Sandro Magister über „Brüder und Messer“

Die Risiko-Ökumene von Papst Franziskus

Risiko-Ökumene
Papst Franziskus unterzeichnete 2016 mit Patriarch Kyrill I. auf Kuba eine Gemeinsame Erklärung.

(Rom) Auch im Bereich der Ökumene geht Papst Franziskus neue Wege. Von „Brüdern und Messern“ spricht der Vatikanist Sandro Magister und bezeichnet die neuen Wege als „riskante Ökumene“.

Als Beispiele für die „neuen Wege“ nennt Magister die Ernennung eines Protestanten zum Leiter der argentinischen Ausgabe des Osservatore Romano. Gemeint ist der presbyterianische Pastor Marcelo Figueroa, ein persönlicher Freund von Franziskus.

„Keinem Papst vor ihm ist ein Treffen mit dem orthodoxen Patriarchen von Moskau gelungen.“

Franziskus traf Kyrill I. auf der kommunistisch regierten Karibikinsel Kuba.

„Beim Dialog mit den nicht-katholischen Christen läßt Jorge Mario Bergoglio wirklich niemanden aus“, so Magister.

Papst Franziskus mit Kenneth Copeland 2014
Papst Franziskus mit Kenneth Copeland 2014

Selbst gegenüber den schwierigsten Teilen des Protestantismus, den Strömungen der Evangelikalen und Pfingstler, „die unter den Katholiken in seinem Lateinamerika abräumen, indem sie Millionen Gläubige auf ihre Seite ziehen“, setzt er ein „freundschaftliches Gesicht“ auf.

„Sein Freund Figueroa“, so Magister, veröffentlichte in einer der jüngsten Ausgaben der römischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica einen Frontalangriff gegen die sogenannte „Wohlstandstheologie“, die in den Reihen der Pfingstler in den USA entstanden ist und sich auch auf dem südlichen Halbkontinent ausbreitet. Laut dieser Theologie ist Armut ein Zeichen für persönliche Schuld, während Reichtum, Gesundheit und Glück Ausdruck eines gottgefälligen Lebens sind.

Einer der führenden Vertreter dieser Theologie, der texanische Pastor Kenneth Copeland, war 2014 noch ein hofierter Gast von Papst Franziskus im Vatikan. Magister erinnert auch an improvisierte Worte des Papstes, die er zu anderen protestantischen Führern sagte:

„Gott ist mit uns, wohin wir auch gehen, weder weil ich Katholik noch weil ich Lutheraner oder Orthodoxer bin“. Andernfalls wären wir, fügte er hinzu, „in einem theologischen Irrenhaus“.

Auf der offiziellen Internetseite des Heiligen Stuhls, wo diese Aussage veröffentlicht wurde, steht dahinter in Klammern „Gelächter“.

Alle Theologen auf eine Insel schicken

„Weiteres ‚Gelächter‘“, so Magister, „zusammen mit ‚Applaus‘ steht auch hinter folgender Aussage des Papstes: ‚Die Theologen sollen ihre Arbeit machen. Erwarten wir uns aber nicht, daß sie sich einig werden‘.“

Und Magister weiter:

„Franziskus hat es Dutzende Male gesagt: Die gigantischen Glaubensunterschiede, die die christliche Welt trennen, müssen beiseite gelegt werden. Er vertritt eine Ökumene des Machens zugunsten des Friedens zwischen den Völkern.“

Patriarch Athenagoras
Patriarch Athenagoras

Als Voraussetzung für die Glaubenseinheit sei es für ihn schon viel, daß man getauft ist. Für den Rest „setzen wir alle Theologen zum Diskutieren auf eine einsame Insel“.

Diese Aussage Bergoglios wiederholt er oft und schreibt sie dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras von Konstantinopel zu, der 1964 in Jerusalem Papst Paul VI. umarmte. Die Sache hat allerdings einen Haken. Der Satz stammt so ähnlich tatsächlich von Athenagoras, aber in einem etwas anderen Kontext. Der Patriarch äußerte ihn im Gespräch mit Olivier Clément. Das Gespräch wurde 1972 in Buchform unter dem Titel „Dialogues avec le patriarche Athénagoras“ im Verlag Fayard in Frankreich herausgegeben.

