„Frankreich krankt an seiner Laizität“ – Priester für Pariser U-Bahnen „zu politisch“?

Christen des Nahen Ostens für Pariser U-Bahn-Verwaltung ein Ärgernis
Priester oder Christen des Nahen Ostens für Pariser U-Bahn-Verwaltung ein Ärgernis? Oder beide?

(Paris) Für die Verwaltung der Pariser U-Bahnen sind Plakate, auf denen katholische Priester zu sehen und auch als solche erkenntlich sind, inakzeptabel, weil „zu politisch“. Mit dieser Begründung lehnte die RATP Plakate ab, mit denen für ein Konzert von „Les Prêtres“ geworben werden sollte. Nach Protesten wurde die Entscheidung zwar zurückgenommen, doch viele Fragen stehen seither unbeantwortet im Raum.

Das Konzert der singenden Priester findet im kommenden Juni in der Pariser Konzerthalle Olympia statt. Seit 2010 werben die beiden katholischen Priester, die Franzosen Jean-Michel Bardet, Charles Troesch, und der ehemalige Seminarist, der Vietnamese Joseph Dinh Nguyen Nguyen auf sympathische und vor allem musikalische Weise für Christus.

Die Idee geht auf den Erfolg des 2008 entstandenen singenden irischen Priestertrios „The Priests“ zurück, die den Anstoß zu ähnlichen Zusammenschlüssen gaben, so 2011 auch im deutschen Sprachraum zur Gründung des Priestertrios „Die Priester“.

„The Priests“ schafften es in Irland, Norwegen und Schweden auf Platz 1, in Finnland, Neuseeland und den Niederlanden auf Platz 2 und in Großbritannien immerhin auf Platz 5. Den gleichen Erfolg schafften auch „Les Prêtres“. Ihr erstes Album war 2010 in Frankreich das meistverkaufte Album aller Musikkategorien. 2014 gelang den drei Priestern der südfranzösischen Diözese Gap mit dem dritten Album erneut der Sprung auf Platz 1.

Eine Lady Gaga-Provokation im Nonnenkostüm wäre kein Problem

Wäre Madonna oder Lady Gaga als Provokation im Nonnenkleid zu sehen oder gar nackt, hätte die U-Bahn-Verwaltung RATP kein Problem, ihre Plakatflächen zur Verfügung zu stellen. Doch für echte katholische Priester, im Gegensatz zu den anderen singenden Priestertrios sind in Frankreich nicht einmal alle drei Triomitglieder Priester, gilt ein Verbot, denn deren Anblick könnte in einem säkularen Staaten „provozieren“.

Die RATP-Direktion ließ mitteilen, daß die Darstellung katholischer Priester auf öffentlichen Werbeflächen „mangelnden Respekt gegenüber dem Grundsatz der religiösen Neutralität“ bedeuten würde.

„Les Prêtres“ spenden den Erlös ihrer Konzerte für gute Zwecke. Der Erlös aus dem Juni-Konzert wird den verfolgten Christen im Nahen Osten zugute kommen. So steht es auch auf dem Plakat. Für die Régie autonome des transports Parisiens ein Grund mehr, die Tür vor dem Trio zuzuschlagen.

„Hat Frankreich seine Identität verloren?“

RATP-Generaldirektor Pierre Mongin, Studienkollege von François Hollande, Segolene Royal und Dominique de Villepin des Jahrgangs „Promotion Voltaire“ (1980) an der École nationale d‘administration (ENA), gehört nicht etwa dem Parti Socialiste (PS) an, sondern dem bürgerlichen Lager von Vorgänger Sarkozy, wenn auch wohl eingehegt von einer ganzen Reihe sozialistischer Beisitzer.

Die RATP-Zensur sorgte in Frankreich für Diskussionen. Zahlreiche Fragen blieben bisher unbeantwortet im Raum stehen: Wird die Trennung von Staat und Kirche so verabsolutiert, daß ein Teil, die Kirche, faktisch aus der Öffentlichkeit verschwinden muß? Sind die Christen des Nahen Ostens ein solches Ärgernis? Will man die „Sensibilität“ der Moslems in Frankreich nicht „provozieren“? Hat Frankreich seine Identität verloren? Oder ist zumindest auf dem besten Weg sie zu verlieren?

