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Der "Lateinische Frühling" und die dramatischen Probleme unserer Zeit – Neue Formen des Widerstands gegen "Ideologie des Bösen"

Marsch für das Leben Rom 40.000 Teilnehmer, Manif pour Tous 1,4 Millionen, neue Formen des Widerstands gegen etabliertes Kultur- und Herrschaftssystem in Europa mit katholischen Wurzeln(Rom/Paris) Der italienische Historiker Roberto de Mattei, ein führender, traditionsverbundener katholischer Intellektueller analysiert neue gesellschaftliche Protestformen in Frankreich und Italien, die ihren Ursprung im katholischen Bereich haben, ohne eine kirchliche Initiative zu sein oder in einem Abhängigkeitsverhältnis zur Kirche zu stehen. Formen des Protests, die sich gegen den täglichen Massenmord an ungeborenen Kindern und gegen die Homosexualisierung der Gesellschaft wendet. Am vergangenen Samstag nahmen 40.000 Menschen in Rom (Angabe der Veranstalter, 30.000 laut Angabe der Polizei) am erst zum dritten Mal durchgeführten Marsch für das Leben teil.
De Mattei sieht in den neuen Protestformen ein völlig unerwartetes Erwachen des Widerstandes gegen eine Verkehrung der natürlichen Ordnung. Das Aufstehen eines Widerstandes gegen die neue Form einer „Ideologie des Bösen“, wie es Papst Johannes Paul II. nannte, die durch die Leugnung Gottes und damit auch seiner Ordnung entstanden ist und damit als Perversion, als Verdrehung der natürlichen Ordnung. Der Historiker bezeichnet diese Regungen als „Lateinischen Frühling“, und greift damit die Bezeichnung „Arabischer Frühling“ auf, mit der die westlichen Machthaber angebliche Demokratisierungsbestrebungen in der arabischen Welt, die in Wirklichkeit eine Destabilisierungs- und Islamisierungswelle brachten, propagierten. Dieselben Machthaber, gegen die sich der neue Widerstand in Europa richtet. De Mattei will mit diesem Vergleich herausstreichen, daß das, was sich in Europa rührt, von unten kommt und von weit größerer Bedeutung und mit weitreichenderen Folgen ist, als das, was im Nahen Osten und Nordafrika von außen und von oben geplant, den Weltmedien im gewünschten Tonfall verbreitet wurde, aber kläglich gescheitert ist.

Von Roberto de Mattei

Zwischen Ende 2010 und Anfang 2011 kündigten die Weltmedien über ihre Lautsprecher das Anbrechen des „Arabischen Frühlings“ an, oder anders gesagt, einer neuen Epoche der Demokratie, der Freiheit und der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung im Nahen Osten und in Nordafrika. Manche, wie Italiens Minister für Internationale Zusammenarbeit und Integration, Karlspreisträger Andrea Riccardi, ging soweit, zu erklären, daß „das Mittelmeer ein zur Gänze demokratisches Meer geworden ist“, indem er tunlichst vergaß, zu erwähnen, daß die arabischen Revolutionen von Libyen bis Syrien, von Ägypten bis Tunesien Wirtschaftskrisen, politische Instabilität, den Aufstieg islamistischer Bewegungen und eine gewalttätige antichristliche Repression ausgelöst haben. Es handelt sich nicht um einen Frühling, sondern um einen harten Winter für die unglücklichen Regionen.

Während der sorgfältig von den westlichen Machtzentren und den Muslimbrüdern geplante Arabische Frühling erbärmlich gescheitert ist, zeichnet sich ein ganz anderer Frühling in den nächsten Monaten 2013 in Europa ab: das, was wir einen „Lateinischen Frühling“ nennen könnten.

In Rom nahmen am 12. Mai 40.000 Menschen am dritten Italienischen Marsch für das Leben teil, die vom Kolosseum zum Petersplatz zogen, wo sie Papst Franziskus mit seinem Segen empfing. Keine der großen „kirchlichen“ Bewegungen von Comunione e Liberazione zu den Neokatechumenalen, von den Charismatikern zu den Fokolarini hat am Marsch teilgenommen, der sich damit als eine eigenständige „Bewegung“ bestätigt wurde, die nicht direkt auf die offizielle katholische Welt zurückgeht.

