Klimawandel? In der Kirche wächst Unbehagen über Papst Franziskus

Papst Franziskus mit Schweizergardist
Papst Franziskus mit Schweizergardist

(Rom) „Die Aufmerksamkeit des Kardinals, des Soziologen, der Journalisten ist ganz auf Papst Franziskus konzentriert“, so der Vatikanist Sandro Magister. Der Grund? Alle versuchen zu verstehen, wo der argentinische Papst eigentlich hin will. Innerkirchlich wächst unterdessen die Kritik an Papst Franziskus und das auf allen Ebenen. Kritik wurde anfangs nur im persönlichen Gespräch geäußert, inzwischen aber zum Teil schon ganz offen und dies nicht mehr nur von einem unerschrockenen Mann wie Kardinal Raymond Burke, der sich schon seit 2013 respektvolle aber klare Worte erlaubt und dafür prompt gemaßregelt wurde.

Für Aufsehen sorgte jüngst ein weiterer amerikanischer Kardinal, der durch Krankheit gezeichnete bisherige Erzbischof von Chicago, Francis Kardinal George. Die Ernennung seines Nachfolgers durch Papst Franziskus brachte einen der führenden Kirchenmänner in den USA auf die Palme.

„Unbehagen, Zweifel, kritische Urteile immer offener bekundet und jeden Tag begründeter“

Die stürmische Bischofssynode über die Familie im vergangenen Oktober, die Ernennung des neuen Erzbischofs von Chicago und die demonstrative Degradierung von Kardinal Raymond Burke haben zu einem international, besonders aber in den USA vernehmbaren Umdenken gegenüber dem Pontifikat von Papst Franziskus geführt.

„Unbehagen, Zweifel und kritische Urteile werden immer offener bekundet und werden jeden Tag deutlicher und begründeter. Und das auf allen Ebenen des ‚Volkes Gottes‘“, so Sandro Magister. Das gelte für die Kardinäle, die Religionssoziologen und die auf Kirchenfragen spezialisierten Journalisten.

Das „neue Klima“, so Magister, zeige sich an drei Stellungnahmen, die jüngst erfolgt sind. Dazu gehört die scharfe Kritik an Papst Franziskus des emeritierten Erzbischofs von Chicago, Kardinal Francis George, die dieser in einem am 17. November veröffentlichten Interview äußerte (siehe Francis Kardinal George kritisiert Papst Franziskus).

Kardinal George ist weder irgendein Bischof noch irgendein Kardinal. Er war von 2007 bis 2010 Vorsitzender der US-amerikanischen Bischofskonferenz. Er führte die amerikanische Kirche auf den neuen Kurs unter Benedikt XVI.

Symptom 1: Kardinal Francis George über einen Papst, der Erwartungen weckt, die er nicht erfüllen kann

Kardinal Francis George
Kardinal Francis George

Die Ernennung ausgerechnet von Blase J. Cupich zu seinem Nachfolger, der vom äußersten linken Rand des amerikanischen Episkopats kommt, war für Kardinal George ein Schlag ins Gesicht. Papst Franziskus signalisierte nicht nur dem emeritierten Erzbischof, sondern der ganzen Kirche in den USA unmißverständlich, daß er die Benedikt XVI. nahestehende Haltung der Bischofskonferenz nicht gutheißt.

Die amerikanische Bischofskonferenz hatte zuvor bereits dem Papst zu verstehen gegeben, daß sie nicht gewillt ist, den eingeschlagenen Weg zu verlassen und sich von ihm eigentlich Unterstützung und Rückendeckung erwarte. Als um so größerer Affront wurde die Berufung des Außenseiters Cupich auf einen der wichtigsten Bischofsstühle der USA empfunden. Mit dem Erzbischofsstuhl von Chicago ist traditionell die Kardinalswürde verbunden. Die amerikanischen Bischöfe sehen in der Ernennung die Antwort des Papstes auf ihre Haltung. Die Härte, mit der Papst Franziskus seinen Kurs durchdrücken will, sorgt unter den Bischöfen für erheblichen Unmut. Anzeichen weisen darauf hin, daß die jüngsten Ereignisse auch im zwischenmenschlichen Verhältnis von Bischöfen gegenüber dem Papst nicht spurlos vorübergegangen ist.

