Msgr. Umberto Benigni und der antimodernistische Kampf des Sodalitium Pianum

Msgr. Umberto Benigni, Kirchenhistoriker, Antimodernist und Konterrevolutionär(Rom) Vor 80 Jahren starb in Rom, in der größten Isolation, Msgr. Umberto Benigni (1862-1934), einer der Wortführer des katholischen Antimodernismus unter dem heiligen Papst Pius X. (1903-1914). An diese Gestalt der Kirche zu erinnern, erscheint immer notwendiger in einer Zeit wie der unseren, die ohne Zweifel durch eine neue explosionsartige Verbreitung jener Tendenzen und Irrtümer gekennzeichnet ist, die Umberto Benigni schon vor hundert Jahren bekämpfte.

In der Hoffnung, daß es möglichst bald eine ausführliche Biographie geben wird, die Licht auf diesen römischen Prälaten wirft, sollen einstweilen zumindest einige wenige biographische Hinweise auf diesen seltenen Typus im katholischen Klerus gemacht werden. Ein Priester, der sowohl von den nicht katholischen Historikern scharf kritisiert wurde, als auch von katholischen Historikern, in Wirklichkeit aber kaum bekannt ist.

Anläßlich der Seligsprechung (1951) und dann der Heiligsprechung (1954) von Papst Pius X., die Pius XII. ein besonderes Anliegen war, wurde Kritik am früheren Patriarchen von Venedig laut, vor allem an der Art und Weise seines Kampfes gegen den Modernismus. Die Heilige Ritenkongregation, aus der 1969 die heutige Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse hervorging, beauftragte den Franziskaner Ferdinando Antonelli (1896-1993), der später Kardinal wurde, um Klarheit über „repressive“ Aktionen von Pius X. und vor allem von Msgr. Umberto Benigni und seinem Sodalitium Pianum zu schaffen. Das Sodalitium war eine katholische Vereinigung zur Unterstützung des Heiligen Stuhls im Kampf gegen den Modernismus in Theologie, Politik und Gesellschaft. Die Studie von Pater Antonelli, als Disquisitio bekannt, wurde in den Bänden der Positio zum Kanonisierungsverfahren von Pius X. veröffentlicht. Daraus lassen sich wesentliche Elemente des Lebens und Wirkens von Msgr. Benigni entnehmen.

Publizistischer Vertreter der katholischen Soziallehre

Umberto Benigni wurde am 30. März 1862 im mittelitalienischen Perugia nahe bei Assisi geboren. Damals war Msgr. Gioacchino Pecci Bischof der Stadt, der 1878 als Leo XIII. zum Papst gewählt wurde. Der künftige Papst hatte stets eine so große Wertschätzung für den Priester aus seiner ehemaligen Bischofsstadt, daß er ihn nach dessen Priesterweihe (1884), die er im Alter von erst 22 Jahre empfing, zu seinem Sekretär machte. In Don Benigni wurde bereits in seiner Jugend eine erstaunlich vielseitige und außergewöhnliche Persönlichkeit sichtbar. Er entfaltete in seiner Heimatstadt zahlreiche Aktivitäten. 1892 gründete er die erste katholische Wochenzeitung für Soziologie. Diese „Rassegna sociale“ (Soziale Umschau), später in Biblioteca perodica umbenannt, orientierte sich am Lehramt der Päpste vom Syllabus bis zu Rerum novarum. 1893 wurde er Redaktionsmitglied der katholischen Tageszeitung „Eco d’Italia“ (Echo Italiens) in Genua.

„Papist“ und „Reaktionär“

Danach ging er auf Wunsch von Leo XIII. nach Rom. Nach einer Zeit der Studien und der Forschung in Deutschland (der polyglotte Benigni verfolgte die Presse von halb Europa), die er im Auftrag der Vatikanischen Bibliothek absolvierte, wurde er 1901 in der Hauptstadt der Katholizität Schriftleiter der „Voce della Verità“ (Stimme der Wahrheit), einer der wichtigsten Zeitungen, die unter Gegnern als „papistisch“ und „reaktionär“ verschrieen war.

