Päpstliche Kurienreform mit Widersprüchen

Papst Franziskus Kurie(Rom) Das Gipfeltreffen zur Kurienreform rückt näher. Papst Franziskus macht jedoch auf seine Art weiter, „indem er in einigen Fällen die Guten verjagt und die Schlechten befördert“, so der Vatikanist Sandro Magister.

Gleichzeitig erteilte der Papst den Kirchengerichten weltweit Anweisungen, die in Sachen Ehebandauflösung in eine neue Richtung weisen. 

Die Kurienreform, die den Papst wenig interessiert

Vom 9.-11. Februar ist das neunte Treffen des C9-Kardinalsrats anberaumt. Auf das Treffen folgt am 13. und 14. Februar ein ordentliches Kardinalskonsistorium, das sich mit den Arbeiten und Vorschlägen des C9-Rats befassen wird.

Vor elf Monaten versammelte Papst Franziskus das Kardinalskonsistorium hinter verschlossenen Türen, um sie mit dem Thema Familie zu konfrontieren. Vorgetragen wurde die neue Familienagenda von Kardinal Walter Kasper. Mit päpstlichem Auftrag. Daraus wurden zwei Tage hitziger Wortgefechte. Ein Großteil der Kardinäle fühlte sich geradezu überrumpelt. Der Konflikt wurde auf der Bischofssynode im Herbst 2014 fortgesetzt.

Im kommenden Monat ruft Papst Franziskus die Kardinäle zum zweiten ordentlichen Konsistorium seines Pontifikats zusammen. Dieses Mal steht statt der Familie die Kurienreform auf der Tagesordnung und erneut wird, wenn auch auf anderer Ebene hinter verschlossenen Türen ein harter Konflikt erwartet.

Einen Monat nach seiner Wahl zum Papst setzte Franziskus am 13. April 2013 einen achtköpfigen Kardinalsrat ein, der ihn bei der Reform der Römischen Kurie und bei der Leitung der Weltkirche beraten soll. Seit der Ernennung eines neuen Kardinalstaatssekretärs wurde der Rat auf neun Mitglieder erweitert. Seither tagte der Kardinalsrat acht Mal drei Tage lang. Papst Franziskus war immer anwesend, ausgenommen die Zeit der mittwöchigen Generalaudienzen.

Nicht alle Vorschläge „vorzeigbar“

Seither liegen viele Reformideen auf dem Tisch, die sich zum Teil gegenseitig ausschließen. Es sind mindestens so viele wie der C9-Kardinalsrat Mitglieder hat. Einige davon sind nicht nur widersprüchlich, sondern „nicht vorzeigbar“, so Magister. Zu Letzteren gehört die Idee, die verschiedenen Einrichtungen und Gerichtshöfe des vatikanischen Justizwesens, einschließlich der Apostolische Pönitentiarie, einem zu errichtenden Justizdikasterium zu unterstellen. Damit würde die Gewaltenteilung auf schwerwiegende Weise außer Kraft gesetzt.

Papst Franziskus hat sich bisher nicht zu den Reformplänen geäußert. Vorerst scheint er den C8- und nunmehrigen C9-Rat arbeiten zu lassen, der im Namen einer neuen Kollegialität ernannt worden war. Nur eine Form von Beschäftigungstherapie? Der Papst gab bereits voriges Jahr bekannt, daß er vor 2016 nicht gedenke, die Reformen konkret anzugehen. Nach seiner Wahl setzte er den Rat ein, doch seither regiert er wie ein Jesuitengeneral. Er entscheidet ganz allein und wann er will. Was ihm in den Sinn kommt, geht er an, Kollegialität hin, Kollegialität her.

Weihnachtsohrfeige für Kurie

Als Franziskus am 22. Dezember die Römische Kurie zum Weihnachtsempfang lud, verabreichte er seinen engsten Mitarbeitern statt der Weihnachtswünsche eine handfeste Ohrfeige. Er schleuderte ihnen öffentlich ihre „Krankheiten“ ins Gesicht. Fünfzehn Pathologien machte der Papst ausfindig, an denen sein Mitarbeiterstab leide. „Eine gemeiner als die andere“, so Magister. Vergleicht man die päpstliche Diagnose mit den päpstlichen Entscheidungen über Entlassungen oder Beförderung im Amt, kann man nur staunen.