Die US-Bischofskonferenz kann vier Synodalen zur ordentlichen Bischofssynode im Oktober 2015 entsenden. Die Bischöfe bündelten ihre Stimmen und machten vier Bischöfe zu Synodenvätern, die Widerstand gegen eine liberale Aufweichung des Ehesakraments leisten und dies auch bereits zu verstehen gaben. Die Wahl der Synodenväter in der Bischofskonferenz zeigt, wie ernst die Lage ist und wie sehr dies den Bischöfen bewußt ist. Die Wahlen gestalten sich überall zu Richtungsentscheidungen. Es steht viel auf dem Spiel, zuviel, wie die amerikanischen Bischöfe meinen.

Zu Synodalen gewählt wurden der Vorsitzende der Bischofskonferenz Erzbischof Joseph Kurtz von Louisville, sein Stellvertreter Erzbischof Daniel Kardinal DiNardo von Galveston-Houston, Erzbischof Charles Chaput von Philadelphia und Erzbischof José Gomez von Los Angeles. Die beiden Letzteren gehören sogar zu den Speerspitzen der Ratzingerianer im amerikanischen Episkopat.

Gleich dahinter folgt unter den Nichtgewählten zwar der Erzbischof Cupich als Vertreter der progressiven Minderheit, doch auf Augenhöhe flankiert von einem weiteren kämpferischen Ratzingerianer, Erzbischof Salvatore Cordileone von San Francisco.

Vor diesem Hintergrund gab Kardinal George sein Interview, in dem er deutlicher als bisher seine Vorbehalte gegen den Kurs von Papst Franziskus äußerte.

Symptom 2: Der Soziologe Diotallevi über eine Kirche, die Sichtbarkeit gewinnt, aber an Bedeutung verliert

Luca Diotallevi: "Religion mit geringer Intensität"
Luca Diotallevi: „Religion mit geringer Intensität“

Die zweite symptomatische Stellungnahme stammt von Luca Diotallevi, Professor für Soziologie an der Universität Roma Tre und seit Jahren der Bezugspunkt der Italienischen Bischofskonferenz zu soziologischen Fragen. Er war gemeinsam mit Papst Benedikt XVI. und Kardinal Camillo Ruini Redner bei der großen Kirchentagung 2006 in Verona.

Am vergangenen 12. November hielt er ein Referat vor der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Assisi über „Die stattfindenden Veränderungen im katholischen Klerus. Ein soziologischer Beitrag zur Situation in Italien“.

Im Schlußteil seines Vortrags lenkte der Soziologe die Aufmerksamkeit der Bischöfe auf stattfindende Verschiebungen in der katholischen Welt, nicht nur in Italien, in Richtung einer Religion von „geringer Intensität“. Eine Religion, die „an Sichtbarkeit gewinnt, aber an Bedeutung verliert“, so Diotallevi. Unter den anwesenden Bischöfen verstanden nicht wenige darin einen impliziten Hinweis auf den „Erfolg“ für Papst Franziskus.

Bei der Wahl der drei Italien zustehenden Synodalen für die Bischofsynode 2015 signalisierten auch die italienischen Bischöfe einigen Unmut, indem sie den von Papst Franziskus bevorzugten Kandidaten, Erzbischof Bruno Forte durchfallen ließen. Der päpstlich ernannte Sondersekretär der Synode war durch homophile Einschübe in den Zwischenbericht negativ aufgefallen, den Synodenväter als „inakzeptabel“ und „skandalös“ ablehnten. Mit nur 60 gegen 140 Stimmen des gewählten Bischofs Mario Meini von Fiesole, wurde die Abstimmung zur Blamage für den papstnahen Theologen der „neuen Barmherzigkeit“.

