Papst Franziskus und die Piusbruderschaft: Kleine Schritte Richtung Personalprälatur – Eine Chronologie

Bischof Fellay und Papst Franziskus
Bischof Fellay und Papst Franziskus

(Rom/Menzingen) Mit der Wahl von Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum Papst schien eine Versöhnung zwischen dem Vatikan und der Piusbruderschaft auf Jahre hinweg ausgeschlossen zu sein. Doch dann geschah das Unerwartete. Vergangene Woche war es nach vier Jahren erstmals wieder soweit, daß Gerüchte die Runde machten, die kanonische Anerkennung der Bruderschaft durch Rom sei spruchreif. Dazu kam es zwar nicht, die Gespräche werden aber fortgesetzt. Wider Erwarten sieht man in der Piusbruderschaft mit Papst Franziskus weit bessere Aussichten auf eine Übereinkunft, als unter Benedikt XVI. Dabei verbindet Franziskus und die Bruderschaft im Gegensatz zu Benedikt XVI. ziemlich wenig. Eine Chronologie der Ereignisse seit der Wahl von Papst Franziskus.

Vor 40 Jahren, 1976, wurden Erzbischof Marcel Lefebvre und die Priester der von ihm gegründeten Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) von Rom suspendiert. 1988 erklärte nach gültigen, aber unerlaubten Bischofsweihen Rom die Exkommunikation der beteiligten Bischöfe.

Als Reaktion auf die Bischofsweihen erließ Papst Johannes Paul II. 1988 das Motu proprio Ecclesia Dei adflicta, mit dem er eine gewisse Wiederzulassung der überlieferten Form des Römischen Ritus erlaubte, die mit der umstrittenen nachkonziliaren Liturgiereform von 1969/1970 ausgetilgt werden sollte.

Eine der ersten Amtshandlungen von Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl war es, Bischof Bernard Fellay, den Generaloberen der Piusbruderschaft, zu einem Gespräch zu sich zu rufen. Daraus entstanden mehrjährige Expertengespräche zwischen dem Heiligen Stuhl und der Bruderschaft.

2011 legte Rom einen Lösungsvorschlag vor: die Piusbruderschaft werde kirchenrechtlich wieder anerkannt, wenn sie eine doktrinelle Präambel unterzeichne. Die Bruderschaft lehnte Teile der Präambel ab und legte Änderungsvorschläge in der Formulierung vor.

Im Mai 2012 schien eine Einigung spruchreif zu sein. Mitte des Monats befaßte sich die Glaubenskongregation mit dem erzielten Ergebnis. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Die genauen Details sind nach wie vor nicht bekannt. Bekannt ist nur, daß im Juni eine Delegation der FSSPX in der Überzeugung nach Rom reiste, eine Einigung erzielen zu können durch Unterzeichnung der nach ihren Vorschlägen geänderten Präambel.

Stattdessen bekräftigte Rom, daß die ursprünglich vorgelegte Präambel zu unterzeichnen sei, was Bischof Fellay verweigerte. Die Einigung platzte. Ein kleiner Teil der Piusbruderschaft, der grundsätzlich gegen jede Einigung mit Rom war, darunter allerdings auch einer der vier Bischöfe, Richard Williamson, wurde ausgeschlossen oder verließ die Bruderschaft aus Protest. Die Gespräche schienen wieder auf Jahre hinweg auf Eis gelegt zu sein. Die Ereignisse während des Pontifikats von Benedikt XVI. finden sich zusammengefaßt in Gespräche zwischen Piusbruderschaft und Rom – Die Chronologie der Ereignisse.

Am 13. März 2013 wurde Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum neuen Papst Franziskus gewählt. Die ersten Monate seines Pontifikats ließen es nicht vermuten, daß die Gespräche mit der Piusbruderschaft wieder aufgenommen werden könnten. Doch es kam anders, wie eine kurze Chronologie zeigen soll.

März 2013

Zwei Tage nach der Wahl von Papst Franziskus gab der Disktriktobere der Piusbruderschaft für Amerika, Pater Christian Bouchacourt, bekannt, daß er von Jorge Mario Bergoglio, den Erzbischof von Buenos Aires und Primas von Argentinien, „fünf oder sechs Mal“ freundlich empfangen worden war, und der Kardinal ihm nach Möglichkeit zu geben versuchte, worum er ihn bat, „ohne auf Hindernisse zu stoßen“.

