„Martyrium des Hl. Stephanus“ – Schwierige Lage der Kirche im kommunistischen China

(Peking/Rom) Ein Jahr nach der Ernennung und Weihe des neuen Bischofs von Peking mit Zustimmung des Heiligen Stuhls, wächst die Kritik an dem Erzbischof wegen seiner unerwarteten Nähe zum kommunistischen Regime der Volksrepublik. Katholiken der chinesischen Hauptstadt werfen dem Bischof vor, den Heiligen Stuhl und die katholische Kirche mit seiner Haltung zu verraten.

Msgr. Joseph Li Shan (44), wurde am 21. September 2007 von der regimetreuen Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung zum Bischof ernannt. Nachträglich erkannte der Heilige Stuhl jedoch seine Ernennung und Weihe an. Seither scheint sich sein Verhalten gegenüber dem Vatikan aber grundlegend verändert zu haben. Der neue Bischof war zum Nachfolger des 2006 verstorbenen Pekinger Bischofs Michael Fu Tie-Shan, einem Vertreter der regimetreuen Patriotischen Vereinigung, berufen worden. Die Einwilligung des Heiligen Stuhls zu seiner Ernennung erfolgte mit der Absicht, die Versöhnung zwischen der romtreuen und deshalb verfolgten Untergrundkirche und der vom Regime gelenkten Patriotischen Vereinigung voranzubringen, die Vereinigung aus ihrer Abhängigkeit heraus- und wieder in den Schoß der katholischen Kirche zurückzuführen.

Der letzte von Rom ernannte katholische Bischof der 1308 errichteten Diözese Peking war der 1967 verstorbene Kardinal Tien-Ken-Sin. Seither setzt die Patriotische Vereinigung eigenmächtig Erzbischöfe ein.

Nach erster Hoffnung waren die Katholiken der Hauptstadt von ihrem neuen Oberhirten bald enttäuscht. In seinen Reden zeigte er sich gegenüber dem kommunistischen Regime immer unterwürfiger und geradezu servil gegenüber der Patriotischen Vereinigung. Deren Ziel ist es, im Auftrag des kommunistischen Regimes eine von Rom abgekoppelte katholische Kirche zu schaffen und zu kontrollieren.
Am 25. November 2008 lobte Msgr. Li Shan in einem Glaubenskurs die „Fortschritte für die Kirche, dank der 30 Reformjahre von Deng Xiaoping“. Gleichzeitig verteidigte er die Arbeit seines Vorgängers, der „die glorreiche Tradition“ begonnen habe, „das Vaterland und die Kirche zu lieben“. „Das Vaterland lieben, die Kirche lieben“ ist die offizielle Parole der regimetreuen Patriotischen Vereinigung, die das kirchliche Leben der Kommunistischen Partei unterwerfen will. Noch deutlicher wurde Msgr Li Shan, als er „ausländische politische Mächte“ und „die Untergrundkirche“ Chinas beschuldigte, „das Werk, das Vaterland und die Kirche zu lieben, durch schwerwiegende Einmischungen gestört“ zu haben. Der Angriff auf den Heiligen Stuhl ist offensichtlich. Im Sprachgebrauch der Kommunistischen Partei gilt der Vatikan als „ein ausländischer Staat, der sich unter dem Mantel der Religion in die internen Angelegenheiten Chinas einmischen“ wolle.

Der Konfrontationskurs mit Rom wird nicht minder deutlich, wenn Msgr Li Shan nach Regimevorgabe den sakramentalen Charakter der Kirche übergeht und im Namen einer „Demokratie in der Kirche“ verlangt, daß die Wahl von Bischöfen und pastorale und theologische Entscheidungen durch eine „Versammlung von Bischöfen, Priestern und Laien“ erfolgen solle, die natürlich von der Patriotischen Vereinigung bestimmt und kontrolliert wird. Ähnlich äußerte sich Msgr. Li Shan in der Heiligen Nacht 2008.

Dabei hofften Rom und die Gläubigen, daß mit seiner Ernennung die Ära seines regimetreuen Vorgängers zu Ende sei, der stets eine Versöhnung mit Rom verweigerte. Statt dessen bedankte sich Msgr. Li Shan bei der Regierung für die „Hilfe und Unterstützung“, die diese der Kirche zukommen lasse, versicherte das Regime seiner Treue und bekräftigte die Absicht, weiterhin den „Weg der Unabhängigkeit und der Selbstverwaltung der Kirche“ von Rom zu beschreiten.

In der Untergrundkirche heißt es, der Bischof habe sich, einmal im Amt, innerhalb kürzester Zeit in einen „Rotgardisten“ verwandelt, der nach Macht strebe, und sich völlig der Patriotischen Vereinigung unterworfen habe. Msgr. Li Shan galt vorher als einfacher aber guter Priester, der dem Papst treu ergeben und gegenüber der Untergrundkirche offen war. Seine Reden als Bischof zeigen jedoch eine Kehrtwendung um 180 Grad.

