Die Kirche als Feldlazarett der Followers – Zuspruch umgekehrt proportional zur Klarheit der Botschaft?

Vom Verständnis des richtigen Dialogs zwischen Kirche und Welt. Allerheiligen, das Fest, an dem die triumphierende, die streitende und die leidende Kirche am Altar zusammentreffenWieviel kostet die Versuchung eines Christentums ohne jede Anstrengung und ohne jedes Opfer in einer Kirche, die ihre Anhänger auf Twitter zählt? Es ist aber etwas anderes, Teil des Leibes Christi oder Teil einer Community zu sein. Mit der Frage, ob es sich eignet, die Jüngerschaft Christi anhand der Twitter-Followers zu messen, befassen sich der Rechtsphilosoph Mario Palmaro und der Journalist Alessandro Gnocchi. Sie ergründen dabei den Ist-Zustand der Kirche und Veränderungen und Ursachen, die dazu geführt haben. Die beiden katholischen Intellektuellen fielen durch einen Aufsatz auf, in dem sie sich kritisch mit dem bisherigen Pontifikat von Papst Franziskus befaßten. Der Aufsatz hatte ihre Entlassung durch „Radio Maria“ zur Folge, denn einen Papst dürfe man nicht kritisieren. An ihre damalige Kritik knüpfen sie, wenn auch auf einer anderen Ebene mit dem neuen Aufsatz an, der am 30. Oktober in der Tageszeitung „Il Foglio“ erschienen ist. Die Zwischentitel wurden von der Redaktion gewählt.

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Das Feldlazarett der Followers

von Alessandro Gnocchi und Mario Palmaro

Man muß nicht so alt sein, um noch eine Vorstellung davon zu haben, was ein Cronicon ist, oder um vielleicht sogar eines gesehen zu haben. Es war das Tagebuch, in das jeder Priester die wichtigen Ereignisse seiner ihm anvertrauten Pfarrei verzeichnete. Einige waren kleine literarische Glanzstücke, weil die alten Priester nach dem Brevier nicht vor dem Fernseher, vor Facebook und Twitter sitzen mußten. Sie beteten, studierten, lasen, und wenn sie etwas Talent zum Schreiben hatten, setzten sie es für die Pfarrchroniken ihrer Herde ein. Auf jeden Fall bemühte sich jeder auf seine Weise, das Denkwürdige für die Erinnerung zu bewahren und weiterzugeben. Dabei fehlte eine Angabe nie: die Zahl der Heiligen Kommunionen, die sie gespendet hatten.

Heute hingegen erfolgt die Zählung anhand von Followers auf Twitter. Eine Sache aber ist das Zählen der einer Herde gespendeten Kommunionen, von der man Schaf für Schaf kennt. Eine ganz andere Sache ist es, die Klicks eines unbekannten Universums zu zählen. Eine Sache ist es, ein Glied des mystischen Leibes Christi zu sein und sich physisch mit Seinem Fleisch und Seinem Blut zu nähren. Eine ganz andere Sache ist es, sich als Teil einer anonymen, virtuellen Community zu fühlen, ohne sich physisch zeigen zu müssen.

Idee der Bekehrung wird mit der Idee des Erfolgs ersetzt

Der Nachdruck, mit dem auf die 10 Millionen Followers verwiesen wird, die von Papst Franziskus auf Twitter erreicht werden, trägt nicht dazu bei, diese Bereiche auseinanderzuhalten. Im Gegenteil, er führt dazu, daß die Idee der Bekehrung mit der des Erfolgs ersetzt wird, der einzigen Idee, die die Welt imstande scheint, zu verstehen. Diese Kommunikationsmittel, die naturaliter weltlich sind, können es sich nicht erlauben, Inhalte zu vermitteln, die Anstrengung verlangen wie den radikalen Wandel des eigenen Lebens. Alles muß vielmehr leicht und zugänglich für alle sein, also sich auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner bewegen. Wenn die Katholische Kirche nach dieser Logik dabei sein will, dann muß sie ein Phänomen werden, das auf der Ebene aller anderen behandelt werden kann. Die Pax mediatica reicht nicht über die Grenzen und Gesetze der Mediensphäre hinaus.

