Fünf Jahre Papst Franziskus und eine skurrile Medienblüte namens „Kabbala“

„Papstgegnern bleibt nicht mehr viel Zeit“

Papst Franziskus und die Kabbala
Wird Papst Franziskus in seinen „großen Reformen“ für die Kirche von einer geheimen Kommandozentrale von „Konservativen“ und „Traditionalisten“ namens „Die Kabbala“ behindert?

(Rom) Morgen jährt sich zum fünften Mal die Wahl von Papst Franziskus. Zahlreiche Medien erinnern an diesen Datum und versuchen eine Bilanz seines bisherigen Pontifikats zu ziehen. Dazu gehören auch die Medien seiner Heimat Argentinien. Die Tageszeitung Clarín widmete dem Jahrestag in ihrer gestrigen Ausgabe eine Doppelseite. Im Text findet sich eine absonderlich bizarre Stelle:

„Wie ein altgedienter Kurienmitarbeiter gegenüber Clarín sagte, funktioniert bereits eine Koordinationsstelle der Verschwörer, die Die Kabbala genannt wird, ein Begriff, der seinen Ursprung in der mittelalterlichen jüdischen Mystik hat, aber seit Jahrhunderten dazu dient, eine Geheimgruppe zu benennen. Nicht alle Gegner von Bergoglio gehören der Kabbala an, aber jene, die schlimmste Absichten haben. Sie schüren eine schismatische Bewegung in der Kirche. Sie fürchten, sollte der Herr den argentinischen Papst im Amt bewahren, daß es Bergoglio innerhalb von zwei Jahren gelingen wird, die gesamte Machtstruktur der Kirche zu kontrollieren. In den vier Konsistorien, die er einberufen hat, kreierte Franziskus 49 Kardinäle. In diesem und dem kommenden Jahr könnte die Zahl auf 60 steigen, die Hälfte des Wahlkollegiums. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, sagen die Anhänger der Kabbala.“

Eine klassische Räuberpistole

Der Text ist eine klassische Räuberpistole, nicht nur deshalb, weil von der Existenz eines solchen „Geheimbundes“ noch nirgends zu hören war. Den Beweis, daß diese „Geheimgruppe“ blanker Unsinn ist, liefert der Informant gleich selbst. Kein gläubiger Katholik, schon gar kein traditionsverbundener, käme auf die Idee, sich nach einer skurrilen jüdischen Geheimlehre zu benennen. Beim besten Willen nicht. Da ging nicht nur mit dem Clarín-Redakteur Julio Algañaraz die Phantasie durch.

Zutreffend dürfte sein, daß der Informant ein Kurienmitarbeiter ist. Nimmt man die Kontakte und bisherigen Berichte von Algañaraz und Clarín zur Hand, liegt die Vermutung nahe, daß der anonyme Informant aus dem Kreis der Bergoglianer stammt und sich hier als plumper Desinformant betätigte. Die Spekulationen könnten an dieser Stelle noch weitergehen, worauf aber verzichtet werden soll. Damit soll offenbleiben, wie hoch dieser Informant im päpstlichen Umfeld angesiedelt ist: Ob es sich nur um einen Wichtigtuer oder um den Beginn einer neuen Schwarzen Legende handelt, die gezielt in Umlauf gesetzt werden soll. Das wird sich zeigen.

Der Priestermangel in Amazonien und der Zölibat

Bemerkenswert ist, daß Algañaraz im Absatz zuvor über den Priestermangel in Amazonien und in diesem Zusammenhang von einer „seit Jahren in Brasilien“ kursierenden Idee berichtete, eine „Tradition der frühen Christen“ wiederaufleben zu lassen und „viri probati“ (sprich verheiratete Männer „mit Familie“) auf „außerordentliche“ Weise zu weihen, damit sie „die Sakramente spenden und andere priesterliche Dienste ausüben können“. Der Clarín-Journalist weiter:

„Der Umfang dieser Dienste soll vom Synodendokument“ der Amazonassynode festgelegt werden.

Fünf Jahre Papst Franziskus
Fünf Jahre Papst Franziskus

Was Algañaraz positiv darstellt kehrt er im nächsten Satz in sein dialektisches Gegenteil, um Franziskus-Kritiker anzugreifen. Es könne sein, daß die Kritiker von Franziskus „eine neue Waffe“ gefunden haben, um Papst Bergoglio „anzugreifen“, so der Journalist, indem sie ihm vorwerfen, „ein Feind des Pflichtzölibats“ zu sein, „obwohl sich Franziskus immer gegen einen Wahlzölibat ausgesprochen hat“.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, ob sich Algañaraz über seine Leser lustig macht. Entweder will Papst Franziskus in Amazonien den Zölibat abschaffen und ein neues Priestertum installieren, oder er will den Priesterzölibat beibehalten. Entweder oder.

