Gaudium et spes – Kritik von illustrer Seite an Konzilsdokument

Kardinal Giovanni Colombo und das Zweite Vatikanum: Kritik an Gaudium et spes(Mailand) Kardinal Giovanni Colombo war von 1963 bis 1979 Erzbischof von Mailand. Kardinal Giacomo Biffi1 schrieb über ihn: „Er war der Letzte der großen Ambrosianer“. Eine implizite Kritik an den Nachfolgern Colombos auf dem Bischofsstuhl des heiligen Ambrosius, den Kardinälen Carlo Maria Martini und Dionigi Tettamanzi. Denn, so Biffi, in der leuchtenden Zeit der Mailänder Kirche hätte „nach dem Vorbild und der Leidenschaft der großen Tradition“ des heiligen Karl Borromäus und des heiligen Ambrosius „Glaubenssicherheit“ geherrscht und nicht „Nachgeben und sich Verstecken“.

Vom 1992 verstorbenen Kardinal Colombo ist soeben das Buch Das Zweite Vatikanische Konzil. Reden und Schriften erschienen. Es versammelt teils unveröffentlichte Texte des Kardinals vom und über das Konzil. Der Vatikanist Sandro Magister machte auf die Neuerscheinung aufmerksam. Ein weiterer Mosaikstein, um ein authentischeres Bild des Konzils erstehen zu lassen.

Das Vorwort zum Buch stammt vom Mailänder Theologen Inos Biffi, der nicht mit dem gleichnamigen Kardinal verwandt, mit diesem aber freundschaftlich verbunden ist. Er überliefert darin interessante Urteile der Kardinäle Colombo und Biffi und anderer Kirchenmänner über das, was auch Joseph Kardinal Ratzinger als das am wenigsten gelungene Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils bezeichnete: die Konstitution Gaudium et spes über die Kirche in der Welt.

So heißt es im Vorwort, daß Colombo an manchen Stellen das Dokument zu loben scheint, daß wegen der von ihm dazu gebrauchten Worte jedoch „einige Zweifel berechtigt sind“.

Giacomo Biffi erinnerte in seiner Autobiographie, so Inos Biffi, an eine Bemerkung von Hubert Jedin: „Diese Konstitution wurde mit Enthusiasmus begrüßt, aber ihre Nachgeschichte hat bereits erwiesen, daß man damals ihre Bedeutung weit überschätzt und kaum geahnt hat, wie tief jene ‚Welt‘, die man für Christus gewinnen wollte, in die Kirche eindringt.“

„Auch Karl Barth, so Giacomo Biffi, hatte bemerkt, daß die Idee von der Welt in ‚Gaudium et spes‘ nicht die des Neuen Testaments ist.“

„Im Zusammenhang mit Kardinal Colombo überliefert Giacomo Biffi die Antwort, die der Erzbischof, ‚scharfsinnig und freimütig wie immer‘, Msgr. Carlo Colombo2 gab: ‚Dieser Text enthält alle richtigen Worte, es sind die Akzente, die falsch gesetzt sind‘. ‚Leider – schlußfolgert Biffi – wurde die Nachkonzilszeit mehr von den Akzenten als von den Worten beeinflußt und betört.“

Inos Biffi erinnert in seinem Vorwort auch daran, wie Kardinal Colombo die Gläubigen seiner Erzdiözese vor den Zusammenfassungen und Berichten der Medien über die Konzilsdebatten warnte.