Laut Informationen der Nachrichtenagentur Asianews, schreibe der Bischof seine Reden nicht selber. Der Autor sei Shi Hongxi, Generalsekretär der Patriotischen Vereinigung, der für besonders radikale und romfeindliche Positionen bekannt ist. Die Wiederholung der regimetreuen Aussagen bei verschiedenen Anlässen belege jedoch zumindest die inhaltliche Zustimmung des Bischofs, die Autorenschaft seiner Reden belege seine Abhängigkeit von der Patriotischen Vereinigung.

Die Patriotische Vereinigung, 1958 gegründet, versucht seit mehr als 50 Jahren mit allen Mitteln die Kirche zu spalten, vor allem indem sie ohne Zustimmung des Papstes Bischöfe einsetzt. In den letzten Jahren baten jedoch viele Bischöfe der patriotischen Kirche den Papst um Verzeihung. Dank der Großherzigkeit von Papst Johannes Paul II. und nun Benedikt XVI. konnten sich viele mit dem Heiligen Stuhl aussöhnen. So konnte der Vatikan im Januar 2007 bekanntgeben, daß „fast die Gesamtheit“ der offiziellen (also vom Regime anerkannten) Bischöfe der Volksrepublik China sich in Gemeinschaft mit dem Papst befinden.

Das Schreiben von Benedikt XVI. an die chinesischen Katholiken vom 30. Juni 2007 bekräftigte diese starke Verbundenheit und legte offen zutage, daß es sich bei der Patriotischen Vereinigung um eine kirchen- und glaubensfeindliche Vereinigung handelt.

Daß sich nun gerade der von Rom genehmigte Bischof von Peking wieder von Rom entfernt und einen überwunden geglaubten Rückfall in die Regimeabhängigkeit exerziert, zeigt die Versuche der Kommunistischen Partei, die Zügel erneut anzuziehen.

Laut vertraulichen Informationen von Asianews bereue Msgr. Li Shan sein Verhalten und rechtfertige es mit dem starken Druck, dem er ausgesetzt sei. Tatsächlich folgten auf das Schreiben des Papstes, mit dem die Einheit der chinesischen Katholiken und der Bischöfe erreicht wurde, eine ganze Reihe von Kampagnen der KP und der Patriotischen Vereinigung mit dem Ziel, die offiziellen Bischöfe des Landes wieder unter den Parteigehorsam zu zwingen. Unter anderem wurden sie laufend gezwungen, an verschiedenen Veranstaltungen, Tagungen, „Fortbildungen“ und Treffen teilzunehmen, was nicht nur ihre pastorale Arbeit störte, sondern auch neue Abhängigkeiten schaffen sollte. Die offiziellen Bischöfe stehen seither wieder unter totaler Kontrolle. Sie dürfen sich ohne Politaufseher, in diesem Fall in der Person der „Sekretäre“ der Patriotischen Vereinigung, nicht einmal untereinander treffen. Die Zeit der kommunistischen Gehirnwäsche ist in der Volksrepublik China noch nicht überwunden.

Um die Bischöfe in der Einheit zu stärken und den Einfluß der Patriotischen Vereinigung zurückzudrängen, verfaßte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone am 22. April 2008 ein Schreiben an alle mit Rom verbundenen Bischöfe. Es ging an rund 90 Bischöfe der patriotischen Kirche und der Untergrundkirche und brauchte einige Monate, bis es allen zugestellt werden konnte. Einige versteckt im Untergrund lebende Bischöfe konnte es erst im Dezember 2008 erreichen. Darin erinnerte der Kardinalstaatssekretär an die „zentralen Grundsätze des katholischen Glaubens“ und an die Bedeutung und den Wert der Einheit der Bischöfe mit dem Papst und untereinander. Er bat die Bischöfe im Namen des Papstes, „mit Mut ihr Hirtenamt auszuüben“.

Die Bedeutung des Schreibens liegt in einer Passage, mit der erstmals die Möglichkeit angedeutet wurde, daß sich Untergrundbischöfe und offizielle Bischöfe miteinander treffen sollten. Im Schreiben wird erneut bekräftigt, daß die Patriotische Vereinigung gegen die katholische Lehre verstoße, ohne jedoch von den offiziellen Bischöfen, wegen der schwierigen Lage, einen Austritt zu verlangen. Einige Untergrundbischöfe sind laut Asianews der Meinung, daß eine deutlicher Position des Vatikans notwendig sei und mehr brächte.

Der Umgang mit der Patriotischen Vereinigung steht dennoch auf der Tagesordnung, da demnächst die Versammlungen zur Wahl neuer Bischöfe für vakante Diözesen anstehen, darunter auch Nanking.

Bisher bemühten sich die offiziellen in Einheit mit Rom stehenden Bischöfe mit wenig Erfolg, die Pressionen der Patriotischen Vereinigung möglichst zu ignorieren. Die Untergrundbischöfe versuchten von der Regierung die Anerkennung zu erhalten, ohne Mitglied der Patriotischen Vereinigung zu werden. Bisher wurde jedoch von allen Behörden eine solche Anerkennung verweigert.