Die Vorstellung aber, daß es dem Katholiken erlaubt ist, mit der Welt eine befriedete Beziehung zu haben, ist eine Illusion, die nicht einmal als fromm bezeichnet werden kann. Sie beruht auf der Überzeugung, daß es keine Feindseligkeit der Welt gegen Christus gäbe. Daß die Welt vielmehr nur auf die Verkündung des Evangeliums warte, die – bis heute – durch die Unzulänglichkeit der Kirche und ihrer Tradition unmöglich gemacht worden sei. Dieser Irrtum entsteht durch die Auflösung der klassischen Unterscheidung zweier Weltsichten, die in allen Evangelien und in der Tradition nebeneinander bestehen. Zum einen gibt es eine Welt, die Gegenstand der Liebe Gottes ist, die vom Christen geliebt werden soll. Dann gibt es aber auch das Wort „Welt“, mit der Christus das Reich des Feindes benennt und die im abtrünnigen Engel ihren unumstrittenen Fürsten hat. Eine Katholizität, die diese zweifache Natur der Welt vergißt, ist strenggenommen nicht mehr wirklich katholisch. Sie wird eine Religion des „guten Willens“, die dazu bestimmt ist, sich im Fernsehen auf schmerzlose Weise aufzulösen, eben geeignet für das Hauptabendprogramm mit hohen Einschaltquoten.

Die einzige authentische und gesunde Begegnung der Kirche mit der Welt ist die der makellosen Beichtväter, der unbeugsamen Kirchenlehrer, der treuen Jungfrauen und der unbesiegbaren Märtyrer

„Der Dialog der Kirche mit der Welt, von dem man heute so viel spricht“, schrieb 1967 der Dominikaner Roger Thomas Calmel, „kann nie der zweier Gesprächspartner auf gleicher Ebene sein, wie auch immer man die Welt verstehen mag. Die ersten Dinge, die in der Begegnung zwischen Kirche und Welt ins Auge stechen, sind die Transzendenz der Kirche und ihre Unüberwindlichkeit (…). Das bedeutet, daß die Begegnung der Kirche mit der Welt nie der zweier freundlicher Gefährten ähneln kann, die an einem Sommerabend unter Bäumen in einem öffentlichen Garten auf Augenhöhe einen Dialog beginnen. Die einzige authentische und gesunde Begegnung der Kirche mit der Welt ist die der makellosen Beichtväter, der unbeugsamen Kirchenlehrer, der treuen Jungfrauen und der unbesiegbaren Märtyrer, die vom scharlachroten Gewand bedeckt sind, das mit dem Blut des Lammes getränkt ist (…). Wir müssen uns von der Welt trennen, wenn wir nicht so handeln können, wie die Welt möchte, ohne Christus zu beleidigen.“

Worte, die seltsam klingen, besonders, wenn man gerade dabei ist, ein Feldlazarett aufzuschlagen, wo man nicht so genau auf die Feinheiten achten kann. Aber selbst wenn man Erste Hilfe leistet, um so mehr, wenn dies für die Seelen geschieht, muß man sorgsam den Platz aussuchen, wo man die Zelte aufschlägt. Nicht alle Feldlager sind gleich. In diesem Zusammenhang kommt die thomistische Lehre von den drei Städten zu Hilfe. Es gibt die Stadt Gottes, die Kirche, die im Wesentlichen übernatürlich ist, ohne Sünde, obwohl sie aus Sündern besteht. Ihre grundlegende Aufgabe ist es, das Evangelium zu verkünden, das Heilige Opfer zu feiern und die Seelen zu retten. Das bedeutet natürlich nicht, daß die Kirche nicht auch einen Nutzen beim Aufbau der Kultur leistet. Daher gibt es keinen Widerspruch zwischen der ersten und eigentlichen Aufgabe der Kirche, der salus animarum, und der Förderung einer menschlicheren Gesellschaft.

Die zweite ist die Stadt Satans, die aus den drei Begierden besteht, die der Mensch in sich trägt und aus dem Handeln des Teufels. Diese Stadt befindet sich in ständiger Entwicklung, und führt ohne Unterlaß ihre Angriffe auf zwei unterschiedlichen Ebenen. In erster Linie auf der religiösen Ebene, die dem intimsten Wesen des Menschen entspricht, durch ihre falschen Priester und ihre falschen Dogmen. Und dann auf der Ebene der politischen Gesellschaft, wo sie mit Nachdruck darauf hinwirkt, die Sitten und Verhaltensweisen zu formen, die Gesetze zu ändern und die Autorität, die die Bürger regiert, umzuwandeln.

