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Jungfräulichkeit in der Geburt – Zum Konflikt zwischen der FSSPX und Erzbischof Müller

von Klaus Obenauer

„Steck dein Schwert in die Scheide. Alle nämlich, die das Schwert genommen haben, werden durch das Schwert zugrunde gehen.“ (Mt. 26,52)

Nur weil ich von verschiedener Seite darum gebeten worden bin, nehme ich Stellung zur Kontroverse zwischen Erzbischof Müller, dem neu ernannten Prä­fekten der Glaubenskongregation, und der Piusbruderschaft, was das Thema der Jungfräulichkeit Mariens in der Geburt („virginitas in partu“) angeht. Entspre­chend wähle ich das obige Herrenwort zu meiner Losung und nicht als Mahn­spruch, der an andere gerichtet sein soll.

Ich bitte daher vorab um Nachsicht für meine Zurückhaltung, die den einen oder die andere irritieren mag.

1. Der Sachstand und die historischen Hintergründe

Schon die Piusbruderschaft hat klargestellt, daß sie Erzbischof Müller nicht sel­ber einen Häretiker nennt, sondern das, was er in seinem Dogmatik-Handbuch in Sa­­chen „virgintas in partu“ vorträgt, eine Häresie. Ich sage ganz klar: Erzbischof Müller ist nach dem, was sich uns in seinen Äußerungen und Haltungen offen­bart, ganz sicher kein Häretiker. Denn: Das eindeutige Bekenntnis zur Glau­bens­re­gel in deren formaler Verbindlichkeit ist demnach unzweideutig vorhanden, eben­so der entschiedene Wille, ihr zu entsprechen. Das Problem ist im Gefälle von Dogma und Hermeneutik des Dogmas angesiedelt. Das Dogma selber ist nicht die Streitfrage, sondern eben die Hermeneutik desselben.

Selbstredend kann eine Hermeneutik des Dogmas derart willkürlich ver­fäl­schend sein, daß die Bekundung, der Glaubensregel unbedingt treu bleiben zu wol­len, zum schieren Lippenbekenntnis degeneriert. Und tatsächlich – und hier wird´s dann spannend – ist die Zensur der Piusbruderschaft, wonach die in­kri­mi­nier­ten Ausführungen im Dogmatikhandbuch zur virginitas in partu häretisch sind, ausweislich vieler unverdächtiger traditioneller Dogmatikmanualien, ja der Standardsentenz über die Jahrhunderte hindurch legitim. Allein: Diese Legi­ti­mität ist nicht mehr unstrittig. Und sehr vieles spricht dafür (siehe unten!), daß dies leider nur de facto so ist. Nichtsdestotrotz muß man von dieser Strittigkeit auf jeden Fall sagen, daß sie ein Ausmaß hat, das bedingt, daß die formale Or­tho­­doxie Müllers und aller, die ihm folgen, nicht suspekt wird.

Weder will ich mich mit diesen Ausführungen vor der Eindeutigkeit drücken, noch will ich, aus welchen Gründen auch immer, Erzbischof Müller „her­aus­pauken“. Der Hintergrund ist nur dies: In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in Innsbruck durch den einschlägigen Beitrag Albert Mitterers SJ eine (erneute) Diskussion um die virginitas in partu initiiert. In Frage stand – jedenfalls der Absicht nach – nicht das Dogma, sondern die genaue Abgrenzung seines Inhalts; ob zur wahren Jungfräulichkeit Mariens auch „in der Geburt“ just jene kor­po­ra­len Sachverhalte (anatomischer und physiologischer Art) gehören, die „kon­ven­tio­nell“ darunter subsumiert wer­den: Schmerzfreiheit, keine Öffnung der Ge­burts­wege (insonderheit in bezug auf das Hymen), (u.U.) Ausbleiben der Nach­ge­burt; ob mit anderen Worten der volle Sinngehalt des Dogmas ohne diese „Ano­malien“ (selbstverständlich im neutralen Sinne zu nehmen!) zu wahren sei. Do­kumen­tiert ist diese Diskussion unter anderem in dem bekannten Aufsatz „Vir­ginitas in partu“ Karl Rahners (abgedruckt in: Sämtliche Werke 9, 653-678), auf den ja auch Müller Bezug nimmt. Während nun Mitterer die The­se vertrat, gerade um der wahren Mutterschaft Mariens willen müßten besagte Ano­malien von der Bestimmung der Jungfräulichkeit in der Ge­burt ausgeschlos­sen werden (auf daß „Jungfräulichkeit in der Geburt“ nichts anderes besagt als die Geburt in bezug auf die jungfräuliche Empfängnis), be­schränkt sich Rahner im besagten Aufsatz darauf, den (freilich seines Erachtens) sicheren Gehalt des Dogmas ohne Rekurs auf diese Anomalien zu benennen, ohne sich in der Sache selbst dagegen ausspre­chen zu wollen; wobei es ihm, im Unterschied zu Mit­te­rer, obendrein um einen eigenständigen Sinngehalt der virginitas in partu zu tun ist, der nicht auf den Bezug zur jungfräulichen Empfängnis zu reduzieren ist. Was nun Rahner dazu aus­führt, ist das, was in etwas vereinfachter, weniger nuan­cierter Weise bei Müller zu lesen ist; nämlich in seiner Katholischen Dog­matik (Sonderauflage 2010, 497-499). – Allerdings: Im Unterschied zu Rahner im besagten Aufsatz scheint sich Müller (hier eher wie Mitterer) auf den Aus­schluß dieser „Anomalien“, also der be­sag­ten anatomisch-physiologischen In­haltsbestimmungen, festzulegen: Der Wort­laut auf Seite 498 seiner Dogmatik (mit eben den Sätzen, an denen die Piusbru­derschaft Anstoß nimmt) scheint je­denfalls besagte Inhaltsbestimmungen einer „gno­stisch-dualistischen Mißdeu­tung“ zuzu­wei­sen. Damit geht er über Rahner hin­aus. Und damit wird er freilich auch objektiv angreifbarer.

Nun gelten, mit Blick auf die „traditionalistischen“ Theologen, Rahner und wohl auch Mitterer kaum als unverdächtige Garanten einer dem Dogma treuen theo­logischen Diskussion. Allein: Wie Rahner im besagten Aufsatz referiert (loc.cit., 653-656): Mitterers These fand nicht nur Gegner, sondern auch Re­zi­pien­ten, wennauch vorsichtige Rezipienten. Und unter anderem erwähnt Rahner den wohl als unverdächtig geltenden Ludwig Ott. Ich beziehe mich hier auf die elfte und letzte Auflage seines berühmten Grundrisses der Dogmatik (Bonn 2005). Auf Seite 300sq. lesen wir dort: „Die nähere Bestimmung, worin die jung­fräuli­che Unversehrtheit in der Geburt nach der physiologischen Seite be­steht, gehört nicht zum Glauben der Kirche … Die theologische Erklärung bringt die körper­liche Unversehrtheit bei der Geburt in Zusammenhang mit der Frei­heit von der ungeordneten Begierlichkeit. Diese hatte eine einzigartige Herr­schaft der geisti­gen Kräfte über die körperlichen Organe und Vorgänge zur Fol­ge. Daraus ergibt sich, daß sich Maria bei der Geburt Jesu vollkommen aktiv ver­hielt, wie es auch die heilige Schrift andeutet (Lk 2,7) … Die körperliche Un­ver­sehrtheit ist das materielle Element der Jungfräulichkeit in der Geburt, wäh­rend das Fehlen se­xueller Affekte das formelle Element ist.“ – Ähnlich äußerte sich Alois Müller im Lexikon für Theologie und Kirche (2. Auflage 1962, Band 7, 30).

