Polygamie als „barmherzige Medizin“? Kaspers These und ein historischer Exkurs

Luther und Melanchthon
Luther und Melanchthon

(Rom) Die katholische Historikerin Cristina Siccardi nahm den Versuch, die Bischofssynode über die Familie für einen Umsturz der kirchlichen Morallehre und des Ehesakraments zu nützen, zum Anlaß, um die Unhaltbarkeit dieser Position durch einen historischen Rückgriff aufzuzeigen. Ein Rückgriff, der die negativen Auswirkungen von Eingriffen der weltlichen Macht in die kirchliche Lehre aufzeigt, die Schwierigkeiten im reformierten Bereich dieser zu widerstehen und daß Kaspers These auch im katholischen Bereich schon mit dem Umbruch der 60er Jahre auftrat, der allgemein unter der Chiffre der „68er Revolution“ zusammengefaßt wird.

Das Gewissen eines jeden Individuums, das den Grundsätzen des Schöpfers folgt, ist jenes, das der Wahrheit folgt, die Trägerin der Freiheit ist („Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien“, Joh 8,32). Die „Gewissensfreiheit“ eines jeden Individuums, das dem eigenen Wollen folgt, wickelt das Leben in Probleme und macht es unglücklich. Das Individuum, auch das christliche, neigt zur Rebellion und möchte seinen Willen durchsetzen, indem es Gott herausfordert und die eigene durch die Taufe erlangte, strahlende Unschuld von Sünde zu Sünde mehr zersetzt.

Vom zügellosen Leben zum Schisma

Es gibt jene, die – obwohl sie ein zügelloses Leben führen – um jeden Preis die eigenen lasterhaften Handlungen legitimiert sehen wollen. Es gibt in der Geschichte eklatante Fälle, wie jenen König Heinrichs VIII. von England, dessen Entscheidung, sich von seiner rechtmäßig angetrauten Frau Katharina von Aragon scheiden zu lassen, um eine neue Ehe mit Anna Boleyn eingehen zu können, der zu einem Schisma innerhalb der Kirche Christi führte. Dabei war Heinrich ein aktiver Verteidiger der Kirche gegen die Reformation gewesen, solange sich kein Interessenskonflikt ergab, in dem er seine persönlichen Interessen über die Lehre der Kirche stellte und diese sich gefügig machen wollte.

Ein ähnlicher Fall ereignete sich auch im Protestantismus. Während sich dieser jedoch dem Willen des Landgrafen Philipp I. von Hessen beugte, beugte sich der Heilige Stuhl in Rom nicht dem Willen Heinrichs VIII. So billigte das englische Parlament im Herbst 1534 unter königlichem Druck den Bruch mit Rom. Die Suprematsakte legte fest, daß der König „das einzige Oberhaupt der Kirche von England“ ist und im Treasons Act desselben Jahres wurde die Nichtanerkennung der Suprematsakte zu Hochverrat erklärt. Wer nicht anerkannte, daß sich der König zum alleinigen Kirchenoberhaupt aufschwang, wurde mit dem Tod bestraft. Viele Märtyrer verloren durch diese Gesetze ihr Leben auf der Hinrichtungsstätte, unter ihnen auch der Heilige Thomas Morus, der dem König als Lordkanzler gedient hatte, heute würde man Premierminister dazu sagen. Thomas Morus konnte die Willkür des Königs mit diesem eigennützigen Bruch der kirchlichen Ehelehre und dem Zwang, ein ganzes Land ins Schisma zu stürzen, nicht mittragen.

Landgraf Philipp von Hessen, vom Glaubensverteidiger zum bigamistischen Apostaten

Landgraf Philipp I. von Hessen
Landgraf Philipp I. von Hessen

Einige Jahre zuvor beging in Deutschland der damals noch katholische Landgraf Philipp I. von Hessen (1504-1567) bald nach der Eheschließung mit Prinzessin Christine von Sachsen (1505-1549) Ehebruch. Christine war die Tochter von Herzog Georg von Sachsen und Enkelin König Kasimirs IV. von Polen. Ihr Vater, Herzog Georg war Träger des Ordens vom Goldenen Vlies und einer der entschiedensten Verteidiger der Kirche gegen die Reformation.