Konkret ging es dabei um Visa für Seminaristen. In Argentinien befindet sich das Priesterseminar der Piusbruderschaft für den spanischsprachigen Raum.

Dezember 2013

Erzbischof Marcel Lefebvre
Erzbischof Marcel Lefebvre

Im Gästehaus Santa Marta des Vatikans, in dem Papst Franziskus seine Residenz hat, kam es am 13. Dezember zu einer ersten kurzen Begegnung zwischen Papst Franziskus und Bischof Fellay, den Generaloberen der Piusbruderschaft. Publik wurde die Begegnung erst am 10. Mai 2014 durch die traditionsverbundene Internetseite Rorate Caeli. Am 11. Mai ergänzte I.Media, daß Bischof Fellay zusammen mit seinen beiden Assistenten, Pater Niklaus Pfluger und Pater Alain-Marc Nély an der morgendlichen Messe des Papstes teilgenommen habe. Der Grund des Besuchs im Vatikan war ein Treffen mit dem Sekretär der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, Kurienerzbischof Guido Pozzo, und dem beigeordneten Sekretär der Glaubenskongregation, Kurienerzbischof Joseph Augustine Di Noia OP. Die Begegnung mit dem Papst, habe sich „auf wenige Sekunden“ beschränkt, bei der ihn das Kirchenoberhaupt gebeten habe, für ihn zu beten.

September 2014

Am 23. September kam es unerwartet zu einem Treffen zwischen Bischof Fellay und Kardinal Gerhard Müller, dem Präfekten der Glaubenskongregation. Zu seiner Zeit als Diözesanbischof von Regensburg galt das Verhältnis zwischen ihm und der Piusbruderschaft als gespannt. In der Diözese Regensburg befindet sich das Priesterseminar der Bruderschaft für den deutschen Sprachraum und angrenzende Gebiete.
Nach dem Treffen in  „herzlicher Atmosphäre“ gab der Pressedienst der FSSPX bekannt: „Im Laufe des Gesprächs wurden die lehrmäßigen und kanonischen Schwierigkeiten auseinandergelegt und die aktuelle Situation der Kirche erörtert.“ Aufgrund des „gegenseitigen Wunsches“, „wurde beschlossen, den gemeinsamen Austausch aufrecht zu erhalten, um bestehende auseinanderweichende Punkte zu klären.“

Oktober 2014

In einem Interview mit der französischen Zeitschrift Famille Chrétienne sagte Kurienerzbischof Guido Pozzo: Der Heilige Stuhl setze die Gespräche mit der FSSPX gerade deshalb fort, um die noch existierenden „Schwierigkeiten doktrineller Natur“ zu überwinden. Die Frage sei „eng“ mit der Glaubenskongregation verbunden, und der Vorsitzende der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei „ist der Glaubenspräfekt selbst“.

Dezember 2014

Kardinal Walter Brandmüller besuchte am 5. Dezember das Priesterseminar der Bruderschaft in Zaitzkofen (Bistum Regensburg) und sprach dort über die lehramtliche Autorität des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Januar 2015

Msgr. Athanasius Schneider, der Weihbischof des Erzbistums Astana in Kasachstan besuchte am 16. Januar das Priesterseminar der Bruderschaft für den französischen Sprachraum in Flavigny-sur-Ozerain in Frankreich.

Februar 2015

Bischof Schneider besuchte am 11. Februar das Priesterseminar der Bruderschaft für den englischsprachigen Raum in Winona in den USA. Der Besuch fiel mit dem jährlichen Priestertreffen zusammen, sodaß sich 80 Priester des US-Distrikts im Seminar befanden. Bei beiden Besuchen von Msgr. Schneider sei es um die Liturgiereform von Paul VI. gegangen und die doktrinellen Grundlagen des Novus Ordo Missae.

April 2015

Mit Unterstützung von Kardinal Mario Poli, dem Nachfolger von Kardinal Bergoglio als Erzbischof von Buenos Aires, erlangte die Piusbruderschaft am 14. April 2015 die Anerkennung durch den argentinischen Staat. Wie selbst der Pressedienst der FSSPX berichtete, sei die Anerkennung „wahrscheinlich nicht ohne Zustimmung von Papst Franziskus“ zustande gekommen.