In irgendeinem kleinen, abgelegenen Kirchlein wird es immer einen Priester geben, der heilig das Meßopfer zelebriert …

Und schließlich gibt es noch die Stadt der Menschen, in der sich die Kulturen und Gesellschaften im Lauf der Jahrhunderte abwechseln. Diese Stadt hat eine Organisation, Gesetze, Sitten und Gebräuche, eine Autorität, die einmal besser einmal schlechter sind, je nachdem welche der beiden anderen den entscheidenden Einfluß ausübt. Die Stadt der Menschen gerät ständig in die Anziehungskraft einer der beiden höheren Städte und erlebt das gebieterische Vordringen des Fürsten der Welt. Dennoch kann sich die Stadt Satans nie im gesamten Gebiet des Menschen durchsetzen. In irgendeinem kleinen, abgelegenen Kirchlein wird es immer einen Priester geben, der heilig das Meßopfer zelebriert, in irgendeiner kleinen Wohnung wird es immer eine einsame alte Frau geben, die mit unerschütterlichem Glauben den Rosenkranz betet, und in irgendeinem verborgenen Winkel wird es immer eine Ordensschwester geben, die für ein Kind sorgt, dessen Leben von allen als wertlos betrachtet wird. Auch wenn alles verloren zu sein scheint, strahlt die Kirche, die Stadt Gottes weiter ihr Licht auf jene der Menschen aus.

Die dramatische und universelle Aufforderung, dem Mann am Kreuz nachzufolgen: ein unverzeihlicher Affront für die stolze moderne Welt

Ein Katholik, der im Schatten dieser einfachen und effizienten Lehre aufgewachsen ist, sollte wissen, daß die Verfolgung der Kirche durch die Welt ungerecht, aber nicht unlogisch ist. Im Gegenteil, es ist vielmehr die Befriedung, die unmöglich ist. Und sei es nur wegen der unablässigen, dramatischen und universellen Aufforderung, dem Mann am Kreuz nachzufolgen: ein unverzeihlicher Affront und eine unverständliche Forderung für die stolze moderne Welt.

In diesem Zusammenhang besteht zumindest die Sorge, daß die Zahl der Followers auf Twitter sich umgekehrt proportional zur Kraft und Klarheit der Botschaft verhält. Eine ernsthafte Verkündigung der Vier letzten Dinge, eine authentische Schilderung einer alles andere als leeren Hölle, des schmerzhaften Königsweg, der durch die enge Tür führt, die Strenge des Dogmas, der Ernst der Vernunft scheinen nicht der Grund für so viele zustimmende Klicks zu sein.

Wer mit dem Leidenden geht, lernt zu leiden, wer mit den Bloggern geht, lernt zu bloggen

Katholiken, Andersgläubige und Ungläubige bevorzugen es weitaus mehr, mit einer leichteren Vorstellung von Barmherzigkeit zu spielen, so als könnte jeder einfach weiterhin so sein wie er ist und so tun wie er tut, ohne daß von ihm je Rechenschaft verlangt würde. Eine solche Vorstellung von Barmherzigkeit kann das Herz von Don Rodrigo erwärmen, aber sicher nicht das des Ungenannten in Alessandro Manzonis Werk Die Verlobten. Und sie ist sicher leichter twitterbar als jene, die zum Beispiel Pater Pio lehrte, wenn er sagte: „Ich habe mehr Angst vor der Barmherzigkeit Gottes als vor seiner Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit Gottes ist bekannt: man kennt die Gesetze, die sie leiten und wenn einer sündigt und die Gerechtigkeit Gottes beleidigt, kann er an die Barmherzigkeit appellieren, wenn er aber die Barmherzigkeit mißbraucht, an wen soll er dann appellieren?“ Man könnte aber nicht behaupten, daß Pater Pio keinen Anhang hatte. Diese Zustimmung allerdings ging andere Wege als die des großen Weltnetzes. Wer mit dem Leidenden geht, lernt zu leiden, wer mit den Bloggern geht, lernt zu bloggen.