Von 1902 bis 1907 veröffentlichte er eine historische, akademische Zeitschrift namens „Miscellanea di Storia ecclesiastica“ (Vermischtes aus der Kirchengeschichte). Ab 1906 wurde er auf Empfehlung von Kurienerzbischof Pietro Gasparri, dem Sekretär für Außerordentliche Kirchliche Angelegenheiten, als dessen Untersekretär an das Staatssekretariat berufen. Msgr. Gasparri sollte 1907 zum Kardinal erhoben werden. Von 1914 bis 1930 war er Kardinalstaatssekretär und in diesem Amt der Vorgänger von Eugenio Kardinal Pacelli, dem späteren Papst Pius XII.

Corrispondenza Romana versus Civiltà Cattolica

Heiliger Papst Pius X.1907, dem Jahr des Dekrets Lamentabili, das erstmals den Begriff Modernismus gebrauchte, wie es dann auch in der Enzyklika Pascendi dominici gregis der Fall sein sollte, rief Msgr. Benigni unter dem Namen Corrispondenza Romana eine Presseagentur ins Leben. Laut Pater Antonelli enthielt die neue katholische Nachrichtenagentur „in der ganzen Welt durch verschiedene Korrespondenten und Freunde Benignis gesammelte Nachrichten, um aus der Nähe die ideologischen, politischen und sozialen Bewegungen zu beobachten, die die Kirche und ihre Aktivitäten interessieren konnten“. Heute wird die Nachrichtenagentur mit einem Geheimbund verwechselt, der das Sodalitium nie war. Die Corrispondenza Romana agierte in aller Öffentlichkeit. Sie verstand sich vor allem als Gegenstück zur römischen Jesuitenzeitschrift Civiltà Cattolica, deren modernistische Sympathien bekämpft wurden.

Lehrtätigkeit als Kirchenhistoriker

Neben seinem unermüdlichen Einsatz als Journalist hatte Msgr. Benigni aber noch andere Leidenschaften, die ausnahmslos im Dienst der Wahrheit und der Kirche standen. Dazu gehörten seine Lehrtätigkeit und die historisch-theologische Forschung. Neben seinem unablässigen Kampf gegen die Feinde der Kirche, auch jene, die sich als falsche Freunde ausgaben, entfaltete Msgr. Benigni eine lange Lehrtätigkeit im Fach Kirchengeschichte an verschiedenen römischen Universitäten, so an der Urbaniana, in Sant’Apollinare, am Päpstlichen Römischen Priesterseminar und der Accademia dei Nobili Ecclesiastici (der Diplomatenakademie des Heiligen Stuhls).

Siebenbändige „Sozialgeschichte der Kirche“

Seine historischen Veröffentlichungen sind von großem Wert. So etwa seine herausragende Storia sociale della Chiesa (Sozialgeschichte der Kirche) in sieben umfangreichen Bänden (der erste erschien 1907, der letzte 1933 ein Jahr vor seinem Tod). Dabei handelt es sich um ein systematisches Werk im Stil zweier anderer Kirchenhistoriker, der Geschichte der Päpste von Ludwig von Pastor (1854-1928) und dem Handbuch der allgemeinen Kirchengeschichte von Josef Kardinal Hergenröther (1824-1890), dem Nachfolger des seligen John Henry Kardinal Newman im Amt des Kardinalprotodiakons. Msgr. Benignis Werk blieb durch seinen Tod unvollendet. Die vorliegenden sieben Bände zeigen jedoch einen exzellent informierten Wissenschaftler mit der Fähigkeit, eine originelle und anregende Gesamtschau zu bieten. Den heutigen Leser mag gelegentlich seine eigene Sprache erstaunen, vielleicht auch befremden, die manchmal zur heftigen Polemik wird wie ebenso zum beißenden Humor. Eine Sprache, die dem Kulturkampf geschuldet ist, in dem er Zeit seines aktiven Lebens an vorderster Front stand.