Juni 2015

Die Glaubenskongregation ernannte Bischof Fellay am 5. Juni 2015 zum Richter ersten Grades in einem kirchenrechtlichen Verfahren gegen einen Priester der Piusbruderschaft. Bischof Fellay bemerkte nicht ohne Ironie:

„Ich wurde von Rom ernannt, Urteile nach dem kanonischen Recht über einige Priester zu fällen, die zu einer Gruppe gehören, die für den Heiligen Stuhl gar nicht existiert.“

August 2015

In einem Interview mit der spanischsprachigen, katholischen Internetplattform Adelante la fe sagte Weihbischof Athanasius Schneider als Empfehlung an Rom: „Piusbruderschaft sollte anerkannt werden, so wie sie ist“. Das sei das Ergebnis seiner Besuche in Priesterseminaren der Piusbruderschaft.

1. September 2015

FSSPX
FSSPX

Am 1. September autorisierte Papst Franziskus die Priester der Priesterbruderschaft St. Pius X. während des von ihm ausgerufenen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit allen Gläubigen die Beichte abnehmen und die Absolution erteilen zu können. Im Schreiben, mit dem er zum außerordentlichen Jubeljahr der Barmherzigkeit einen Ablaß gewährte, heißt es:

„Eine abschließende Überlegung gilt den Gläubigen, die aus verschiedenen Gründen die von den Priestern der Bruderschaft St. Pius X. betreuten Kirchen besuchen. Dieses Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit schließt niemanden aus. Von verschiedener Seite haben mir einige bischöfliche Mitbrüder vom guten Glauben und der guten sakramentalen Praxis dieser Gläubigen berichtet, allerdings verbunden mit dem Unbehagen, in einer pastoral schwierigen Situation zu leben. Ich vertraue darauf, dass in naher Zukunft Lösungen gefunden werden können, um die volle Einheit mit den Priestern und Oberen der Bruderschaft wiederzugewinnen. Bewegt von der Notwendigkeit, dem Wohl dieser Gläubigen zu entsprechen, bestimme ich in der Zwischenzeit in eigener Verfügung, dass diejenigen, die während des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit das Sakrament der Versöhnung bei den Priestern der Bruderschaft St. Pius X. empfangen, gültig und erlaubt die Lossprechung von ihren Sünden erlangen.“

22. September 2015

Der Erzbischof von Ravenna in Italien sprach gegenüber der Piusbruderschaft die Einladung aus, regelmäßig in einer Pfarrei des Erzbistums die Heilige Messe in der überlieferten Form des Römischen Ritus zu zelebrieren. Damit reagierte der Erzbischof auf die Bitte von Gläubigen der Gegend nach einer Meßzelebration in der außerordentlichen Form, wie es im Motu proprio Summorum Pontificum heißt.

Die traditionsverbundene Seite Messa in Latino schrieb dazu: „Nach der Ankündigung des Papstes, daß die Priester der FSSPX rechtmäßig die Beichte hören können, ist der italienische Episkopat nicht langsam, sich auf Linie zu bringen. Das war gestern noch undenkbar.“

November 2015

Am 19. November bestätigte der Regens des Priesterseminars Zaitzkofen der Piusbruderschaft, der ehemalige Generalobere Pater Franz Schmidberger, gegenüber Gloria.tv, daß Rom der Bruderschaft einen neuen Vorschlag unterbreitet hat. Eine Bestätigung erfolgt am selben Tag auch durch den Distriktoberen der Schweiz. Dem Vernehmen nach wurde die kanonische Anerkennung als Personalprälatur angeboten. Diese Rechtsform hat bisher nur das Opus Dei.
Eine unmittelbar bevorstehende Einigung wurde von Pater Schmidberger dementiert: Da gebe es „noch viel zu klären“.