Staatliche „Neutralität“ als neue Form der Christenfeindlichkeit?

Rechtsanwalt Emmanuel Pierrat, der Michel Houellebecq gegen den Vorwurf der „Islamophobie“ verteidigte und bis 2014 Europe Écologie-Les Verts im 6. Arrondissement vertrat, bezeichnete die RATP-Begründung als „rechtlich haltlos“. Für den Philosophen und orthodoxen Theologen Bertrand Vergely verberge sich hinter dem Verweis auf die staatliche „Neutralität“ eine neue Form der Christenfeindlichkeit.

Frankreichs Politiker reagierten in seltener Einmütigkeit von rechts außen bis links außen und verurteilten den RATP-Beschluß als laizistischen Übereifer. Sobald auch Kritik von den regierenden Sozialisten kam und sich Premierminister Manuel Valls persönlich empört zeigte, ruderte die U-Bahnverwaltung blitzschnell zurück. Die Plakate mit dem Hinweis auf die verfolgten Christen des Nahen Ostens könnten doch plakatiert werden.

Christen im Nahen Osten erleiden Genozid – Frankreichs Führung wagt es nicht auszusprechen

Im Umfeld von Manif pour tous und katholischen Kreisen sieht man die RATP-Entgleisung nicht als einmaligen Ausrutscher, sondern vielmehr emblematisch für das neue christenfeindliche Klima, das sich seit der sozialistischen Regierungsübernahme 2012 breitmache. Das Wort von der Islamisierung durch Kniefall des politischen Establishments macht die Runde. „Frankreich krankt an seiner Laizität“, zitierte Die Welt den französischen Vatikanisten Henri Tincq. Tincq nennt die Verfolgung der Christen im Nahen Osten einen „Genozid“. Das aber wage die politische Führung Frankreichs nicht auszusprechen. Das Land werde zum Gefangenen seiner eigenen Politik.

Konzert von „Les Prêtres“ ausverkauft

Das Konzert von „Les Prêtres“ am 14. Juni in Paris ist inzwischen ausverkauft. Als das Trio vor fünf Jahren auf Anregung von Bischof Jean-Michel di Falco Leandri von Gap entstand, war der eigentliche Grund, daß sie Geld für eine Marienkapelle in Gap sammeln wollten. Durch den unerwarteten Erfolg weitete sich das musikalische Projekt aus und erreichte schnell frankreichweite Bekanntheit. Seither haben die beiden Priester mit der Unterstützung von Joseph Dinh Nguyen Nguyen, der inzwischen verheiratet und Vater eines Kindes ist, zahlreiche Projekte unterstützt, Kirchenrenovierungen, humanitäre Hilfsprojekte, den Bau von Schulen und Krankenhäusern in Missionsgebieten.

Mit dem 2014 erschienenen dritten Album „Amen“ wollten die drei Sänger ihre musikalische Karriere beenden. Das Pariser Konzert sollte der Höhepunkt der Abschiedstournee sein. Die große landesweite Solidarität, die dem Trio nach der RATP-Zensur zuteil wurde, könnte sie vielleicht umstimmen.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Riposte catholique

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2 Comments

  1. Pardon. Das ist ein sehr interessanter und zusammenhängender Bericht über die Lage unserer Nachbarn.

  2. Keine Werbung mit Priestern in der Metro.
    Allmählich stufe ich Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ von 2015 gleichwertig mit George Orwells Roman „1984″ von 1947 ein. Die schleichende Islamisierung in Frankreich wie in Deutschland ist nicht mehr zu übersehen. Wenn ich das schon höre: Moslems könnten sich durch den Anblick der Abbildung von katholischen Priestern auf Werbeplakaten für ein Konzert provoziert fühlen! Und wie es uns geht beim Anblick stupider ganzkörperverschleierter Wesen in der U-Bahn, denen man nicht einmal ehrlich und offen in die Augen schauen kann, kümmert niemanden.

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