Die Versuchung eines leichten Christentums: maßgeschneidert für Menschen der Massenhaltung

Die Versuchung eines leichten Christentums ohne Anstrengung und ohne Opfer, scheint maßgeschneidert für Menschen der Massenhaltung, die in einer Welt von Konsum und Fernsehen aufgewachsen sind, und wo auch die andere Säule der Erziehung, die Schule, seit Jahrzehnten untergraben wurde. Die perfekte Analyse dieses anderen Desasters findet sich im Sachbuch von Paola Mastrocola über die „Freiheit nichts zu lernen“, wenn sie das Buch „Brief an eine Lehrerin“ aus dem Jahr 1967 unter die Lupe nimmt, das von Schülern des Schulprojekts von Don Lorenzo Milani (1923-1967) geschrieben wurde. Ein pädagogisches Reformprojekt, das für einen „sozial engagierten“ Katholizismus steht. Die schlimmste Idee, so Mastrocola, findet sich am Schluß. Das Buch endet mit einem Traum, dem Traum von neuen, demokratischen Lehrern, die endlich ihren Schülern sagen, daß sie von ihnen eigentlich gar nichts wollen. Ihnen weder etwas beibringen, noch ihre Kenntnis prüfen wollen. Die Menschen sollen so bleiben, wie sie sind! Jeder soll seine Vorstellungen behalten, die er schon hat, die ihm die Familie, in die er hineingeboren wurde, weitergegeben hat. Jeder soll das Leben haben, das ihm das Schicksal zugewiesen hat. Es wird eine Schule verlangt, die nichts hinzufügt, nicht erhebt, nicht herausfordert und nicht fördert. Es ist eine Schule, die sich anpaßt, die sich gleich macht den Gleichen, sich verstellt und unweigerlich auf die unterste Stufe des Gleichseins begibt. Damit benachteiligt sie alle, aber vor allem die Schwächsten, die nicht gestärkt und zu den anderen hinaufgehoben werden, sondern denen alle anderen gleich schwach gemacht werden sollen. Alle ganz unten, aber alle gleich.

Die Entfernung des Podestes, auf dem das Pult stand, entstellte das normale Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Das kumpelhafte „Du“ statt des „Sie“ machte aus dem Lehrer irgendeinen Gleichen des Schülers. Die Deklassierung der formalen Sprache zum Alltagsgerede führte zu einer Veränderung der Lerninhalte. Die Idee, daß die mitgebrachte Bildung und Erziehung eines jeden Studenten bereits ausreiche, führt zur Überzeugung der Schüler, daß sie sich selbst genügen würden, letztlich gar keiner Bildung mehr bedürften und schließlich zur Leugnung jeder Notwendigkeit, sich überhaupt noch verbessern zu müssen.

Eine Kreatur, die sich dank der Gesten und der Worte, die ihr geschenkt wurden, zu Gott hin erheben und dem Teufel fliehen kann

Die vier Achsen entlang derer die Zerstörung der Schule erfolgte, entsprechen in Form, Inhalt und Methode jener der katholischen Liturgiereform. Es genügt an die Entfernung der Kommunionbänke zu denken und an die Verschiebung der Altäre hinein in das Kirchenschiff in Form von einfachen Tischen, an den zum Volk statt zu Gott hingewandten Priester als einer Art Versammlungsvorsitzendem, an die Verstoßung der lateinischen Sprache zugunsten der Volkssprache, an das Eindringen der sogenannten „Theologie des Ostergeheimnisses“, die jeden Menschen bereits für definitiv gerettet hält, sich selbst genügend und daher in der Voraussetzung, Gott nicht anbeten zu müssen, aber sich selbst zu feiern. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang, um auf die Schulparallele zurückzukommen, gar kein Zufall, daß am Ursprung der Revolutionierung der Schule zumindest in Italien ein Priester steht.

Einer Welt, die sich sowohl in ihrem zivilen als auch in ihrem religiösen Leben durch Mangel an Opfer und Ehrerbietung auszeichnet, muß Jemand und Etwas zurückgegeben werden, für das man sich opfert und ehrerbietig zeigt. Benedikt XVI. versuchte, das Kreuz als Mitte des Altares und die kniend empfangene Mundkommunion wiederherzustellen. Das war keine Szene aus einem Feldlazarett, aber es berührte direkt die Seelen, weil es aus dem Bewußtsein kam, daß der Mensch ein rationales und daher ein liturgisches Geschöpf ist. Eine Kreatur, die sich dank der Gesten und der Worte, die ihr geschenkt wurden, und die daher irreformabilis sind, zu Gott hin erheben und dem Teufel fliehen kann.