17. Januar 2016

Bei einem Vortrag in Bailly bei Versailles sagte Alfonso de Galarreta, einer der drei Bischöfe der Piusbruderschaft, im Zusammenhang mit einer Anerkennung der FSSPX durch den Heiligen Stuhl:

„Ich denke, der Papst schlägt die Richtung einer einseitigen Anerkennung ein.“

21. Januar 2016

Am Tag vor dem Marsch für das Leben 2016 in Washington D.C. nahm Bischof Fellay an einer Tagung über die Familie teil. Dabei sprach er über die Abtreibung, aber auch über den Zustand der Kirche und die Beziehungen zu Rom und zu Papst Franziskus.
Über die Jurisdiktion der Priester der Bruderschaft:

„Es ist keine Delegation; es ist die ordentliche Gewalt, Beichten zu hören. Normalerweise wird diese Gewalt einem Priester vom Bischof verliehen. Wir haben sie direkt vom Papst über die Bischöfe hinweg. Das ist sehr selten, aber er kann es tun … . Wenn man logisch ist, muß man feststellen, daß diese Tatsache, allen Priester der Bruderschaft die ordentliche Gewalt zu geben, die Beichte zu hören und zu absolvieren, gleichzeitig bedeutet, daß er [der Papst] jede Art von Sanktionen beseitigt hat. Beides kann nicht zusammengehen.“

Über die Beziehungen zu Rom:

„Es besteht absolut kein Zweifel daran, daß er sich sehr persönlich um unseren Fall kümmert. Er kennt uns aus der Nähe. Und die Art, wie er sich verhält, verpflichtet uns zu glauben, daß er Sympathie für uns hat …, was im Widerspruch steht zu den Vorwürfen. Ich kann nicht mehr als das erklären. Ich erwartete wirklich eine Verurteilung und dann geschieht das Gegenteil.“

Über Papst Franziskus und die FSSPX:

„Er erhielt die Biographie von Erzbischof Lefebvre und er las sie zweimal! Das tun Sie nicht, wenn Sie kein Interesse daran haben.
Er sagt, daß die Kirche ‚nicht unter sich bleiben darf, daß sie nicht selbstzufrieden sein darf, daß sie sich um die Peripherie sorgen muß‘ und so weiter und er sieht, daß wir das tun. Wir bewegen viel um uns herum, wir laufen den Seelen nach, wir versuchen ihnen zu helfen und ich bin mir ziemlich sicher, daß er damit zufrieden ist. Vielleicht nicht glücklich mit allem, aber jedenfalls zufrieden mit dieser Tatsache, daß wir aktiv sind in der Sorge für die Seelen.“

Über die kirchenrechtliche Anerkennung der Piusbruderschaft:

„Es ist unmöglich zu sagen, was morgen passieren wird. Werden wir anerkannt, ja oder nein? Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung. Und warum? Aufgrund der Lage der Kirche! Denn auch in Rom gibt es Personen, die unseren Tod wollen, die unsere Verurteilung wollen! Wer wird gewinnen, der Papst oder die Anderen? Leider muß ich sagen: Ich weiß es nicht.“

Februar 2016

In einem Interview mit dem Pressedienst Zenit sprach der Sekretär der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, Kurienerzbischof Pozzo, der im Vatikan mit den Kontakten zur Piusbruderschaft beauftragt ist, am 25. Februar von einer „klaren Willensbekundung des Papstes, die kanonische Anerkennung der Piusbruderschaft zu fördern“.

März 2016

Am 18. März veröffentlichte der deutsche Pressedienst der Piusbruderschaft ein Interview mit Bischof Fellay. Darin sagte er, daß die FSSPX aus dem Jahr 2012 „einige Lehren gezogen“ habe. Alle Schritte, die mit den Gesprächen mit Rom zu tun haben, würden in enger Abstimmung mit den „Mitbrüdern, in erster Linie den Oberen“ stattfinden.

Zum neuen von Rom unterbreiteten Vorschlag sagte er:

„Es muß unbedingt jedes Zugeständnis vermieden werden, ‚Zugeständnis‘ in doppeltem Wortsinn. Im Sinne von Kompromiss, bei dem jede Seite etwas aufgibt, um sich etwas anderes zu sichern. Von Anfang an habe ich Rom gesagt: ‚Ich will keine Zweideutigkeiten. Wenn Sie zu einem Konsens über einen Text gelangen wollen, den jede Seite auf verschiedene Weise versteht, dann ergäbe das kurz danach ein Chaos.‘ Das muß also in jedem Fall vermieden werden. Es ist fast offensichtlich, zu Beginn, daß in der augenblicklichen Lage angesichts der Divergenzen ein Text eine solche Tendenz zur Zweideutigkeit hätte. Und das wollen wir nicht.“

Er habe Rom daher klar gesagt, daß es nur einen Weg der Anerkennung geben könne, daß „wir so akzeptiert werden, wie wir sind, ohne Zweideutigkeiten und ohne Kompromisse“.

