Tercermundismo, Volkstheologie, Opcion por los pobres – Die „Chinesen“ in der argentinischen Kirche

Oscar Eduardo Miñarro, der von Papst Franziskus ernannte neue Weihbischof von Merlo-Moreno: "Revision der Liturgie für eine kreative Inkulturation", "Abschaffung des Priesterzölibats" ...
Oscar Eduardo Miñarro, der von Papst Franziskus ernannte neue Weihbischo von Merlo-Moreo

(Buenos Aires) Papst Franziskus ernannte am 19. September Oscar Eduardo Miñarro zum Weihbischof der argentinischen Diözese Merlo-Moreno. Der 1960 in Buenos Aires geborene neue Bischof ist ein Vertreter einer bestimmten argentinischen „Tradition“: des rebellischen Linksdralls der Dritte-Welt-Ideologie, dem Papst Franziskus nicht nur in Argentinien Blumen streut.

„Im Verborgenen weiterkämpfen, von unten, bis günstigere Zeiten kommen“

Einige argentinische Diözesen werden „wie zu Feudalzeiten“ geführt. Sie werden von einer Clique beherrscht, die sich gegen stützt. Sie verwandeln sich in „regelrechte Bastionen des Widerstandes und des Kampfes, allerdings nicht des ‚guten Kampfes‘“, von dem der Apostel Paulus spricht, so InfoCatolica. Es ist ein Geist des Widerspruchs, der in diesen „Bastionen“ herrscht. Es ist der Geist eines Pedro Casaldaliga, des ehemaligen Bischofs von Sao Felix in Brasilien. Der spanische Claretiner und marxistische Befreiungstheologe kritisierte öffentlich die Wahl von Papst Benedikt XVI. Auf die Frage, was er nun tun werde, antwortete Casaldaliga 2005:

„Wir werden im Verborgenen weiterkämpfen, von unten, bis günstigere Zeiten kommen.“

Priesterbewegung für die Dritte Welt (MSTM)

Diese linksideologische Militanz findet sich in einigen argentinischen Diözesen bis heute. In diesen Diözesen fand dieser Geist durch die Bischöfe strukurellen Rückhalt in den Institutionen. Seinen bekanntesten Niederschlag fand er in Argentinien im 1967 gegründeten Movimiento de Sacerdotes para el Tercer Mundo, der „Priesterbewegung für die Dritte Welt“ (MSTM). Das war im Grunde die religiöse Varianten einer radikal linken, politischen Bewegung deren Chiffren „die Gerechtigkeit“ und „die Armen“ sind. In Argentinien stand sie dem Linksperonismus und dem Marxismus nahe. 1969 veröffentlichte die MSTM eine Erklärung zur Unterstützung revolutionärer, sozialistischer Bewegungen und der Verstaatlichung der Produktionsmittel. Der damalige Erzbischof-Koadjutor von Buenos Aires, Juan Carlos Aramburu, ermahnte sie öffentlich, von politischen Erklärungen Abstand zu nehmen.

Zeitgenössische Kritik am Tercermundismo
Zeitgenössische Kritik am Tercermundismo: „Beten genügt nicht mehr“

Über den „richtigen (politischen) Weg“ kam es 1973 zur Spaltung der MSTM. Ein Teil unterstützte den zentralistischen Linksperonismus, ein anderer wollte eine „horizontale“ Lösung durch Basisgemeinden, andere schlossen sich dem bewaffneten, revolutionären Kampf von Che Guevara an. Mindestens ein Drittel gab das Priestertum auf, um zu heiraten. Die Militärdiktatur in Argentinien machte die MSTM 1976 handlungsunfähig. Nach dem Ende der Diktatur gab es zwar die MSTM nicht mehr, aber deren Ideen, waren noch lebendig und begannen in neuem Kleidern aufzutraten.

Die MSTM-Priester gehörten gewissermaßen zur Ecclesia militans, jedoch mit einem ganz irdisch-materiellen Verständnis von Militanz, dem der linken Guerilleros. Brigadegeneral Eliseo Ruiz, Kommandant des Militärischen Abwehrdienstes von Argentinien, schrieb 1970 über sie:

„Die gefährlichsten Agitatoren sind heute die Priester der Dritten Welt, besonders jene der marxistischen oder maoistischen extremen Linken.“

Gramscis „kulturelle Hegemonie“

Der Tercermundismo ging Hand in Hand mit den Ideen des Kommunistenführers Antonio Gramsci, dessen These von der „kulturellen Hegemonie“ übernommen wurde. Durch ideologische Subversion des Kulturbereichs sollte das allgemeine Empfinden verändert werden, um die Katholiken  zu „treuen Dienern der Revolution“ zu machen, die „von innen“ heraus die Kirche verändern.