Der Marsch für das Leben, wie der Rechtsphilosoph Mario Palmaro treffend schrieb, „hat nicht kirchlichen Charakter, ist keine Prozession, kein Gebetstreffen: an ihm nehmen Katholiken und andere Christen teil, Vertreter anderer Religionen, Gläubige und Nicht-Gläubige. Viele schweigen, viele andere beten in einem Klima großer Freiheit. Auf diese Weise beweist der Marsch die Vernünftigkeit der Gründe für das Lebensrecht. Der Marsch ist eigenständig und unabhängig. Er sichert sich eine Freiheit, die ihn Einflußnahmen, Kompromissen, Taktiken, interner Zensur und als Besonnenheit getarnter Ängstlichkeit entzieht“.

In Frankreich versammeln die „Manifs pour tous“ (Kundgebungen für alle) nach der parlamentarischen Einführung der „Homo-Ehe“ am 23. April, Hunderttausende von Menschen, die weiterhin gegen die Regierung demonstrieren, weil sie in der Entscheidung einen schweren Anschlag auf die Grundlagen des Staates und der Gesellschaft sehen. Sie tun dies mit einem solchem Ideenreichtum, wie Patrice de Plunchett am 8. Mai im Osservatore Romano schrieb, daß die Medien ganz erstaunt sind: Mobilisierung über Twitter, spontane Versammlungen auf den Straßen und Plätzen, Lager vor der Nationalversammlung, „Weckrufe“ vor den Wohnungen der Minister, Transparente an Autobahnüberführungen.

Es gibt zudem das Netz der „Veilleurs“ (der Wächter) und der „Mères veilleuses“ (der wachenden Mütter) und das mit einem gelungenen Wortspiel zu „wunderbar“, die „Wunderbaren“ (merveilleuse). Sie drücken ihren friedlichen Protest und ihre Empörung in kurzfristig zusammengerufenen Gruppen von mehreren Hundert Personen aus. Die Zusammensetzung der Gruppen ist völlig fließend.

Im einen wie im anderen Fall handelt es sich um eine spontane Bewegung, die vor allem von der Basis der katholischen Welt ausgeht. Das, was hier geschieht, ist mehr als eine Kundgebung, es ist die Wiederherstellung eines sozialen Netzes. Es ist der gesunde und lebendige Keim, der sich in einem kranken Organismus entwickelt, wie Rémi Fontaine in einem gelungenen Buch schreibt, das diesem Phänomen gewidmet ist: „Les enjeux du printemps français“ (Aspekte des französischen Frühlings, Editions de Paris, Versailles 2013).

Wenn die relativistische Kultur die Zersetzung einer Gesellschaft produziert, revitalisiert die Kultur des Lebens und des Antihomosexualismus den sozialen Körper. Die internationalen Machthaber, die die politischen Entscheidungen der nationalen Regierungen kontrollieren oder bedingen, beobachten dieses unerwartete Wiedererwachen mit Sorge. Sie befürchten, daß neue Formen der politischen und sozialen Teilnahme und eine neue Führungsschicht entstehen, die imstande ist, Volkserhebungen gegen das in Europa seit der französischen Revolution errichtete Kultur- und Herrschaftssystem auszulösen. Wir werden daher einen Versuch erleben, die gegen das Establishment gerichtete Oppositionsbewegung „umzuwandeln“ und zu „normalisieren“. Aber wenn es auch möglich ist, die Menschen zu täuschen, ist es unmöglich die Gnade Gottes zu „kaufen“, die, wann immer sie sich zeigt, eine unaufhaltsame Entwicklung auslöst.

Hinter dem Lateinischen Frühling stehen die unbesiegbare Aktion der Gnade und eine Weltsicht, die ihre Wurzeln in den lateinischen Wurzeln der abendländischen Kultur hat. In Griechenland wurde das Konzept der Humanitas geboren, die Idee, daß es eine menschliche Natur gibt, die von ewigen und universalen Gesetzen bestimmt ist, die zu erkennen Aufgabe der Philosophie ist.