Clément: Sie sollen gesagt haben, alle Theologen im Bosporus ertränken zu wollen!

Athenagoras: Das habe ich nie gesagt! Das ist ein Märchen… Ich habe lediglich vorgeschlagen, alle Theologen auf einer Insel zu versammeln. Mit viel Champagner und Kaviar!

Clément: Um sich ihrer zu entledigen, oder um ihnen die Möglichkeit zu geben, unter besseren Bedingungen zu arbeiten? Im übrigen sind sie es nicht gewohnt, mit Champagner zu speisen. Sie sind nicht berauscht, weder vom Champagner noch…

Athenagoras: … noch vom Heiligen Geist! Sie sind ja noch bissiger als ich… Um auf Ihre Frage zu antworten: In einem ersten Moment hätte ich sie auf eine Insel setzen wollen, um ein bißchen Frieden atmen zu können, damit die Christen der verschiedenen Konfessionen sich auf spontane, uneigennützige Weise kennenlernen können, ohne daß ihnen ständig in Erinnerung gerufen wird, daß sie recht und die anderen unrecht haben, und daß sie auf der Hut sein müssen… Inzwischen denke ich, daß man sie auf eine Insel setzen sollte, damit sie gründlich diskutieren können. Der Zeitpunkt ist gekommen.

Clément: Dank der lange Arbeit der ökumenischen Bewegung, dank der tiefen Wiederannäherung mit der Kirche von Rom, deren Initiator Sie waren, herrscht unter den Christen heute ein grundlegendes Vertrauen… Im Grunde ist für Sie die Arbeit der Theologen immer zweitrangig: Sie drückt eine bereits vorhandene, globale Haltung aus: Mißtrauen zur Zeit des Mißtrauens, Übereinstimmung, wenn die Liebe zurückkehrt…

Athenagoras: So ist es.

Dazu Magister: Da Franziskus die Aussage von den Theologen auf der Insel so oft wiederholt, „scheint es, daß er zur ersten der beiden Formen zurückkehren will, die Athenagoras nannte: ‚In einem ersten Moment…‘“

Risiko-Ökumene mit dramatischen Konsequenzen

„Auch diese Ökumene des Machens hat ihre Schmerzen mit dramatischen Konsequenzen in- und außerhalb der katholischen Kirche“, so Magister.

Für die Katholiken ist die Kommunion in der Messe etwas ganz anderes als für die Protestanten in ihrem Abendmahl. Was aber sagt Franziskus in seiner „Ökumene des Machens“ dazu?

„Franziskus sagte vor bald drei Jahren zu einer Lutheranerin auf die Frage, ob sie zusammen mit ihrem katholischen Mann die Kommunion empfangen könne, zuerst ‚Nein‘, dann ‚Ja‘, dann ‚ich weiß nicht‘ und schließlich ‚machen sie es wie sie wollen‘.“

Auf dem Weg zur Kommunion für alle?
Auf dem Weg zur Kommunion für alle?

Die Konsequenz: Keine drei Jahre danach erlaubt die Mehrheit der Bischöfe in Deutschland, wo es zahlreiche interkonfessionelle Ehen gibt, daß beide Ehepartner, auch der nicht-katholische die Kommunion empfangen darf.

Sieben Bischöfe, darunter der Kardinal des bedeutendsten deutschen Bischofssitzes, haben sich an die Glaubenskongregation gewandt, die den Alleingang der anderen Bischöfe blockierte. Die Begründung: Die Bischöfe müßten sich zu einer so heiklen Frage einigen, und zwar nicht nur in Deutschland und nicht nur in der katholischen Kirche, sondern mit allen Konfessionen, die Anteil an der wahren Kirche Jesu Christi haben, also vor allem mit den Orthodoxen. Dieser Hinweis bedeutet soviel wie nie, denn die Orthodoxie ist strikt gegen jede Form von „Interkommunion“, die sie als Abscheulichkeit ablehnen.

