Organisierten Kasper, Lehmann, Danneels, Murphy-O‘Connor eine verbotene Kampagne zur Wahl Bergoglios?

Konklave-der-Kardinäle-Sixtinische-Kapelle(Vatikan) Die neue Papst-Biographie des ehemaligen Pressesprechers von Kardinal Murphy-O‘Connor sorgt für solche Aufregung, daß Vatikansprecher Lombardi sich zu einem Dementi genötigt sah. Im Mittelpunkt stehen die Kardinäle Kasper, Lehmann, Danneels und Murphy-O‘Connor sowie der Papst selbst. Sie sollen vor dem Konklave eine Wahlabsprache getroffen und eine Kampagne zur Wahl Bergoglios organisiert haben. Jede Art von Absprachen sind jedoch vom Kirchenrecht unter Strafe verboten.

Vatikansprecher Pater Federico Lombardi SJ dementierte ohne Wenn und Aber: Alle vier Kardinäle des angeblichen „Team Bergoglio“ bestreiten, daß es im Vorfeld des Konklaves ein Abkommen zwischen ihnen und Bergoglio gegeben habe, den argentinischen Kardinal zum Papst zu wählen.

Vatikansprecher Lombardi reagierte auf entsprechende Journalistenanfragen, nachdem in Großbritannien am 23. November im Sunday Telegraph ein Bericht erschienen war. Laut der britischen Tageszeitung habe Kardinal Cormac Murphy-O’Connor, der ehemalige Erzbischof von Westminster und Primas von England und Wales für Kardinal Bergoglio Lobbyingarbeit betrieben. Der Engländer war wegen Vollendung des 80. Lebensjahres selbst nicht zum Konklave zugelassen.

Neue Papst-Biographie mit pikanten Behauptungen

Neue Papst-Biographie
Neue Papst-Biographie

Der Sunday Telegraph berichtete vorab über eine neue Biographie über Papst Franziskus, die inzwischen erschienen ist. Darin heißt es, der englische Kardinal habe „mitgeholfen, eine Wahlkampagne für die Wahl von Papst Franziskus zu organisieren“.

Die Wahl des „weitgehend unbekannten argentinischen Kardinals Jorge Mario Bergoglio zum Oberhaupt der weltweit mehr als 1200 Millionen Katholiken war eine Überraschung sowohl für die Vatikanbeobachter als auch für die Gläubigen“, so der Sunday Telegraph.

Als am Abend des 13. März die Wahl von Papst Franziskus bekanntgegeben wurde, erklärte sich ein Großteil der Beobachter seine Wahl damit, daß ein Stillstand zwischen rivalisierenden Fraktionen verhindert werden sollte und der argentinische Kardinal ein klassischer Kompromißkandidat zwischen sich gegenseitig blockierenden Blöcken gewesen sei.

Für den Autor der neuen Papst-Biographie „The Great Refomer. Francis and the Making of a Radical Pope“, den britischen Katholiken Austen Ivereigh, verlief das Konklave jedoch anders. Es habe eine „diskret vorgehende, aber gut organisierte Kampagne einer kleinen Gruppe von europäischen Kardinälen zur Unterstützung von Kardinal Bergoglio“ gegeben, so die britische Sonntagszeitung.

Das „Team Bergoglio“

Ivereigh nennt die Gruppe „Team Bergoglio“. Der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. sei zwar überraschend gewesen, habe aber eine überdurchschnittlich lange Zeit bis zum Konklave verschafft, die beim Tod eines Papstes in der Regel viel kürzer ist. Die Mitglieder der Gruppe hätten diese Zeit genützt, so der Autor, um in dem Monat bis zum Konklavebeginn durch private Abendessen und zahlreiche andere Treffen in größter Stille unter den Kardinälen für Bergoglio zu werben.

Kardinal Bergoglio war, wenn auch mit großem Abstand, bereits im Konklave 2005 Zweitplatzierter hinter Benedikt XVI. geworden. Unterstützt wurde der Argentinier damals von einer „vorwiegend europäischen Reformallianz“. Aus deren Reihen bildete sich auch 2013 das „Team Bergoglio“.