Die Ehe war Philipp I. 1523 aus politischen Gründen eingegangen, um die Verbindung zwischen Hessen und Sachsen zu stärken. Doch dem mächtigen Landgrafen gefiel seine Frau nicht. Er sollte sie in zahlreichen Briefen auf beleidigende Weise herabsetzen. Christine schenkte ihrem Mann, einem notorischen Fremdgeher, zahlreiche Kinder.

Bekämpfte der Landgraf anfangs an der Seite seines Schwiegervaters den Protestantismus, vollzog er, aus vergleichbarem Eigennutz wie Heinrich VIII. ab 1526 eine Kehrtwendung und begann die Polygamie als zulässig zu betrachten, konkret für sich selbst. Da die Kirche ein solches Verhalten nicht duldete, schrieb er in der Sache an Martin Luther und bat ihn um eine Stellungnahme. Als Begründung führte der Landgraf die Vielweiberei der alttestamentlichen Patriarchen an.

Luther antwortete, daß es für einen Christen nicht ausreiche, auf die Handlungen der Patriarchen zu schauen, denn diese verfügten über eine göttliche Erlaubnis. Da eine solche Erlaubnis im konkreten Fall nicht existiere, empfahl der Häresiarch dem Landgrafen, nicht der Polygamie zu verfallen. Philipp gab seinen Plan aber nicht auf und schon gar nicht seinen lasterhaften Lebensstil, der öffentlich bekannt war, so daß ihm jahrelang sogar das lutherische Abendmahl verweigert wurde.

Rom widerstand, die Reformatoren gaben nach – Polygamie als „barmherzige Medizin“

Damit trat Philipp Melanchthon, neben Luther einer der führenden Reformatoren, in der Frage auf die Bühne. Von Heinrich VIII. konsultiert, erklärte Melanchthon entgegenkommend, daß die „Schwierigkeiten“ des Königs dadurch zu lösen seien, indem er sich eine zweite Frau nehme, statt sich von der ersten zu scheiden. Ein Vorschlag, der bei Landgraf Philipp von Hessen auf begeisterte Resonanz stieß und der nun auch durch einige Feststellungen Luthers in seinen Predigten zum Buch Genesis Bestätigung fand. Die polygame Lösung schien Philipp I. die einzige „barmherzige Medizin“, um sein durch Laster und Sünden krankes Gewissen zu beruhigen.

Er beschloß, eine seiner Geliebten, Margarethe von der Saale, die 17jährige Tochter einer Hofdame seiner Schwester zu heiraten. Die junge Frau wollte einer Eheschließung nur zustimmen, wenn die protestantischen Theologen von Wittenberg, Luther und Melanchthon ihre Zustimmung gaben. Die Zustimmung wurde erteilt, nachdem der Landgraf sie unter Drohungen erzwungen hatte. Philipp I. war ein zu einflußreicher und mächtiger Unterstützer der Reformation, als daß die Reformatoren darauf verzichten wollten. Am 4. März 1540 wurden Landgraf Philipp I. von Hessen und Margarethe von der Saale (1522-1556) in Rotenburg an der Fulda getraut, obwohl die erste Ehe fortbestand und damit einer der bekanntesten Protestanten als Bigamist lebte. Der Vorfall löste einen enormen Skandal aus. Eine Reihe von Verbündeten des Landgrafen kündigten ihm die Unterstützung auf. Luther lehnte nachträglich jede Verwicklung in die Angelegenheit ab. Philipp I. sollte sowohl seine Erst- als auch seine Zweitfrau um etliche Jahre überleben.

Historische Ereignisse und heute – Kaspers Thesen 1968

Steininger: Auflösbarkeit unauflöslicher Ehen
Steininger: Auflösbarkeit unauflöslicher Ehen

„Wie könnte man diese Ereignisse nicht mit den nun bei der außerordentlichen Bischofssynode vorgebrachten Vorschläge in Verbindung bringen?“ fragt die Historikerin Cristina Siccardi. Der heutige Mensch, berauscht vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt, schlägt dieselben Themen wie vor einem halben Jahrtausend vor, um dem Drang der Menschen nachzukommen, die nicht nach Wahrheit streben, sondern nach persönlicher Freiheit, die sie als „Rechte“ zum Ausleben ihrer unkontrollierten Leidenschaften verstehen.

