Das neue Zeitalter des Geistes? – Pater Cantalamessa, Papst Franziskus und Joachim da Fiore

Karfreitagspredigt von Pater Raniero Cantalamessa im Petersdom mit einem Seitensprung zu Joachim von Fiore
Karfreitagspredigt von Pater Raniero Cantalamessa im Petersdom mit einem Seitensprung zu Joachim von Fiore

(Rom) Am späten Nachmittag des Karfreitag hielt der bekannte Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa, seit 1980 päpstlicher Hofprediger, in Anwesenheit von Papst Franziskus bei der Feier vom Leiden und Sterben Christi die Predigt im Petersdom. Wir veröffentlichen die auf der Internetseite des Heiligen Stuhls veröffentlichte offizielle deutsche Übersetzung der 24 Minuten dauernden Predigt, deren Lektüre als Ganze von Interesse ist.
Das besondere Augenmerk soll jedoch auf einen Absatz gelenkt werden (von der Redaktion unterstrichen).
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Ohne es verdient zu haben, werden wir gerecht durch den Glauben an das Blut Christi

von Pater Raniero Cantalamessa OFMCap

„Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus. Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben […], um zu zeigen, dass er gerecht ist und den gerecht macht, der an Jesus glaubt“ (Röm 3, 23-26).

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Wir haben den Gipfel und den entscheidenden Moment dieses Jahres des Glaubens erreicht. Hier erkennt man den Glauben, der rettet; den Glauben, „der die Welt besiegt“ (vgl. 1 Joh. 5,5)! Der Glaube ist eine Aneignung, durch die wir die von Christus erwirkte Erlösung unser machen, uns in den Mantel seiner Gerechtigkeit kleiden. Auf der einen Seite die Hand, die Gott uns reicht, um dem Menschen seine Gnade zuteilwerden zu lassen; auf der anderen Seite die Hand des Menschen, der sich mittels des Glaubens ausstreckt, um dieses Angebot Gottes zu ergreifen. Der „neue und ewige Bund“ wird von einem Händedruck zwischen Gott und den Menschen besiegelt.

An diesem Tag haben wir die Möglichkeit, den wichtigsten Entschluss unseres Lebens zu treffen, die Wahl, die uns die Pforten der Ewigkeit erschließt: den Entschluss zu glauben! Zu glauben, dass Christus „wegen unserer Verfehlungen hingegeben“ und „wegen unserer Gerechtmachung auferweckt“ wurde (vgl. Röm 4,25). In einer Osterpredigt des 4. Jahrhunderts gebrauchte ein Bischof Worte, die außerordentlich modern und, man könnte sagen, existenziell klingen: „Für jeden Menschen beginnt das Leben ab dem Augenblick, wenn Christus für ihn geopfert wird. Aber das Opfer Christi gilt für ihn ab dem Moment, wenn er die Gnade erkennt und sich des Lebens bewusst wird, das ihm durch jenes Opfer beschert wird“. 1)Osterpredigt des Jahres 387 (SCh 36, S. 59 ff.)

Welch außergewöhnlich große Sache! Dieser Karfreitag, den wir im Jahr des Glaubens und mit dem neuen Nachfolger Petri feiern, kann, wenn wir es wollen, zum Anfang eines neuen Lebens werden. Bischof Hilarius von Poitiers, der erst im Erwachsenenalter zum Christentum konvertierte, schrieb über sein früheres Leben: „Bevor ich dich kennenlernte, gab es mich nicht.“

Was von uns verlangt wird, ist nur, dass wir uns auf die Seite der Wahrheit stellen und eingestehen, dass wir gerechtfertigt werden müssen, und nicht versuchen, uns selbst zu rechtfertigen. Der Zöllner, der zum Tempel hinaufging und das kurze Gebet sprach: „Gott, sei mir Sünder gnädig“, ging „als Gerechter“ nach Hause zurück, sagt Jesus (vgl. Lk 18,9-14). „Als Gerechter“ bedeutet, dass ihm vergeben wurde, dass er ein neuer Mensch geworden war, und ich glaube, er ging mit fröhlichem Herzen nach Hause. Was hatte er so außerordentlich Großes getan? Nichts, er hatte sich lediglich vor Gott auf die Seite der Wahrheit gestellt, und mehr braucht Gott nicht, um handeln zu können.