Kardinal Bergoglio verhielt sich während des deutschen Pontifikats auffallend ruhig. Er habe jeden Eindruck vermeiden wollen, Kopf oder Kandidat einer innerkirchlichen Fraktion zu sein. Deshalb und aus Altersgründen wurde er 2013 von den meisten Vatikanisten nicht mehr als papabile wahrgenommen.

Ivereigh war früher Pressesprecher von Kardinal Murphy-O’Connor. Im letzten Jahr des Pontifikats von Benedikt XVI. sei eine Stimmung erzeugt worden, die den Wunsch nach einem neuen Papst ohne Verbindung zum „Establishment“ der Römischen Kurie zum beherrschenden Druck auf die wählenden Kardinäle werden habe lassen.

Kern der Gruppe: Kasper, Lehmann, Danneels

Austen Ivereigh
Austen Ivereigh

Diese Situation sei, so der Autor, von den europäischen „Reformern“, die bereits 2005 Bergoglio unterstützt hatten, genützt worden, um die Initiative zu ergreifen. Kardinal Murphy-O’Connor, der selbst nicht mehr wahlberechtigt war, habe sich „mit dem deutschen Kardinal Walter Kasper zusammengetan“, so Ivereigh. Kern der Gruppe seien die vier europäischen Kardinäle Walter Kasper, Godfried Danneels, Karl Lehmann und Cormac Murphy-O’Connor gewesen. Der englische Kardinal habe als Verbindungsmann zu gleichgesinnten in Nordamerika und in Commonwealth-Staaten gedient. Die Deutschen hätten in Europa, Lateinamerika und der restlichen Dritten Welt um Stimmen geworben.

„Sie hatten ihre Lektion von 2005 gelernt“, schreibt Ivereigh. „Zuerst sicherten sie sich die Zustimmung von Bergoglio“. Ein zweites Mal wollten sie nicht erleben, wie der Argentinier, wenn es darauf ankommt, einknickt und seine Kandidatur zurückzieht, wie 2005. „Auf die Frage, ob er bereit sei, sagte er, er glaube, daß in dieser Zeit der Krise für die Kirche sich kein Kardinal verweigern könnte, wenn er gefragt wird.“ Murphy-O’Connor habe Bergoglio darauf aufmerksam gemacht, nun besonders vorsichtig zu sein, doch nun sei „er an der Reihe“. Bergoglio antwortete: „capisco“, ich verstehe.

„Capisco“, die Kampagne und eine emotionale Rede

Dann habe sich die Kampagne in Bewegung gesetzt, um für den Argentinier die Werbetrommel zu rühren. Das Hauptargument gegenüber den meisten Kardinälen sei das Alter Bergoglios gewesen. Seine 76 Jahre seien nicht als Hindernis zu betrachten, da der Papst ja „zurücktreten“ könne. Es sei einerseits mit dem antirömischen Affekt mobilisiert und gleichzeitig mit Bergoglio als einer Art „Übergangskandidat“ geworben worden.

Aus dem Konklave 2005 hatte die Gruppe gelernt, welchen Eindruck ein starkes Auftreten machte. Damals war es Glaubenspräfekt Joseph Ratzinger, der als Kardinaldekan souverän das Requiem und die Beisetzung des langdienenden Johannes Pauls II. vollzog und in den Homilien einen klaren Kurs vorgab.

Nach der Vorbereitungskampagne und der Bearbeitung zahlreicher Kardinäle durch das „Team Bergoglio“, sei der entscheidende Wendepunkt zugunsten Bergoglios auf den Generalkongregationen vor dem Konklave erfolgt, als der Argentinier in einer Situation ohne „natürlichen Nachfolger“ sich mit einer emotionalen Rede von allen anderen abheben konnte.

Entscheidend, so Ivereigh, für das Gelingen sei es gewesen, daß sich die Vatikanbeobachter nach traditionellem Schema vor allem auf Gerüchte und Stimmungen innerhalb der italienischen Kirche konzentrierten, sodaß die Wahlvorbereitung des „Teams“ unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden konnte und damit Gegenmaßnahmen, wie 2005 verhindert werden konnten, einschließlich der weitverbreiteten Überzeugung, es habe keinerlei Vorbereitungen zugunsten Bergoglios vor dem Konklave gegeben.