In einem seiner Briefe vom Konzil an die Gläubigen der Erzdiözese Mailand schrieb der Kardinal:

„An einem dieser Abende, vom Petersplatz her schauend entdeckte ich am Ende der Via della Conciliazione tief am Himmel stehend einen so seltsamen und komischen Vollmond, wie ich ihn noch nie gesehen hatte: länglich, von dunkeloranger Farbe, schien er wie riesiges Ei, gefüllt mit glühender Kohle, die durch die Schale hindurchschimmerte. So sehr wurde mein Blick auf den Mond von den dichten Dunstschwaden eines Sonnenuntergangs im Oktober verzerrt. So, dachte ich mit großer Traurigkeit, wird das Konzil häufig in den Augen der Menschen von den Nebeln der Medien entstellt…“

Das Buch: Giovanni Colombo: Il Concilio Vaticano II. Discorsi e scritti, hrsg. von Inos Biffi, Jaca Book-Centro Ambrosiano, Milano, 2013, 312 Seiten

Text: Settimo Cielo/Giuseppe Nardi

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Zuwendungsübersicht
  1. Giacomo Kardinal Biffi, Jahrgang 1928, 1950 Priesterweihe für die Erzdiözese Mailand, Professor für Dogmatik, 1975 Weihbischof von Mailand, 1984-2003 Erzbischof von Bologna, 1985 Kardinalserhebung, der kämpferische Kardinal verfaßte 1969 die Schrift „Das Fünfte Evangelium“, einen ironischen Text über die nachkonziliare „68er-Theologen“, 2000 hielt er als Erzbischof auf einer Tagung eine Rede über den Antichrist des russischen, philokatholischen Philosophen Wladimir Solowjew, die er im März 2007 als Fastenprediger vor Papst Benedikt XVI. und der Römischen Kurie wiederholte []
  2. Carlo Colombo (1909-1991), Kirchenprovinz Mailand, Professor für Dogmatik an der Päpstlichen Theologischen Fakultät von Mailand, 1960 von Papst Johannes XXIII. zum Mitglied der Theologischen Vorbereitungskommission für das Zweite Vatikanische Konzil ernannt, 1964-1985 Weihbischof von Mailand, 1969-1974 Mitglied der Internationalen Theologenkommission []

1 Comment

  1. Nein, das ermüdet nur noch. Immer dasselbe Lied. Das „gute II. Vatikanische Konzil“, das nur von den Medien falsch interpretiert wurde.
    Dabei war genau das der Sinn der Sache. Dom Helder Camara hat es offen zugegeben: „Das Konzil darf nicht alles sagen. Wir werden es später sagen…“ Genau diesen Sinn hatten diese widersprüchlichen Texte. Die Modernisten haben gewonnen auf der ganzen Linie während des Konzils und danach.
    Ein Konzil mit den Texten, die nach der „Ratzinger-Theorie“ nur richtig zu interpretieren sind, dessen Texte aus sich heraus nicht verständlich sind, spricht das Urteil über sich selbst.
    Als nach Nicäa 325 die Kämpfe losgingen um das Dogma der Wesensgleichheit Jesu Christi mit der ersten göttlichen Person war das Dogma eindeutig formuliert. Es war nicht interpretationsbedürftig. Bischof Athanasius kämpfte nicht „für eine richtige Interpretation“, sondern eindeutig gegen diejenigen, die das Dogma leugneten, für das Dogma. Und so konnte der Arianismus letztlich besiegt werden, vor allem dank des Glaubenskampfes dieses mutigen Bischofs.
    Lehrsätze, verbindliche Glaubenswahrheiten, wurden immer von der Kirche so formuliert, dass der Sinn eindeutig war.
    Die Mehrdeutigkeit der Konzilsdokumente sind die Ursache für alle Häresien, allen Wirrwarr, der entstanden ist und weiter entstehen wird.
    Doch eher wird die Gestalt der Kirche zugrunde gehen, wird sie nur noch in kleinen Gruppen authentisch weiter bestehen, ehe das zugegeben wird. Die konservativen Würdenträger, Theologen, die versuchen wollen, das Konzil „richtig zu interpretieren“, sind nicht besser als die Modernisten selbst. Das Ergebnis bleibt gleich.
    Es ermüdet nur noch. Kommentare zu diesem Thema lohnen sich nicht mehr Es ist alles gesagt.

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