Ich muß erneut um Nachsicht bitten: Was ich hier vorlege, ist kein wissen­schaftlicher Fachaufsatz. Dazu müßte sorgfältigere Recherchearbeit geleistet werden. Aber die soeben angedeuteten Umstände scheinen mir doch folgenden Schluß zu er­lauben: Müllers Ausführungen stehen in einer recht breiten Strö­mung der Gegenwartstheologie, deren Erstreckung bis hin zu eindeutig unver­dächtigen Per­sonen reicht. Allerdings kam es 1960 zu einem Monitum des Hei­ligen Offiziums, in der Diskussion um die virginitas in partu nicht Wege zu be­schreiten, die klar der überlieferten Lehre der Kirche oder dem frommen Emp­finden der Gläubigen entgegengesetzt sind. (Diese Information verdanke ich der Lektüre von „Straight answers“ von William Sanders: unter www.ewtn.de; unter AAS konnte ich dieses Monitum leider nicht verifizieren.) Jedoch beläßt es diese Sentenz bei der Ambiguität: Die Warnung als solche spricht zwar sehr zu­gunsten des „konventionellen“ Verständnisses, der Ver­zicht jedoch, den kon­kreten Inhalt durch eindeutige Zurückweisung entspre­chender Sentenzen zu schützen, läßt dem neuen Weg Mitterer – Rahner (- Ott) hinreichend Spielraum. Von daher kann aus diesem Monitum selber „unter´m Strich“ nichts gefolgert werden. Und so hat sich faktisch erst einmal ein Kurs der stillschweigenden Duldung durchgesetzt. – Und was den deut­schen Sprach­raum angeht: Wo man sich gegenwärtig überhaupt noch af­fir­ma­tiv auf den kirchlichen Glauben in Sa­chen „Jungfräulichkeit Mariens“ einläßt (statt dieses Thema einfach zu umge­hen), geschieht dies weitestgehend auf der Linie Mitte­rer – Rahner. Von daher kann man zu kaum einem anderen Urteil kom­men, als daß Erzbischof Müller salviert ist; und zwar in einem Ausmaß, das über persön­liche bona fides, die man ihm noch zugestehen mag, weit hinaus­geht. Ich denke, diese Fakten muß man einfach so hinnehmen.

2. Zur Verbindlichkeit des traditionellen Verständnisses

Der aufmerksam Lesende merkt es an meinen Nuancierungen: Es bleibt die un­erledigte Frage, ob diese (dogmengeschichtlich gesehen) jüngste Strömung in der Bestimmung der inhaltlichen Tragweite der virginitas in partu, wie sie sich sehr weitgehend durchgesetzt hat, wirklich legitim ist. Dies, obgleich sie sich im Windschatten lehramtlicher Zurückhaltung bewegt, die nämlich für sich nicht viel besagt, eher einer Verlegenheit Ausdruck gibt. Man kann eben auch an ein zeitgeschichtlich be­ding­tes dogmenhermeneutisches Gastspiel den­ken, das sich, bei Licht betrachtet, nicht halten läßt, auf daß es regelrecht vom Spielplan zu nehmen ist. Dem­nach ist der Ausschluß der „konventionell“ ge­lehrten kon­kreten (oben auf­ge­zähl­ten) korporalen Umstände aus dem Gehalt der de fide (= als zum Glauben ge­hörig) zu haltenden virginitas in partu in Wahrheit illegitim; mithin auch der Streit um die Qualifizierung „de fide“ in bezug auf diese Sach­verhalte. Dies frei­lich so, daß dem einzelnen daraus kein Vorwurf zu machen ist, wenn er sich die­se inzwischen faktisch weithin etab­lierte und gedul­dete Herme­neutik zu eigen macht.

Es wäre anmaßend von mir zu beanspru­chen, ich könnte hier mit mei­nen knap­pen Bemerkungen gegen Rahners Argu­mentation zuungunsten eben dieser Qua­lifika­tion Rahner adäquat entgegnen, eine Argumentation, die selbiger auf weni­gen Seiten in dennoch dog­men­geschicht­lich stupender Belesenheit und dogmen­her­meneutischer Di­stinguiert­heit im oben erwähnten Aufsatz ausbreitet. Den­noch wage ich, „non sine ulla formidine alterius“ (nicht ganz ohne die Be­fürch­tung, ich könnte Unrecht haben), die These, daß dieser jüngere dog­men­her­me­neutische Weg, der sich (allen voran) mit den Namen Mitterer und Rahner ver­bindet, schlicht illegitim ist, besagte Höchstqualifikation („de fide di­vi­na et catholica“) also zutrifft: also nicht nur auf die virginitas in partu, son­dern auch auf das besagte ganz konkrete korporale Verständnis derselben; wenn es über­haupt einen Sinn macht, diesbe­züglich zu unterscheiden. Und da­von ab­ge­se­hen: Mir stellt sich die Option für die „konventionelle“ inhaltliche Ausdeutung als die „sententia incomparabiliter pro­balior“ („die ungleich pro­bablere Sentenz“) dar.

Eine patristische Dokumentation kann ich hier nicht leisten. Ich beschränke mich von daher auf den schlichten Sachverhalt, daß mit Blick auf die Westkir­che, die mit dem großen Schisma von 1054 zur Alleinerbin der Katholizität ge­worden ist, das patristische Erbe ganz eindeutig und (zumindest nahezu) ex­klu­siv rezipiert worden ist im Sinne der konkret korporal verstandenen virginitas in partu, also im Sinne besagter „Anomalien“. Nur um der Illustration willen wäh­le ich dazu drei Beispiele: Ich setze ein mit dem heiligen Thomas, dem Theolo­genfürsten. In der Summe behandelt er die virginitas in partu unter III, 28,2. Sein Stichwort ist die „in-/corruptio“, die „Un-/Zerstörtheit“ oder „Un-/Ver­letzt­heit“. Und dabei faßt er die Verhältnisse bei Empfängnis und Geburt strikt paral­lel: wie ohne solche „Korruption“ des Mutterschoßes empfangen, so ohne solche „Korruption“ desselben geboren. Von daher ist es schon vom ersten An­satz her aus­geschlossen, die jungfräuliche Geburt nach ihrer konkreten Kor­po­ra­li­tät min­der anzusetzen als die jungfräuliche Empfängnis. Schließlich lassen die Gegen­argumente 2 und 3 sowie deren Lösung nicht mehr den geringsten Zweifel: Der zweite Gegeneinwand nimmt die moderne Anfrage vorweg, ob der Hervortritt „durch Verschlossenes“ („per clausa“) nicht doch eine phantastische, statt eine wahre Geburt (an der ja festzuhalten ist!) dokumentiere. Thomas antwortet la­konisch: Die Manifestation der Wahrheit Christi als des Gott-Menschen ver­lange einerseits die wahre Geburt aus einer Frau (mit Blick auf den wahren Leib), an­dererseits die Geburt aus der Jungfrau auch in der Geburt (mit Blick auf die Gottheit). Der dritte Einwand behauptet, durch Verschlossenes zu gehen, sei Implikat des verklärten Leibes (was Christus bei seiner Geburt aber nicht zu­kam). In seiner Lösung lehnt Thomas den Antwortvorschlag, Christus habe vorübergehend die Verklärungsgabe der Feinheit („dos subtilitatis“), die den korporalen Widerstand ausschließt, angenommen, ab, um auf ein eigenes Wun­der „durch göttliche Kraft“ zu verweisen. Thomas sagt also nicht, es werde eine falsche Antwort auf eine falsche Frage gegeben, sondern eine falsche auf die richtige, nämlich unter der klaren Voraussetzung, daß der Leib des Gottessohnes durch den verschlossenen Schoß der Jungfrau hervorgetreten ist. – Francisco Suárez legt in der Disputation V,2 des zweiten Teils seines Inkarnationstraktats (Opera omnia 19, Paris 1866, 83-88) eine recht detaillierte Erörterung der virginitas in partu vor, die nochmals auf ihre Weise dokumentiert, wie ernst man die be­sagten Anomalien nahm. – Als Vertreter schließlich der Neuschola­stik wähle ich mir den von mir sehr geschätzten Louis Billot aus. Er behandelt das Dogma von der Jung­fräu­lichkeit Mariens kurz und knapp in der 41. These von „De Verbo incarnato“ (Aus­gabe Rom 1895, 358-361). Gerade aus der Feder dieses sehr scharfsinnigen und klarsichtigen Denkers besticht die lakonische Kürze folgen­der Sätze (in deutscher Übersetzung): „Und Jungfrau war sie so­wohl vor als auch nach der Ge­burt, da von einem Manne nicht erkannt; Jungfrau auch in der Geburt, da der Leib Christi, der zu den Jüngern bei verschlossenen Türen eintrat, mit derselben Macht aus dem verschlossenen Mutterschoß hinausgehen konnte.“ (Billot über­nimmt hier bis in den Wortlaut die knappe Darlegung aus dem Com­pen­dium theo­logiae des hl. Thomas im 225. Kapitel. Und wohlgemerkt: „mit der­selben Macht“ heißt nicht, Thomas und Billot woll­ten sagen, Christus habe bei der Ge­burt die Gabe der Feinheit gehabt.) Also kurz und bündig: Zwischen „Jungfrau in der Geburt“ und „aus dem verschlossenen Mutterschoß“ steht das Gleich­heits­zeichen.