Päpstliche Entlassene

Der bekannteste unter den Entmachteten ist Kardinal Raymond Leo Burke. Unter den Vatikanisten gibt es unterschiedliche öffentliche Einschätzungen dazu, je nachdem welches Verständnis Burkes Haltung gegenüber aufbracht wird oder wie der Vatikanist zu Papst Franziskus steht. Alle sind sich jedoch in der persönlichen Einschätzung darin einig, daß es sich dabei um einen für die Gepflogenheiten des Heiligen Stuhls brüskierenden Affront handelt. Der herausragende Kirchenrechtler, dessen Kompetenz und moralische Geradlinigkeit auch von seinen Gegnern respektvoll anerkannt wird, wurde auf einen für die Leitung der Kirche bedeutungslosen Ehrenposten abgeschoben.

Päpstliche Beförderte

Zu den unglaublichsten Beförderungen zählt weiterhin die Ernennung von Msgr. Battista Ricca zum Hausprälaten und persönlichen Delegaten des Papstes bei der Vatikanbank IOR. Gegen Ricca waren wegen seines zweifelhaften Lebenswandels schwerwiegende Bedenken erhoben worden. Als Vatikandiplomat hatte er „an drei Apostolischen Nuntiaturen Anlaß zum Skandal“ gegeben, zuletzt in Montevideo, wohin er sich seinen Geliebten gleich mitgenommen hatte. Trotz der Eingaben seiner Vorgesetzten nach Rom, wurde er zwar aus dem aktiven diplomatischen Dienst abgezogen, um aber auf wundersame Weise als Direktor der römischen Gästehäuser des Vatikans weich zu landen. Msgr. Ricca übernahm die Leitung des Gästehauses Santa Marta und des Gästehauses in der Via della Scrofa. Auch das letztlich ein diplomatischer Dienst, da in den Gästehäusern wichtige Gäste aus aller Welt untergebracht sind. Damit machte er sich viele Kardinäle zu Freunden, die dort nächtigten, darunter auch den heutigen Papst, der ihn im Juni 2013 zu seinem Vertrauensmann in Sachen Vatikanbank machte.

Vom Kampf gegen „Homo-Lobby“ im Vatikan zur Homo-Förderung?

Zu einem Charakterzug des Papstes scheint es zu gehören, daß er einmal getroffene Entscheidungen nicht mehr zurücknimmt. Wer in Ungnade fällt, bleibt es. Wer in der Gunst steht, ebenso. Erstaunlich bleibt in diesem Zusammenhang, daß Papst Franziskus im Juni 2013 die Existenz einer „Homo-Lobby“ im Vatikan beklagte, gegen die er vorgehen wolle. In Wirklichkeit wurde das Pontifikat in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer bisher nicht dagewesenen Förderung der Homo-Lobby und das nicht nur im Vatikan. Es folgte die Ernennung von Msgr. Ricca, der seither als „Prälat der Homo-Lobby“ bekannt ist. Als Steigerungsform fiel auf Mediennachfrage Ende Juli 2013 der umstrittenste Satz dieses Pontifikats: „Wer bin ich, um zu urteilen?“ Und als bisheriger Höhepunkt schrieb Erzbischof Bruno Forte, den Franziskus zum Sondersekretär der Bischofssynode ernannt hatte, eine Anerkennung der Homosexualität durch die Kirche in den Zwischenbericht der Synode. Die Synodenväter lehnten diese Passage zwar ab, doch Papst Franziskus ließ sie dennoch mit dem angenommenen Papier veröffentlichen, als sei sie intergraler Bestandteil und die Ablehnung der Synodalen nur ein Betriebsunfall, der im zweiten Teil der Bischofssynode im Oktober 2015 behoben werde. Zumindest muß dieser fatale Eindruck entstehen. Vor allem bestätigt dieses Vorgehen, daß es sich nicht um einen Alleingang von Erzbischof Forte handelte, sondern um einen abgesprochenen und vom Papst gebilligten Vorstoß.

Bischofssynode als Instrument päpstlicher Unruhestiftung?

Papst Franziskus scheint die Bischofssynode zu einer ständigen Einrichtung machen zu wollen. Das ist vorerst Spekulation, doch die Anzeichen sprechen dafür. Er stößt Diskussionen an und läßt ihnen freien Lauf, die seine Vorgänger für abgeschlossen erklärt hatten. Dazu gehört auch die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten und die Diskussion über die Zulassung einer Zweitehe.