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Joachim von Fiores trinitarische Geschichtstheologie: nebulöses, schwärmerisches, spiritualistisches Denken, das allen revolutionären Strömungen zugrundeliegt? Wie stehen Pater Cantalamessa und Papst Franziskus dazu?Wie ein Bergsteiger, der gerade eine schwierige Passage hinter sich gebracht hat, kurz innehält um sich zu erholen und das neue Panorama zu genießen, dass sich vor ihm auftut, so schreibt Paulus zu Beginn des 5. Kapitels des Römerbriefs, nachdem er den schwierigen Begriff der Gerechtmachung durch den Glauben erläutert hat:

„Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,1-5).

Heute werden von Satelliten aus Infrarotfotos von großen Flächen der Erde und sogar des ganzen Planeten durchgeführt. Wie anders wirkt das Panorama von dort oben und im Licht dieser Strahlen, welch ein Unterschied zu dem, was wir vom Boden aus und mit natürlicher Beleuchtung wahrnehmen! Ich erinnere mich an eines der ersten Satellitenbilder, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden; es zeigte die Sinaihalbinsel. Ganz anders waren die Farben, viel deutlicher die Berge und Täler. Es ist ein Gleichnis. Auch das menschliche Leben erscheint im Schein des infraroten Lichts des Glaubens und von der Höhe des Kalvarienbergs aus betrachtet anders als das, was man „mit dem bloßen Auge“ sieht.

„Ein und dasselbe Geschick“, sagt der Weise des Alten Testaments, „trifft den Gesetzestreuen und den Gesetzesbrecher… Noch etwas habe ich beobachtet unter der Sonne: An der Stätte, wo man Urteil spricht, geschieht Unrecht; an der Stätte, wo man gerechtes Urteil sprechen sollte, geschieht Unrecht“ (Koh 3,16; 9,2). Tatsächlich hat man zu allen Zeiten das Unrecht siegen und die Unschuldigen gedemütigt gesehen. Nur damit man nicht glaube, dass es auf der Welt etwas Sicheres und Unabänderliches gebe, schreibt Bousset, geschieht manchmal auch das Gegenteil, und man sieht einen Unschuldigen auf dem Thron und das Unrecht seiner gerechten Strafe zugeführt. Doch welchen Schluss zieht der Kohelet aus alledem? „Da dachte ich mir: Gott ist es, der den Unschuldigen wie den Schuldigen verurteilt“ (Koh 3,17). Damit hat er den Gesichtspunkt gefunden, der der Seele ihren Frieden zurückgibt.

Was der Kohelet im Unterschied zu uns nicht wissen konnte, ist, dass dieser Urteil bereits gefällt ist: „Jetzt“, sagt Jesus, als seine Passion näher rückt, „wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen“ (Joh 12, 31-32).

In Christus, der stirbt und wieder aufersteht, hat die Welt ihr letztes Ziel erreicht. Der Fortschritt der Technik galoppiert heute mit atemberaubender Geschwindigkeit, und die Menschheit sieht sich neuen und vor kurzem noch unvorstellbaren Zukunftsszenarien gegenüber, die den Errungenschaften der Wissenschaft zu verdanken sind. Und dennoch kann man sagen, dass das Ende der Zeit bereits eingetreten ist, denn in Christus, der zur Rechten des Vaters aufgefahren ist, hat die Menschheit ihr höchstes Ziel erreicht. Der neue Himmel und die neue Erde haben bereits begonnen. Trotz aller Ungerechtigkeit, Armut und Gewalt dieser Welt hat in ihm die endgültige Weltordnung bereits Fuß gefasst. Was unsere Augen sehen, könnte uns dazu verleiten, das Gegenteil zu glauben, aber in Wirklichkeit sind der Tod und das Böse schon für immer besiegt. Ihre Quellen sind versiegt; Jesus ist der Herr der Welt. Das Böse ist an der Wurzel besiegt worden durch die Erlösung, die er gewirkt hat. Die neue Welt hat schon begonnen.