Hören wir also diese Thesen, wonach jene, die sich in Situationen wiederfänden, in denen die kanonischen Bestimmungen offensichtlich nicht mit der menschlichen Realität übereinstimmten, ein Recht auf brüderliches und intelligentes Verständnis hätten. Das bedeute nicht nur, daß man sie nicht als Gesetzlose zu behandeln habe, sondern ihnen dabei helfen müsse, ihre Situation und den eventuellen Zwiespalt zwischen der Norm auf der einen Seite und dem Imperativ des Gewissens auf der anderen Seite zu beurteilen. Letztlich gehe es darum, ihnen die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdienen, und sie die Anteilnahme an ihrem Vertrauen in die Liebe Gottes spüren zu lassen, die alles umarme. Das bedeute auch, ihnen nicht ohne Grund den Zugang zu den Sakramenten zu verwehren. Da die derzeitigen Bestimmungen dies nicht erlauben würden und es nicht einmal einen Ausweg gibt, wenn man auf die Epikeia zurückgreife, solle versucht werden „eine Änderung dieser Vorschriften herbeizuführen“

Diese Ausführungen stammen nicht von der Bischofssynode der vergangenen Wochen. Es handelt sich dabei auch nicht um einen Auszug eines Interviews von Kardinal Kasper oder Überlegungen von Papst Franziskus. Die Ausführungen stammen aus dem Jahr 1968 und wurden vom österreichischen Juristen Viktor Steininger, damals Institutsvorstand für Bürgerliches Recht an der Universität Graz veröffentlicht in dem beim katholischen Styria-Verlag erschienenen Buch mit dem programmatischen Titel: „Auflösbarkeit unauflöslicher Ehen“ (Seite 176f). Das Buch wurde in Zusammenarbeit der katholischen Verlage Herder und Morcelliana bereits 1969 auch in italienischer Übersetzung vorgelegt.

Die Erwiderung des Apostels Paulus

Die Strategie einer der göttlichen Gerechtigkeit beraubten Barmherzigkeit (Gott ist sowohl Barmherzigkeit als auch Gerechtigkeit) würde nicht nur die Seelsorge gegenüber ehebrecherischen und homosexuellen Sündern grundlegend verändern, sondern sich auch zwangsläufig jener „Weiterentwicklung des Dogmas“ annähern, die von neuerungssüchtigen Theologen erhofft wurde und wird, denen es auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil gelang, eine Bresche zu schlagen. Die Folgen dieses schwefelhaltigen „Erfolgs“ müssen die Katholiken heute einatmen. Es gibt viele im Klerus, die ungeduldig den weltlichen Bedürfnissen der Gläubigen entgegenkommen wollen. Wollen sie wirklich die Seelen immer mehr in den Treibsand der Todsünde treiben? Können sie das verantworten? Und welche Barmherzigkeit brächten sie unserem Herrn gegenüber? Die Seele wird, wenn sie die heilige Kommunion empfängt, zum Tempel Gottes. Erinnern sich die Wächter des depositum fidei und jene, die mehr ihre eigenen Ideen im Kopf haben als die Imperative des Herrn, an das, was der Heilige Paulus im Ersten Brief an die Korinther schreibt? „Alles ist mir erlaubt» – aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. Die Speisen sind für den Bauch da und der Bauch für die Speisen; Gott wird beide vernichten. Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib. Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken. Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall! Oder wißt ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Hütet euch vor der Unzucht! Jede andere Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1 Kor 6,12-20).

Wenn diese Lehre die Gewissen stört, die sich an der subjektiven statt objektiven Freiheit orientieren, ist das nicht ein Problem des Heiligen Paulus und auch nicht jener, die ihm treu darin folgen und weiterhin weder Ehebrecher noch Schänder des allerheiligsten Altarsakraments sind. Die Kirche hat sich immer in Liebe dem Sünder zugewandt, aber ebenso immer mit Nachdruck die Sünde bekämpft, die ein objektiver Feind der Seele ist, weshalb es keine Übereinstimmung mit ihr geben kann.

So wie weder König Heinrich VIII. von England noch Landgraf Philipp I. von Hessen je ein Modell für das eheliche Leben sein können, so kann es keine Nachgiebigkeit gegenüber der Sünde für jene geben, die sich bewußt sind, um welchen Preis sie ausgelöst wurden.