1. April 2016

Papst Franziskus empfing Bischof Fellay und dessen Assistenten, Pater Pfluger und Pater Nély, in Santa Marta im Vatikan. Das Treffen, das auf Wunsch des Papstes zustandekam, dauerte 40 Minuten und „verlief in einem herzlichen Klima“, wie der Pressedienst der Piusbruderschaft bekanntgab. „Am Ende des Gesprächs wurde entschieden, den laufenden Austausch fortzusetzen. Über den kirchenrechtlichen Status der Priesterbruderschaft wurde nicht direkt gesprochen; Papst Franziskus und Bischof Fellay sind der Ansicht, daß der gegenseitige Austausch ohne Übereilung fortgesetzt werden soll.“

2. April 2016

Am Tag nach dem Treffen mit dem Papst folgte eine Begegnung mit dem Sekretär der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, Mgr. Guido Pozzo. Dieser sagte anschließend über den Besuch der FSSPX-Delegation bei Papst Franziskus: dieser sei „sehr herzlich und konstruktiv“ verlaufen und sei „ein weiterer Schritt auf dem Weg der Versöhnung, die wir wünschen“.

10. April 2016

Kurienerzbischof Guido Pozzo
Kurienerzbischof Guido Pozzo

Bei seiner Predigt am Marienwallfahrtsort Le Puy in der französischen Auvergne berichtete Bischof Fellay von der Begegnung mit Papst Franziskus. Dieser habe ihm und seinen Assistenten erklärt, daß unter Benedikt XVI., am Ende von dessen Pontifikat, eine Frist gesetzt worden sei: Wenn die Piusbruderschaft innerhalb der gesetzten Frist den römischen Vorschlag nicht unterschreibt, so wurde beschlossen, werde sie exkommuniziert. Franziskus habe dazu gemeint, es sei wahrscheinlich der Heilige Geist gewesen, der Benedikt XVI. dazu bewegte, kurz vor seinem Amtsverzicht, das Ultimatum aufzuheben, um, wie er sagte, die Angelegenheit seinem Nachfolger zu überlassen. Dem neugewählten Papst sei dann von denselben Leuten auch vorgeschlagen worden, die beabsichtigte Exkommunikation durchzuführen. Es sei ja nur das Datum zu ändern und die Unterschrift darunterzusetzen. Franziskus habe aber gesagt: „Nein, ich werde nicht exkommunizieren, ich werde nicht verurteilen.“

Der Papst gab zu verstehen, daß er den Priestern der Bruderschaft auch nach dem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit die Spendung des Bußsakraments erlauben will. „Ich habe zu ihm gesagt: ‚Warum nicht auch die anderen Sakramente?‘ Er war ganz offen. Wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln.“

Erzbischof Pozzo habe ihm bestätigt, daß die Bruderschaft „das Recht“ habe, ihre Auffassung von der Religionsfreiheit, über den Ökumenismus und die Beziehungen zu den anderen Religionen zu verteidigen. Der Generalobere fügte hinzu, daß die Bruderschaft ja nichts anderes vertrete als die Lehre der Päpste.

Schließlich gab Bischof Fellay noch bekannt, daß Papst Franziskus nicht nur erklärt habe, daß für ihn die Piusbruderschaft „katholisch“ ist, sondern ihn ermutigt habe, auch in Italien ein Priesterseminar der Piusbruderschaft zu gründen.

11. April 2016

In einem Interview mit dem Pressedienst Zenit sagte Kurienerzbischof Pozzo (Ecclesia Dei), daß der Piusbruderschaft „im geeigneten Moment“ eine „doktrinäre Erklärung“ unterbreitet werde, die alle „wesentlichen und notwendigen Punkte“ enthalten werde. Als solche Punkte nannte Pozzo: „die Zustimmung zum Glaubensbekenntnis, die sakramentale Bindung und die hierarchische Gemeinschaft mit dem römischen Papst, dem Oberhaupt des mit ihm vereinten Bischofskollegiums“.
Der Verantwortliche von Ecclesia Dei betonte dabei, daß auch „nach der kanonischen Anerkennung“ über die Konzilsdokumente diskutiert werden könne. Das Ziel der „Diskussionen, Vertiefungen“ müsse die „Vermeidung jeglicher Mißverständnisse und Widersprüche“ sein, die „unseres Wissens gegenwärtig im kirchlichen Bereich verbreitet sind“.