Die von Asianews kontaktierten chinesischen Bischöfe äußerten sich ein Jahr nach dem Schreiben von Papst Benedikt XVI. begeistert über dessen Inhalt, vor allem das klare Wort über die Unvereinbarkeit der Absichten der Patriotischen Vereinigung mit der katholischen Lehre. Gleichzeitig äußerten sie aber auch häufig den Wunsch, weitergehende und konkretere Anleitungen für das weitere Verhalten zu bekommen. In der Untergrundkirche betrachte man vor allem das Verhalten der offiziellen Bischöfe als zu zögerlich und zu wenig mutig. Ein Beobachter meinte: „Wenn Peking ein Treffen ansetzt, machen sich sofort alle auf und versammeln sich. Damit riskieren sie in jene Sklaverei der Vergangenheit zurückzufallen. Leider befinden sich fast alle Bischöfe der Untergrundkirche, die auch mit ihrem Leben und ihrer Freiheit die Einheit mit dem Papst verteidigen, unter Hausarrest, im Gefängnis oder sind entführt und verschwunden.“

In dieser schwierigen Situation kam ein klares Wort von Kardinal Joseph Zen, dem Erzbischof von Hong Kong, das wohl in Absprache mit Rom erfolgte. Er forderte die Bischöfe und Priester der patriotischen Kirche auf, mutiger zu sein und auf keine Kompromisse mit dem Regime einzugehen. In einem, am 4. Januar 2009 im Diözesanblatt Gong Jiaobao von Hong Kong veröffentlichten Aufsatz bekräftigte der Kardinal seine Aufforderung. Darin rief er Bischöfe und Priester auf, die Tugenden des Heiligen Stephanus, dem ersten Märtyrer der Kirche zu haben und nicht immer den Anweisungen des Staates zu folgen, die sich gegen den Glauben richten. Im Aufsatz mit dem Titel: Geleitet vom Martyrium des Heiligen Stephanus nimmt der Kardinal eine tiefgehende Analyse der kirchlichen Lage in der Volksrepublik China vor. Unter anderem kritisiert der Kardinal darin die Teilnahme von zehn Bischöfen („teils aus Angst, teils weil sie betrogen wurden“) an den unrechtmäßigen Bischofsweihen von 2006. Ungeschminkt bezeichnet der Erzbischof von Hong Kong die Patriotische Vereinigung als „Hauptursache aller Probleme der Kirche in China“.

Vor allem widerspricht der Kardinal einigen Interpretationen, die dem Papstschreiben gegeben wurden, wonach die Zeit der Untergrundkirche zu Ende sei. In Wirklichkeit, so der Kardinal, „bewundert der Papst deren kompromißlose Treue und ermutigt sie darin auszuharren“. Gerade angesichts der äußert kritischen Lage, erhalten Existenz und Erfahrung der Untergrundkirche einen noch viel größeren Wert. Deshalb wendet sich Kardinal Zen mit aller Deutlichkeit gegen die Feierlichkeiten, mit denen Peking am 19. Dezember den 50. Jahrestag der Gründung der Patriotischen Vereinigung feierte. Für den Erzbischof von Hong Kong gebe es aus diesem Anlaß nichts zu feiern, denn die „Selbsternennungen“ seien in den 50er Jahren von radikalen Kräften der extremen Linken gewollt gewesen, deren Positionen seit langem überholt seien.

Mit Sorge blickt der Kardinal auf die für 2009 geplanten Versammlungen zur „Selbsternennung“ weiterer regimetreuer Bischöfe. Er fordert daher die offiziellen Bischöfe der Volksrepublik auf, nicht an den entsprechenden Versammlung der Patriotischen Vereinigung teilzunehmen: „Wäre eine Teilnahme nicht ein völliger Widerspruch zum Schreiben des Papstes?“ In einer zentralen Passage des Artikels von Kardinal Zen nimmt der Purpurträger gegen eine in manchen offiziell anerkannten Kreisen verbreitete Haltung Stellung: „Jemand von diesen habe zu den Brüdern im Untergrund gesagt: Wir sind viel intelligenter, in dem wir den Kompromiß akzeptieren! Wir stehen in Einheit mit Rom und sind gleichzeitig von der Regierung anerkannt. Diese gibt uns Geld. Wir können uns der Gläubigen annehmen, aber ihr bevorzugt ins Gefängnis zu gehen; bevorzugt es zu sterben. Und dann… bleiben eure Gläubigen verlassen, ohne daß sich jemand ihrer annimmt.“ Kardinal Zen fügt hinzu: „Demnach ist das Martyrium also eine Dummheit geworden? Das ist absurd! Das ist eine völlig schiefe Sicht! Der Kompromiß kann eine provisorische Strategie sein, aber kann nicht dauerhaft sein. Mit dem Heiligen Vater verbunden sein und gleichzeitig Teil einer sich autonom erklärten Kirche zu sein, ist ein Widerspruch.“
Kardinal Zen beendete seinen Aufsatz mit einer brüderlichen Einladung: „Liebe Brüder Bischöfe und Priester, schaut auf das Vorbild des Heiligen Stephanus; auf alle Märtyrer unserer Geschichte! … Bedenkt, unsere Leiden für den Glauben sind die Quelle des Sieges, auch wenn sie im Moment wie Niederlagen erscheinen mögen.“

(Asianews/JF)

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