Angesichts dieser überevidenten Tatsache, wonach das Dogma von der virgi­ni­tas in partu eben im Sinne der Anomalien durch die Jahrhunderte tradiert wurde, stellt sich mit Blick auf Rahners zweifelsohne höchst gelehrt und subtil ange­legte Erwägungen zur Dogmenhermeneutik die Frage, ob man sich in jenem ma­riologischen Diskurs, wie er in den fünziger Jahren anhob, nicht doch schlicht auf die – vergebliche – Kunst verlegte, die Geltung des Offenkundigen zu para­lysieren. Es scheint mir noch untertrieben, daß Rahners Behauptung, das besagte konkrete Verständnis der virginitas in partu impliziere noch nicht, daß diese konkret inhaltlichen Füllungen ihrerseits ebenso konsensuell als Gegen­stand des Glaubens gelehrt bzw. festgehalten worden wären (659-661), sehr bemüht wirkt. Es gibt einfach keinen Anhalt dafür, daß diese Unterscheidung hier pragmatisch Sinn macht: Man hat sich zur virginitas in partu bekannt, und es war klar, daß damit jener Umstand gemeint ist, wonach Maria das Jesuskind ohne die üblichen Ver­let­zungserscheinungen und Versehrungen zur Welt gebracht hat; so wie sie sich eben anatomisch und physiologisch darstellen.

Auch was Rahners Bemerkungen zu den einzelnen lehramtlichen Vorgaben (656-658) angeht, legt sich im nachhinein eher der Eindruck nahe, hier werde eine Strategie der Para­ly­sie­rung aus erkenntnisleitendem Interesse heraus ver­folgt. Dies betrifft unter anderem die Lateransynode von 649, die gegen die Mo­notheleten unter Bestätigung der Lehrposition des Maximus Confessor abgehal­ten wurde. Daß die im dritten Kanon (DS 503) gelehrte „Inkorruptibilität“ der Gottesmutter in der Geburt ihrem Gehalt nach nicht festgelegt werde, scheint mir argumentativ nicht durchschlägig für Rahners These: Die lehramtliche Aus­sage ist nach sehr pro­babler Auslegungsregel „simpliciter“ („einfachhin“) zu nehmen, und das be­deutet: „unter Beibehaltung der vollen korporalen Integri­tät“. In diesem schlich­ten Sinne ist dann auch die „Unaufgelöstheit“ bzw. „Un­auflöslichkeit“ („in­dis­so­­lubiliter permanente virginitate“) der Jungfräulichkeit nach der Geburt zu neh­men. Rahners Zugeständnis (658), die Rede des Papstes auf demselben Konzil do­kumentiere, daß Martin I. diese Unversehrtheit eben im Sinne besagter Ano­malien verstanden habe, legt entsprechend eine Unterschei­dung von ver­pflich­tend gemachtem Inhalt und dessen konkreter Füllung zu­grunde, die an sich sinnvoll sein mag, für den vorliegenden Fall jedoch nicht nachvollziehbar ist. Diese „Füllung“ war allem Anschein nach genau das, was mit „Unversehrtheit“ gemeint war. Der Verdacht des Versuches einer „discretio indiscernibilium“ (auf gut deutsch: Haarspalterei) legt sich hier mehr als nahe. – Und was die for­male Ver­bind­lichkeit dieser Lateransynode angeht (657sq.): Sie und nicht das sechste Öku­me­ni­sche Konzil war der entscheidende Durchbruch des dyotheletischen Be­kennt­nis­ses, wonach die eine Person Christi gemäß ihrer zwei Naturen auch zwei Willen hat, den gött­li­chen und den menschlichen. Da­mit ist sie als Mark­stein der Lehrentfaltung von kaum zu relativierender Bedeu­tung: Auf dieser Syn­ode hatte sich der Römische Stuhl festgelegt, so daß ein gegenteiliger Ent­scheid auf Konstantinopel niemals die römische Zustimmung gefunden hätte! Der Hinweis darauf (sozusagen als letzter Fluchtweg), diese Synode sei nicht ökumenisch (sprich: kein gesamtkirchliches Konzil) gewesen, ist von daher mehr als dürftig.

Mithin: Ohne fundierteren Urteilen aufgrund eingehender Untersuchungen vor­greifen zu wollen: Es legt sich der Verdacht nahe, daß bei jenem Paradigmen­wechsel ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts in der Inhaltsbestimmung des Dogmas von der virginitas in partu, der sich allen voran mit den Namen Mit­te­rers und Rahners verbindet, ein bestimmtes geistiges Klima Pate gestanden hat­te. Demnach ging der sicher ehrliche Wille, das Dogma zu wahren, einher mit dem Bedürfnis, „Entlastungen“ zu schaffen von dogmatischen Zumutungen, in denen der Fortschrittsoptimismus in voller Fahrt nur Entlegenheiten erblicken konnte; ein Fortschrittsoptimismus, der sich schwer tut mit der Durchbrechung weltimmanenter Gesetzmäßigkeiten. Etwa im Sinne von: „Kann denn Maria nicht ganz normal geboren haben wie alle anderen Frauen auch? Soll denn wirk­lich am weiblichen Hymen das katholische Dogma hängen?“ Entsprechend sucht man nach den „tieferen“ und „eigentlichen“ Sinngehalten, welche die Pein­­lichkeit ver­meint­lich vordergründiger Konkretheiten ersparen, um dennoch das Dogma wahren zu können, wo man doch jetzt erst zu seinem wahren Sinn vor­dringe beziehungsweise letzteren aus seinem Schlummer heraus „reflex“ wer­­den lasse. In diesem Sinne gab man sich bei Rahner und anderen der Illusion hin, daß sozusagen jetzt erst (nach Heidegger etc.) das katholische Dogma „we­sent­­­lich“ würde. Daß man sich dabei der Gefahr aussetzte, das Offenkundige mit Hilfe un­haltbarer Haarspaltereien und Sophismen für unklar zu erklären, übersah man im Sog der eigenen Entdeckerfreude.

Je mehr diese Beobachtungen und dieses Urteil zutreffen, desto mehr heben sie die Hermeneutik des Dogmas von der virginitas in partu auf der Linie von Mit­te­rer, Rahner etc., was deren Legitimität angeht, aus den Angeln. Desto mehr muß jenem Verständnis des Dogmas, wonach die besagten anatomisch-physio­lo­gi­schen „Anomalien“ ihrerseits zum Glauben gehören (also „de fide“ sind), zu­ge­standen werden, de jure unstrittig zu sein.

