Erzbischof Luigi Negri

Die Kirche hat sich dem Islam und der Linken gebeugt

Erzbischof Negri, ein bestimmter Teil der Kirche will sich für ein Pöstchen mit dem „Säkularismus“ arrangieren.
Erzbischof Negri, ein bestimmter Teil der Kirche will sich für ein Pöstchen mit dem „Säkularismus“ arrangieren.

(Rom) „Die Kirche hat sich dem Islam und der Linken gebeugt.“ Dies sagte Erzbischof Luigi Negri in einem am Dienstag veröffentlichten Interview. Negri war bis zum 15. Februar 2017 Erzbischof von Ferrara-Comacchio und Titularabt von Pomposa. Kurz nachdem er das 75. Lebensjahr vollendet hatte, wurde er trotz guter Gesundheit von Papst Franziskus emeritiert. Dabei gilt er als einer der herausragenden Vertreter des Episkopats. Ob er trotzdem oder deshalb emeritiert wurde, darüber gehen die Meinungen auseinander. Seiner Emeritierung war eine schmutzige Kampagne unsichtbarer Gegner vorausgegangen, die seine vorzeitige Entfernung aus dem Amt zum Ziel hatte. Als einer der Gründer der Online-Tageszeitung La Nuova Bussola Quotidiana schuf Erzbischof Negri eine wichtige Stimme im katholischen Medienbereich. Das Interview führte Pietro Senaldi und wurde von der Tageszeitung Libero veröffentlicht.

Was funktioniert nicht in der Kirche?

Libero: Was funktioniert nicht in der Kirche, Monsignore?

Erzbischof Negri: Seit zwei Jahrhunderten ist im Westen eine tiefe antireligiöse Tendenz zu spüren, die Ausdruck des Rationalismus und der laizistischen Aufklärung ist. Diese Richtung des Denkens, aber auch der Tat, tritt als vorherrschendes Einheitsdenken auf, wie auch Papst Franziskus in den ersten Momenten seines Pontifikats beklagte. Der Mensch hat inzwischen ein Verständnis von sich und seiner intellektuellen, moralischen, technischen und wissenschaftlichen Macht als einzigem Maßstab der Welt gewonnen und eine Gesellschaft geschaffen, die unempfindlich für die religiöse Frage ist.

Libero: Wir stehen am Jahresbeginn und die christlichen Festtage sind soeben zu Ende gegangen: Was wünschen Sie den Gläubigen und den Nicht-Gläubigen für 2018?

Erzbischof Negri: Ich wünsche, daß der Glaube wieder die Gesellschaft durchdringt und den Menschen von heute den tieferen Sinn ihrer Existenz zurückgibt.

Libero: Sind Sie da optimistisch?

Erzbischof Negri: Nicht sonderlich, weil die Kirche in den vergangenen Jahrzehnten, trotz des außergewöhnlichen Lehramtes des heiligen Johannes Paul II. und von Benedikt XVI., eine Richtung eingeschlagen hat, die sie veranlaßt, vor den sich ausbreitenden, antichristlichen Kräften zu kapitulieren. Sie gibt der vorherrschenden Mentalität nach und begnügt sich mit der Flucht in eine Art Reservat, das in den zurückliegenden Jahrhunderten schon vielen anderen religiösen und kulturellen Minderheiten aufgezwungen wurde.

Papst Franziskus als Fahnenträger des Mainstream?

Libero: Papst Franziskus hat das Einheitsdenken beklagt, aber scheint er nicht manchmal dessen Fahnenträger?

Erzbischof Negri: Papst Franziskus wird vom vorherrschenden Denken instrumentalisiert, und seine anfängliche Anklage verliert an Kraft. Heute herrscht ein stillschweigendes Einvernehmen zwischen einem bestimmten Christentum und der laizistischen Gesellschaft, der die Kirche nicht mehr in der Lage zu sein scheint, nein zu sagen, was meines Erachtens aber absolut notwendig wäre.

Libero: Sollte man statt Einvernehmen nicht besser von einem Versuch sprechen, die Gesellschaft aufzufangen?