In den Apophthegmata Patrum der Wüstenväter wird erklärt, wie der Teufel unfähig ist, die Gedanken der Menschen zu kennen, weil er von anderer Natur ist, aber wie er sie erraten kann, indem er die Körperhaltung beobachtet. Daraus ergibt sich die Bedeutung des äußeren Verhaltens und der Verehrung, die in der Katholizität immer gepflegt wurden, denn um jene, die perfekte Gesten vollziehen, entsteht ein unantastbarer Ring der Reinheit und sie vollziehen einen Exorzismus, der auch jenen zur Wohltat wird, die in ihrer Nähe sind.

Die dramatischste Erkenntnis im Leben des Menschen: Das Bewußtsein der Sünde als Beleidigung Gottes

Das alles kostet Anstrengung, verlangt Disziplin und Askese, fordert ein Ausharren unter dem Kreuz und ein Zufriedenstellen der göttlichen Gerechtigkeit durch Mittragen der Passion Christi. Daraus ergibt sich die dramatischste Erkenntnis, die es im Leben des Menschen geben kann: Das Bewußtsein der Sünde in erster Linie als Beleidigung Gottes und erst in zweiter Linie als Schaden für die Geschöpfe. Wenn aber, wie die vorherrschende Theologie lehrt oder dem zumindest nicht widerspricht, daß der Mensch schon gerettet ist, allein durch die Tatsache seiner bloßen Existenz, wenn die Sünde auf einen sozialen Aspekt reduziert wird, wenn es nicht mehr notwendig ist, die Vernunft einer in ein Mysterium eingehüllten Wahrheit anzugleichen, dann hat die Anstrengung natürlich keinen Sinn mehr.

Die Oberhand der Nacktheit des Diskurses über die Verhülltheit des Ritus

Durch diese Horizontveränderung nimmt die Liturgie, culmen et fons des christlichen Lebens, eine rein soziale Bedeutung an, sie spricht vom Menschen zum Menschen und verwandelt sich in eine Art soziales Traktat. Nicht zufällig sammelt und verbreitet man heute mit übertriebenem Einsatz die Predigten des Papstes, während seine Zelebration in die zweite Reihe zurücktritt. Das ist ein typisch moderner Tick. Während einst die Großartigkeit der Liturgie selbst eine kurze Predigt fast als störenden Einbruch der Welt in das Heilige empfinden ließ, läßt die Gewichtsverschiebung auf das gepredigte Wort heute fast die heilige Liturgie als störendes Beiwerk empfinden.

Die Nacktheit des Diskurses hat die Oberhand über die Verhülltheit des Ritus gewonnen. Der Diskurs allein aber kann, gerade weil er nackt ist, nicht das Wesentliche erfassen. Die Bedingung des Menschen, der durch die Sünde des Adam den Stand der Gnade verloren hat, macht ihn unfähig zu dieser Aufgabe. Der Mensch allein ist nicht mehr imstande, den letzten Sinn der Dinge wahrzunehmen und deshalb auch nicht die Liturgie. Aber solange er sich nicht durch Blendwerk faszinieren ließ, hat sie ihm immer geholfen, weil sie die Materie vor seinen Augen neu kleidete. Die Verhüllung wird dadurch zum sichtbaren Zeichen des Nimbus der Gnade und der Heiligkeit, die für das Auge des Menschen unsichtbar geworden sind. Sie will gerade nicht das Objekt vor den Blicken verbergen, um ein Geheimnis daraus zu machen. Der materielle Aspekt der verhüllten Dinge ist bekannt, aber allein für sich sagt er nichts über ihre zusätzliche und eigentliche Natur aus. Das drückt aber der Schleier aus, der sie bedeckt. Und wenn man ihn durchschneidet und auf dieselbe Weise auch die anderen Schleier zerschnitten werden, die übereinandergelegt sind, trifft man auf einen anderen Schleier: die Hostie selbst, wie ein eucharistischer Hymnus besingt.

Es ist gerade diese, menschlich gesehen, völlig sinnlose Pracht, die die Welt so dringend braucht, die an dem Tag aufgehört hat, die Intelligenz zu gebrauchen, an dem sie die Scham verloren hat.