Sodalitium Pianum, Beobachtung von Modernisten und ihrer Schriften

Die Tätigkeit, die ihm jedoch so viele Feinde außerhalb, aber auch innerhalb der Kirche einbrachte, ist mit dem Sodalitium Pianum verbunden. Das Sodalitium Pianum, benannt nach dem Heiligen Papst Pius V., entstand 1909 und wurde endgültig 1921 unter Papst Benedikt XV. aufgelöst. Es war „zur religiösen Verteidigung vor allem gegen die inneren Feinde (Modernismus usw.)“ gegründet worden „mit der vollen Zustimmung, um nicht zu sagen durch Pius X. selbst.“ Im Archiv des Vatikans finden sich zahlreiche Schriftstücke der Zustimmung und des Wohlwollens für das Sodalitium Pianum des heiligen Pius X. und der von Gaetano Kardinal De Lai (1853-1928) geleiteten Heiligen Konsistorialkongregation (der heutigen Kongregation für die Bischöfe). Pius X. ließ Msgr. Benigni jedes Jahr aus seiner persönlichen Schatulle 1.000 Lire für seine Aktionen und seine Gegenöffentlichkeit zukommen.

Das Sodalitium Pianum war anfangs am Staatssekretariat angesiedelt, wo Msgr. Benigni als Untersekretär wirkte. Zu einer kanonischen Anerkennung kam es durch Einwirkung des damaligen Kardinalstaatssekretärs aus Opportunitätsgründen jedoch nicht, weshalb Msgr. Benigni die Einrichtung 1911 aus dem Staatssekretariat ausgliederte und seinen Posten als Untersekretär aufgab. Sein Nachfolger in diesem Amt wurde der spätere Papst Pius XII., Eugenio Pacelli. Papst Pius X. schuf für Benigni aus diesem Anlaß eigens den Titel und Rang eines achten wirklichen Apostolischen Protonotars, obwohl es davon traditionell nur sieben gab. Damit war zwar eine Bischofsernennung versperrt, aber Msgr. Benigni mit offensichtlichem päpstlichen Wohlwollen ausgezeichnet. Papst Franziskus schaffte im Januar 2014 den Titel eines Apostolischen Protonotars ab.

Das Sodalitium hätte nach dem ursprünglichen Wunsch von Msgr. Benigni eine Art Säkularinistitut im Dienst des Papstes und des Heiligen Stuhls werden sollen für den Kampf gegen den unheilvollen Einfluß des Modernismus und der Freimaurerei auf die Gesellschaft und die Kultur. Vor allem war es das Bestreben Msgr. Benignis, den Einfluß dieser Sekten innerhalb der Katholischen Kirche zurückzuschlagen. Das Sodalitium bestand aus einem Rat in Rom, dem Msgr. Benigni vorstand und mit ihm verbundenen Gruppen (Petruskonferenzen) und Priestern. In seiner kaum mehr als zehnjährigen Existenz, zählte das Sodalitium nie mehr als einhundert Mitarbeiter, darunter Priester und Laien in den verschiedenen Ländern Europas.

Benigni, Haßobjekt für Modernisten innerhalb und außerhalb der Kirche

Dennoch wurde diese winzige Vereinigung zum finstersten Feindbild der Modernisten wie dem französischen Priester und Theologen Alfred Loisy (1857-1940), der 1908 wegen seiner Weigerung, sich der kirchlichen Lehre zu unterwerfen, exkommuniziert wurden und als Pantheist starb. Oder der italienische Priester und Theologe Romolo Murri (1870-1944), der als früher Linkskatholik für eine Vereinbarkeit von katholischem Glauben und Kommunismus eintrat. Wegen seiner Weigerung, sich der kirchlichen Lehre zu unterwerfen, wurde er 1907 suspendiert und 1909 exkommuniziert, als er sich in das italienische Parlament wählen ließ und der radikalen Linken anschloß. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Faschist, wurde jedoch zum Antifaschisten, als das faschistische Regime mit den Lateranverträgen das Verhältnis zwischen Staat und Kirche regelte.

Mehr Widerstand als von den offenen Modernisten erfuhr Msgr. Benigni innerkirchlich von den Semi-Modernisten, die es bis in den Kardinalsstand hinein gab. Durch die Unterstützung des heiligen Pius X. und der Kardinäle De Lai, dem Kardinalstaatssekretär und dann Präfekten des Heiligen Offiziums Raffael Merry del Val, dem niederländischen Redemptoristen Wilhelmus Marinus van Rossum und andere konnte er sich jedoch einige Jahre behaupten. Um genau zu sein, bis zum Tod Pius X. im Jahr 1914. Der neugewählte Papst Benedikt XV. löste die Einrichtung bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf. Sah jedoch bereits im folgenden Jahr die Notwendigkeit seiner Wiedererrichtung. 1921 erfolgte die endgültige Auflösung wegen „veränderter Verhältnisse“.

