Aleppo: Pater Ibrahim und die Nächstenliebe im Krieg

Die Franziskaner harren in Aleppo aus
Die Franziskaner harren in Aleppo aus


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(Damaskus) “Die Lösung der Probleme wird nicht durch die Menschen kommen, sondern durch göttliches Eingreifen”. Rodolfo Casadei, Journalist des katholischen Wochenmagazins Tempi traf mit Pater Ibrahim zusammen, einem der Franziskaner, der in der seit Jahren umkämpften und zum Teil von den Islamisten kontrollierten Stadt Aleppo ausharrt.

„Aus welchem Holz sind diese Priester gemacht?“

„Aus welchem Holz sind die Priester gemacht, die ihre Stellung halten und mitten im Kriegsgebiet für ein immer kleiner werdendes Gottesvolk ausharren? Aus welchem Holz die Bischöfe, die weiterhin ihre Herde weiden, auch wenn die Weide durch Bomben und Granaten immer grasloser wird?“

Drei Viertel der Einwohner von Aleppo sind gegangen. Sie sind geflüchtet, um ihr Leben zu retten, oder den Explosionen und Scharfschützen zum Opfer gefallen. 95 Prozent des Klerus aber ist geblieben. Er harrt aus und hält dem Krieg mit all seinem Schrecken stand. Die Abwesenden sind fast alle „entschuldigt“: Sie wurden getötet oder entführt.

Die Gemeinschaft der Gläubigen haben sich ausgedünnt. „Das christliche Leben aber wurde intensiver.“ Der das sagt, ist Pater Ibrahim Alsabagh, seines Zeichens seit November 2014 lateinischer Pfarrer in Aleppo. Als er seine Beauftragung erhielt, herrschte in der Stadt bereits seit mehr als zwei Jahren Krieg.

Über zwei Millionen Einwohner zählte die Stadt im Norden Syriens vor dem Krieg. 20 Prozent davon waren Christen. Die Pfarrei von Pater Ibrahim ist die Kirche des heiligen Franz von Assisi im Stadtteil Azizieh.

Nachrichten von der Front – „Die Lösung wird durch göttliches Eingreifen kommen“

Die Nachrichten von der Front schwanken wie immer zwischen Illusion und Verzweiflung. Pater Ibrahim berichtet die jüngsten Entwicklungen. Er macht es mit großer Nüchternheit, zeigt sich dabei aber bestens informiert.

Franziskaner in Aleppo
Franziskaner in Aleppo

Wie es scheint, soll eine große Offensive der vom Pentagon unterstützten arabischen Rebellen und Kurden stattfinden, die von der US-geführten Koalition flankiert wird. Das Ziel soll ar-Raqqa, die Hauptstadt des Islamischen Staates (IS) sein.

Die Russen haben den Rebellen eine Schonfrist gewährt, um sie zu ermutigen, sich von der islamistischen al-Nusra-Brigade zu trennen und sich dem geplanten Vormarsch gegen ar-Raqqa anzuschließen. Die USA lehnen den russischen Versuch ab und wollen eigenständig gegen ar-Raqqa vorstoßen.

Die Türken sind wieder zum Angriff übergegangen mit einem Vorschlag, innerhalb Syriens eine humanitäre Schutzzone mit Flugverbot zu schaffen, die von der NATO garantiert werden soll. Der türkische Verweis auf die Flüchtlinge ist nur ein Vorwand. Erdogan will mit Zustimmung der internationalen Staatengemeinschaft, zumindest der arabischen und der westlichen Staaten, Teile des syrischen Staatsgebiets besetzen. Die Syrer, wie Pater Ibrahim, sehen das türkische Engagement mit großem Mißtrauen.

Doch für den Franziskaner sind alle strategischen und taktischen Manöver der Kriegsparteien nicht ausschlaggebend. „Die Lösung der Probleme wird nicht durch die Menschen kommen, sondern durch göttliches Eingreifen. Wir vertrauen auf unser und euer Gebet.“ Damit meinte er die Christen in Europa. „Die Zukunft liegt in einem dichten Nebel. Viele denken an Auswanderung. Wir bleiben wegen der Kraft des Glaubens.“

„Auf die Vorsehung vertrauen. Sie läßt uns nicht im Stich“

Die Pfarrei des heiligen Franz von Assisi in Azizieh ist zum Zentrum des menschlichen Widerstandes geworden. Das gilt nicht nur für die verbliebenen 600 lateinischen Familien, sondern für alle 12.000 christlichen Familien, die noch hier leben. Das gilt aber auch für viele Muslime, die Zuflucht in den mehrheitlich christlichen Vierteln der Stadt gefunden haben.