Der heutige in der Kirche mehr oder weniger öffentlich, weit heftiger unterschwellig schwelende Konflikt ist nicht durch äußere Umstände der Kirche aufgezwungen worden. Er wurde direkt von Papst Franziskus angestoßen. Er berief die Bischofssynode über die Familie ein, obwohl es dazu keinen objektiven Bedarf gab. Er ernannte Kardinal Kasper zum alleinigen Berichterstatter, wohl wissend, was Kasper vor den erstaunten Kardinälen vortragen würde.

Widerstand der Ränder: Paradox oder emblematisch?

Ein bemerkenswertes, aber vielleicht keineswegs zufälliges Detail ist, daß die neue Familienagenda samt dem Paradoxen Anhängsel „Homosexualität“ vor allem in den Bischöfen der „Ränder“, besonders Afrikas, Teilen Asiens und des östlichen Europas den erbittertsten Widerstand findet. Jenen „Rändern“, die Papst Franziskus so häufig betont.

Nach dem zweiten Teil der Bischofssynode in neun Monaten wird der Papst als absoluter Monarch entscheiden. Franziskus, der sich gerne „Bischof von Rom“ nennt und kaum als Papst bezeichnet, war es, der am Ende der Bischofssynode aus offensichtlichem Ärger über den synodalen Widerstand von Kardinal Burke und „Randbischöfen“ zum Erstaunen aller in Erinnerung rief, daß ihm laut Kirchenrecht alleinige Entscheidungsvollmacht zusteht.

Magister: „Offenkundige Sympathien für progressiven Flügel“

Die offenkundigen Sympathien von Franziskus gelten dem progressiven Flügel, der von den Bischöfen der deutschsprachigen Ländern mit ihrem prallgefüllten Geldsäckel angeführt wird. Das Liebäugeln mit der Orthodoxie des Ostens gilt nur deren liberalen Abweichungen von der lateinischen Kirche, der Zweit- und Drittehe und dem nicht zölibatären Diözesanklerus.

Die progressive Sympathie ist im ansonsten mehr durch widersprüchliche Signale auffallenden Pontifikat deutlich herausfilterbar. Zu den Widersprüchlichkeiten gehört die Sympathie für Papst Paul VI., dessen Enzyklika Humanae vitae er bereits mehrfach lobend betonte und seinen Vorgänger als „Propheten“ würdigte. Kaum eine Enzyklika in der Kirchengeschichte stieß auf heftigeren Widerstand und wurde von einer Reihe von westlichen Bischofskonferenzen abgelehnt, darunter jenen der deutschen Länder.

In Manila fügte Franziskus seinem Lob für Paul VI. im Zusammenhang mit Humanae vitae hinzu, daß der allerdings auch „sehr barmherzig gegenüber den besonderen Fällen“ gewesen sei und „die Beichtväter gebeten habe, sehr verständnisvoll zu sein“. Eine Abschwächung seines vorherigen Lobs?

In der Theorie orthodox, in der Praxis paradox?

Der Vatikanist Sandro Magister zieht daraus seine Schlußfolgerungen und meint, daß auch der Streit um die wiederverheirateten Geschiedenen „wahrscheinlich“ auf dieselbe Weise enden werde. „Franziskus wird in Worten an der katholischen Glaubenslehre der Unauflöslichkeit der Ehe festhalten und gleichzeitig die Bischöfe und den Klerus ermutigen, ‚in der Praxis pastorales‘ Mitgefühl und Verständnis für die gescheiterten und dann neu geschlossenen Ehen zu haben.“

Paul VI., der am Abschlußtag der Bischofssynode 2014 seliggesprochen wurde, zog sich mit der Enzyklika Humanae vitae einen Sturm von Kritik und Protest zu, in – und außerhalb der Kirche und wurde, obwohl der große Neuerer der Progressiven zum einsamen Mann im Vatikan.

Für Papst Franziskus zeichnet sich für die Zukunft eher das Gegenteil an, „indem er scheinbar sowohl Beharrern und Neuerern Genugtuung verschafft“, so Magister. Wäre da das Wörtchen „scheinbar“ nicht.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Settimo Cielo

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