progressiver Kreise – wie ein Ritterschlag oder eine Information, die offenbar bestimmten Teilen in- und außerhalb der Kirche signalisieren soll, daß Kardinal Tagle der „richtige Mann“ für die Nachfolge von Papst Franziskus sei.

Denn: Johannes XXIII. habe „prophetisch“ die „Kirche der Armen“ verkündet. Seine Nachfolger hätten dies schnell wieder unterdrückt. Dann kam Franziskus, um sie kraftvoll wieder freizulegen, und Tagle sei ihr „vollkommener Interpret“.

Die Geschichtsachse, so Melloni, lasse keinen anderen Weg zu als den der „Kirche der Armen“. Man könne ihn eine Zeitlang unterdrücken, doch komme er immer wieder.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL/SMM (Screenshots)

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2 Comments

  1. Tagle gehört der Schule von Bologna an. Die Kirche Jesu Christi ist zeitlos und konsistent,von Christus gestiftet, wir brauchen keine Hermeneutik des Bruches und eine Weiterführung des dauernden Gefühls der Trennung von Mitkatholiken. Es braucht wieder das Gefühl der Einheit zwischen der Kirche unserer Vorfahren und unserer Nachkommen, eine Integration und Umorientierung des 2. Vatikanums. Leider hat die katholische Kirche mit dem Aggiornamento die moralische Instanz an die Welt abgegeben und die westliche Welt dem Sumpf der Dekadenz überlassen

  2. Der Artikel passt perfekt.
    Wer „bestimmt“ den Papst ?
    Wer kennt die Probleme der Kirche ?
    Heute ist das Fest des hl. Albert des Grossen.
    Fragen wir ihn !
    Wie gesagt: „Nicht ihr habt mich erwaehlt sondfern ich euch“ !

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