Oder will Algañaraz behaupten, wie manche schon länger vermuten, daß Papst Franziskus auf das Weihesakrament anwenden will, was er schon auf das Ehesakrament anwendet? Dort lautet das Mantra: Die Ehe ist selbstverständlich weiterhin unauflöslich – manche aber eben doch. Das neue Mantra könnte lauten: Der Zölibat ist selbstverständlich für das römisch-katholische Priestertum weiterhin verpflichtend – für manche aber nicht mehr.

Papst Franziskus: Parallelen und Vergleiche

Die Parallele zum Geheimzirkel von Sankt Gallen „Die Mafia“ ist zudem verblüffend. Der Unterschied allerdings auch. Die Existenz dieses Geheimzirkels und die Selbstbezeichnung als„Die Mafia“ wurde von einem Mitglied enthüllt, und das ganz öffentlich. „Die Kabbala“ wirkt nach einer Art Retourkutsche und stellt bis zum Beweis des Gegenteils eine Unterstellung dar. Einige Bergoglianer fielen bereits in der Vergangenheit mit ziemlich skurrilen Argumentationen auf.

Interessant an der Meldung ist, daß Medien, auch Clarín, in der Vergangenheit, als noch andere Päpste in Rom regierten, Behauptungen, es gebe in der Kirche eine organisierte Verschwörung gegen das Pontifikat von Johannes Paul II. und von Benedikt XVI., als Hirngespinste abgetan haben. Doch Herbst 2015 bestätigte Kardinal Goodfried Danneels die Existenz einer solchen Verschwörung: die Sabotage des Pontifikats von Johannes Paul II. und die Verhinderung der Wahl von Benedikt XVI. Damals waren beide Pontifikate, gegen die sich die Verschwörung gerichtet hatte, bereits zu Ende.

Interessant ist schließlich auch der unterschiedliche Umgang bestimmter Medien mit dem päpstlichen Hofstaat. Angehörige desselben wurden besonders unter Benedikt XVI., das ist noch nicht so lange her, als Kamarilla und Hofschranzen verspottet, bestenfalls belächelt. Ganz anders unter Papst Franziskus. Angehörige der päpstlichen Entourage, darunter auch einige aus Argentinien, genießen in zahlreichen Redaktionen höchstes Ansehen, selbst dann, wenn sie hanebüchenen Unsinn von sich geben, der selbst unbedarften Journalisten auffallen müßte.

Tatsache ist eine Sorge, die sich in der Kirche ausbreitet

Tatsache ist, daß Papstkritiker besorgt sind. Das hat mit den Ansichten des Papstes zu tun, aber auch mit seinem Umgang mit der Macht in der Kirche. Er übt dieses nicht nur mit ungewohnter Konsequenz auf. Er zielt auf „irreversible“ Zustände, die das Ende seines Pontifikats überdauern sollen. Das sagen nicht anonyme Informanten oder „kabbalistische“ Verschwörer, sondern enge Mitarbeiter von Papst Franziskus.

Tatsache ist, daß der Widerstand gegen Papst Franziskus auf internationaler Ebene wächst, wovon sich jeder Beobachter auch ohne vatikanischen „Informanten“ überzeugen kann. Der Grund? Weil Franziskus wie eine Getriebener immer neue Baustellen auftut und den Bogen überspannen könnte.

Das Clarín-Geschwätz erinnert an die Gerüchteküche der wenig seriösen Seite Dagospia, die bereits im Oktober 2015 von einer „seltsamen Allianz“ zwischen einem Teil von Franziskus-Wählern und den „konservativen“ Franziskus-Kritikern berichtete. In der Tat eine so „seltsame Allianz“, daß sich bis heute keine Spur davon findet. Ebensowenig wie von einer gegen Papst Franziskus agierenden, geheimen Kommandozentrale in der katholischen Kirche namens Kabbala.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Clarín (Screenshot)



Katholisches wird immer für den Leser kostenlos bleiben. Damit das Magazin Tag für Tag mit neuen Artikel weiterhin erscheinen kann sind Zuwendungen notwendig: Unterstützen Sie bitte Katholisches mit einer Spende.
Zuwendungsübersicht



Print Friendly, PDF & Email

2 Kommentare

  1. Hat der Kurienmitarbeiter vielleicht Tikkun Olam mit Kabbala verwechselt. Tikkun Olam ist das Bestreben der Juden, die Jesus als Messias leider immer noch nicht erkannt haben, die diesseitige Welt zu verbessern. Der Papst kümmert sich sehr um die diesseitige Welt (UNO, Umwelt, Klimakonferenz, Ränder, Arme etc.)

  2. Ich weiß nicht, ob hier nicht zu viel hineininterpretiert wird.
    „Kabbalah“ kann in romanischen Sprachen auch einfach ein umgangssprachliches Wort für „Verschwörung“ oder „Hintergehen“ sein, wie wir es auch im Deutschen aus dem Titel von Schillers Stück „Kabale und Liebe“ kennen. Das der Papst eine „Verschwörung“ gegen sich fürchtet, ist nachvollziehbar.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*