3. Zum verstehenden Nachvollzug der virginitas in partu

Ich möchte nun meine Stellungnahme nicht der Öffentlichkeit übergeben ohne ein paar Hinweise zur Sinngebung und zum nachvollziehbaren Verständnis des Dogmas. Die Argumentation des heiligen Thomas zur Erhellung der Kon­ve­nienz des Sachverhaltes der virginitas in partu (im konkret-korporalen Sinne) mir ad hoc adaptiv aneignend, möchte ich sagen: Wenn Gott der Sohn, Heil und Er­lösung bringend, Mensch wird = Gott sein inneres Wort, seinen Logos hei­lend-rettend in die Welt hinein aus-sagt, verletzt er nicht. Entsprechend kommt der Logos Gottes sowohl beim Eintritt in den Schoß der Mutter (bei der Emp­fäng­nis) als auch beim Hervortritt aus diesem Schoß zur Welt ohne jene körper­liche Versehrung und Beeinträchtigung, unter deren Vorzeichen die gewöhnli­che mensch­liche Fortpflanzung (bis hin zur Geburt) nun einmal steht; dahin­ge­hend, daß diese Versehrungen und Beeinträchtigungen infolge des Sündenfalls bestehen oder doch wenigstens das Vorzeichen des De­fektiven an sich tragen beziehungsweise auf­grund dieser Defektivität erst solche sind. (Damit will ich nicht das Geringste gegen die Sexua­lität und deren Vollzug als Gottes gute Schöpfungsgabe gesagt haben; wie keineswegs ge­gen die unbe­fangene Freude im geordneten Gebrauch dieses Gu­tes. Aber ungeachtet dessen steht die sexuelle Fortpflanzung nach dem Sünden­fall unter einem sie ambiva­lent machenden Vorzeichen, das dem mensch­lichen Umgang mit ihr noch vor­ausliegt.) Und des­halb: Einmal, als nämlich das Heil der Welt selber in die Welt als einer von uns eintrat, durfte es nicht „ganz nor­mal“ zugehen. Vielmehr in einer Weise, welche den alten Äon überwindet, den alten Äon, für den in seiner Hin­fälligkeit kaum etwas so „sym-bolisch“ ist wie die konkrete Weise der Fort­pflan­zung mit ihren psychophysi­schen Versehrungs­erscheinungen. Damals, als das neue Gesetz be­gründet wurde, derer, „die nicht aus dem Blut und nicht aus dem Willen des Fleisches und nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,13). Nur die meta­physischen Neider, die alles auf das „Gemeine“ rück­buchstabieren wollen, kön­nen wollen, daß immer nur alles „ganz normal“ zu­geht. Ich gestehe, daß es mich rührt, wenn ich öfters um die Weihnachtszeit in Rom auf dem Petersplatz die gro­ße Krippe sehe, wo uns die allerseligste Jung­frau das weiße Laken ent­ge­gen­hält, in ihrer eigenen seligen Er­griffen­heit davon, daß sie soeben das Licht der Welt ge­bo­ren hat, als wahren Menschen, ohne daß es darin im geringsten ver­letzt hätte. – Damit kein Mißver­ständnis aufkommt: Natürlich nimmt das fleischgewordene Wort, nimmt Chri­stus in An­spruch, so in An­spruch, daß dies, in seiner Nachfolge, gerade nicht Leid und Tod ausschließt. Und konkret gilt dies auch für die Jungfrau Maria. (cf. Lukas 2,35) Aber diese Inanspruchnahme, die Leid oder gar Tod einschließt, und zwar als von dritten Faktoren beigefügte (!), ist etwas anderes, als daß der göttliche Lo­gos selber bei seinem erlösenden Eintritt in die Welt verletzt.