Der Mensch ist eben nicht nur ein soziales Wesen, sondern vor allem ein rationales Wesen. Die Humanitas ist nicht das subjektive Ich des modernen Humanismus, sondern das Sich-Bewußtsein dieser universalen Gesetze der menschlichen Natur. Das Gesamtbild der absoluten und universalen Gesetze und Prinzipien ist das natürliche Gesetz des Dekalogs, den wir nach der griechischen Philosophie auch durch das Römische Recht anerkannt finden.

Der neue Katechismus der katholischen Kirche erinnert im Zusammenhang mit den allgemeingültigen Vorschriften, deren Autorität sich auf alle Menschen erstreckt, an die Worte Ciceros, daß es mit Sicherheit „ein wahres Gesetz (gibt): das der rechten Vernunft. Es stimmt mit der Natur überein, ist bei allen Menschen vorhanden und besteht unveränderlich und ewig. Seine Gebote fordern zur Pflicht auf; seine Verbote verwehren Verfehlungen“ (Cicero, rep. 3,22,33; Katechismus Nr. 1956). Der heilige Thomas von Aquin erinnert uns daran, daß das von den Parlamenten oder jeder anderen legislativen menschlichen Instanz beschlossene Gesetz nicht in Widerspruch zum ewigen Gesetz Gottes sein kann. Das Naturrecht „ist nichts anderes als das von Gott in uns hineingelegte Licht der Erkenntnis, durch das wir einsehen, was zu tun und was zu vermeiden ist. Dieses Licht und dieses Gesetz hat Gott dem Menschen bei der Schöpfung gegeben“ (Thomas von Aquin: In duo praecepta caritatis et in decem Legis praecepta expositio, Kap. 1).

In seinem letzten Buch „Erinnerung und Identität“ verurteilte Johannes Paul II. die „legale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen […] eine Vernichtung, die sogar von demokratisch gewählten Parlamenten beschlossen wird, in denen man sich auf den zivilen Fortschritt der Gesellschaften und der gesamten Menschheit beruft“ und spricht in diesem Zusammenhang von „schweren Formen der Verletzung des Gesetzes Gottes“. Der Papst dachte dabei an den starken Druck, den das Europäische Parlament ausübt, damit die Mitgliedsstaaten und auch andere Staaten homosexuelle Beziehungen als Alternativform zur Familie anerkennen und diesen sogar ein Adoptionsrecht zugestanden wird. Es sei legitim, ja sogar eine Pflicht, so Johannes Paul II., sich die Frage zu stellen, ob hier nicht wieder eine neue Ideologie des Bösen am Werk sei, vielleicht „heimtückischer und verhohlener“, die versucht gegen den Menschen und gegen die Familie sogar die Menschenrechte auszunützen. „Warum geschieht das alles? Was sind die Wurzeln dieser nachaufklärerischen Ideologien? Die Antwort ist letztlich einfach“, weil Gott als Schöpfer abgelehnt werde und damit das, was gut und böse ist, völlig verschwimmt. Wenn man auf sinnvolle Weise über Gut und Böse sprechen wolle, müsse man zum heiligen Thomas von Aquin zurückkehren und damit zur „Theologie des Seines“.

Der italienische Marsch für das Leben und die französischen Manifs pour tous gründen auf dieser „Philosophie des Seins“, der die moderne Welt den Rücken zugekehrt hat, mit den verheerenden Ergebnissen, die vor unser aller Augen sichtbar sind. Hinter dem Lateinischen Frühling steht die feste Überzeugung, daß das göttliche Gesetz und das Naturrecht nicht auf den privaten Raum begrenzt sein können, sondern ebenso für den öffentlichen Raum Geltung haben und die Grundlage für die christliche Sozialordnung bilden, der einzigen möglichen Lösung der dramatischen Probleme unserer Zeit.

Text: Corrispondenza Romana
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana

  

  1. JeanJean sagt:

    Kann es einen deutlicheren Beleg geben, wie unvereinbar Christentum und Islam sind, wenn man den „Lateinischen Frühling“ mit dem „Arabischen Frühling“ vergleicht? Beide berufen sich auf göttliches Recht.

  2. Jörg Guttenberger sagt:

    Wir sind den Franzosen und Italienern zu allergrößtem Dank für ihre Initiative verpflichtet.. Beschämend ist, daß die faulen und trägen Deutschen im Gegensetz zur österreichischen Jungend nichts Gleichartiges auf die Beine stellen.