Versuch Heiligsprechung Pius X. zu verhindern

Papst Pius XII., der Msgr. Benigni noch persönlich gekannt hatte, ließ sich vom vielstimmigen Chor, der eine Heiligsprechung von Pius X. verhindern wollte, indem vor allem Msgr. Benigni als der dunke Schatten über dessen Pontifikat in den schwärzesten Farben gezeichnet wurde, nicht irremachen. Gegen die Heiligsprechung wehrten sich vor allem die zahlreichen Krypto-Modernisten, die erst einige Jahre später offen auftreten konnten, aber auch hohe Prälaten, die einen solchen Schritt für „derzeit nicht opportun“ hielten. Da der amtierende Papst direkte Angriffe gegen Pius X. nicht geduldet hätte, schossen sich seine Gegner auf Msgr. Benigni ein, der als übelster Obskurantist und Antisemit skizziert wurde, um die Erhebung zu den Altären zu hintertreiben. Es scheint undenkbar, daß eine Heiligsprechung von Papst Giuseppe Sarto im Zeitraum 1958 bis 1978 erfolgt wäre.

„Der römische Katholik ist ganz und gar Konterrevolutionär“

Die Haltung und Zielsetzung des Sodalitium Pianum ist in seinem Programm aus dem Jahr 1911 in 18 Artikeln zusammengefaßt. Im Artikel Eins heißt es:

„Wir sind integrale Römische Katholiken. Wie das Wort bereits sagt, akzeptiert der integrale Römische Katholik die Lehre und die Ordnung der Heiligen Römischen Katholischen Kirche und die Richtlinien des Heiligen Stuhls und alle sich daraus ergebenden rechtmäßigen Konsequenzen für das Individuum und die Gesellschaft uneingeschränkt. Er ist päpstlich, klerikal, antimodernistisch, antiliberal, antisektiererisch. Er ist daher ganz und gar Konterrevolutionär, weil er nicht nur ein Gegner der jakobinischen Revolution und des sektiererischen Radikalismus ist, sondern ebenso des religiösen und sozialen Liberalismus“.

Die vor einigen Jahren gegründete Nachrichtenagentur Corrispondenza Romana des Historikers Roberto de Mattei steht in keinem direkten Zusammenhang mit der Gründung von Msgr. Benigni. Der Rückgriff auf den selben Namen signalisiert jedoch, daß auch die neue Corrispondenza Romana die Verteidigung des katholischen Glaubens und der Katholischen Kirche sowie die Bekämpfung des Modernismus zum Ziel hat.

Text: Corrispondenza Romana/Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana

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2 Comments

  1. Ein hochinteressanter Beitrag. Wahrscheinlich brauchen wir zwei Biografien. Das Leben und Wirken von Msgr. Benigni und vor allem Pius X. bekannt zu machen, wäre eine wichtige Aufgabe in einer katholischen Kirche, die ihre Maßstäbe verliert.
    Über Pius X. habe ich eine kleine veraltete Biografie und die Erinnerungen seines Kardinalstaatsekretärs an ihn. Es fällt auf: Auch Merry del Val wurde in der Presse übel angegriffen. Darüber regte sich Pius X. sehr auf: Über die Ungerechtigkeit. Denn er wusste: In Wirklichkeit galten die Angriffe ihm, dem Papst, der gegen die Modernisten kämpfte. Aber man wagte nicht, den Papst direkt anzugreifen, versuchte, ihn über die Angriffe seiner Gefolgsleute und Mitstreiter zu treffen, zu schwächen, zu besiegen.
    Es scheint, als sei der Kampf verloren, als hätten die Gegner auf der ganzen Linie gesiegt. Doch in der Kirche Jesu Christi gelten andere „Gesetze“ als in weltlichen Großorganisationen.
    Auch der Kampf von Roberto de Mattei scheint bei den gegenwärtigen Machtverhältnissen aussichtslos.
    Es scheint nur so. Die Hoffnung verbietet es, die derzeitige Situation der Kirche als dauerhaft einzuschätzen. Auch wenn sie zuweilen unerträglich ist.

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