War das ganz ungewöhnliche Lob für einen wählenden Kardinal nur wenige Tage nach dem Konklave der Dank für die Papstwahl? Beim ersten Angelus von Papst Franziskus am 17. März 2013 lobte Papst Franziskus den deutschen Kardinal Walter Kasper. Das Lob erfolgte unter Hinweis auf Kaspers Buch über die „Barmherzigkeit“, in dem er seine These der „neuen Barmherzigkeit“ niedergeschrieben hatte. Sie liegt seither wie ein Schatten über dem Pontifikat und wurde bei der Bischofssynode im vergangenen Oktober im Zusammenhang mit wiederverheiratet Geschiedenen und Homosexuellen zum offenen Streitfall. Erklärt sich dadurch überhaupt die bevorzugte Stellung, die Kasper bei Papst Franziskus genießt? Und die nicht weniger ungewöhnliche Ernennung von Kardinal Danneels ausgerechnet zum Synodalen der Bischofssynode über die Familie? (siehe Kardinal Danneels bei Bischofssynode – und dennoch schweigen die Medien).

Kasper war es auch, der in der Zeit der Sedisvakanz den abgetretenen Benedikt XVI. öffentlich warnte, Einfluß auf die Nachfolgefrage ausüben zu wollen (siehe Die Warnung an Benedikt XVI. von einem … Kasper – Anti-Ratzinger-Pontifikat in Planung).

Dementi von Kardinal Murphy-O‘Connor

ErwiderungAlles was Ivereigh in seinem Buch zum Thema vorlegt, ist laut Apostolischer Konstitution Universi dominici gregis von 1996 verboten. Das bedeutet, daß alle Beteiligten die Darstellung abstreiten müssen. Das bedeutet im Umkehrschluß keinen Beweis für die Richtigkeit von Ivereighs Darstellung, ist aber mitzudenken, denn Reaktionen der Betroffenen erfolgten umgehend.

Unmittelbar nach Erscheinen des Sunday Telegraph-Berichtes gab die Privatsekretärin von Kardinal Murphy O’Connor, Maggie Doherty eine Erklärung ab, die am 25. November im Daily Telegraph veröffentlicht wurde. Am selben Tag kam Ivereighs Buch zum Verkauf in die Buchhandlungen. Gleichzeitig zum englischen Original brachte der Mondadori-Verlag eine italienische Übersetzung heraus, die den harmloseren Titel „Tempo di misericordia: Vita di Jorge Mario Bergoglio“ (Zeit der Barmherzigkeit. Das Leben von Jorge Mario Bergoglio) trägt.

In der Erklärung ließ der Kardinal mitteilen, er habe sich in den Tagen unmittelbar vor dem Konklave Kardinal Bergoglio nicht angenähert, um von ihm die Zustimmung zu erhalten, als Kandidat für das Papstamt ins Rennen zu gehen. Zudem habe er aus Altersgründen gar nicht am Konklave teilnehmen können. Kurzum, es sei an der Sache nichts dran, die sein ehemaliger Pressesprecher nun in Buchform vorlege.

„Alle vier Kardinäle bestreiten und sind über Veröffentlichung verärgert“

Dennoch wurde der Medienbericht im Vatikan so aufmerksam registriert, daß Vatikansprecher Pater Lombardi auf Nachfrage des Sismografo dazu gestern Stellung nahm. In dem Buch „wird behauptet, daß sich in den Tagen vor dem Konklave vier Kardinäle – Murphy-O’Connor, Kasper, Danneels und Lehmann – der „Zustimmung“ des Kardinals Bergoglio zu seiner eventuellen Wahl „versicherten“ („They first secured Bergoglio’s assent“), und „sich dann an die Arbeit machten“ („then they got to work“) mit einer Kampagne zur Förderung seiner Wahl.
Ich kann erklären, daß alle vier obgenannten Kardinäle ausdrücklich diese Darstellung der Ereignisse bestreiten (…) und wünschen, daß man weiß, daß sie über das Veröffentlichte erstaunt und verärgert sind.“

Text: Giuseppe Nardi
Bild: CR/BBC/Daily Telegraph (Screenshots)

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catholicus

Das „Heilige Kollegium“ muß ja auf einem unglaublichen Niveau stehen, wenn es einen Bergogliaccio zum Papst wählt! Diesen Leuten könnte man mit einer Kampagne auch einen Schimpansen aufschwatzen! Weit haben wir es gebracht, 50 Jahre nach DEM Konzil!

