Wir haben ein scharfes Auge für die Fehler der Mitmenschen oder für die Unordnung in materiellen Dingen. Wenn es hingegen um die Erkenntnis der Mängel in unserer Seele geht, haben wir eher Mühe, klar zu sehen.

Unsere Gewissenserforschung jeweils am Abend ist deshalb beschwerlich; man sieht nichts oder fast nichts. Man ist fast froh, wenn ein etwas gröberer Fehler vorgekommen ist, damit man auch etwas vorbringen kann bei der nächsten Beichte. – Dies aber ist nicht die wahre Gewissenserforschung!

Sie besteht vielmehr in einer Wachsamkeit des Herzens während des ganzen Tages, damit wir nicht gedankenlos dahinleben. Ein Sportler, der in der Rennbahn den Siegespreis erlangen will (vgl. 1 Kor 9), muß sein Ziel klar vor Augen haben und immer wieder prüfen, ob er noch gut im Rennen ist oder nicht. So ähnlich müssen auch wir Christen uns jeden Morgen ein klares Ziel ins Auge fassen und den Kampf aufnehmen. Wenn wir wachsam sind, werden wir leicht feststellen, wie es mit unserem Fortschritt steht. Dann werden wir sehr bald die Mängel wahrnehmen und durch Reue und neue Anstrengung Verluste aufholen können.

Die Selbstprüfung bezieht sich nicht nur auf Sünden (die negative Seite), sondern sie achtet auch auf die Übung der Tugenden (positive Seite). Man soll sich fragen: Habe ich bei dieser Handlung, bei diesem Wort oder bei jener Entscheidung den Willen Gottes gesucht? – Ließ ich mich führen von echter Nächstenliebe? – Habe ich dabei an mein letztes Ziel gedacht? Auf diese Weise bekommt das ganze Leben seine wahre Ausrichtung, die Seele wird wachsam, bemerkt Fehler und Unvollkommenheiten und beginnt, sich zu heiligen.

Am Abend ist es dann leicht, die immer wiederkehrenden Fehler festzustellen. Man erkennt Zusammenhänge und die Ursachen der Niederlagen, bereut sie und lernt die Mittel zur Besserung anzuwenden.
Das Wichtigste ist das treue Ausharren in der Bemühung um den geistlichen Kampf. Nur so erzielen wir einen Fortschritt und den sicheren Sieg.

Die Gewissenserforschung umfaßt somit zwei wichtige Momente:

  1. Beim Morgengebet faßt man in einem festen Willensentschluß den Vorsatz, Gott durch keine Sünde zu beleidigen, sondern ihm während des Tages treu zu dienen. Man achtet besonders auf den Hauptfehler und nur in einem Punkt auf die konkreten Gelegenheiten und Mittel, diesen zu bekämpfen.
  2. Am Abend übt man die eigentliche Gewissenserforschung. Sie enthält (nach Ignatius) folgende Teile:
    1. Danksagung für die an diesem Tag von Gott empfangenen Wohltaten.
    2. Bitte um Licht, die Sünden zu erkennen und um Gnade, diese zu bereuen und in Zukunft zu meiden.
    3. Man fordere Rechenschaft von seiner Seele, indem man von der Zeit des Aufstehens an die einzelnen Stunden durchgeht und zwar in bezug auf die Gedanken, Worte und Werke.
    4. Man erweckt die Reue und bittet Gott um Verzeihung.
    5. Dann erweckt man von neuem den Vorsatz und festen Entschluß, sich am nächsten Tag zu bessern.

Hilfreich könnte das Aufschreiben der Ergebnisse sein. Dies erleichtert die Selbstprüfung, hilft einem klar zu erkennen, wo man steht, und ist ein Ansporn zum treuen Kampf.

1 Kommentar

  1. Das ist ein sehr schöner und wertvoller Beitrag, der den Kern unseres Lebens berührt: Das ist die Trennung von Gott durch die Sünde und die Hinwendung zu dem, der die Sünde für uns hinweggenommen hat, Jesus Christus. Mir gefällt der Beitrag deshalb so gut, weil er konkret beschreibt, wie wir Menschen als Sünder immer wieder neu zu Gott kommen können und den Weg unserer Heiligung gehen können.

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