Vor allem eines sieht ganz anders aus, wenn man es mit den Augen des Glaubens betrachtet: der Tod! Christus ist in den Tod eingedrungen wie in ein finsteres Gefängnis, aber er ist auf der anderen Seite wieder hinausgekommen. Er ist nicht dorthin zurückgekehrt, wo er vorher war, wie etwa Lazarus, der zum Leben zurückkehrte, um dann erneut zu sterben. Er hat eine neue Tür zum Leben geöffnet; eine Tür, die niemand jemals wieder schließen kann, und durch die wir alle ihm folgen können. Der Tod ist keine Wand mehr, an der alle menschlichen Hoffnungen zerschellen; er ist zur Brücke geworden, die uns mit der Ewigkeit verbindet. Eine „Seufzerbrücke“ vielleicht, denn niemand stirbt gerne; aber er ist und bleibt eine Brücke, kein Abgrund mehr, der alles verschlingt. „Stark wie der Tod ist die Liebe“, heißt es im Hohelied (Hld 8,6). In Christus ist sie sogar noch stärker als der Tod gewesen!

In seiner „Kirchengeschichte des englischen Volkes“ erzählt Beda Venerabilis, wie der christliche Glaube den Norden Englands erreichte. Als die römischen Missionare nach Northumberland kamen, berief der lokale König einen Rat all seiner Würdenträger ein, um festzulegen, ob man ihnen gestatten sollte, die neue Botschaft zu verbreiten. Einige der Anwesenden waren dafür, andere dagegen. Es war Winter, und draußen tobte ein Schneesturm, der Saal jedoch war warm und gut beleuchtet. Plötzlich kam durch ein Loch in der Wand ein Vogel herein, flatterte ängstlich durch den Saal und verschwand wieder durch ein anderes Loch an der gegenüberliegenden Wand.

Da stand einer der Anwesenden auf und sagte zum König: „Majestät, unser Leben in dieser Welt gleicht diesem Vogel. Wir kommen irgendwoher, genießen für kurze Zeit die Licht und die Wärme der Welt, und verschwinden dann wieder in der Finsternis, ohne zu wissen, wohin wir gehen. Wenn diese Männer in der Lage sind, uns etwas über das Geheimnis unseres Lebens zu sagen, müssen wir sie anhören“. Der christliche Glaube könnte in unseren Kontinent und in unsere säkularisierte Welt aus demselben Grund zurückkehren, der seinen ersten Erfolg ausmachte: Weil er der einzige ist, der eine sichere Antwort auf die großen Fragen nach dem Sinn des Lebens und des Todes geben kann.

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Das Kreuz trennt die Gläubigen von den Ungläubigen, denn für die einen ist es Ärgernis und Torheit, für die anderen Kraft Gottes und Weisheit Gottes (vgl. 1 Kor 1, 23-24); in einem tieferen Sinn jedoch vereint es alle Menschen, Gläubige wie Ungläubige. „Jesus musste für das Volk sterben […], aber er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln“ (vgl. Joh 11,51 ff.). Der neue Himmel und die neue Erde sind für alle, denn Christus ist für alle gestorben.

Die Aufgabe, die für uns daraus folgt, ist es, zu evangelisieren: „Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben“ (2 Kor 5,14). Sie drängt uns dazu, seine frohe Botschaft zu verkünden! Wir wollen der Welt verkünden: „Jetzt gibt es keine Verurteilung mehr für die, welche in Christus Jesus sind, denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm 8,1-2).