Dario

Niveau hin, Niveau her. Sie haben keinen Glauben mehr!!

Dario

ich meinte natürlich – sie!

Marcellus

Mit einem großen Unterschied: Ein Schimpanse hätte keine so zerstörerische Wirkung für die Kirche gehabt.

Symmachus
Obwohl die Mitgliedzahl der Kardinäle vor Johannes XXIII. auf siebzig oder fünfundsiebzig festgelegt war, zählte das Kardinalskollegium oft nur etwa vierzig, manchmal auch nur um die dreißig Mitglieder. Alle kannten sich mehr oder weniger, zumal weitaus die meisten an einer römischen Hochschule studiert hatten. Sie sprachen dieselbe Sprache, hatten denselben Glauben, hatten dieselben Interessen. Sie wurden im allgemeinen wegen Ihrer Qualitäten, wegen ihrer Leistung und Verdienste zu Kardinälen kreiert. Die Kurienkardinäle waren meist Italiener. Ihnen war Nationalismus ziemlich fremd. Alle Kardinäle hatten in Suburbikarischen Bistümern, Titelkirchen oder Diakonien volle Jurisdiktion, hatten dort Pflichten und Rechte, die sie zu wahren trachteten.… weiter lesen »
Symmachus
Hier geht es weiter: Zudem erlaubt eine so große Zahl kaum noch eine allgemeine Aussprache, grob überschlagend kommt man auf zwei Minuten Redezeit (man vergleiche die vier Minuten bei der letzten Räubersynode). Dass das Heilige Kollegium längst entwertet ist und als Senat der Kirche nur noch so viel gilt wie im alten Rom der Senat unter Caligula oder Nero, das geht schon aus der Tatsache hervor, dass seine Funktion auf das achtköpfige Directoire übertragen ist. Corpsgeist – das ist nach dem Brockhaus von 1911 „die tätigste Teilnahme jedes einzelnen an dem gemeinschaftlichen Wohl aller, unter Beiseitesetzung aller egoistisch-persönlichen Rücksichten“ –… weiter lesen »
hedi züger

Danke @symmachus für diesen mutigen und sehr aufschlussreichen Beitrag. Daraus wird ersichtlich, wie Trägheit und Sattheit gefährlich werden können. Vor allem die knechtische Furcht ein eigenes Urteil entgegen dem allgemeinen Fluss zu haben – eines Kirchenfürsten, der bereit sein muss, für Christus sein Blut und Leben hinzugeben – in höchsten Masse unwürdig und schändlich. Beten wir für diese Geistlichen mit so grosser Verantwortung.
Und für @symmachus (et sequace ejus ), um weiterhin – sei das gelegen oder nicht – seine Stimme erheben zu können.

paula thalbauer

Danke für die ausführliche Analyse. Lobbying vor und während des Konklaves ist ja nun wirklich nichts Neues. Angeblich (es wurde nie widersprochen) tat dies Kardinal König als er annehmen mußte, dass der Ruf an ihn gehen könnte, sehr erfolgreich für Kardinal Woytila, der dann auch Papst JP II wurde. Dass der Papst ihn dann bei der unseligen Nachfolge nicht kontaktierte, spricht dafür, dass man daraus später keinen Vorteil hat.

J.G.Ratkaj
Eine sehr zutreffende und ganz richtige Analyse. Wir sehen erneut was für ein faux pas die „Internationalisierung“ u „Vergrößerung“ des senatus divinus doch ist , der mitnichten die „Weltkirche“ zu „repräsentieren“ hat. Das war nie die Aufgabe des Kardinalates. Hw. Msgr. Prof Georg May ist in seiner Darstellung zum selben Schluß wie Sie Symmachus gelangt. Es ist einer der schizophrenen Prozesse der Nachkonzilszeit, wo man einerseits alles nach „Kollegialität“ und „Funktionalität“ ausrichtete aber das sacro collegio, das Jahrhunderte hindurch in Rom als erlauchtes Beratergremium fungierte, defacto zu einem bloßen „Elektorenkollegium“ degradierte und seine althergebrachten Kompetenzen dermaßen kastrierte, daß es wirklich… weiter lesen »
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