Gedanken über die Einsamkeit Christi am Kreuz

Christus am Kreuz
Christus am Kreuz

Am 10. Dezember 2014 verfaßte sie den mutigen und aufrüttelnden „Offenen Brief einer besorgten Katholikin an Papst Franziskus“. Nun legt Maike Hickson aus aktuellem Anlaß Gedanken zum Karfreitag vor.

von Maike Hickson*

Im aktuellen Zustand einer mehrdeutigen und wechselhaften Verwirrung in der katholischen Kirche verspüren einige katholische Familien und auch überhaupt Katholiken einen unbeschreiblichen Schmerz wegen der traurigen Tatsache (in Wirklichkeit ein psychologisches Faktum), nur wenige Personen zu haben, mit denen sie auch nur ehrlich und fundiert darüber sprechen können. Besonders stark verspürt man diese Situation, wenn man auch handeln möchte: das heißt, wenn man einen gemeinsamen, engagierten und aktiven Widerstand in Betracht zieht, gegen einige Neuerungen aus Rom, die dem Glauben widersprechen.

In dieser schwierigen Situation und in dieser persönlichen Prüfung scheint sich häufig eine zunehmende „Isolation der menschlichen Seele“ zu vollziehen und daraus eine entnervende und deprimierende Einsamkeit. Diese Prüfung drängt uns, die Einsamkeit Christi zu betrachten, nicht nur während der letzten Phase Seines Leidens, sondern auch in jenen anderen Momenten Seines Lebens unter uns in Seiner heiligen Menschengestalt. Wer wirklich glaubt, daß „die Fleischwerdung geschehen ist“, kann auch berechtigterweise feststellen, daß „Gott ein menschliches Herz hat“.

Er kennt ganz persönlich das Leiden, das wir in unserem Herzen haben können und Er weiß auch, ob wir es aus einem berechtigten Motiv haben. Nachdem ich meinen „Offenen Brief an Papst Franziskus“ veröffentlicht hatte, in dem ich meinen Widerstand gegen die neuen aus Rom kommenden Ideen zu Ehe und Familie zum Ausdruck brachte, haben mich viele Freunde der Familie angerufen oder sind gekommen, um persönlich mit mir zu sprechen, um mir von ihrer Orientierungslosigkeit zu erzählen angesichts eines Papstes (mit einer kleinen Gruppe von Kardinälen im Gefolge), der scheint das Unveränderliche ändern zu wollen: die nicht zu verändernde Morallehre verfälschen und vielleicht auch einige Dogmen des Glaubens umstürzen.

Sie sind zu dieser Schlußfolgerung gelangt, nachdem sie von der ausdrücklichen Unterstützung durch Papst Franziskus für den Vorschlag von Kardinal Kasper gehört hatten, „wiederverheiratete“ Paare zur Heiligen Kommunion zuzulassen und nach der schockierenden Relatio post disceptationem der Bischofssynode vom vergangenen Oktober, die vorher vom Papst approbiert worden war und nachher von Franziskus in seinem Interview für die argentinische Tageszeitung La Nacion (Dezember 2014) bekräftigt wurde, in der er den Standpunkt vertrat, daß die Zulassung der „wiederverheirateten“ Geschiedenen zur Heiligen Kommunion nicht die einzige Lösung ist. Denn sie müßten, wie er hinzufügte, vollständig in das Leben der Kirche „integriert“ werden und daher auch Tauf- und Firmpaten und Lektoren in der Heiligen Messe werden dürfen.

Dennoch haben einige unserer katholischen Freunde angemerkt: „Aber ein Papst kann das nicht tun“. Oder: „Gott wird das sicher nicht zulassen“. Nach solchen Ablehnungen oder Ausreden erzählte uns eine andere Freundin von ihrem Gefühl der Einsamkeit, das sie verspürt, weil sich fast niemand von ihren katholischen Freunden dieser besorgniserregenden Situation stellen will und der Großteil von ihnen dieses Argument vielmehr völlig meiden möchte. (Sollten aber nicht wir alle durch Eingebung der Gnade handeln, so als könnte der Heilige Geist auch uns als Sein Hilfswerkzeug verwenden, um diesem Umsturz oder gar der entsetzlichen Zerstörung des Glaubens vorzubeugen?)