Es gibt eine Erzählung von Franz Kafka, die einer starken religiösen Parabel gleichkommt und fast prophetisch klingt, wenn man sie am Karfreitag hört. Diese Erzählung heißt: „Eine kaiserliche Botschaft“. Sie berichtet von einem Kaiser, der vom Sterbebett aus eine Botschaft an einen seiner Untertanen schicken lässt. Diese Botschaft ist so wichtig, dass der Kaiser sie sich vom Boten wiederholen lässt, um sicher zu sein, dass er sie auch richtig wiedergeben wird. Dann verabschiedet er den Boten, der sich auf den Weg macht. Aber lasst uns den Fortgang der Erzählung vom Autor selbst hören, in jenem so traumhaften, fast alptraumhaften Ton, der für diesen Schriftsteller typisch ist:

„Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend, schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müsste er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor — aber niemals, niemals kann es geschehen — liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. — Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt“.

Von seinem Sterbebett aus hat auch Christus seiner Kirche eine Botschaft anvertraut: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ (Mk 16,15). Es gibt auch heute noch so viele Menschen, die am Fenster sitzen und, ohne es zu wissen, von dieser Botschaft träumen. Johannes sagt, wir haben es eben erst gehört, dass der Soldat, der mit der Lanze in die Seite Jesu stieß, es tat, damit sich das Schriftwort erfülle: „Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben“ (vgl. Joh 19,37). In seiner Offenbarung fügt Johannes noch hinzu: „Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt haben; und alle Völker der Erde werden seinetwegen jammern und klagen“ (Offb. 1,7).

Diese prophetische Aussage kündet nicht das letzte Kommen Jesu an, wenn die Frist zur Bekehrung abgelaufen sein und die Zeit des Gerichts kommen wird. Sie beschreibt vielmehr die Evangelisierung der Völker. In ihr verwirklicht sich ein geheimnisvolles, aber reales Kommen des Herrn, der die Rettung bringt. Das Jammern und Klagen der Völker kommt nicht aus Verzweiflung, sondern aus Buße und Reue, denen der Trost folgt. Das ist der Sinn der prophetischen Schriftstelle, die Johannes mit der Durchbohrung der Seite Christi erfüllt sieht. Es handelt sich um Sacharja 12,10: „Doch über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems werde ich den Geist des Mitleids und des Gebets ausgießen. Und sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.“

Die Evangelisierung hat einen mystischen Ursprung; sie ist ein Geschenk, das vom Kreuz Christi kommt, von jener Seitenwunde, aus der Blut und Wasser flossen. Die Liebe Christi, genau wie die trinitäre Liebe, deren geschichtliche Konkretisierung Christus ist, neigt dazu, sich auszubreiten und alle Geschöpfe zu erreichen, ganz besonders die, die seiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen. Die christliche Evangelisierung ist keine Eroberung, keine Propaganda; sie ist das Geschenk Gottes an die Menschen in der Gestalt seines Sohnes Jesus Christus. Sie ist die Freude, die der Kopf empfindet, wenn er spürt, dass das Leben vom Herzen in alle Glieder fließt, bis auch die entferntesten Teile seines Leibes davon belebt werden.

Wir müssen unser Möglichstes tun, damit die Kirche immer weniger jenem komplizierten Palast ähnelt, den Kafka beschreibt, und ihre Botschaft frei und freudig aus ihr hinaus kommen kann, genau wie in ihrer Frühzeit. Wir kennen die Hindernisse, die den Boten aufhalten können: die Trennwände, angefangen bei denen, die die verschiedenen christlichen Kirchen voneinander trennen; dann ein Übermaß an Bürokratie, die Überbleibsel der Rituale, Gesetze und Streitigkeiten der Vergangenheit, die heute überholt sind.