Der wegen Ungehorsam nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Jesuitenorden ausgeschlossene und bis 1966 vom Priestertum suspendierte, antiliberale Argentinier Leonardo Castellani (1899-1981) beschrieb 1970 das Phänomen:

„Ihre Sprache ist die der Politiker, vermischt mit der protestantischer Pastoren. Sie haben bereits mehr Erklärungen abgegeben als [Ricardo] Balbín [führender Vertreter der linksliberalen Unión Cívica Radical UCR]. Als höchste Autorität werden die Evangelien behauptet, auf die Fahne schreibt man sich die Befreiung der Armen, das Ziel ist die Reform der Kirche oder eben die Gründung einer anderen, neuen, ihre Magna Charta ist Medellín.“

Magna Charta Medellín

Gemeint ist das Abschlußdokument der II. Generalversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) von 1968, auf das die Befreiungstheologie entscheidenden Einfluß hatte. Autoren des Dokuments waren die Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez und Lucio Gera, die im Auftrag progressiver Bischöfe wie Helder Camara als CELAM-Berater auftraten. Das Medellin-Papier gilt als das kirchliche Dokument, das sich am weitesten dem Marxismus öffnete.

Zeitgenössische Kritik am Tercermundismo
Politische Kunst in Kuba für die Befreiungstheologie

Lucio Gera, ein Argentinier italienischer Abstammung, war einer der Gründer und Vordenker des MSTM und der Teologia del Pueblo (Volkstheologie), die als Zweig der Befreiungstheologie anzusehen ist. Gera gilt in der Zeit von 1960-2000 als der einflußreichste Theologe Argentiniens, der zusammen mit dem argentinischen Jesuiten Juan Carlos Scannone, einem anderen Vertreter der Volkstheologie, maßgeblich das Denken Jorge Mario Bergoglios prägte. Sowohl Gera als auch Scannone wurden an bundesdeutschen Universitäten promoviert. Der genaue Einfluß auf Papst Franziskus ist nicht geklärt. In seiner Sprache, besonders seinen politischen Aktivitäten (Kontaktsuche zur radikalen Linken) und seinen politischen Manifesten (Rom 2014, Santa Cruz de la Sierra 2015) ist eine befreiungstheologische Prägung nicht zu überhören. An deren genaue Einordnung hat sich noch niemand gewagt.

Die Clique der „Chinesen“ – Johannes Paul II. ist „gaga“

Die Priesterbewegung für die Dritte Welt (MSTM) blieb ein kurzlebiges Phänomen, doch ihre Ideenwelt wirkt bis heute weiter, besonders in einigen Diözesen der Kirchenprovinz Buenos Aires, so in den Bistümern Merlo-Moreno und Moron. Liturgischer und doktrineller Ungehorsam, der diese Diözesen kennzeichnet, gilt als subversives Merkmal dieses Fortbestehens. Die Angehörigen dieser Richtung werden in Argentinien zuweilen „Chinesen“ genannt, wahrscheinlich in Anspielung auf ihre maoistische Vergangenheit.

In Moron ging Bischof Justo Oscar Laguna (1980-2004), ein Freund der Medien und der politischen Linken, seinerzeit soweit, die Tötung ungeborener Kinder durch Abtreibung zu rechtfertigen, oder zu behaupten, daß Scheidung „nur für Katholiken ein Übel“ sei, daß Papst Johannes Paul II. „gagá“ (plemplem) sei und es überhaupt besser wäre, wenn er zurücktreten würde. Wie sein sieben Jahre jüngerer Metropolit Jorge Mario Bergoglio pflegte Laguna vor allem einen intensiven Dialog mit Juden, Protestanten, Muslimen. Mit einem Rabbinen schrieb er das Buch „Alle Wege führen nach Jerusalem (und auch nach Rom)“.

Argentiniens politischer „Märtyrer“

Bischof Enrique Angelelli
Bischof Enrique Angelelli

Vergleichbare Wege gingen Bischof Miguel Hesayne von Viedma, der das Dritte-Welt-Manifest von Helder Camara unterzeichnete, Bischof Jaime de Nevares von Neuquén, Bischof Enrique Angelelli von La Rioja, der wegen seiner politischen Aktivitäten wahrscheinlich im Auftrag der Militärjunta bei einem als Autounfall getarnten Attentat ums Leben kam. Angelelli wird heute in argentinischen Linkskreisen – ähnlich wie Oscar Romero – als „Märtyrer“ verehrt. Diese Fehlinterpretation von Martyrium, das nur Personen gilt, die in odium fidei getötet werden, wird allerdings von Papst Franziskus durch seine Heiligsprechung von Erzbischof Romero unterstützt.  Zu nennen ist auch Bischof Jorge Casaretto von San Isidro, der nach seiner Emeritierung Apostolischer Administrator des Bistums Merlo-Moreno wurde, als 2012 dessen erster Bischof Fernando Bargallo, nach einem Skandal wegen einer „intimen Freundin“, zurücktreten mußte. Bargallo war seit 2005 Vorsitzender der argentinischen Caritas und des Caritas-Sekretariats von Lateinamerika und der Karibik. Die Liste wäre noch fortzusetzen. In einer der „Chinesen“-Diözesen fand Bargallo Aufnahme als „Missionar“.