21. Juni 2016

Die Salzburger Nachrichten veröffentlichten ein Interview mit Bischof Fellay. Darin gab sich dieser versöhnlich gegenüber Rom. Wörtlich sagte er: „Kein Bischof darf Anspruch auf Teilhabe an der Leitung der Kirche erheben, wenn er nicht mit dem Papst ist und unter dem Papst steht.“ Die Piusbruderschaft habe „immer den Primat des Papstes anerkannt“ und habe nie „um nichts in der Welt eine Trennung von Rom“ gewollt.

22. Juni 2016

Der Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer, in dessen Bistum sich ein Priesterseminar der Piusbruderschaft befindet, kündigte mit Blick auf die traditionell Ende Juni/Anfang Juli stattfindenden Priesterweihen an, daß diese von Rom für „unbedenklich“ erklärt wurden und daher „geduldet und ohne Strafe akzeptiert“ werden. Das sei ein einseitiges Zugeständnis Roms mit Blick auf die erwartete Versöhnung mit der Bruderschaft.

29. Juni 2016

Ende Juni wurden die Oberen der Piusbruderschaft über den aktuellen Stand der Gespräche mit Rom informiert und die einzunehmende Haltung geklärt. Im Vorfeld war über eine unmittelbar bevorstehende Einigung mit Rom spekuliert worden. Rom habe der Piusbruderschaft den Status einer Personalprälatur angeboten mit Rechten, die über jene des Opus Dei (der einzigen in der Kirche bestehenden Personalprälatur) hinausgingen.

In der offiziellen Erklärung hieß es dann aber:

„Der augenblickliche Zustand des schweren Notstandes gibt der Priesterbruderschaft St. Pius X. das Recht und die Pflicht, allen Seelen, die sich an sie wenden, geistliche Hilfe zu gewähren. Deshalb sucht sie nicht in erster Linie die kanonische Anerkennung, auf die sie – als ein katholisches Werk – ein Anrecht hat. Sie hat nur ein Bestreben: Das zweitausendjährige Licht der Tradition sowohl innerhalb der Gesellschaft wie auch der Kirche treu weiter zu tragen. Das ist der einzige Weg, dem es in dieser Epoche der Finsternis zu folgen gilt, wo der Kult des Menschen sich an die Stelle der Gottesverehrung gesetzt hat.“

Für Aufsehen sorgte vor allem Kritik an Papst Franziskus:

„In der großen und schmerzhaften Verwirrung, die augenblicklich in der Kirche herrscht, erfordert die Verkündigung der katholischen Lehre die Anklage der Irrtümer, die – unseligerweise begünstigt durch eine großen Zahl von Hirten, bis hin zum Papst selbst – in ihren Schoß eingedrungen sind.“

30. Juni 2016

Kurienerzbischof Pozzo, im Vatikan mit den Kontakten zur Piusbruderschaft betraut, war am Tag danach um Beruhigung bemüht und wiegelte ab: Was die Piusbruderschaft in ihrer Presseerklärung gesagt habe, sei zum Teil das, was sie schon bisher sagte. Die Kritik am Papst müsse auf das umstrittene nachsynodale Schreiben Amoris laetitia bezogen sein. Die Erklärung gehe nicht auf Details der Fragen ein, die aktueller Gegenstand der Gespräche sind und über die noch zu sprechen sei. Jedenfalls würden die Gespräche nach dem Sommer fortgesetzt werden.

Juli 2016

Auch Bischof Fellay bestätigte am 2. Juli in seiner Predigt anläßlich der Priesterweihen in Zaitzkofen, daß die Gespräche mit Rom nach der Sommerpause weitergeführt werden.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Dogmadafe/FSSPX/MiL

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1 Comment

  1. Welchen Wert hat eine kanonische Anerkennung von einer Autorität, die selber nur mehr im Graubereich der Katholizität wandelt (manchmal auch außerhalb) und somit nicht mehr der Garant der katholischen Lehre ist? Bereits 1987 sagte S.E. Lefebvre, dass man Rom nicht mehr trauen könne, weil sie vom Glauben abgefallen sind!

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