Das Motto einer Kirche, die dem Kreuz den Rücken zukehrt?

Sant'Andrea Apostolo von Rom
Sant'Andrea Apostolo von Rom


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(Rom) In der dem Apostel Andreas geweihten römischen Kirche Sant’Andrea Apostolo an der Via Cassia wurde an der den Gläubigen zugewandten Seite zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit eine Aufschrift angebracht. Sie lautet: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“. Dabei handelt es sich um Stelle aus der Bibel. Jesus zitierte das Buch des Propheten Hosea. Die demonstrative Anbringung dieses Satzes auf dem Altar veranlaßte die traditionsverbundene Seite Messa in Latino zum Kommentar: „Das Motto einer Kirche, die dem Kreuz den Rücken zukehrt.“

In der Tat wirkt die plakative Aussage im Zusammenhang mit dem Altar mißverständlich. Ein Hinweis auf die Heilige Schrift fehlt (Hosea 6,3-7 und Matthäus 9,9-13), wodurch die Aussage nicht in ihren Zusammenhang gestellt werden kann.

Im Buch Hosea heißt es:

„Lasst uns streben nach Erkenntnis,  nach der Erkenntnis des Herrn. Er kommt so sicher wie das Morgenrot;  er kommt zu uns wie der Regen,  wie der Frühjahrsregen, der die Erde tränkt.
Was soll ich tun mit dir, Efraim? Was soll ich tun mit dir, Juda? Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen  und wie der Tau, der bald vergeht.
Darum schlage ich durch die Propheten, töte sie durch die Worte meines Mundes. Dann leuchtet mein Recht auf wie das Licht.
Liebe will ich, nicht Schlachtopfer,  Gotteserkenntnis statt Brandopfer.
Sie aber haben den Bund wie Adam übertreten und sind mir treulos geworden.“

Und im Matthäus-Evangelium heißt es:

„Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.
Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.“

Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer
Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer

Der Apostel Paulus schrieb dazu an die Römer (4,18ff, 12,1ff):

„Es gibt keine Liebe ohne Opfer. […] Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt.“

Der Prophet Hosea spricht davon, was Gott vom Menschen erwartet, nämlich keine Tieropfer, keine äußerlichen Opfer, sondern daß der Mensch Gott erkennt und liebt.

Jesus vollzieht einen Perspektivenwechsel und spricht nicht mehr von der Liebe, die Gott vom Menschen erwartet, sondern von der Liebe, die Gott schenken will. Er will Barmherzigkeit schenken. Er will die Rettung des Menschen und nicht seinen Tod. Deshalb gehört auch die Stelle aus dem Buch des Propheten Ezechiel (33,11) hierher:

„So wahr ich lebe, spricht der Herr, Gott, ich will nicht den Tod des Gottlosen, sondern daß der Gottlose sich bekehre von seinem Weg und lebe. Bekehrt euch, bekehrt euch von euren schlimmen Wegen!“

Das rettende Opfer hat Jesus Christus selbst durch seinen Tod am Kreuz gebracht. Er hat sich selbst als Opfer gebracht und damit das Tor zum Heil für den Menschen und die Möglichkeit zum ewigen Leben wieder aufgetan. Die Heilige Messe ist seither die unblutige Vergegenwärtigung Seines Opfers und hat heilsgeschichtlich den Sabbat durch den Sonntag ersetzt. Der Altar der Kirche dient allein dieser reale Vergegenwärtigung des Herrn im Meßopfer.

Der am Altar in der römischen Kirche angebrachte Herrenwort kann leicht Anlaß für Mißverständnisse sein: „Das Motto einer Kirche, die dem Kreuz den Rücken zukehrt.“

Das gilt um so mehr in einer Zeit, da das Bewußtsein für den Opfercharakter der Heilige Messe schwindet und der Mahlcharakter fälschlicherweise in den Vordergrund tritt, also der Gründonnerstag den Karfreitag und Ostern durch eine falsche Gewichtung überlagert.

Ambivalenz ist derzeit Trumpf und wie bei allen ambivalenten Dingen, läßt sich alles richtig deuten und falsch verstehen.

Die Kirche befindet sich im Norden Roms in der Nähe der „Tomba di Nerone“, einem irrtümlich im Mittelalter Kaiser Nero zugeschriebenen Grab des Publius Vibius Marianus, der im 3. Jahrhundert Prokonsul von Sardinien und Präfekt der Legio II Italica war. Der Altar mit der neuen Aufschrift befindet sich in der neuen Kirche des heiligen Apostels Andreas, die 1941 errichtet wurde. In unmittelbarer Nähe befindet sich die aus dem Jahr 1690 stammende alte, dem Apostel geweihte Kirche.

Text: Hermann Meixner
Bild: Wikicommons/Messa in Latino

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5 Comments on Das Motto einer Kirche, die dem Kreuz den Rücken zukehrt?