Das Referat des Soziologen Luca Diotallevi wird in der nächsten Ausgabe der italienischen Kleruszeitschrit Rivista del Clero vollinhaltlich abgedruckt.

Symptom 3: Streitgespräch über einen Papst, bei dem man nicht versteht, wo er die Kirche hinführen will

"Es lebe der Papst?"
„Es lebe der Papst?“

Die dritte Stellungnahme, die als Symptom des zunehmenden Unbehagens mit Papst Franziskus gewertet werden kann, ist eine Gegenüberstellung unter Fachkollegen. Die beiden Vatikanisten Aldo Maria Valli und Rodolfo Lorenzoni sind Kollegen der öffentlich-rechtlichen italienischen Fernsehanstalt RAI. Beide gelten als „leidenschaftliche“ Katholiken, so Sandro Magister. Wegen ihrer unterschiedlichen Haltung zu Papst Franziskus haben die beiden beschlossen, gemeinsam ein Buch zu veröffentlichen, in dem sie ihre gegensätzlichen Positionen gegenüberstellen.

Aldo Maria Valli, derzeit Chefvatikanist der RAI, ist mit Papst Franziskus zufrieden und sieht sich in perfekter Übereinstimmung mit ihm. Erstaunlich ist nicht die Veröffentlichung seiner Haltung, die eigentlich den Normalzustand darstellen sollte. Erstaunlich ist die Gegenüberstellung mit der Position von Rodolfo Lorenzoni, der deutlich kritischer gegenüber dem argentinischen Papst argumentiert. Das Buch nennt sich Viva il papa? La Chiesa, la fede, i cattolici. Un dialogo a viso aperto (Es lebe der Papst? Die Kirche, der Glauben, die Katholiken. Ein Streitgespräch“, Verlag Cantagalli, Siena 2014, 96 Seiten).

Das Buch unterscheidet sich wegen seiner Objektivität von der großen Flut apologetischer Bücher und Broschüren zum argentinischen Pontifikat. Die Gegenüberstellung unterschiedlicher Positionen verlangt eine kritische Auseinandersetzung, die von den allermeisten Büchern nicht erfüllt wird.

In einem Punkt sind sich die beiden Kollegen-Kontrahenten einig. Beide schreiben einen wesentlichen Anteil, weshalb dieses Pontifikat „unverstanden“ oder „umstritten“ ist, den Massenmedien zu.

Im Laufe des Streitgesprächs stimmen schließlich beide aber in noch einem Punkt überein: daß nicht nur die Medien, sondern auch Papst Franziskus selbst Ursache für Verständnislosigkeit und Mißverständnisse ist. Lorenzoni formuliert das deutlicher: „Freiheraus, ich habe noch nicht verstanden, wer dieser Mann ist und wohin er die Kirche Christi führen will.“

Doch auch Valli kommen schließlich Zweifel: „Offen gesagt, ich weiß nicht, ob diese Strategie von Franziskus Früchte bringt“.

Text: Settimo Cielo/Giuseppe Nardi
Bild: Settimo Cielo/qdR/Cantagalli

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4 Comments

  1. Eigentlich tut mir dieser Mann leid. Er ist seinem Amt nicht gewachsen. Beten wir, Franziskus zu beten beginnt um die wahre Erleuchtung durch den heiligen Geist.

  2. Zitat Josemaria Escriva :
    Beabsichtige nicht, die Welt in ein Kloster zu verwandeln, denn das wäre eine Verirrung…
    Aber versuche auch nicht, aus der Kirche einen weltlichen Verein zu machen, denn das wäre Verrat.
    Zitat Ende

  3. Im Grunde spricht es ja für die erhaltene Diplomatie der restkatholischen Kirche, daß ihre Kritik so zaghaft ist.
    In Rom scheint man ja längst den gewalttätigen „Allah“ mehr zu fürchten als den „lieben Gott“.

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