Es ist wie mit manchen historischen Gebäuden. Im Laufe der Jahrhunderte hat man sie den Bedürfnissen des jeweiligen Augenblicks angepasst und mit Trennwänden, Treppen, Zimmern und Zimmerchen angefüllt. Es kommt der Augenblick, da man merkt, dass all diese Anpassungen nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprechen, im Gegenteil sogar ein Hindernis darstellen, und dann muss man den Mut besitzen, sie alle abzureißen und das Gebäude wieder in den einfachen und klaren Zustand zurückzuführen, den es gleich nach seiner Erbauung besaß. Das ist der Auftrag, den einst ein Mann erhielt, der vor dem Kreuz in San Damiano betete: „Franziskus, geh hin und stelle mein Haus wieder her.“

„Wer aber ist dazu fähig?“, fragte sich der Apostel angesichts der übermenschlichen Aufgabe, der „Wohlgeruch Christi“ zu sein; und seine Antwort ist bis heute gültig: „Wir sind dazu nicht von uns aus fähig, als ob wir uns selbst etwas zuschreiben könnten; unsere Befähigung stammt vielmehr von Gott. Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2 Kor 2, 16; 3, 5-6).

Möge der Heilige Geist in diesem Augenblick, da für die Kirche eine neue Zeit anbricht, voller Hoffnungen und Versprechen, in den Menschen die an ihren Fenstern sitzen die Erwartung der Botschaft wieder wecken, und in den Botschaftern den Willen, sie ihnen selbst unter Lebensgefahr zu bringen.

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Rorate Caeli sieht in der hervorgehobenen Passage von Pater Raniero die Aufforderung zu einer generellen Zertrümmerung der liturgischen und dogmatischen Überlieferung der Kirche. Messa in Latino stellt die Frage, was Pater Cantalamessa mit den „Trennwänden, die die verschiedenen christlichen Kirchen voneinander trennen“ genau meint, denn die eigentlichen Trennwände trennen die Orthodoxie von der Häresie. Die Kirche kann und soll „ihre Botschaft frei und freudig“ hinaustragen auch und gerade zu jenen, die sich auf häretische Weise von ihr losgesagt haben.

Meinte der päpstliche Hofprediger es wirklich so oder meinte er, die Kirche müsse über die Häresien der anderen hinwegsehen, sie für überholt erachten und damit selbst anerkennen?

Meinte der päpstliche Hofprediger mit den „Überbleibseln der Rituale“ noch vorhandene Formen des päpstlichen Zeremoniells oder meinte er, wie Rorate Caeli befürchtet, den Alten Ritus?

Warum diese kryptischen Anspielungen in einer außergewöhnlich langen, geradezu programmatisch anmutenden Predigt? Der ersten, die Pater Cantalamessa vor dem neuen Papst hielt.

Der Vatikanist Sandro Magister brachte wenige Stunden später, am Karsamstag, im Zusammenhang mit Pater Cantalamessa einen zusätzlichen, interessanten, aber keineswegs beruhigenden Aspekt in die Diskussion ein:

Joachim von Fiore Miniatur 14 Jahrhundert Biblioteca_Apostolica_Vaticana_RomVor rund 800 Jahren, auf den Tag genau, am 30. März 1202 starb Joachim von Fiore 2) Gioacchino da Fiore, geboren um 1130 in Celice (Kalabrien), gestorben 1202 im Kloster San Giovanni in Fiore von Pietrafitta (Kalabrien) der kalabresische Abt „mit prophetischem Geist ausgestattet“, den Dante Alighieri ins Paradies schrieb.

Und der tatsächlich ins Paradies einging, folgt man dem Kanonisierungsprozeß, den die Diözese Cosenza eingeleitet hat, in der das Kloster von San Giovanni in Fiore liegt.

Abgesehen von der Einleitung des Heiligsprechungsverfahrens, ist sein rundes Todesjahr durch eine Reihe von Tagungen geprägt, die hinter der Fassade der Gelehrsamkeit  lebenswichtige Fragen für die Gegenwart und die Zukunft der Kirche verbergen.