  1. Herrn Hermann Meixner sei für diesen schönen und gediegenen Artikel herzlich gedankt.
    Der große Philosoph Robert Spaemann hat in seinem Buch „Meditationen eines Christen- Über die Psalmen 1-51″ (Band 1; Band 2 wird voraussichtlich im Frühsommer veröffentlicht) in dem Kommentar auf Psalm 51 Miserere den Satz „Barmherzigkeit will ich, keine (Brand)Opfer“ ausführlich besprochen.
    Ps.51, 18-19:
    „Denn wenn Du Opfer wolltest, ich würde sie Dir dabringen, an Brandopfer hast Du kein Gefallen.
    Ein Opfer für Gott ist ein zerknirschter Geist, ein reuiges und gedemütigtes Herz wirst Du, o Gott!, nicht verschmähen“.
    Wie Spaemann sagt,“… will Gott keinen Ersatz;
    Er will den Zustand des Anfangs, den spiritus principalis, Er will das ganze Leben, er will unsere Heiligkeit…“
    „…Der Weg zur Heiligkeit aber beginnt mit der Erkenntnis dessen, wer wer wir sind, mit dem „zerknirschten Geist …und dem zerbrochenen und zerschlagenem Herz: …mit der Trauer darüber, NICHT heilig zu sein…“.
    Das ist das cor contritum et humiliatum.
    Und leider hält sich unsere tristese allzuhäufig in sehr engen Grenzen.

    Der Endvers Vs. 21 lautet:
    „Dann wirst du rechte Opfer annehmen, Gaben und brandopfewr; dann wird man junge Rinder auf Deinen Altar legen“.
    Spaemann weist darauf hin, daß viele Exegeten sich an diesem Satz gestört haben; er wäre erst später von einem „Frommen“ eingeschoben worden.
    „…Aber er gehört zur Hl. Schrift- und der Sinn dieses offenbartes Gebets ist überwaltigend:“
    Wie Hermann Meixner hervorragend schreibt, ist das große, das endgültige Brandopfer, das durch den Tod de Heiligkeit des Lebens wiederherstellt, damals auf Golgotha gebracht worden;
    „Der Stier auf Deinem Altar“ ist „das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt wegnimmt“, „in dem aufgebautem Jerusalem-der Hl. Kirche- dargebracht bis ans Ende der Welt, vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang „(a solis ortu usque ad occasum).
    Ich schäme mich nicht: mir kamen die Tränen bei den letzten Worten des ersten Bandes (Psalmenkommentar v. R. Spaemann):
    „…Eine solche Erfüllung des Miserere hätten wir uns nicht ausdenken können und auch nicht wagen dürfen auszudenken.
    Aber damit dieser „Ersatz“ auch mein Leben aus der Verlorenheit herausholt, darf ich den Psalm 51 Miserere nicht hinter mir lassen.
    Der Hl. Augustinus betete ihn auf dem sterbelager.
    Das cor contritum et humiliatum ist das, womit wir Anschluß an das Opfer des Herrn finden und so an Seiner Auferstehung, deren Vorschein uns -gleichzeitig mit der Reue- schon mit „Freude und Wonne“ erfüllt“.

    Das Buch v. Robert Spaemann über die Psalmen ist übrigens ein Jahrhundertwerk; tief religiös, gewaltig viel theologische Kenntnis, fantastische Sprache und : sehr gut verständlich.
    Es ist der gewaltige Verdienst v. dieser Website und Hr. Giuseppe Nardi, daß solche interessante Artikel im deutschen Sprachraum publiziert werden.

    • „…Der Weg zur Heiligkeit aber beginnt mit der Erkenntnis dessen, wer wer wir sind, mit dem „zerknirschten Geist …und dem zerbrochenen und zerschlagenem Herz: …mit der Trauer darüber, NICHT heilig zu sein…“.

      Sie haben es beim Psalmenkommentar in dem von Ihnen genannten Buch von Robert Spaemann erlebt und kennen es vielleicht auch schon von früher, lieber Adrien Antoine:
      Manchmal ist es nur ein einzelner Satz oder sogar nur ein einziges Wort, das wir lesen oder hören und uns mitten ins Herz trifft.
      Weil es uns in einer bestimmten Situation oder gerade zur rechten Zeit zufliegt und hilfreich ist.

      „… mit der Erkenntnis dessen, wer wir sind,…“ ist für mich so ein Wort.
      Danke!
      Kann und darf ich Barmherzigkeit verlangen, habe ich einen Anspruch darauf?
      Nein, habe ich nicht, ich kann sie nur erbitten im Ahnen darum, wer ich bin und wie nötig ich sie doch habe.

  2. Das Motto der Kirche ist zutiefst diesseitig und koennte ueberschrieben werden: „Geh und tu gutmenschliches und dann darfst Du auch ein wenig hl. Messe feiern“
    Die Aufklaerung hat nun auch Italien mit voller Wucht getroffen, die schlimmen Thesen der Konzilsvaeter schlagen voll ein.
    Ziel ist die Kirche und ihren Auftrag aus den Seelen der Menschen zu tilgen und sie durch weltliches zu ersetzen.
    Mit Italien faellt nun auch noch eine der letzten Glaubensbastionen Europas.
    Und was tut der Papst ?
    Genau !