Wie soll so etwas vor sich gehen? Eine wahre, von Seiten der Mutter natürliche Geburt, aber auf nicht normale Weise (ohne das Eröffnen des Geburtska­nals, die Verletzung des Hymen, ja ohne die Nachgeburt)? (Die Schmerzfreiheit ist selbst kein Problem.) Weithin verordnen sich die Autoren dazu Diskretion. Aber wenn ein Glaubenssatz beziehungsweise jene konkrete Bestimmung desselben, mit der er de jure steht und fällt, in seiner Ak­zep­tanz solchen Anfechtungen ausgesetzt ist, die wohl mit zu seiner herme­neu­tischen Ausdünnung geführt haben, dann muß vielleicht das diskrete Schwei­gen einmal gebrochen werden. Mit folgen­dem will ich daher auch nicht dem Vor­witz huldigen, sondern durch den Hin­weis auf traditionelle Theoreme und die Einflechtung eigener Überlegungen in etwa das versuchen, was die angel­säch­si­schen Religionsphilosophen „to give a model of“ nennen: Man präsentiert ein Modell für die Weise, wie sich ein be­stimmter Sachverhalt realisiert, um durch diesen Aufweis der Andenkbarkeit zu belegen, daß hier nichts Unsinniges ge­dacht, an­genommen etc wird. Es wird also nicht gesagt, wie es wirklich ist oder war, sondern wie es andenkbar ist, um in seinem wirklichen Sein oder Ge­we­sen­sein annehmbar zu erscheinen. – Im einzelnen: Folge ich der instruktiven Dar­stel­lung bei Suárez (am besagten Ort), dann kommt entweder (wie von Duran­dus gelehrt, jedoch mehrheitlich abge­lehnt) eine wunderbare Weitung der Ge­burtswege (ohne Ruptur, eben auch des Hymens) in Frage oder eine wunder­bare Anpassung des Körpers des Jesuskin­des oder schließlich eine Ausweitung des Geburtsweges über die Vagina hinaus, derart, daß die Körperteile der Jungfrau Maria (einschließlich des Hymens) ohne deren Verletzung durch­schritten wer­den, also unter der wunderbarer Simultani­tät zweier Körper am sel­ben Ort. Letzteres scheint mir von den „angebotenen“ klassischen Verstehensversuchen der sinnvollste. Die Wahrheit der Geburt aus der Jungfrau Maria und so deren wahre Gottes-Mutterschaft ist hierbei dadurch salviert, daß zum Be­griff solcher Geburt nur die Entlassung des ausgewachsenen Fötus in die jetzt auch physiolo­gische Selbständigkeit gehört. Und dabei ist es eine wahre naturale Geburt von Seiten der Mutter, während es Gottes Macht ist, die den wunderba­ren Austritt ohne Ver­sehrung ermöglicht. Meinerseits hege ich die Erwägung, daß die aus­bleibende Eröffnung der Geburtswege („apertio meatuum“: cf. STh III, 35,6 bei Thomas) im Sinne der irgendwie gewaltsamen Einwirkung zu neh­men ist, die sich dar­stellt als irgendwie verletzende Repres­sion des Umliegen­den in Gestalt von Auseinander-„Pressung“ und Zerdehnung; zumal Kardinal Cajetan im Kommentar zur (soeben erwähnten) Stelle (gemäß einer anderen Les­art) von der „Ge­walt der Eröffnung der Wege“ („apertionis meatuum violentia“) spricht. Demnach wäre irgendeine exakt angepaßte „Wei­tung“ des Ge­burtskanals, aller­dings nicht gewaltsa­mer Art („dilatatio mere adaptiva, sed in-violativa“), anzu­nehmen; und so erblickte der Körper des Jesus­kindes (zu­gunsten der Wahrheit natürlicher Geburt von Seiten der Mutter) auf just demsel­ben Wege wie wir das Licht der Welt, ohne sich seinerseitigen (nicht unproble­matischen) Anpassungen unterziehen zu müssen. Ich stelle dies nur zur Disposi­tion, da ich mir nicht ganz sicher darüber bin, ob ich damit meinerseits dem Vollbe­stand dessen gerecht werde, was nach der jahrhundertelangen Tradi­tion zu wah­ren ist. Einigermaßen zuversichtlich macht mich hierbei, daß so ei­ner „dilatatio in­viola­ti­va“ das ent­schei­dende Mo­ment der Korruption abgeht, das allein den Ver­lust der korpora­len Jung­fräulichkeit ausmacht bzw. mit die­sem Verlust in sinn­vol­len Zusam­men­hang zu bringen ist. In bezug auf das Hymen denke ich mir im Rahmen die­ses Vorschlags sowohl eine wundersame Weitung, die mit besagter „dilatatio mere adaptiva“ des Geburtskanals untrennbar einher­geht, als auch vor al­lem eine wunderhafte lokale Simultanität mit dem Körper des geboren werdenden Gottessoh­nes: Ersteres verhindert die Ruptur, letzteres die Perforation. – Zur näheren, an­satzweise Plausibilisierung des solchermaßen für sich allein Phanta­stisch Er­scheinenden gehe ich von folgender Erwägung aus, um damit erst zum Kern meines „to give a model of“ zu kommen: Nahezu alle diese Versuche, sich den Sachverhalt ver­ständlich zu machen, haben zum Angelpunkt die Aufhebung der Widerständigkeit des Körperhaften. (Vgl. schon Suárez, ibd. n.13; loc. cit., 87) Diese Widerständigkeit bedingt nämlich sowohl, daß natürlicherweise ein größerer Körper sich nicht auf sich hin zurück­ziehen kann zugunsten der Anwe­senheit am kleineren Ort, als auch, daß zwei Körper nicht ortssimultan sein kön­nen; als auch, daß eine Ausweitung ab einem be­stimmten Grad eine Ruptur mit sich bringt. Schließlich, was meinen eigenen Vorschlag angeht, bedingt diese Widerständigkeit, daß bewegungshaftes Ein­wirken eines anderen Körpers jene Repression des Umliegenden besagt, die sich bei entsprechender Nichtelastizität (wie beim Ge­burts­kanal im Unterschied zur Gebärmutter der Fall) als (irgend­wie verletzende) Aus­ein­ander-„Pressung“ und Zerdehnung darstellt. Nun wissen wir aber heute, daß von den Verhältnissen im mikrophysikalischen Bereich her längst nicht jene Determinationen für die Vor­gänge der physikalisch-körperhaf­ten Welt gegeben sind, die jene eherne Aus­nahmslosigkeiten begründen, wie sie für die makro­phy­si­­kalische Ebene fak­tisch in Geltung sind (freilich von Gottes Eingriffen abge­sehen). Von daher: Warum soll der Körper des Jesuskindes zu seinem Austritt aus dem Mutterschoß nicht kraft der ihm per­son­haft geeinten Gottheit (also in instrumenteller Ursäch­lich­keit) dem Mutterschoß (und ge­gebenenfalls angrenzenden Mutterleib) jene in den phy­sikalischen Gegeben­heiten begründete, aber von den mikrophysikali­schen Ge­gebenheiten her nicht ele­mentar zwingende Widerständigkeit genom­men ha­ben, welche den außeror­dent­lichen, in-korruptiven Austritt gemäß der Band­breite möglicher Varianten laut obiger Schilderung bzw. Andeutung ver­hindert? (Diese, freilich bloß vorüberge­hende, korporale Nichtwiderständigkeit wäre dann die leibliche Ent­sprechung zur geistlichen Nichtwiderständigkeit für die Empfängnis des Wortes im Geiste bzw. für die freie Zustimmung zur leibli­chen Empfängnis des Wortes aufgrund der absoluten Sündenfreiheit der aller­seligsten Jungfrau von Anfang an.) Analo­ges gälte für die Selbstanpassung (die man ja vom Menschge­worde­nen über sich verfügt denken kann mit instrumen­teller Wirksamkeit dieser Ver­fügung kraft der Gottheit). In eine mehr theologi­sche Artikulationsweise in Karl Rahners Sprache zurückübersetzt, bedeutet dies für wundersame göttliche Ein­griffe auf seiten der jungfräulichen Mutter: Das We­sen mensch­licher Leibhaf­tigkeit ist in der Di­men­sion seiner weiblichen Aus­prä­gung im tiefsten Ge­hor­samspotenz („potentia oboe­dientialis“) für das passive Betroffensein von dem nicht-verlet­zenden Ein­tritt des Gottessohnes als wahrer Mensch in die Welt (ge­rade insofern diese als zu erlö­sende genommen ist). – Schließlich: Bei die­sem wunderbaren Vorgang trennt sich das fleischge­wor­dene Wort bei seiner Geburt vom maternalen, unmittelbar mit dem Fötus ver­binden­den Substrat ohne Verlet­zung, und zwar dahingehend, daß er dieses Sub­strat ebenso wunderbarer­weise redintegriert sein läßt in den Organis­mus der Mutter, so wie letzterer zu deren individuellem Bestand in Funktion ist. Eine ausführli­che Erörterung sowie Er­läuterung der Reihenfolge dieser Vor­gänge ist nun wirklich nicht mehr indi­ziert; ich hoffe nur, damit auch noch einen einiger­maßen brauchbaren Hinweis in Sa­chen „Nabelschnur“ und „Nachgeburt“ gege­ben zu haben.

Diese umwegigen, hochwahrscheinlich in mancher Augen mehr als abwegigen Erwägun­gen sind ein Versuch zur Plausibilisierung eben jener streng verstande­nen vir­gi­na­len Inkorrumpiertheit der Gottesmutter Maria auch in der Geburt, zu deren Be­griff dann eben die traditionell benannten anatomisch-physiologischen Ex­zep­tionen besagter Art gehören und die für mich zumindest „im dringenden Ver­dacht“ steht, eben als so genommene zum unaufgebbaren Glaubensbestand zu ge­hören. Entsprechend wäre die Position Erzbischof Müllers im Gegenzug an sich als häretisch zu zensurieren, die Piusbruderschaft also im Recht. – An sich wohlgemerkt: Denn es muß die Fak­ten­lage berücksichtigt werden, wonach die Ansicht, die gegenteilige Deutung des Dogmas sei möglich, wie oben darge­stellt, faktisch einen gewissen offi­ziö­sen Status angenommen hat, der es beizu­fügen gebietet, daß die Zensur „häre­tisch“ nicht „extra controversiam“ ist, ein Sachverhalt, der jeden Vertreter dieser Position erst einmal salviert (über das Zugeständnis von bona fides hinaus). – Dogmengeschichtlich ist dieser Fall nicht neu: Im 12. und 13. Jahrhundert waren gemäß der enzyklopädischen Dar­stellung des Petrus Lombardus drei Theorien („tres opiniones“) zur näheren Er­läuterung der Einheit der Person Christi in den zwei Naturen bekannt. Wurde die dritte schon im zwölften Jahrhundert als heterodox verworfen, um im 13. ein­deutig als nicht mehr vertretbar zu gelten, so setzte sich mehr und mehr die „zweite“ durch, während erst der reife bis späte Thomas entdeckte, daß die alt­kirchlichen Konzilien (allen voran das zweite Con­stantinopolitanum) die „erste Meinung“ eindeutig als häretisch disqualifizie­ren beziehungsweise die zweite als Glaubenssatz ausweisen (eine Person = ein Träger zweier Naturen; eine aus zwei Naturen „zusammengesetzte“ Hypostase). Solche zeitweise weiter um sich greifende Irrtümer über den Lehrbestand, die den einzel­nen deshalb nicht dis­kreditieren, sind also prinzipiell möglich.