Die Pfarrei ist Mittelpunkt in allem, ob es um Lebensmittelpakete, Medikamente, finanzielle Unterstützung, Treibstoff für die Stromgeneratoren, um Zugang zu den Brunnen oder der öffentlichen Trinkwasserleitung geht, ob um den Religionsunterricht für die Kinder, um Gebets- Bibelgruppen für Jugendliche, Studenten oder Erwachsene, um den Besuch bei Kranken, Verwundeten, Armen und Sterbenden. Sogar ein Fünf-Uhr-Tee für die Frauen findet statt, als wäre nichts gewesen. „Es ist wichtig, ein Minimum an Gewohntem beizubehalten“, so Pater Ibrahim. „Hier herrscht seit vier Jahren Krieg. Der Großteil der Stadt ist zerstört. 90 Prozent unserer Pfarrangehörigen leben heute in Armut.“ Die Pfarrei ist nicht nur ein funktionierender, logistischer Versorgungspunkt. In der verwüsteten, wie eine Ruinenstadt wirkende Metropole ist sie ein Ort der Menschlichkeit. „Der wahren Menschlichkeit, die Christus schenkt“, so Pater Ibrahim.

Damit sie dazu werden konnte, brauchte es eine mutige Entscheidung: die Entscheidung der Patres, nicht zu fliehen. sondern auszuharren. Sie sind geblieben und haben Kontakte nach Europa und anderswohin aufgebaut oder verstärkt. Die Franziskaner geben sich selbst, ob als Priester oder Brüder. „Finanzielle Hilfe können wir keine leisten. Wir bitten aber unsere christlichen Brüder auf der Welt, so auch in Europa, um Hilfe.“

„Wir sind vom Bösen regelrecht umgeben“

Pater Ibrahim
Pater Ibrahim

Ohne eine Reifung im Glauben wäre nicht möglich, was in Aleppo möglich ist. „In Aleppo sind wir vom Bösen regelrecht umgeben. Wir erleben das jeden Tag, und dieses Böse erschreckt uns. Diese Erfahrung des Bösen führt aber auch zu einer Reaktion des Guten. Unsere geistliche Natur, die vom Bösen getroffen wird, bringt durch Gottes Gnade das Gute hervor. In dem Moment, indem wir uns Gott anvertrauen, wirkt Er in uns durch den Heiligen Geist. Er schenkt uns die Liebe, und die Liebe lehrt uns, was zu tun ist. Sie führt uns über unsere Begrenztheit hinaus. Sie erlaubt es, uns ganz der Vorsehung anzuvertrauen. Ich will ein konkretes Beispiel machen: Anfangs hatte ich große Angst, das uns anvertraute Geld auszugeben. Ich befürchtete, Fehler zu machen, so daß wir ohne Geld sein würden und nicht mehr kommende Notsituationen meistern können. Es kam dann ganz anders. Mir wurde es geschenkt, mich plötzlich der Vorsehung anzuvertrauen. Ich dachte immer, daß ich das ohnehin schon täte. Dem war nicht so, jedenfalls nur bedingt. Sobald ich mich der Vorsehung wirklich anvertraut und meine Taschen gelehrt habe, um den Menschen zu helfen, ohne nachzuschauen, wieviel mir noch bleiben würde, habe ich die Vorsehung wirklich kennengelernt. Wir haben geholfen, und es kam neues Geld. Und je mehr wir den Notleidenden halfen, desto mehr Geld hatten wir. Wenn ich die Zahlen lesen, was wir in diesen Monaten an Geld erhalten und ausgegeben haben, erschrecke ich regelrecht. Ich frage mich dann, wie das nur möglich war, und wie das weitergehen soll. Ich suche aber keine Antwort mehr, keine menschliche Antwort. Ich danke Gott und vertraue mich dem Heiligen Geist an. Er läßt in uns die Liebe wachsen, die eine mutige Tugend ist. Die Liebe läßt das Reich Gottes bereits in der Gegenwart erstrahlen. Er ist hier bei uns, mitten in dieser Hölle und diesem Fegefeuer namens Aleppo. Hier, wo so viele Familien kein Dach mehr über dem Kopf haben, wo so viele Menschen durch die Bomben zerrissen wurden, wo Menschen wahnsinnig werden, weil sie die Angst und die Gewalt nicht mehr ertragen können, wo die Menschen an Armut, Krankheit und den Kriegswunden leiden. Wir machen Dinge, die die offiziellen Stellen nicht zustandebringen. Wir handeln, wo die Nichtregierungsorganisationen Monate brauchen, bis sie etwas tun, weil sie Bedingungen stellen und Forderungen erheben, die nur erfüllt werden können, wenn ausreichend Zeit vorhanden ist. Genau die aber haben wir in unserer Notsituation nicht. In der Zwischenzeit wären viele gestorben, wenn wir nicht sofort gehandelt hätten.“

