Kardinal Bagnasco: „Man will eine neue Weltordnung ohne Gott errichten“

Kardinal Angelo Bagnasco öffnet die Heilige Pforte der Laurentius-Kathedrale von Genua
Kardinal Angelo Bagnasco öffnet die Heilige Pforte der Laurentius-Kathedrale von Genua

(Rom) Am 10. August hielt der Erzbischof von Genua, Angelo Kardinal Bagnasco, Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz, in der Kathedrale seines Erzbistums die Predigt zum Fest des heiligen Laurentius von Rom, dem die Bischofskirche geweiht ist. Er nahm das Martyrium des Kirchenpatrons zum Anlaß, um einen Vergleich zur Jetztzeit zu ziehen und zum Verhalten der Mächtigen heute, denen er vorwirft, in ihrer „Blindheit“ eine „neue Weltordnung ohne Gott errichten“ zu wollen. Der Kardinal stellte dabei die Frage, ob die „Orientierungslosigkeit und Verängstigung“ Europas nur ein „trauriger Rückschritt“ sei oder der Preis ist, der „dunklen Mächten“ gezahlt werden muß.

Laurentius, ein Diakon, der wahrscheinlich auf der iberischen Halbinsel geboren wurde, erlitt am 10. August 258 in Rom das Martyrium. Er war von Papst Sixtus II. (257-258) kurz vor dessen Martyrium, wie damals für Diakone üblich, beauftragt worden die Spenden für die leiblichen Werke der Nächstenliebe unter den Armen, Kranken, Witwen und Waisen zu verteilen. Der römische Kaiser Valerian ließ Sixtus II. enthaupten und verlangte von Laurentius den Kirchenschatz auszuliefern. Laurentius zeigte dem Kaiser Arme, Kranke, Witwen und Waisen und sagte ihm, das sei der „wahre Schatz der Kirche“. Dafür wurde er schwer gefoltert und schließlich auf einem glühenden Eisenrost grausam hingerichtet.

Laurentius gehört als einziger Diakon zu den Heiligen, die im Hochgebet der Kirche, im Canon Romanus namentlich bei jeder Heiligen Messe genannt werden. Seit der Liturgiereform von 1969/1970 gibt es drei weitere Hochgebets-Texte, weshalb seine Nennung seither im deutschen Sprachraum nur mehr selten erfolgt, weil der Canon Romanus, obwohl nach wie vor maßgeblich, kaum mehr gebraucht wird.

St. Laurentius-Kathedrale von Genua
St. Laurentius-Kathedrale von Genua

Die Kathedrale von Genua ist dem heiligen Laurentius geweiht. Der Ort wo die Bischofskirche steht, wurde bereits zur Römerzeit von den Christen als Begräbnisort genützt. Im 5./6. Jahrhundert wurde eine Basilika errichtet, die dem heiligen Laurentius geweiht war. Laut einer örtlichen Überlieferung haben Papst Sixtus II. und Laurentius vor ihrer Hinrichtung auf einer Spanienreise in Genua haltgemacht und dort genächtigt, wo die Basilika steht. Laut dieser Überlieferung müßte dort bereits vor der erwähnten Basilika eine Kirche oder Kapelle bestanden haben. 1007 wurde die Basilika zur Bischofskirche. 1098 wurde die alte Kirche abgebrochen und mit dem Bau der heutigen Kathedrale begonnen, die 1118 durch Papst Gelasius II. geweiht wurde.

Der Märtyrer wurde nach seiner Hinrichtung von Glaubensbrüdern am Monte Verano in Rom begraben. Über dem Grab ließ Kaiser Konstantin der Große einige Jahrzehnte später eine große Basilika, Sankt Laurentius vor den Mauern (San Lorenzo fuori le mura), errichten. Sie ist eine der sieben Pilgerkirchen Roms und war seit dem 5. Jahrhundert die römische Patriarchalbasilika des Patriarchen von Jerusalem. Durch die verschiedenen Schismen des Ostens kam diese Verwendung außer Gebrauch, bis im späten 19. Jahrhundert in Jerusalem wieder ein Lateinisches Patriarchat errichtet wurde.

Eine Ampulle mit dem Blut des Heiligen, das von einem Legionär während der Folter des Märtyrers aufgefangen worden sei, wird in der Marienkirche von Amaseno (Latium) aufbewahrt. Die älteste Erwähnung findet sich in einem Dokument aus dem Jahr 1077 anläßlich des Neubaus der Kirche. Das eingetrocknete Blut verflüssigt sich, belegt seit etwa 1600, jedes Jahr am 10. August. Papst Clemens XIII. erkannte 1759 das Blutwunder an.