Erzbischof Negri: Um eine Gesellschaft wie jene, in der wir leben, auffangen zu können, ist es notwendig, die Welt mit einem essentiellen Angebot für alle Menschen unserer Zeit zu erreichen. Der Glaube wird nicht über die Medien kommuniziert. Es ist also kein Problem der Strukturen oder der Organisation. Der Glaube wird durch das Zeugnis von Herz zu Herz kommuniziert. Das ist ein Ereignis der Gnade und nicht eine Meldung für die Hauptnachrichten.

Haben Kirchenvertreter Probleme, Zeugnis für Christus zu geben?

Libero: Gibt es bei den Kirchenvertretern ein Problem der Zeugenschaft für Christus?

Erzbischof Negri: Was die Kommunikation schwierig macht, ist mit Sicherheit nicht mangelnde moralische Kohärenz: Die Kirche hat sich in ihrer Geschichte immer von moralischen Skandalen erholt.
Die heutige Frage ist viel ernster. Die aktuelle Inkohärenz, von der die Kirche betroffen ist, ist ideeller Natur.
Man neigt dazu, sich mit dem Säkularismus einzulassen, um sich ein Plätzchen zu sichern und aus der Katholizität fast ein folkloristisches Element zu machen, das die atheistische Gesellschaft nicht mehr stören soll.

Libero: Wie kann die Katholizität Aktualität gewinnen und auch Nicht-Gläubige ansprechen?

Erzbischof Negri: Sie muß sich wieder die Hände schmutzig machen und in der Welt leben, wo die Menschen Probleme haben und sich schwertun, und sie darf sich nicht vor Konflikten fürchten. Wie Jean Guitton, eine der außergewöhnlichsten, katholischen Persönlichkeiten, sagte, ist es der Glaube, der die Welt zu beurteilen hat und nicht umgekehrt, wie es heute der Fall ist. Die Katholizität hat eine große soziale Berufung, die ihre Wurzeln in der Eucharistie und ihren Ausdruck in einer neuen, sozialen Gemeinschaft hat. Heute ergehen sich viele Laien im Lob für die kirchlichen Autoritäten und die Kirchenspitze, behandeln sie aber dann wie ein Produkt ihres großen, globalen Magic Shop und nehmen sich, was ihnen gerade nützlich ist.

Die Einwanderungsfrage und der Islam

Libero: Warum befindet sich der Islam, im Gegensatz zur Katholizität, nicht in der Krise?

Erzbischof Negri: Im Unterschied zum Christentum, das die Freiheit des Menschen und seine Integrität so betont, daß er im Glauben zum Partner Gottes wird, spielt die Person im Islam keine Rolle. Der Muslim zählt nur im sozialen und politischen Kontext, in dem er lebt. Nicht von ungefähr breitet sich der Islam unter den Schwachen aus, die eine Autorität brauchen, um sich beschützt zu fühlen. Ein anderer, besorgniserregender Aspekt ist seine Neigung, die Werte der westlichen Zivilisation umzustürzen, an erster Stelle die unumstößliche Unterscheidung von Politik und Religion, die von Papst Benedikt XVI. mehrfach betont wurde, und die mir einer der besten Aspekte unserer Verfassungen scheint. Im Islam treten die religiösen Autoritäten auch als zivile Autoritäten auf, halten die Justiz in Händen und erlassen Fatwas, die auch die Todesstrafe bedeuten können. Und das alles, ohne daß man mit Klarheit die Grundlagen dieser sozialen Autorität erkennen könnte. Erschwerend kommt das Fehlen einer einheitlichen Interpretation der religiösen Texte hinzu.

Erzbischof Luigi Negri, Interview der Tageszeitung Libero
Erzbischof Luigi Negri, Interview der Tageszeitung Libero

Libero: Was denken Sie über die Einwanderungsfrage?