Magister erwähnt es nicht: Die deutschen „Interkommunion“-Bischöfe fühlen sich durch Papst Franziskus gedeckt, indem sie ein Signal des Papstes als grünes Licht verstanden. Da Rom auf ihren Alleingang nicht reagierte, können sie sich darin bestätigt fühlen.

Pulverfaß Ukraine

Konfessionelle Verteilung in der Ukraine
Konfessionelle Verteilung in der Ukraine: russisch-orthodox – Moskau (gelb); ukrainisch-orthodox – Kiew (rot); griechisch-katholisch – Rom (blau), zwischen Moskau und Kiew umstritten (grün).

Die Ukraine, so Magister, ist ein weiteres, explosives Terrain der Franziskus-Ökumene. Die Orthodoxen des Landes unterstehen dem Moskauer Patriarchat seit dessen Gründung. Durch die Errichtung eines souveränen, ukrainischen Staates will ein Teil von ihnen sich von Moskau lösen und die Autokephalie anstreben, also eine eigenständige, ukrainisch-orthodoxe Kirche aufbauen. Die mit Rom unierte, ukrainische griechisch-katholische Kirche unterstützt sie tatkräftig. Dabei handelt es sich um jenen Teil der ukrainischen Orthodoxie, der im 16. Jahrhundert in die volle Einheit mit Rom zurückkehrte. Sie machten den Wechsel nicht mit, als Moskau an die Stelle des von den Türken unterworfenen Konstantinopel trat, sondern beriefen sich auf die Kirchenunion von Ost- und Westkirche, die 1439 auf dem Konzil von Florenz erzielt, aber wegen des Türkensturms nie verwirklicht worden war. Das Oberhaupt der Unierten ist Papst Franziskus.

Die ukrainische Autokephalie wird auch vom Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel unterstützt, dem die gesamten Rus einst unterstanden.

Moskau ist aber nicht gewillt nachzugeben. In der Orthodoxie gelten eindeutige Jurisdiktionsbereiche. Jedes Gebiet kann demnach nur einer Jurisdiktion unterstehen, und die hat für die Ukraine seit dem 16. Jahrhundert Moskau. Das ukrainische Selbständigkeitsstreben erhielt seinerseits erst durch die russische Annexion der Krim und den offenen Konflikt an der Ostgrenze wirklichen Schwung.

Und was tat Papst Franziskus? Er stellte sich ohne Wenn und Aber „auf die Seite Moskaus“. Mehr noch: Er tadelte die griechisch-katholischen Christen der Ukraine öffentlich und verlangte von ihnen, sich „nicht einzumischen“.

„Die Ökumene von Franziskus besteht auch daraus“, so Magister.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL/ukrainemarriageguide (Screenshots)



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2 Kommentare

  1. Die Freimaurer haben die Macht und zerstören die katholische Kirche. Erbarme Dich unser!. Die falsche Ökumene ist Greul für Gott Vater. Man muss heute nach Aussagen Bergolios nicht mehr evangeliserien und konvertieren. Was ist das für eine katholische Religion?

  2. Der Ökumenismus-Auftrag des Konzils ist halt nur dann „erfolgreich“ umzusetzen, wenn man sich fortlaufend auf den kleinsten gemeinsamen Nenner „einigt“ und Kompromisse schließt. Da nur die katholische Kirche Interesse zeigt, die protestantischen Denominationen aber hartnäckig „mauern“, muß man beileibe kein Prophet sein, um den weiteren Verlauf zu prognostizieren…

    Was den Papst betrifft, passen seine Äußerungen ins Bild: passiv-aggressiv macht er Glaubenstreue lächerlich. Hier distanziert er sich von Theologen als kleingeistigen „Fachidioten“, die Erbsen zählend untereinander hadern, während er mit den Seinen „Ökumene“ einfach real umsetzt. Er gibt sie bewußt der Lächerlichkeit preis, um sich selbst als weitblickender Religionsführer zu inszenieren, der weiß, worauf es ankommt. Glaube, Dogmen und Kirchenrecht läßt er auffallend häufig als nebensächlichen Kleinkram erscheinen, der von ihm als (peronistisch geprägte) Führergestalt souverän beiseite geräumt wird.

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