Sie tauchen zum Beispiel in den vom Kapuziner Raniero Cantalamessa, der offizieller Prediger des päpstlichen Hauses ist, vertretenen Thesen (2002) auf: „Die heilige Geschichte hat drei Phasen. In der ersten, dem Alten Testament, hat sich der Vater offenbart. In der zweiten Phase, dem Neuen Testament, hat sich Christus offenbart. Jetzt sind wir in der dritten Phase, in der der Heilige Geist in seinem ganzen Licht erstrahlt und die Erfahrung der Kirche beseelt.“

Genau das hatte Joachim prophezeit: das Kommen eines dritten und letzten Weltzeitalters, das des Heiligen Geistes. Mit einer neuen, völlig vergeistigten, toleranten, freien, ökumenischen Kirche. Die den Platz der alten, dogmatischen, hierarchischen, zu materiellen Kirche übernimmt.

Pater Cantalamessa steht der charismatischen Bewegung nahe und ist damit für diese Visionen aufgeschlossen. Der Einfluß von Joachim von Fiore auf das katholische Denken ist aber viel umfassender und tiefer…

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Tatsächlich zieht sich das Denken Joachims von Fiore über Thomas Müntzer, Gotthold Ephraim Lessing, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ernst Bloch und Raniero Cantalamessa bis in unsere Tage herauf.

Inwieweit steht auch Papst Franziskus solchen „spiritualistischen“ Ideen nahe? Pater Cantalamessa predigt seit mehr als 30 Jahren am Karfreitag und tat dies bereits unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Eine Frage ist daher auch, weshalb er dieser Predigt vor dem neuen Papst eine bestimmte Ausrichtung gab.
Als Jorge Mario Bergoglio in Buenos Aires Erzbischof war, nahm er dort an einem überkonfessionellen Kongreß von Charismatikern teil. Bei dieser Gelegenheit entstanden jene befremdlichen Bilder, die sowohl den dort anwesenden Pater Raniero Cantalamessa zeigen, wie er vor protestantischen Predigern am Boden kniet und sich von diesen segnen läßt, wie auch den damaligen Erzbischof Bergoglio in gleicher Haltung.

Bergoglio läßt sich von protestantischen Predigern und Cantalamessa segnenPapst Benedikt XVI. befaßte sich ausführlich mit Joachim von Fiore, angefangen 1959 in seiner Habilitationsschrift Die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura. Zeitgenossen Bonaventuras vertraten die These, mit dem heiligen Franz von Assisi habe das dritte Zeitalter des Geistes begonnen, von dem Joachim da Fiore geschrieben hatte. Tatsächlich hatte, wie Joseph Ratzinger herausarbeitete, für Joachim von Fiore das Geist-Zeitalter bereits mit dem heiligen Benedikt von Nursia begonnen. Joseph Ratzinger als Theologe, Kardinal und Papst war es dann auch, der das „spiritualistische“ Denken Joachims und dessen Schüler und Nachfolger entschieden bekämpfte und dem franziskanischen Ordensgeneral, dem heiligen Bonaventura vorwarf, nicht entschieden genug dagegen vorgegangen zu sein. Sollte dieses spekulativ-revolutionäre Denken ausgerechnet durch seinen Nachfolger in die Kirche zurückkehren?

Das Geist-Zeitalter, das sich Joachim von Fiore ausgedacht hatte, erscheint ebenso nebulös, wie die Datierungsversuche beliebig: Benedikt von Nursia lebte um das Jahr 500, Franz von Assisi um 1200, die franziskanische Richtung der Spiritualen, die der heilige Bonaventura bekämpfte, nannten das Jahr 1260 als Beginn des neuen Zeitalters, Pater Cantalamessa scheint der neo-joachimistischen Richtung anzugehören. Diese ist der Meinung, Joachims Geschichtsdeutung sei richtig, er habe sich lediglich um 700 Jahre in der Datierung geirrt. Das Geist-Zeitalter habe nämlich in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts begonnen und das Zweite Vatikanische Konzil sei Ausdruck dieses Beginns.