Erzbischof Negri: Die Integration muß vernünftig erfolgen. Man kann nicht die Tore öffnen, als würde es sich um ein Fest handeln und ohne die menschlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Kosten in Rechnung zu stellen. Das ist, als würde man ideologischen Qualunquismus betreiben. Ich bin katholisch und deshalb bin ich dafür, den Anderen anzunehmen. Das kann aber nicht ohne Maß geschehen, sonst führt das zum Erdrücken und zur Vernichtung unserer Gesellschaft. Das ist nicht der Weg, mit dem das christliche Europa im Laufe der Jahrhunderte die neuen Faktoren integriert hat, die dann zu seinem Reichtum beigetragen haben.

Libero: Sie stimmen also Bergoglio bei diesem Thema nicht zu?

Erzbischof Negri: Der Papst hat die wichtige und außerordentlich effiziente Funktion, uns die Angst vor dem Anderen zu nehmen und uns die Öffnung als eine notwendige Dimension des christlichen Lebens begreifen zu lassen. Zugleich kommt aber den staatlichen Institutionen die Aufgabe zu, wie der große Kardinal Biffi uns gelehrt hat, die Bedingungen zu schaffen, daß die christliche Zivilisation nicht im eigenen Haus ins Exil gedrängt wird.

Die Botschaft kommt nicht rüber

Libero: Sind Sie aber nicht der Meinung, daß diese Botschaft nicht klar rüberkommt?

Erzbischof Negri: Die Kirche und die Gläubigen müssen ihre Verantwortung für die Verteidigung Christi gegen Manipulationen übernehmen. Wir müssen zum Kampf gegen die vorherrschende Ideologie zurückkehren, von der Benedikt XVI. gesprochen hat.

Libero: Es waren aber auch Priester, die Flüchtlinge in die Krippe gestellt haben.

Erzbischof Negri: Das zu tun, ist ein Irrtum und eine falsche Mystifizierung. Sogar Cacciari1)Massimo Cacciari, Philosoph, Linksintellektueller, von 1976–1983 Parlamentsabgeordneter für die Kommunistische Partei  und als unabhängiger Linker von 1993–2000 und von 2005–2010 Bürgermeister von Venedig. sagt, daß die Verteidigung der Weihnachtskrippe mit der Verteidigung der Authentizität des christlichen Angebots zusammenfällt. Die Geschichte Jesu, geboren zu Bethlehem aus Maria, ist real. So ist sie zu feiern und nicht als Mythos, der zu „kontextualisieren“ und zu manipulieren ist, wie es bestimmte „Intellektuelle“ tun. Die Verteidigung von Weihnachten durch Papst Franziskus gegen seine Entartung im Namen eines falschen Respekts vor jenen, die nicht Christen sind, wie es in Kindergärten und in den Schulen der Fall ist, wo Weihnachten nicht mehr als christliches Fest gefeiert werden darf, war grandios. In den vergangenen Wochen schien es ja fast so, als würden wir das Fest des Migranten und nicht die Geburt Christi feiern.

Libero: Wie kann es sein, daß die Kirche nicht imstande ist, die Botschaft von Franziskus gegen Instrumentalisierungen zu verteidigen?

Erzbischof Negri: Wenn die Christenheit schwach ist, ist sie nicht imstande, die Worte des Papstes zu verstehen. Derzeit ist ein verzerrtes Verständnis von katholischer Solidarität verbreitet, das sich nur um die sozialen Probleme kümmert, die umgehend mit den Lösungen gelöst werden sollen, die von der vorherrschenden Mentalität diktiert werden, anstatt mit jenen unserer eigenen Identität. Nur wenn man eine starke, eigene Identität hat, kann man sich dem Nächsten öffnen. Die Kirche muß umkehren und sich wieder der eigenen Identität bewußt werden.

Allgemeinwohl mit Wohlstand verwechselt

Libero: Welchen Nutzen hätte das Einheitsdenken davon, so massiv auf Einwanderung zu bestehen?

Erzbischof Negri: Weil diese zur Vereinheitlichung führt, die zum Beispiel für die große, globalisierte Wirtschaft nützlich ist, zu deren Zielen die Reduzierung der Lohnkosten durch Schaffung eines Niedriglohnsektors durch Einwanderer gehört.
Kardinal Caffarra sagte, daß die Wahrheit zur Meinung, die Gerechtigkeit zur Stimmungsjustiz und das Allgemeinwohl zum Wohlstand geworden ist.