Vor kurzem haben sich die katholischen und die orthodoxen Hirten der Stadt getroffen, um über die Prioritäten zu sprechen. Den Hunger zu stillen, steht an erster Stelle der Hilfsmaßnahmen. Viele Menschen leiden unter post-traumatischem Streß. Die Ärzte können ihnen nicht helfen, nicht unter diesen Bedingungen, nicht in Aleppo.

„Assad geht für uns gut, er hat uns Religionsfreiheit und Sicherheit garantiert“

Pater Ibrahim entzieht sich auch nicht der „ewigen“ Frage westlicher Gesprächspartner, was er von der Regierung von Staatspräsident Baschar al-Assad halte. „Die Kirche ist für eine politische Erneuerung, weil es Dinge gibt, die verbessert werden können, aber nicht mit den Waffen. Die Christen in Syrien haben die Regierung immer mit Wohlwollen gesehen, weil sie die Religionsfreiheit und die Sicherheit der Christen garantiert hat. Die Christen konnten arbeiten und auch Karriere machen. Die Christen standen daher von Anfang an den Aufständischen skeptisch gegenüber. Uns hat sofort die Sorge gequält, daß alles in Richtung islamischem Fundamentalismus kippen könnte und das heißt: Diskriminierung der Nicht-Muslime. Die Fakten haben diese Befürchtungen bestätigt, und das noch schlimmer als gedacht. Die Rebellion wurde immer extremer. Aus diesem Grund haben wir Christen auch heute kein Problem, für Assad zu sein: Für uns ist es gut, wenn er an der Regierung bleibt und die Minderheiten schützt, wie es vor dem Krieg war. Und sollte er gehen, dann wollen wir jemanden, der das garantiert, was er garantiert hat.“

Auf den Hinweis, daß nicht die ganze Kirche, auch nicht die ganzen westlichen Gesellschaft Interesse und Sorge für das Schicksal Syriens und besonders der syrischen Christen gezeigt haben, schlüpft Pater Ibrahim in keine Opferrolle. Seine Antwort ist von derselben Nüchternheit wie das ganze Gespräch: „Wir danken der Weltkirche und der Kirche in Europa für das, was sie für Syrien getan haben und was sie für uns tun. Wir danken Euch allen dafür, daß wir heute unseren christlichen Brüdern, aber auch vielen Muslimen helfen können. Ich weiß von Pensionisten, die Geld von ihrer knappen Pension abgezweigt und uns zukommen haben lassen. Das ist ein wunderbares Zeichen der Nächstenliebe. Diese Spender sind für uns die liebende Hand Gottes. Ihr seid für uns das Ja, das Maria gesagt hat. Betet mit uns und helft uns zu helfen. Wir vergessen nicht, für Euch und Eure Familien zu beten.“

Stadt dem Unbefleckten Herzen Mariens geweiht

Welche “gute Nachricht” aus Aleppo ihm spontan einfällt? „Gleich zwei“, antwortet der Franziskaner mit einem freudigen Lächeln.

„Am 13. Mai haben alle Kirchen von Aleppo, katholische und orthodoxe zusammen, in unserer Pfarrkirche die Stadt dem Unbefleckten Herzen Mariens geweiht. Die zweite: Für die Sommeraktivitäten der Kinder unserer Pfarrei mit Katechese und Spiel haben wir schon jetzt 230 Anmeldungen und es werden immer mehr. Der bisherige Höchststand waren 200 Anmeldungen. Wo werden wir all die vielen Kinder unterbringen? Ich weiß es noch nicht. Aber auch da vertraue ich ganz der Vorsehung.“

Text: Tempi/Giuseppe Nardi
Bild: Tempi

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1 Comment on Aleppo: Pater Ibrahim und die Nächstenliebe im Krieg

  1. Möge der Herr Syrien wirklich sichtbar helfen, sichtbarer noch als durch die Russen, so das jeder es zugeben muss!
    Dort soll das unbefleckte Herz unserer Mutter, bzw. der Mutter Gottes, Maria, bereits jetzt sichtbar triumphieren!

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