  3. „… Aber ich denke, daß in unserer Epoche das Opfer unseres Herrn wieder zu Ehren gebracht werden muß, natürlich zusammen mit dem Sakrament, mit der Realpräsenz, jedoch mit dem Sakrament, das das Opferlamm repräsentiert, das sich auf dem Kreuz und bei jenem Opfer darbringt, an dem wir teilhaben.
    Man muss leider zugeben, daß man dem Kreuzesopfer, das sich auf unseren Altären fortsetzt, nicht immer den ihm gebührenden Platz einräumt, nicht einmal bei der Unterweisung der Kirche, in den Katechismen. Man neigt dazu, dabei der Eucharistie den gesamten Platz einzuräumen und das Opfer nur nebenbei zu erwähnen. Für den Glauben der Gläubigen stellt das eine große Gefahr dar, vor allem angesichts der heftigen Attacken der Protestanten gegen das Opfer. Der Teufel schätzt die Lage nicht falsch ein, wenn er so darauf versessen ist, das Opfer zum Verschwinden zu bringen. Er weiß, dass er dadurch das Werk unseres Herrn in seinem Lebenszentrum angreift und dass jede Missachtung des Opfers den Ruin des gesamten Katholizismus auf allen Gebieten nach sich zieht.“
    (Marcel Lefebvre: Das Opfer unserer Altäre, S. 137, 138)

    Es fällt bei den Worten des französischen Erzbischofs auf, dass er ganz offensichtlich die vorkonziliare Kirche mit einbezieht. „…nicht einmal bei der Unterweisung der Kirche, in den Katechismen“, wird dem Opfer Jesu Christi der zentrale Platz eingeräumt. Oder einfach ausgedrückt: Eine „Kommunionfrömmigkeit“, in der nicht deutlich wird, dass es sich um eine „Opferspeise“ handelt, läuft Gefahr, „das Opfer zum Verschwinden zu bringen.“
    Erzbischof Lefebvre legt den Finger in die Wunde, an der schon die vorkonziliare Kirche litt, denn die Leichtigkeit, mit der die Bischöfe und die Priester die Messe Paul VI. angenommen haben, bleibt sonst völlig unverständlich. Es bestand ein schweres Defizit, sonst hätte die über 1000-jährige Liturgie nicht so kampflos aufgegeben werden können. Bis hin zum Kanon, der in der Neuen Messe lediglich eins von vier Hochgebeten geworden und zudem verstümmelt ist. Dieses erste Hochgebet wird fast nie gebetet, es fristet ein Schattendasein.
    Das Wort des Erzbischofs auch in das Ohr der „Priester der Tradition:“… und daß jede Mißachtung des Opfers den Ruin des gesamten Katholizismus auf allen Gebieten nach sich zieht.“

    Ich möchte gern auf ein Buch hinweisen, dass die Sarto Verlagsbuchhandlung dankenswerterweise ins Programm genommen hat: „Das Leben Jesu“ von Fulton J. Sheen. Erstmals erschienen ist es 1959. Das Buch des Weihbischofs deutet konsequent die Ereignisse des Lebens Jesu, wie sie in der hl. Schrift aufgezeichnet sind, vom Kreuz her. Sehr sachkundig, sehr informativ und sehr ergreifend.
    Ich habe solch ein Buch – von der Exegese her – noch nicht gelesen, es ist eine sehr gute Ergänzung zu den geistlichen Vorträgen und Predigten von Erzbischof Lefebvre.
    Ehe das Kreuzesopfer bzw. seine Vergegenwärtigung in der Messe Paul VI. an den Rand gedrängt wurde, ist das schon in der Frömmigkeitsgeschichte Jahrhunderte vorher geschehen, in einem langsam schleichenden Prozess. Deshalb spielte das Konzil von Trient auf dem 2. Vatikanum auch kaum noch eine Rolle oder wurde überwunden.
    Ich höre nicht selten in „Summorum-Pontificum-Kreisen“ von der älteren Generation: „Erzbischof Lefebvre hat die Messe gerettet…Lefebvre haben wir sie zu verdanken.“
    Doch der Erzbischof darf nicht nur als eine große Gestalt der Vergangenheit gesehen werden. Seine Worte sind bis jetzt hochaktuell. Oder der Ruin des Katholizismus ist nicht mehr aufzuhalten.

  4. In die heutige Zeit würde besser passen, was die Gottesmutter bei einer Erscheinung in Savona (Italien) im Jahr 1536 dem frommen Bauern Antonio Botta sagte:

    „Barmherzigkeit, o Sohn, und nicht Gerechtigkeit“

    (Wie viel Leid und Gewalt gibt es im Namen der „Gerechtigkeit“, das heißt Menschen, die sich zum Richter über andere aufspielen.)

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