Nachdem ich einigen Freunden meinen öffentlichen Akt des Widerstandes und cri de cœur an den Papst zugeschickt hatte, fühlte ich mich fast ebenso. Nur wenige Freunde und Bekannte haben auf meinen Brief geantwortet. Und der Großteil der Antworten konzentrierte sich auf meine Aufrichtigkeit, ohne inhaltlich auf meinen Brief einzugehen. Das besorgniserregende daran ist, daß es einen gewissen Mangel an entschlossenem Willen zu geben scheint, für Christus zu kämpfen, und eine Neigung sich auch nicht mißverständlichen Entwicklungen, die aus Rom kommen, widersetzen zu wollen. Es scheint, daß ein weitergehender Schritt des direkten Widerstandes gegen einen Papst größeres Unbehagen erzeugt.

Ja, das ist es, was mich betrübt. Wo ist der kraftvolle Protest der gläubigen katholischen Welt gegen den begonnenen Angriff gegen Christus und Seine unveränderliche Lehre? Stehen wir nicht so sehr in Seiner Schuld, daß wir uns verpflichtet fühlen müssen, gemeinsam und auf kluge Weise zu handeln? Fühlen wir uns nicht einmal geehrt, daß wir Ihn verteidigen dürfen? Wie viele von uns wissen, ist der Angriff gegen die Ehe, die Familie und die Kinder im Grunde ein Angriff gegen die Gottheit Christi selbst.

Letztlich geht es darum, daß seine Lehre heute als überholt betrachtet wird, als zu streng, zu weltfremd, zu wenig flexibel, zu wenig barmherzig, auch wenn die Anhänger der vorgeschlagenen Reformen sich nicht so ausdrücken würden. Aber eine „Evolution der Lehre“ in solcher Diskontinuität impliziert dies. Im Grunde ist der Angriff gegen die immergültige Lehre der Kirche zu Ehe und Familie und daher über den Schutz und die Erziehung der wehrlosen Kinder bis zum ewigen Leben deshalb ein Angriff gegen Christus selbst und Sein Erlösungswerk für unser Heil.

In welchem Maß und wann haben wir die Absicht, uns zu Seiner Verteidigung zu erheben, zur Verteidigung Seiner Lehre und Seines Vorbilds? Während meiner Spaziergänge, die ich vor einigen Jahrzehnten, zwischen den Hügeln und auf den Pilgerwegen zum Schweizer Marienwallfahrtsort am St. Pelagiberg (nahe St. Gallen) machte, als ich mich schrittweise zum katholischen Glauben bekehrte, entdeckte ich plötzlich am Weg am Fuß einer Darstellung Unseres Herrn an Seinem Kreuz folgende Inschrift in Fraktur: „Das tat ich für dich. Und was tust du für mich?“

Diese schneidenden und eindringlichen Worte haben mich damals sehr verwirrt und betrübt, weil mir noch unser übernatürlicher Glauben fehlte. Aber im Laufe der Jahre haben diese Worte immer mehr mein Herz angerührt, und diese Inschrift, wage ich zu sagen, treibt mich nun an. Ich denke, das ist ein besonderer Moment in der Geschichte der Kirche, der es verlangt, an einem doktrinellen und moralischen Kampf teilzunehmen, der nicht nur eine Frage der Integrität ist, sondern auch so radikal ernst ist, daß er die tiefsten Wurzeln unseres Glaubens berührt.

Viele sind uns vorangegangen und haben diesen Kampf gekämpft, Menschen, die von einer so brennenden Liebe zu Christus bewegt wurden, daß sie gebebt haben, als sie sahen, daß Seine Worte getreten, beschmutzt und verlacht wurden: besonders Seine Worte über unser Leben, unser mögliches ewiges Seelenheil und das glorreiche Reich Seines Vaters. Diese eifrigen und treuen Jünger sind mit Nachdruck auf vielerlei Weise gerufen, wenn sich Rom mit den anderen Religionen in Promiskuität zu vermischen scheint, sowohl im Gebet als auch im Festgesang, so als hätten die Worte Unseres Herrn keine Bedeutung mehr und als wären sie nicht mehr unser Vorbild: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6).