Einleitung und Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Chritus Pantokrator umgeben von den Engeln und Heiligen (Giusto de’ Menabuoi, 1378, Padua, Dom, Baptisterum)

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3 Comments

  1. Passend zu diesem einmal mehr trefflichen Artikel ein Auszug aus einem Vortrag des Dominikanerpaters Giovanni Cavalcoli , Dozent für Moraltheologie und Christliche Anthropologie an der Theologischen Fakultät der Emilia-Romagna, zum Thema
    „Der Dialogkult und die Feinde Jesu“:
    -
    „Christus sagt uns klar und deutlich, wenn wir seine Jünger sein und mit ihm an der Rettung der Welt mitwirken wollen, dann müssen auch wir den Mut haben, unsere Identität als Kinder Gottes zu zeigen, indem wir uns den Irrtümern und Sünden der Welt für deren Reinigung und Rettung widersetzen auch um den Preis, wie Selbstgerechte zu erscheinen.
    Daraus folgt eine letzte Konsequenz: Wir müssen den schalen, ergebnislosen und zweideutigen Dialogkult unserer Tage korrigieren, eine Praxis, die, wenn wir das Vorbild von Christus ernst nehmen, ganz und gar nicht christlich ist und unter dessen Deckmantel von Freundlichkeit und Toleranz sich ein beschämender Opportunismus und ein Doppelspiel versteckt, das eines wahren Jüngers Christi absolut unwürdig ist. Wenn wir von uns wirklich sagen wollen, seine Jünger zu sein, dann müssen wir in einer Art mit den Menschen unserer Zeit sprechen, die wenn nötig – und wir hoffen natürlich, daß dies selten der Fall ist – auch harte und mutige Töne gebraucht, auch auf die Gefahr hin, Verfolgung zuerleiden oder sogar zum Preis unseres Lebens.
    Wenn Christus sich damit begnügt hätte, es wie Buddha oder Mohammed zu machen, gäbe es kein „Mysterium crucis“, das der Weg und das Unterpfand für unser ewiges Heil ist“.
    [….]
    -
    Soweit der Auszug. Unser Herr und Gott Jesus Chritus hat angemahnt hat, dass ER für die Welt, die sich an den personalen Bösen wegwirft, NICHT beten würde. Bei der Fürbitte für die Jünger betete Er:
    -
    Joh 17,9
    Für sie bitte ich; NICHT für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir.
    [….]
    Joh 17,14
    Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin.
    Joh 17,15
    Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.
    Joh 17,16
    Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.
    Joh 17,17
    Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.
    Joh 17,18
    Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.
    Joh 17,19
    Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.
    Joh 17,20
    Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben.
    -

    Warnend hat Er denn auch den personalen Bösen, Satan dreimal als den „Fürsten dieser Welt“ als den „Archon dieses Äons“ bezeichnet! Durch den heiligen Paulus lässt ER ihn gar den
    „Gott dieser Welt“ bezeichnen !
    -
    2 Kor 4,3
    Wenn unser Evangelium dennoch verhüllt ist, ist es nur denen verhüllt, die verloren gehen;
    2 Kor 4,4
    denn der Gott dieser Weltzeit hat das Denken der Ungläubigen verblendet. So strahlt ihnen der Glanz der Heilsbotschaft nicht auf, der Botschaft von der Herrlichkeit Christi, der Gottes Ebenbild ist.
    -

  2. Ein sehr guter Beitrag. Einige Stellen muß man sich einmal zu Gemüte führen, zB:

    „…wird erklärt, wie der Teufel unfähig ist, die Gedanken der Menschen zu kennen, weil er von anderer Natur ist, aber wie er sie erraten kann, indem er die Körperhaltung beobachtet. “

    Das ist ein wichtiger Hinweis für die Kommunionspendung bzw. den Kommunionempfang. Es ist eben nicht das eine so gut wie das andere – es käme nur auf die innere Haltung an. Nein, die äußere Haltung ist ebenso wichtig.

  3. Der Artikel erscheint vielleicht stellenweise etwas kryptisch, aber er hat es in sich. Man muß ihn öfters lesen.

    „Es ist gerade diese, menschlich gesehen, völlig sinnlose Pracht, die die Welt so dringend braucht, ——>> die an dem Tag aufgehört hat, die Intelligenz zu gebrauchen, an dem sie die Scham verloren hat.“
    Genauso ist es; die Intelligenz hört auf, wo die Scham abhanden gekommen ist.
    Das berühmte Zitat von Thomas von Aquin paßt auch hier: „Die Verblendung des Geistes ist die erstgeborene Tochter der Unzucht“.
    Darin drückt sich das ganze Elend der heutigen Gesellschaft aus, und leider auch das der Kirche.

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