Cantalamesse läßt sich von protestantischem Prediger segnenDie Heilige Schrift weiß von einem solchen Zeitalter allerdings nichts zu berichten. Joachims Spekulationen gingen von einem  dritten und letzten Zeitalter des Heiligen Geistes aus, in dem sich alle Institutionen vom Staat bis zur Kirche in der vollkommenen Gesellschaft individueller, allein vom Geist bewegter Menschen auflösen oder besser gesagt, völlig vergeistigt in einer neuen, immateriellen Form existieren. Der Mensch habe dann durch den Geist direkte Verbindung zu Gott und werde von diesem gelenkt.

Bereits der heilige Bonaventura, wie Joseph Ratzinger aufzeigte, erkannte die Gefährlichkeit dieses Schwärmertums, das durch „Vervollkommnung“ des Menschen, das Paradies auf Erden vorwegnehmen will. Durch die in Joachim von Fiores Idee vertretene, radikale Vergeistigung, wurde er zu einem wichtigen Quell aller weltbezogenen revolutionären Strömungen und Ideologen der Weltverbesserer. Denn der Idee liegt der Drang zugrunde, die Natur einer gefallenen Schöpfung nicht anerkennen, ja überwinden zu wollen. In der Überwindung derselben steckt, so Joseph Ratzinger, derselbe revolutionäre Geist.

Das IV. Laterankonzil verurteilt 1215 einige Trinitäts-Thesen Joachims und erklärte sie für häretisch. Papst Honorius III. rehabilitierte den kalabresischen Ordensgründer kurze Zeit darauf zwar als „katholischen Menschen“, ohne jedoch dessen Geist-Thesen anzuerkennen. 2001 leitete die Erzdiözese Cosenza anläßlich des 800. Todesjahres ein Heiligsprechungsverfahren ein. Ihn deshalb in den Himmel zu schreiben, wie es bereits Dante tat, der von der Idee Joachims ebenso angezogen schien, wie viele andere seither, erscheint noch verfrüht. Das Verfahren ist noch anhängig.

Vincent Twomey SVD schrieb: „Nach Ratzinger scheiterte Bonaventura mit seiner Kritik; sie war nicht radikal genug. Aber was für Ratzingers künftige Beschäftigung mit politischem Denken von Bedeutung ist: Seine Sensitivität für die philosophischen und theologischen Fragenkreise, die dem heutigen politischen Leben zugrunde liegen, verdankt ihre Feinabstimmung seiner Studie zu Bonaventura. Das wird besonders deutlich in seiner späteren Behandlung der radikalen Formen der Theologie der Befreiung, die auf einem marxistischen Geschichtsbegriff gründen, dessen tiefste Wurzeln in den Spekulationen Joachims von Fiore liegen.“ 3)Vincent Twomey SVD: Benedikt XVI. Das Gewissen unserer Zeit. Ein theologisches Portrait

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Aveta/Wikicommons

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Referenzen   [ + ]

1. Osterpredigt des Jahres 387 (SCh 36, S. 59 ff.)
2. Gioacchino da Fiore, geboren um 1130 in Celice (Kalabrien), gestorben 1202 im Kloster San Giovanni in Fiore von Pietrafitta (Kalabrien)
3. Vincent Twomey SVD: Benedikt XVI. Das Gewissen unserer Zeit. Ein theologisches Portrait
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Wickerl

Wie gesagt Cantalamesse ist “ Hofprediger“ seit 1980, und sie hängen alle am Konzilsdokument “ Ökumene “ und “ Religionsfreiheit“ , letzeres verkündet uns den Götzendienst.
Das Gepiepse vom Konzilstheologen Ratzinger hat nicht weitergeholfen, Korrekturen unterblieben , und der neue Papst geht auch diesen Weg, er ist dabei aber wenigstens aufrichtig.

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