In ihrem Eifer haben sich diese treuen Jünger des Herrn zusammengesetzt und Schriften verfaßt, so wie einige mutige und gute Kardinäle es jüngst zur Frage der Familie und des Ehesakraments getan haben in Verteidigung der Wahrheit Christi und mit der Absicht, uns zu helfen, mit treuer Liebe in dieser Wahrheit zu bleiben. Diese Katholiken, die uns vorangegangen sind, sollten auch wir ehren. Sie werden eines Tages vielleicht zu den Heiligen gezählt werden.

Sie waren hochsensibel und haben sich sofort gegen die subversive Unordnung der Lehre und der moralischen Ordnung eingesetzt und mußten genau dasselbe Verlachtwerden und dieselbe Art der Einsamkeit erdulden, die heute einige von uns erdulden müssen: die isolierende Einsamkeit. Die Einsamkeit im Kampf. Die Einsamkeit des Herzens.

Es treten einige Fragen auf: Wo sind unsere, so sehr erwarteten Mitbrüder, voll Bereitschaft mitzuwirken, die täglich Unseren Herrn in der Heiligen Kommunion empfangen, die auch die anderen stärkenden Sakramente erhalten und regelmäßig gebeichtet haben und sogar täglich den Rosenkranz beten? Wann werden sie zurückgeben, was sie an Werken und in dem, was Jean Ousset die „doktrinelle Aktion“ nennt, schulden? Ich befürchte, daß unsere Tatenlosigkeit zu einer schuldhaften Unterlassung wird wegen der Trägheit und der inneren Unruhe, die durch geistliche Unlust oder passiven Quietismus verursacht ist.

Jetzt ist der Augenblick auf konkrete und kluge Weise zu handeln, wie uns die erste der Kardinaltugenden lehrt, aber auch prompt und intelligent, bevor es zu spät ist. Die katholischen Autoritäten in Rom müssen den brennenden Ernst des katholischen Widerstandes und die konkrete Empörung jener sehen und spüren, die Christus treu sind. „Wie könnte ihr es wagen, die Gesetze Gottes ändern zu wollen?“, möchten einige von uns ausrufen! „Glaubt ihr denn, die Natur des Menschen habe sich geändert, seit Gott uns Seine Gesetze, Seine „Gebrauchsanweisungen“ gegeben hat, um die Dinge gut und besser funktionieren zu lassen?“

Wie muß sich erst Christus gefühlt haben, als Er auf dieser Erde wandelte, im Vergleich zu dem, was wir armen Sünder in unserer Schwachheit fühlen. Er hat so viel gegeben, sich selbst ganz und bis zum bitteren Ende. Aber auch vor Seinem letzten und tödlichen Leiden hat Er Körper und Seelen geheilt, die Kinder geliebt, über den Tod seines Freundes geweint, sich über den Glauben und die Treue des heidnischen Zenturio gewundert, mehrfach Mitleid gehabt für die Krüppel und die Schwächen gegen die Reinheit, Er hat gelehrt und ermahnt, und nicht nur die Heuchler und die den Tempel entweihenden Geldwechsler, sondern auch jene, die den Kindern ein Ärgernis waren. Und am Ende bei dem letzten Schritt Seines Leidensweges hatten viele Ihn noch immer nicht verstanden und viele haben sich von Ihm entfernt und haben Ihn sogar verlassen (ausgenommen natürlich die Gottesmutter, der heilige Johannes, die heilige Maria Magdalena und die wenigen anderen treuen Frauen).

Er war fast vollkommen allein. Wie muß Er sich allein gefühlt haben in Seiner heiligen Menschengestalt, dort ans Kreuz geschlagen. So verlacht und so mißachtet. Die Versuchung von Getsemani hatte Ihn auf die Probe gestellt, indem Ihm die Sinnlosigkeit Seines bevorstehenden Opfers eingeredet wurde, sondern auch, indem Er versucht wurde, Sein Erlöserwerk aufzugeben, das der zu rettende Mensch nicht verdient hätte. Das sind tiefe und unergründliche Geheimnisse.