4. Zusätzliche Gesichtspunkte

Wenngleich ich mich somit in der Lage sehe, sowohl Erzbischof Müller als auch die Piusbruderschaft, freilich jeden auf seine Weise, ins Recht zu setzen, so möch­te ich dennoch um der Sache willen – gerade was die Aussöhnung der FSSPX angeht – noch ein klein wenig ausholen. Immerhin besagt das Ergebnis meiner Problemsichtung, das ich freilich mit der gebotenen Zurück­haltung vor­trage (aber nicht mit Rücksicht auf die Person!), daß Müller eine sachlich un­haltbare Position vertritt; und zwar was den verbindlichen Lehrbe­stand betrifft. Und ein zusätzliches Problem ist damit gegeben, daß er die gegenteilige „An­sicht“, die ich als de fide einzustufen jedenfalls sehr geneigt bin, ziemlich brüsk einer gnostischen und somit ihrerseits häretischen Mißdeu­tung zuweist; jeden­falls kann man seine Ausführungen auf Seite 498 seiner Dogmatik kaum anders verstehen. Hier bestünde dann schon Gesprächsbedarf, zumal damit die Gefahr gegeben ist, daß er sich im Recht sieht, seinerseits die Linie Mitterer – Rahner – Ott – Müller als die allein legitime geltend zu machen.

In diesem Zusammenhang ist dann auch auf das Problem eines gewissen Her­meneutismus auf­merksam zu machen, wonach die „verheutigende“ Ausle­gung des Dogmenbestandes tendenziell die Oberhand gegenüber der (gleich­wohl ge­wollten) konsequenten Treue zum Wortlaut gewinnt; dies jedoch, was gerne übersehen wird, im Rahmen eines latent apologetischen Duktus, der sich einer gewissen Beschwichtigung bedient, um diese jedoch in einem Gestus ins Spiel zu bringen, den man gleichwohl als autoritär empfinden kann. Dies nicht nur bei Müller, jedoch gerade auch bei ihm. Von daher möchte ich noch knapp auf seine Ausführungen zur Euchari­stie eingehen, die von der Piusbruderschaft ebenso inkriminiert werden. Dazu halte ich mich jedoch an seine Dogmatik, wie sie 2010 sozusagen als sein „letz­tes Wort zur Sache“ veröffentlicht wurde. Und dazu greife ich bewußt die beiden Klassiker progressistisch-traditionalistischer Auseinandersetzung auf: Opfercha­rakter der Messe und Realpräsenz.

Hier gälte es eigentlich, die ganze Länge des Eucharistietraktats bei Müller zu würdigen (680-713). Trotzdem enthalten die „Perspektiven einer Theologie der Eucharistie“ (709-713), sozusagen als Quintessenz des Systematikers, wichtige Hinweise zur Erschließung von Müllers Eucharistieverständnis. Was nun das Thema „Meßopfer“ (709, 711) angeht, so mag ich alles in allem einen befriedi­genden Realismus in der Verhältnisbestimmung Kreuzesopfer – sakramentale Handlung anerkennen: „Die Eucharistie ist nichts anderes als das Kreuzesopfer im Modus seiner sakramentalen Gegenwart, und zwar in der der Kirche von Je­sus aufgetragenen Symbolhandlung“ (709). An sich hätte man sich aber kräfti­ge­re Aussagen dazu gewünscht, daß die Sakramentsvollbringung („confectio sacramenti“), konkret: in der Konsekration, in sich selber wahre Opferhandlung ist (wenngleich dies nur im strengen Bezug auf das Kreuzesopfer) und so (schon) die Früchte des Kreuzesopfers appliziert (vgl. dagegen 711). Müllers „Meister“ Karl Rahner war hier noch deutlicher. Noch in dessen „Grundkurs“ (Sonderausgabe Freiburg 1984) fallen die eindeutigen Worte: „In diesem von Jesus selbst gewollten Nachvollzug des Abendmahles wird zugleich das blutige Opfer Jesu Christi am Kreuz gegenwärtig, weil ja Fleisch und Blut des leiden­den und sterbenden Gottesknechtes als hingegeben und vergossen für ‚die Vie­len‘ präsent werden und nur als solche nach der Stiftung Jesu selbst präsent werden können und weil diese Gegenwart des einen Opfers Jesu Christi unter einer liturgischen Opfer-Handlung der Kirche gegeben ist. Somit ist die Eu­charistiefeier der Kirche immer schon wirkliches Mahl … und zugleich wirkli­ches Opfer“ (409). Ich verweise auch auf das Stichwort „Meßopfer“ im „Klei­nen theologischen Wörterbuch“ („unter einem Ritus, der selbst in der Dimension des Kultischen ein Opfer ist“!).

Zur Realpräsenz: Der entscheidende Satz Müllers in besagten „Perspektiven“ lautet: „In dem analogielosen Fall der eucharistischen Realpräsenz kommt es zu einer un­vergleichbaren Einheit und Unterscheidung von Brot und Leib Christi“ (710). Trotz allem Problematischen an dieser Formulierung, noch mehr an ihrem Kon­text (und schließlich im Buch „Die Messe“): fairerweise muß der zitierte Satz erst einmal als Bekenntnis zur Realpräsenz gewichtet werden (die „Unter­schei­dung“ wäre dann auf das objektive Verbleiben der Brots- und Weinsgestalt zu beziehen). Dies kann freilich, jedenfalls in der Perspektive des scholastisch-doktrinal Geschul­ten, nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich gemäß den Er­fordernissen ei­gentlicher Rede, d.h. den Eigentümlichkeiten der Sache konse­quent angepaßten Sprechens („locutio propria“) um eine alles andere als glückli­che Formulierung han­delt. Zu einer sachgemäßen Darstellung des katholischen Eu­charistiedogmas in einem Lehrbuch reicht dies nicht aus. Obendrein klingt die zitierte Formulierung in kaum bestreitbarer Weise tendenziös. Der Eindruck ver­stärkt sich mit Blick auf die Bemerkung, „der Glaube an die Realpräsenz“ resul­tiere u.a. „nicht aus … einer positivistischen Unterwerfung unter die Auto­rität Christi“ (710). Man vergleiche dazu nur das vierte Kapitel im tridentini­schen Eucharistiedekret (DS 1642). – Insgesamt ist es meines Erachtens nicht unge­recht, wenn man an Mül­ler die Frage hat, ob er die Realpräsenz nicht doch eher als eine dynamische Einheit Christi mit den Elementen konzipiert, um dem schlichten wörtlichen Sinn der Worte „Das ist mein Leib.“ qua „Das unter die­sen Gestalten Enthaltene ist mein Leib.“ eher aus dem Wege zu gehen (cf. Tho­mas: III, 78,5).

Als Resümee: Auch in bezug auf die Thematik „Eucharistie und Realpräsenz“ reicht es nicht zu einem Häresievorwurf an Müller. Verhindert ist dies im we­sentlichen dadurch, daß Müllers Ausführungen sich in einer eigentümlichen Schwebe zwischen dem verbindlichen Wortlaut des Dogmas und einer sich da­von lösenden Hermeneutik halten; eine Hermeneutik mit latent apologetischem Duktus zugunsten der Anschlußfähigkeit an die zeitgenössischen starken Spiri­tualisierungstendenzen (zumal in Sachen Realpräsenz). Die zudem dezidiert ökumenische Orientierung tut das Ihrige.

5. Grundsätzlicheres zum Konflikt

Dieses Resümee steht nun für mich nicht im luftleeren Raum. Denn festzuhalten bleibt eben die zu Lasten des Wortlautes des Dogmas überbordende Dogmen­her­meneutik, welches Überborden ich oben schon in das Stichwort „Herme­neutismus“ gefaßt habe. Und dieser ist nicht nur ein Signum der Theolo­gie Müllers, sondern weithin der deutschsprachigen Theologie spätestens nach dem Konzil (wenngleich hier und dort schon deutlich vorher). Von daher ist aber mit der recht starken deutschsprachigen Präsenz in der römischen Kurie, und zwar in Spitzenpositionen (man denke nur an die Glaubenskongregation), schon ein ge­wisser Anlaß zur kritischen Beobachtung gegeben. Ist zum Bei­spiel die angel­sächsische Theologie mit ihren zum Teil ungleich stärkeren An­knüpfungen an die scholastische, näherhin thomistische Lehrtradi­tion demge­gen­­über nicht pro­blematisch unterrepräsentiert? – Vor allem aber, mit Blick auf die Auseinander­setzung mit der Piusbruderschaft: Wenn nun einmal im Ringen um das Verhält­nis von Dogma und Hermeneutik ersteres das unbedingt Maßge­bende ist, dann kann man kaum zu dem Schluß kommen, diese Bru­der­schaft und ihre Theologen stünden insgesamt schlechter dar. Im Gegenteil: In ganz zentra­len Fragen halten sie den Maßstab des rechten katholischen Glaubens ungleich zuverlässiger hoch als mancher Theologe in (auch römischer) Spitzenposition. Das muß in der kri­tisch-sachgemäßen Begleitung der Auseinandersetzungen zwischen der FSSPX und den Inhabern von Spitzenämtern an der römischen Kurie unbedingt im Auge behalten werden.