Die den Ideen der MSTM nahestehenden Priester und Kirchenkreise zeichnen sich nicht nur durch ideologische Gemeinsamkeiten, sondern auch durch einen großen Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung aus. Der marxistische Klassenkampf spielt in ihrer modernistischen Theologie, die durch weitere Elemente wie Indigenismus, liturgischer Anarchismus, sozialpolitischer Horizontalismus, Ökologismus erweitert wird, nach wie vor eine zentrale Rolle. Das kirchliche Wirken in diesen Diözesen ist von politischem Aktionismus geprägt.

„Vorbilder Oscar Romero und Enrique Angelelli“

Mit Oscar Eduardo Miñarro wurde von Papst Franziskus ein Vertreter dieser Richtung zum Weihbischof der argentinischen Diözese Merlo-Moreno ernannt. Miñarro stellte sich nach seiner Ernennung selbst in eine klare Reihe, indem er Personen nannte, die ihn geprägt haben: von Bischof Bargallo habe er das „Verantwortungsbewußtsein“, von Bischof Maletti die „Barmherzigkeit“, von Bischof Casaretto die „Entschlossenheit“, um hinzuzufügen: „Ich habe große Vorbilder wie Oscar Romero und Enrique Angelelli. Sie sind wie ein immenser Horizont.“

Oscar Eduardo Miñarro wurde von Bischof Laguna zum Priester geweiht. In der Diözese Merlo-Moreno war er Diözesanverantwortlicher für die Berufungspastoral, Mitglied des Priesterrats, Bischofsvikar für das Bildungswesen und zuletzt Generalvikar.

2012 veröffentlichte er für Studenten der Kommunikationswissenschaften der Universität Buenos Aires eine „selbstkritische Sicht der katholischen Kirche“ und publizierte dazu Bilder von „Ikonen“ der argentinischen Linken. Er warf den „Religionen generell“ vor, die Menschen in Dogmen, Traditionen und Zelebrationen „gefangen“ zu halten und dadurch das „wahre Fühlen des Religiösen“ verdunkelt zu haben. Seines Erachtens sei der religiöse Mensch gerufen, einige „Befreiungsprozesse“ als Ausdruck des wahren Lebensgefühls zu begleiten. Leider seien Religionen „große Manipulatoren der Gewissen“.

„Für mich existieren keine Gewißheiten“

Die antimetaphysische Formung des neuen Weihbischofs kommt in weiteren Aussagen zum Ausdruck: „

„Für mich existieren keine Gewißheiten. Ich befinde mich auf dem Weg. Ich persönlich habe keinen Zweifel an der Existenz Gottes, ich habe Zweifel, wie sie sich manchmal manifestiert, es ist sehr geheimnisvoll.“

In einem Interview distanzierte sich Miñarro vom Widerstand der Argentinischen Bischofskonferenz gegen die Zivilrechtsreform, mit der eine Reihe von naturrechtlichen Begriffen beseitigt wurden. Zum Thema Embryonen (Abtreibung, künstliche Befruchtung) sagte er, das sei ein „philosophisches, kein wissenschaftliches Thema“, und in der Philosophie gebe es „keine absolute Wahrheit“. Dazu stellte er die Frage:

„Wer kann entscheiden, ob ein Embryo bereits Leben ist oder nicht?“

Zur Einführung der „Homo-Ehe“ meinte Miñarro 2010:

„Ich bin dafür. Wenn ich sagen würde, daß die gleichgestellte Ehe nicht beschlossen werden soll: Würden sie dann aufhören zu existieren? Nein, es gäbe sie dennoch. Also, wenn die Situation existiert, warum soll ich dann nicht dafür sein, daß diese Personen ihre Situation in Würde leben? (…) Bischof Arancedo ist dagegen und sagt, die Ehe kann es nur zwischen einem Mann und einer Frau geben. Das ist ein philosophisches Konzept. Es ist aus philosophischer Sicht verständlich. Ich kann damit einverstanden sein oder nicht, wenn ich mich aber in dieselbe starre Position wie er begebe, besteht die Gefahr, daß die Diskussion in eine generelle Intoleranz mündet. Ich werfe ihm Intoleranz vor und er wirft dann mit gutem Grund mir Intoleranz vor. Da gibt es dann nichts mehr zu verhandeln: Wenn ich tolerant bin, bin ich tolerant, wenn nicht, nicht. (…) In diesem Sinn könnte man sagen, daß der Grad an Toleranz Fortschritte macht, weil zum Beispiel das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe anerkannt wird …“