Einleitung/Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana

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8 Comments

  1. Nach Prof. Thürkauf, Naturwissenschaftler, sind Liebe und Freiheit untrennbar. Auch ist Barmherzigkeit und Gerechtigkeit untrennbar. Eine Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist nicht Barmherzigkeit, sondern Grosszügigkeit und der Sünder wünscht, dass Gott grosszügig über die Sünden hinwegschaut. Nicht Gott, sondern der Teufel ist grosszügig. Grosszügigkeit schliesst die Gerechtigkeit aus. Weil Gott aber gerecht ist, ist er auch barmherzig. die 68-er sollten endlich mit diesem „Geschwafel“ aufhören.

  2. Melanchthon hatte übrigens nach der Verfassung des Scheidungsgutachtens gwaltige Gewissensbisse und legte sich – Paradebeispiel in der Psychosomatik – hinterher für mehrere Wochen mit massiven Magenschmerzen ins Bett. Das Bild mit den ausgezehrten Gesichtszügen ist für mich unvergesslich damit verbunden.

  3. Es ist einfach nicht zu glauben, dass man sich als Kardinal und das noch in der Mehrzahl, wagt, die hl.Sakramente der Kirche, hier das Ehesakrament, in Frage zu stellen oder zu verwässern.
    Wie kann es sein, dass auch die Bischöfe in ihrer Mehrzahl ( zumindest in Deutschland ) sich of-
    fen zeigen für solche Ansinnen. Weis man nicht, dass der Kommunizierende frei von Sünde, zumindest schwerer Sünde ( Ehebruch ) für den Kommunionempfang, sein muss. Die Landgra-
    fenknechte Luther und Melanchthon ( Reformatoren ) taten dies um dem Landgrafen Philipp I. zu
    gefallen und unsere Hirten wollen das tun, um der Welt zu gefallen. Das zweite Vatikanum hat
    hier den Grundstein gelegt. Es wurde an den Grundpfeilern der Kirche gerüttelt und zwar mit Er-
    folg wie man sieht. In diesem Zusammenhang denkt man an die Muttergotteserscheinungen in
    La Salett,, wo Maria sagt, der der Teufel hat ihnen ( den Hirten ) den Verstand verdunkelt, bzw.
    verblendet.
    Bitte für uns o heilige Gottesgebärerin !

  4. Wir sind Sünder allemal auch die Kardinäle, hören wir doch endlich auf zu moralisieren und Politik zu machen. Das führt zu nichts außer das es Satan und einen Agenten hilft. Beten wir auch für die Feinde Jesus, denn sie sind es für die er Blut geschwitzt hat und die er vor allen andern retten will. Es geht darum wer gewinnt Satan oder Dreifaltige Gott, und um nichts anderes. Durch unser Gebt für die Sünder und die Übergabe unseres Freien Willens können wir helfen den Sieg davon zu tragen und alles andere ist Stolz und Selbstüberhöhung und somit Sünde und sonst nichts.

    • Es hat mit moralisieren und kritisieren nichts zu tun, wenn Bischöfe und Kardinäle fal-
      sche Wege einschlagen und dafür Kritik erfahren. Es geht hier um den reinen katholi-
      schen Glauben, der durch diese Dinge (Synode) Verwirrung und Unfrieden in die Kirche
      bringt. Jeder katholische Christ ist sogar verpflichtet, hier zu protestieren und seine Stim-
      me zu erheben. Leider hat das allgemeine Kirchenvolk keine großen Möglichkeiten zu
      protestieren. Deshalb tausend Dank dem “ Katholischesinfo“ dass es auf diese Weise
      uns eine Stellungnahme ermöglicht.
      Deo gratias !

  5. Vielleicht hilft ein Blick außerhalb der Theologie auf die Fragestellung in dieser Zeit, ob die Rede von Gut und Böse noch angesagt sei, oder ob nur noch von graduell Gutem geredet werden soll. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, Adorno hat das nicht zynisch gemeint, sondern er wollte den Gegensatz von richtig und falsch gewahrt wissen. Er wollte seinen „Traum vom Leben ohne Schande“ nicht aufgeben. Ob das diejenigen verstehen können, die den „Primat der Wirklichkeit vor der Idee“ postulieren? Sie reden zwar ständig von „Aufbrüchen“, aber kapitulieren doch in der Tat vor dem Reich Gottes. Das Ziel ist dann nicht mehr wichtig, man irrt nur noch orientierungslos durchs Leben, immer in Versuch und Irrtum gefangen.

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