Und damit wage ich noch einmal einen Sprung zum Konzil: Denn auch es war in gewisser Weise ein hermeneutisches Unternehmen. Jedenfalls ging es zu ei­nem ganz großen Teil um die „Über-Setzung“ der Doktrin und Praxis der Kirche in das „Heute“, und in diesem Zusammenhang um die präzisere Umschreibung der Außenbeziehungen mit Blick auf die Komplexität der Verhältnisse. – Sicher muß hier differenziert werden: Nicht alles am Zweiten Vatikanum war einfach nur Hermeneutik. Und gerade bei relativ hochrangigen Aussagen sehe ich auch kein Problem in Sachen Anschlußfähigkeit an die Tradition. Dies gilt gerade auch für die Hierarchologie (einschließlich konsequent papst-zentriert verstan­dener Kollegialität), in bezug auf die ich persönlich den Optimismus hege, daß sich die Anstöße hier, rechte Interpretation vorausgesetzt, vollständig ausräumen lassen. Aber je niederrangiger die Erklärungen anzusetzen sind, desto mehr ist das (im besagten Sinn) hermeneutische Vorzeichen des Konzils in Anschlag zu bringen. Und dies gilt dann gerade auch für den Ökumenismus (ein Dekret, mit ins­gesamt jedoch mehr programmatischem als doktrinalem Charakter) und die Religi­onsfreiheit (eine bloße Erklärung). – Gerade mit Blick auf den mächtigen deutschsprachigen Einfluß auf dem letzten Konzil sehe ich hier schon einen Bo­gen zu dem, was ich oben „Hermeneutismus“ genannt habe, geschlagen. Und mit Blick auf die besagte bedenkliche Gewichtsverlagerung im Verhältnis von Dogma und Hermeneutik erscheint es mir schon eine fragwürdige Konstellation, wenn das kirchenamtliche Gegenüber der FSSPX in bezug auf höchstrangige Vertreter der Römischen Kurie einer Konfrontation gerade auch mit der deutschsprachigen nachkonziliären Gegenwartstheologie gleichkommt. Das ob­stinate Insistieren auf dem ganzen Zweiten Vatikanum, und zwar samt Öku­mene und Religions­freiheit, er­scheint dann in einem anderen Licht. Es war Karl Rah­ner, der die Rede vom „freien Wort in der Kirche“ prägte: hiermit erlaube ich mir es. – Schlußendlich sei mir das persönli­che Be­kenntnis ge­stattet: Gerade für den lebhaft Anteil nehmenden Nachgebo­renen, der sich einen Sinn für Recht und Billigkeit bewahrt hat und dabei kei­neswegs zur FSSPX ein distanzlos-un­kritisches Verhältnis hat, wäre es mehr als be­fremdlich, sollten jetzt die letzten Erben des Coetus internationalis aus dem Ring geboxt werden. Wäre es nicht Gottes Kirche, würde ich sagen: ich gebe mein Eintrittsbillet zu­rück!

Dr. theol. Klaus Obenauer ist Privatdozent an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn.

  

  1. Konrad Georg sagt:

    Puhhh,
    ich bin noch nicht fertig. Aber dem Autor schon einmal ein ganz großes Danke schön.

    Schon in einer Ausgabe von „Mariologisches“ bin ich auf den für mich sonderbaren Sachverhalt gestoßen, daß

    die Jungfrau Maria und ihr Sohn Jesus nicht als paradiesische Menschen wahrgenommen und dementsprechend eingeordnet werden.

    Desweiteren halte ich es für eine ausgesprochene Dummheit, Privatoffenbarungen nicht auf angemessene (!) Weise ernst zu nehmen. Schließlich waren weder bei Mariä Verkündigung, noch bei der „Verkündigung an Mohammed“ Notare oder städtische Urkundsbeamte anwesend, die die Ereignisse protokolliert haben. Und trotzdem sind beide weltbewegend.
    Darf/muß man annehmen, daß das Herumgeeiere um das Dogma und das „Übersehen“ von PO auf der selben Ebene liegen, wie auch bei der Auferstehung. Hat Gottes Allmacht keine Chance gegen die Empirie?

  2. cuppa sagt:

    Sollten die „letzten Erben des Coetus internationalis aus dem Ring geboxt werden“, ich für mich weiß, was ich zu tun habe. Auch wenn es sehr weh tut.
    Aber noch ist es nicht so weit.
    Es reicht: Zwei „Konzilshermeneutiken“, wobei die „Bruch-Hermeneutik“ zumindest den deutschsprachigen Raum eindeutig beherrscht. Mit allen üblen Früchten, die sich daraus ergeben haben.
    Jetzt ist auch noch eine Hermeneutik notwendig, um den Glaubenspräfekten verstehen zu können, um ihn nicht zu verdächtigen, er verstoße gegen Lehren der Kirche.
    Ist der katholische Glaube nur noch eine Angelegenheit von Intellektuellen, von Theologen? Muss man mindestens Diplomtheologe sein, um überhaupt die Argumentationslinien verstehen zu können, vom Glauben ganz zu schweigen?
    „Die Gläubigen sind verlassen“, sagte Erzbischof Lefebvre einmal. Daran hat sich nichts geändert.

  3. Armin sagt:

    Auch ich möchte den Autor für seinen Beitrag danken.
    Möchte aber dennoch Anfügen, das es in der heutigen Zeit leider üblich geworden ist nach dem Motto „und was nicht passt wird passend gemacht“ vorzugehen. Und das betrifft nicht nur die Glaubenswahrheiten (Dogmen) der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche zu, sondern auch auf den „Heiligen Willen Gottes unseres Herrn“ der uns allen in der „Heiligen Bibel offenbart wurde.
    Man kann es aber zumindest leichter verstehen, wenn heutzutage die „Heiligen Kommunion“ wie Kekse ausgeteilt werden, wenn sogar seine Exzellenz Erzbischof Müller schreibt oder besser gesagt geschrieben hat.

    In Wirklichkeit bedeuten Leib und Blut Christi nicht die materiellen Bestandteile des Menschen Jesus während seiner Lebenszeit oder in der verklärten Leiblichkeit. Leib und Blut bedeuten hier vielmehr Gegenwart Christi im Zeichen des Mediums von Brot und Wein.“

    Daher wäre nun eine öffentliche Richtig- Klarstellung erforderlich.

  4. Johannes P. sagt:

    Meiner Meinung nach übergeht die ganze Debatte vorschnell die eigentliche Definition der Jungfräulichkeit. Auch gemäß St. Thomas ist die körperliche Integrität in dieser Hinsicht nur akzidentiell (ST II-II q.152 a.1 ad 3).

    Kann das Eintreten bzw. Nichteintreten eines (auch heilsgeschichtlich) völlig unbedeutenden körperlichen Zufalls irgendwann im Leben der Gottesmutter tatsächlich Gegenstand des göttlichen Glaubens sein? Und würde es nicht wesentlich konkreterer lehramtlicher Definitionen bedürfen, um auch hinsichtlich dieser körperlichen Akzidentien letztgültige Verbindlichkeit herzustellen?