In seiner Predigt sagte Kardinal Angelo Bagnasco:

Das Martyrium des heiligen Laurentius

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,

das Fest des heiligen Laurentius läßt uns über das Martyrium nachdenken, das ein Geschenk des Lebens wegen des Glaubens ist. Der Märtyrer ist nicht der, der das Leben verliert, beim Versuch es anderen zu nehmen, sondern der, der sein Leben schenkt, damit andere es haben. Das Evangelium erinnert daran: „Wenn das Weizenkorn stirbt, bringt es reiche Frucht“, und alle wahren Früchte sind Leben, nicht Tod. Das menschliche Leben ist heilig, weil es von Gott kommt, weshalb es immer zu achten ist und niemand darf es sich oder den anderen nehmen.

1. Dieses Jahr fragen wir uns, ob die Geschichte des Diakons Laurentius noch aktuell ist, oder ob es inzwischen nur mehr eine fromme, aber für uns bedeutungslose Erinnerung ist. Wir fragen uns, ob wir es auch heute mit Kaiser Valerian zu tun haben, der den heiligen Laurentius im 3. Jahrhundert töten ließ. Wenn wir die Welt beobachten, entdecken wir eine Vielzahl an Valerians: manchmal erklärtermaßen und blutrünstig, manchmal getarnt, aber nicht weniger erbittert. Wer das sagt, gilt schnell als vom „Belagerungskomplex“ befallen, als jemand, der Gespenster sieht. Das ist falsch: Es genügt zu sehen, was nahe und fern von uns geschieht.

Heute wie damals fragen wir uns: Warum? Warum war Kaiser Valerian so feindselig, diesem Mann einen so grausamen Tod zu bereiten, womit er nicht zu zeigte, ihn zu hassen, sondern auch, ihn zu fürchten? Warum wird heute die Flut der Verfolgung von Menschen fortgesetzt, deren Schuld allein darin besteht, an Jesus von Nazareth zu glauben? Die Verfolgung hat heute viele Formen angenommen: während die – wir könnten sagen – klassischen fortgesetzt werden, die wir aus einer Geschichte kennen, die man für fern hielt, kommen heute raffinierte, aber nicht weniger grausame, legalisierte, aber nicht weniger ungerechte neu hinzu. Unser alter Westen ist ein Experte darin, krank wie er ist von seinen gescheiterten Ideologien: Der Kontinent der Rechte diskriminiert immer mehr das Christentum, indem er vergißt, daß die menschliche Spezies eine religiöse Spezies ist. Warum also hat man Angst vor der Religion, wenn diese ein Teil des Menschen ist, wenn sie wahrheitsgemäß einen Gott der Liebe und des Heils, der Gerechtigkeit und des Friedens predigt? Warum will man die Religion aus dem öffentlichen Bereich ausgrenzen in der Hoffnung, daß sie dadurch aus dem menschlichen Herzen gelöscht wird? Das wird niemals möglich sein! Der Mensch wird immer das Bedürfnis verspüren, „dem eigenen Leben, den eigenen Handlungen (…), der Gesellschaft, (…) der Geschichte, dem ganzen Universum einen Sinn zu geben“, wie Norberto Bobbio1 schrieb. Und da „die großen Antworten nicht in Reichweite des menschlichen Geistes sind, bleibt der Mensch ein religiöses Wesen trotz aller Entmythologisierungs- und Säkularisierungsprozesse und aller Behauptungen, daß Gott tot sei, die die Neuzeit und noch mehr unsere Zeit charakterisieren.“

St. Laurentius, Giotto
St. Laurentius, Giotto

Die verschiedenen Kaiser der Welt können die Kirche aller ihrer Geldmittel berauben, sie auf jede nur denkbare Weise diskreditieren, sie machtlos machen, die Werke des Evangeliums zu verrichten, aber niemand kann ihr das Evangelium nehmen, die Freude Ihres Herrn. Heute sind wir hier, um des großen Heiligen Laurentius zu gedenken. Dabei streifen wir auch den armseligen Valerian, der sich der Illusion seiner Macht hingab und von einem wehrlosen Mann besiegt wurde. Kein Mächtiger der Welt kann auf Dauer die Herzen der Menschen durch Lügenpropaganda, durch getürkte Versprechen, durch scheinbare Demokratien betäuben. Das Gewissen kann auch für lange Zeit betäubt sein, doch früher oder später geschieht etwas, das es erwachen und regenerieren läßt, denn an seiner Wurzel gibt es einen unzerstörbaren Kern: den Wunsch nach der Wahrheit und das Bedürfnis nach dem Guten. Niemand soll sich einer Illusion hingeben: Das Christentum kann auf eine sichtbare Minderheit reduziert werden, aber es kann nie ausgelöscht werden, weil der Herr gesagt hat, „fürchtet euch nicht, ich bin bei euch – alle Tage bis zum Ende der Welt“, und weil das menschliche Wesen für Gott gemacht ist. Und das ist stärker als alle Verfolgungen und alle Falschheiten, die heute so schnell in der Luft zirkulieren.