„Revision der Liturgie zur Förderung der kreativen Inkulturation“

Miñarro ist Mitglied der Curas en Opción por los Pobres de Argentina (Priester der Option für die Armen, Curasopp), die mit den „kirchenkritischen“ Priesterrebellen (Priesterinitiative Aufruf zum Ungehorsam) im deutschen Sprachraum vergleichbar sind, wenn die Entstehungsgeschichte auch eine andere ist.

Kardinal Bergoglio mit führenden Vertretern der Priester der Option für die Armen (Curasopp)
Kardinal Bergoglio mit führenden Vertretern der Priester der Option für die Armen (Curasopp)

Sprecher der Gruppe ist Eduardo de la Serna, der 1981 für die Diözese Quilmes zum Priester geweiht wurde. Serna wuchs im Umfeld des MSTM auf. Sein Bischof war Jorge Novak SVD, der Nachkomme von wolgadeutschen Einwanderern, der 1976 erster Bischof der neuerrichteten Diözese Quilmes wurde, aus der er eine „Werkstatt der Option für die Armen“ machte. Die Curasopp bezeichnen Novak als „großen Bischof“ für „unseren pastoralen Weg“.

Als Mitglied der Priester der Option für die Armen ist Miñarro Erstunterzeichner eines Aufrufs an die Argentinische Bischofskonferenz, mit dem 2001 die Abschaffung des „Pflichtzölibats“, die „Revision der Liturgie zur Förderung der kreativen Inkulturation“, die Überwindung der „zentralen Stellung der Priester“ und die „Revision der gesamten von Platon beeinflußten Spiritualität zugunsten eines wirklichen Weges gemäß dem Geist“ gefordert wird. Diese „Enthellenisierung“ des Christentums war ein entscheidender Grund, weshalb sich Joseph Kardinal Ratzinger und dann Papst Benedikt XVI. so entschieden gegen die Befreiungstheologie und deren Ausläufer stellte.

Rom ist jedoch auch im digitalen Zeitalter fern. Während Bischöfe wegen „finanzieller“ oder „moralischer Unregelmäßigkeiten“ ihres Amtes enthoben werden, geschieht dies faktisch nie wegen der an Bedeutung wichtigeren doktrinellen Unregelmäßigkeiten. Im Gegenteil: Die Ernennung von Oscar Eduardo Miñarro durch Papst Franziskus zum Weihbischof zeigt, daß man dafür sogar belohnt wird, zumindest in Argentinien.

„Hinter nachkonziliare Katechese steht eine internationale Organisation und eine konsequente Methodik“

Carlos Sacheri schrieb in seinem 1970 in Buenos Aires erschienenen Buch La Iglesia Clandestina (Die Geheimkirche):

„Viele aufrichtige, aber schlecht informierte Katholiken sind zwar der Meinung, daß die ‚nachkonziliare‘ Katechese verführt, aber sie erkennen nicht, daß eine Organisation dahintersteht und eine konsequente Methodik zum Einsatz kommt, weil es deren Wesensmerkmal ist, daß die Ziele, in deren Dienst sie steht, unter keinen Umständen klar formuliert werden. Das Ziel ist nichts anderes, als die Kirche still und leise der Welt anzupassen, anstatt zu versuchen, die Welt durch die Kirche zu bekehren und zu retten. Der neomodernistische Progressismus zersetzt damit alle grundlegenden Konzepte des christlichen Glaubens. (…) In unserem Land bildet der Tercermundismo nicht die einzige, aber die wichtigste Variante der internationalen progressistischen Organisation. Seine weitgehend geheime Organisation und Methodik bildet eine ‚Parallelkirche‘, die versucht, die Christen in den Dienst einer sozialen Revolution marxistischer Prägung zu stellen.“

Sacheri weiter:

„Die katholische Kirche wird heute aus ihrem Inneren heraus bedrängt durch Gruppen, die zum Teil legitime Forderungen erheben, um ihre Zielgruppen zu erreichen, aber auf ernste Weise die innere Einheit der Gläubigen gefährden und durch die Verbreitung doktrineller Irrtümern die Geister verwirren, und damit ihren Glauben und ihren apostolischen Eifer schwächen.“

Text: Giuseppe Nardi
Bild: InfoCatolica/Wikicommons/Youtube

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