    • Melani sagt:

      Im Zentrum *meines* Glaubens steht Jesus Christus, der durch sein Kommen mich zur Erbin des Himmelreiches gemacht hat.
      Ist es denn angesichts dessen wirklich soooo wichtig, auf welche Weise er in diese Welt eingeterten ist?
      Scheinen hinter solchen „Problemen“ nicht Glaubenszweifel auf?

  5. cuppa sagt:

    @ Johannes P.
    Lange habe ich auch so argumentiert. Nur habe ich im Patchwork-Glauben damit ein Dogma geleugnet: § 5 Die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens. Maria war Jungfrau vor, in und nach der Geburt. De fide.
    L.Ott erklärt, dass die Jungfräulichkeit Mariens die stete jungfräuliche Gesinnung, die Freiheit von „ungeordneten Regungen des geschlechtlichen Begehrens“ und die leibliche Unversehrtheit einschließt. .“Das kirchliche Dogma bezieht sich zunächst auf die leibliche Unversehrtheit“. (S. 298, 299).
    Auch wenn ich es noch unvollständig verstehe: Die Kirche hat es als Dogma formuliert. Stellen wir ein Dogma in Frage, warum nicht gleich mehrere, die unmodern wirken. Das ist der Patchwork-Glaube der nachkonziliaren Kirche, in die längst der theologische Relativismus ganz selbstverständlich eingezogen ist.
    Vermutlich hat diese Lehre mehr mit der Inkarnation des Gottmenschen zu tun, als mir bewusst ist. Ich werde lesen.

  6. Teresa sagt:

    Dem Autor vielen Dank für seine genau Ausführungen. Er verteidigt ja ganz wunderbar die traditionelle Lehre, auch wenn er selbst dem Dienstbetrieb verpflichtet ist, dem diese in der Regel peinlich ist.

    Ich bin auch dafür Erzbischof Müller von einer subjektiven Verantwortung für seine Thesen freizusprechen. Er hat sich ja nicht selbst zum Präfekten der Glaubenskongregation gemacht. Da liegt die Verantwortung leider bei jemanden anderem. Und den sollte man fragen, wie er das verantworten kann.

    …und deshalb stehe ich gefühlmäßig leider auch dort wo „Cuppa“ steht.

  7. Carolus sagt:

    Hoch anspruchsvoller und versöhnlicher Artikel. Hut ab!

    Das Thema wird auch im Christlichen Forum sehr engagiert und kontrovers diskutiert:

    http://charismatismus.wordpress.com/2012/07/07/der-vorwurf-erzbischof-gerhard-l-muller-leugne-die-jungfrauengeburt-trifft-nicht-zu/

  8. Herbert Paul Streibelt sagt:

    Als Naturwissenschaftler akzeptiere ich die Jungfrauengeburt als Wunder und brauche keine weiteren tiefschürfende Hebammenbetrachtungen. Karl Rahner, der ja von vielen als ein weiterer Kirchenvater betrachtet wird, hat meines Erachtens in der Glaubenslehre mehr Schaden als Nutzen angerichtet. Wie soll man solche häretischen Fakten in Aussagen von Kirchenführern denn sonst sehen: Lehmann predigte, wäre eine Kamera bereits damals im Grab Jesu angebracht gewesen, hätte sie keine Aufzeichnungen von der Auferstehung machen können! Zollitsch interpretierte den Kreuzestod Christi als einen Akt der Solidarität.
    Und jetzt Müller: Hat er, oder hat er nicht? Die dogmatischen Eiertänze tragen doch nicht zur Klärung, sondern doch nur zur Verdunkelung bei. Mal im Ernst, wer ist überhaupt an den Spitzen der Kirche daran interessiert, die Piusbrüder zurückzuholen?

  9. Arrow sagt:

    Dem Autor ist zwar zu danken.
    Unbegreiflich ist jedoch seine Schonung Müllers.
    Dieser könnte doch einfach widerrufen. Dann würde sich die Unruhe in der Christenheit legen.
    Stattdessen tritt er mit brutaler Arroganz auf: „Man muss nicht auf jede Dummheit eine Antwort geben“ so Müller.
    Auch wegen dieser Aussage verdient Müller keine Schonung, sondern nur die klare katholische Kante!

  10. D.Specht sagt:

    Zunächst auch einmal Dank an den Autor für den profunden Artikel!

    Eine Tatsache die gerne und anscheinend auch hier übersehen wird: Müller geht klar über Ott hinaus und lehrt etwas anderes.

    Währen Ott zwar sagt, dass die genauen Details (welche davon und wie genau…) nicht de fide sind bzw. die Kirche hier keine letztgültige Entscheidung vorgelegt hat, so bekräftigt er doch, dass das Dogma auf jeden Fall einen körperlichen Aspekt mit einschließt, dass es (auch) körperliche Unversehrtheit meint (wie a. etwa der KKK dies sagt).

    Müller hingegen schließt diese körperl. Seite gänzlich aus. Er sagt nicht, dass das ein o. andere Detail nicht verpflichtender Glaubensinhalt sei, sondern dass es hier schlechthin „nicht um abweichende physiologische Besonderheiten im natürlichen Geburtsvorgang“ gehe. Damit haben wir also überhaupt kein leiblich-physiolog. Wunder mehr u. keine leibliche Unversehrtheit. Er reduziert alles auf einen sozusagen „tieferen“, „spirituellen“, nicht-biologischen Sinn

  11. D.Specht sagt:

    Und in der Tat, vgl. auch die Diskussion etwa im Christlichen Forum oder a auf anderen, engl.-sprachigen Seiten, zB:

    http://www.theanglocatholic.com/2012/07/more-commentary-on-gerhard-ludwig-muller-and-other-appointments/
    oder
    http://rorate-caeli.blogspot.com/2012/07/mgr-bux-on-muller-these-complainers-are.html

    auf http://renegadetrad.blogspot.ca/2011/12/our-ladys-virginity-in-partu.html
    habe ich folgendes Zitat von Kard. Ratzinger gefunden – leider ohne Quellenangabe (weiß jemand, woraus das ist?):

    „The cavalier divorce of ‚biology‘ and theology omits precisely man from consideration …The attempt to preserve a spiritual, distilled remainder after the biological element has been eliminated denies the very spiritual reality which is the principal concern of the faith in the God become flesh.“

    Was ja genau auf Müller zutrifft. – Wieso dieser dann von der gleichen Person, welche diese Kritik ausgespr hat, zum Präfekten d Glaubensk. gemacht werden kann, das ist e wirklich gute Frage

  12. D.S. sagt:

    @H.P.Streibelt:
    „Lehmann predigte, wäre eine Kamera bereits damals im Grab Jesu angebracht gewesen, hätte sie keine Aufzeichnungen von der Auferstehung machen können!“

    Nun, das hat nicht nur Lehmann so gesagt, auch bei seinem Schüler Ebf. Müller findet man diese Aussage in seiner Dogmatik – und laut Müller bezieht sich das auch auf die späteren Erscheinungen des Auferstandenen: Weder Kamera noch Tiere hätten Jesus aufnehmen bzw. auch nur sehen können (so S. 300f. [1. u. 2. Aufl.; evtl. in späteren Aufl abw. Seitenzahl])

    Müller huldigt ganz klar einer „Hyperspiritualisierung“ (vgl. oben im Obenauer-Artikel “..zeitgenössischen starken Spiri­tualisierungstendenzen..“) – die, wie eben gepostet, von Ratzinger selbst kritisiert wurde – obwohl sein eigenes Werk „Einf. i d Christentum“ ebenfalls nicht frei davon ist, vgl. Abschn. zu Auferstehung des Fleisches.
    Nicht die FSSPX ist „kapharnaistisch“, wie Bux meint, sondern Müller offenkundig gnostisch-“hyperspiritualistisch“.