2. Heute beabsichtigt man – im Namen von Werten wie Gleichheit, Toleranz, Rechte … – das Christentum auszugrenzen, und man will eine neue Weltordnung ohne Gott errichten, in der auf der einen Seite die Verschiedenheit betont, auf der anderen Seite erdrückt wird. Das gilt für die Bürger des europäischen Kontinents und gilt für die Völker und Nationen. Wenn wir aber die Resultate anschauen, müssen wir feststellen, daß man mit guten Absichten, aber falschen Entscheidungen gestartet ist. Der präpotente Willen der Gleichmacherei, die tiefen Sichtweisen des Lebens und der Verhaltensweisen bedingen zu wollen und die systematische Annullierung der kulturellen Identität, erinnern nicht an einen respektvollen Weg in Richtung einer harmonischen und solidarischen Europäischen Union, die sicher notwendig ist, sondern vielmehr in Richtung einer schädlichen Umformung des Kontinents, die von den Völkern als belastend und arrogant empfunden wird, wo das Christentum als störend empfunden wird, weil es sich nicht den gerade herrschenden Kaisern beugt. Die Geschichte zeigt: Wenn die Mächtigen sich aus persönlichen Ambitionen auf ihr eigenes Überleben konzentrieren und auf die res publica verzichten, setzt die Dekadenz ein. Das Christentum aus der öffentlichen Sphäre verbannen zu wollen, ist kein Zeichen von Intelligenz, sondern von Angst. Es bedeutet, geblendet von Vorurteilen, nicht zu verstehen, daß die Gesellschaft durch das Christentum nur Gutes erfährt. Man hat Gutes davon, nicht weil man sich seiner irgendwie instrumental bedienen kann, sondern weil das Licht des Evangeliums und nicht unzuverlässige Mehrheiten die europäische Kultur und seinen Humanismus geschaffen hat. Je mehr man ernsthaft die Ursprünge des Humanismus studiert, desto mehr erkennt man das Vorhandensein von etwas, das nicht nur geistig, sondern eindeutig christlich ist.

Unser Kontinent gerät angesichts der heutigen Herausforderungen ins Stottern, weil er orientierungslos und verängstigt ist: orientierungslos, weil er nicht mehr weiß, wer er ist, nachdem er sich von seinen eigenen kulturellen und religiösen Ursprüngen soweit getrennt hat, daß er sich sogar für die eigenen Traditionen, die eigenen Symbole und die eigenen Riten schämt. Handelt es sich dabei nur um einen traurigen kulturellen Rückschritt oder auch um eine Schuld, die dunklen Mächten gezahlt wird? Eine Laizität, die zum Laizismus wird, ist mit Blindheit geschlagen und daher unfähig, den Geist eines Volkes und seine Geschichte zu interpretieren: Wohin kann sie das Volk führen? Der Kontinent ist auch verängstigt, weil er sich selbst ablehnt und daher im globalen Dialog außer die üblichen, sinnlosen und „korrekten“ Stereotypen nichts mehr zu sagen hat. Man spricht von Werten, doch welche sind das? Worauf gründen sie sich?

Der Herr möge uns helfen, wieder weise zu werden, jene Weisheit, die nicht Angst vor Gott hat, die in Jesus die wahre Hoffnung sieht, die erkennt, daß das Christentum – weit entfernt von jedem gemurmelten Obskurantismus – in das menschliche Leben ein Element der geistigen Freiheit eingeführt hat, das imstande ist, die Individuen, die Völker und Nationen zu erheben. Die Krise der Welt ist vor allem eine geistige Krise. Das nicht zuzugeben, heißt, den Ernst der Dinge nicht zu erkennen! Wir müssen wieder anfangen, mit unserem eigenen Kopf zu denken! Im Gegensatz zur Ideologie annulliert der Glauben nicht die Intelligenz, sondern sucht sie, regt sie an und öffnet sie auf die Wirklichkeit hin. Er ersucht sie, ihn in die Geschichte zu übersetzen, er ermutigt sie, vom Schlaf aufzuwachen und auf die Welt der Falschheit und der Slogans zu reagieren. Der heilige Laurentius hat die Kraft zum Martyrium nicht aus sich selbst geschöpft, sondern aus Christus. Jede wahre Größe kommt aus der Gnade. Diese müssen wir anrufen und aus ihr leben: „Wer mir dient, den wird der Vater ehren“!

Einleitung/Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons/Genovaoggi (Screenshot)

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Zuwendungsübersicht
  1. Norberto Bobbio, 1909-2004, italienischer Rechtsphilosoph, Begründer der Schule des „Liberalen Sozialismus“, 1981 erklärte er zum Abtreibungsreferendum, gegen jede Form der Abtreibung zu sein, weil sie sich gegen ein Menschenleben richtet, 1984 zum Senator auf Lebenszeit ernannt, gehörte er zunächst der Fraktion der Sozialistischen Partei, dann der kommunistischen Nachfolgepartei des Demokratischen Sozialismus und schließlich der Linksdemokraten an. Bobbio bekannte sich aus ideologischen Gründen nicht zur Kirche, verwehrte sich aber dagegen, als Atheist oder auch nur als Agnostiker bezeichnet zu werden, weil er die dem Menschen immanente Religiosität erkannte. []