G.K. Chesterton schrieb: „Der Mensch darf Gott nicht versuchen; es ist aber möglich (und kann geschehen), daß Gott Gott versucht.“ Es scheint fast, als könnte dasselbe mit dem Leiden und der Einsamkeit Seiner Kirche geschehen. Oder vielleicht geschieht dies bereits spürbar Seinem mystischen Leib auf Erden, Seiner Ecclesia militans. „Saul, Saul, warum verfolgst du mich (verfolgst du Meine Kirche?)“ (Apg 22,7). Wurde Er bereits Seiner Kleider beraubt? Ist Er bereits zum dritten Mal gestürzt? Im Rahmen der Begrenztheit meiner Kenntnis und meines Verstehens glaube ich nicht, daß Er bereits ans Kreuz geschlagen wurde. Aber vielleicht wird das geschehen und das sogar bald. Sicher ist, daß Christus von Neuem verfolgt wird, genauso wie es bei Seiner Geburt geschah.

So versuchen wir alle, die wir manchmal diese Agonie der Einsamkeit in unseren Kämpfen erleiden, um eine größere Treue zu Christus zu erreichen oder zu bewahren und darin auch den Kampf für die Bekehrung und die Gnade der Rettung der Seelen, uns noch tiefer mit Ihm und Seiner geliebten Mutter zu vereinen. Vereinen wir uns mit der Einsamkeit Christi am Kreuz und dem Mitleid Unserer Allerseligsten Mutter. Und so wie es am Karfreitag und am Karsamstag geschehen ist, als die Lichter zu erlöschen schienen, können wir aufmerksam, mit großem Vertrauen und großer Hoffnung Seine Auferstehung erwarten im überreichen Gnadenleben Seines mystischen kämpfenden Leibes supra terram. „Was wir haben, ist die Natur; was wir brauchen, ist die Gnade“ (P. John A. Hardon SJ).

*Maike Hickson schrieb am 10. Dezember 2014 Papst Franziskus einen „Offenen Brief einer besorgten Katholikin“. Hickson stammt aus Deutschland, studierte Geschichte und Französische Literatur und konvertierte nach ihrer Bekehrung zur katholischen Kirche. Die promovierte Akademikerin, die mehrere Jahre in der Schweiz lebte, ist mit dem amerikanischen Historiker und Kulturwissenschafter Robert Hickson verheiratet. Das Ehepaar hat zwei Kinder und lebt in den USA.

Bild: Corrispondenza Romana

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2 Comments

  1. Maike Hickson beschreibt sehr gut die Gefühlslage vieler Christen, auch die meinige.
    Das Gefühl, im Grunde allein zu sein, obwohl inmitten unter Katholiken lebend.
    So viele klagen, äussern Unmut – aber nicht etwa wegen des schwindenden Glaubens, wegen zusehends leerer werdenden Kirchen, sondern darüber, dass die katholische Kirche so „unmöglich“, so „altmodisch“ sei.
    Sie sprechen von „alten Zöpfen“, die abgeschnitten gehören.
    Und sie alle erwarten sich „Besserung“ der Situation durch Papst Franziskus.
    Ich mühe mich wirklich, aber immer wieder anrennen bzw. argumentieren gegen diesen katholischen Mainstream …?

    Allen ein gesegnetes, hoffnungsfrohes Osterfest!

  2. Wo war diese „brennende Liebe“ für den Herrn, als das allerheiligste Altarsakrament, als das heilige Messopfer verunstaltet wurde, als das Sakrament der Sakramente entwertet und seines Sinnes beraubt wurde und mit ihm das Weihe-Sakrament?
    Ich bleibe dabei: dieser Zirkus um das Ehesakrament wird überhaupt nichts bewirken, sondern enden wie das Hornberger Schießen, weil die Voraussetzungen, auf deren Basis er geführt wird – auch hier wieder in diesem Brief – nicht ausreichen, um den verlassenen echten katholischen Glauben zu verteidigen.

    Es ist wie bei denen, die sich abendlich vollaufen lassen mit Bier und erregen über die, die das Kiffen freigeben wollen und letzteres zum Politikum, ersteres zum Tabu machen.

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