Libero: Sind Sie für das Ius soli?

Erzbischof Negri: Ich bin dagegen, daß daraus ein nicht in Frage zu stellender Wert gemacht wird, den man der christlichen Welt ohne eine angemessene Diskussion aufzwingt. Die Staatsbürgerschaft ist für eine Gesellschaft ein kostbares Gut, das nicht einfach zu gewähren ist.

Libero: Was sagen Sie denen, die Bergoglio beschuldigen, ein Kommunist zu sein?

Erzbischof Negri: Ich antworte ihnen, daß er kein Kommunist ist. Er ist Südamerikaner und daher anders als wir Europäer, die wir einer mehr synodalen und einvernehmlichen Leitung der Kirche zuneigen.

„Scheinen ihnen zwei Päpste nicht schon genug?“

Libero: Sind Sie gegen die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene?

Erzbischof Negri: Sie kann nicht automatisch gewährt werden. Ich bin gegen die Verwirrung, weshalb ich eine päpstliche Klärung wünschen würde. Die Christenheit hat weder in die eine noch in die andere Richtung integralistisch zu sein. Papst Benedikt XVI. legte uns nahe, lebendige, aktive und gewinnende Laien zu schaffen.

Libero: Sind Sie noch immer überzeugt, daß er zum Rücktritt gezwungen wurde?

Erzbischof Negri: Darüber wurde alles mögliche geschrieben. Ich beabsichtige nicht, die Verwirrung zu fördern. Ratzinger hatte seine demütige und sehr große Präsenz. Er präsentierte den Glauben als Änderung des Lebens, das war für das vorherrschende Einheitsdenken inakzeptabel. Im Kern geht es darum, daran zu erinnern, daß das Christentum ein Lebensereignis ist, das von der Gnade Christi geschenkt und vom Menschen in Freiheit angenommen wird. In den 15 Jahren meines Episkopats war es meine Absicht, allein diesem ständigen Erwachen des Glaubensereignisses im Herzen des Menschen zu dienen und es auf dem Weg einer tiefen Identifikation im Geheimnis der Kirche und ihrer Mission zu begleiten.

Libero: Es geht das Gerücht um, daß auch Bergoglio zurücktreten wird.

Erzbischof Negri: Scheinen Ihnen zwei Päpste nicht schon genug?

Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: MiL

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1. Massimo Cacciari, Philosoph, Linksintellektueller, von 1976–1983 Parlamentsabgeordneter für die Kommunistische Partei  und als unabhängiger Linker von 1993–2000 und von 2005–2010 Bürgermeister von Venedig.

4 Kommentare

    • Da möchte ich Ihnen zustimmen. Hat man die Überschrift gelesen würde man da viel mehr erwarten. Ein Interview das erklärt und beschwichtigt aber keine wirkliche klare Positionierung wiedergibt. Bes. den Komplex betreffend der Masseneinwanderung „Öffnung/Angst vor dem Anderen“ kann man als sehr enttäuschend betrachten. Es wird indirekt suggeriert als ob Papst Bergoglio eigentlich es nicht so schlecht meine man aber ihn nicht richtig verstehen würde (das ist übrigens die typische Weise wie man päpstliche Politik der letzten 60 Jahre „erklärt“ wenn sie sich diametral von den Positionen der alten Päpste durch die Jahrhunderte unterscheidet). So argumentieren meist linke, progressive Zirkel, welche konservative Gläubige bzw. Kräfte schelten und mit Hinweis auf Bergoglio „Furcht“ (welche ja nicht unbegründet ist) per se verurteilen. Ohne diese „Furcht“ gäbe es noch viel mehr Opfer und Geschädigte angesichts dieser verantwortungslosen open border Agenda. Diese „Furcht“ ist geradezu überlebenswichtig, da kirchliche und weltliche Autoritäten im Gleichklang diesen „Anderen“ den Kontinent ausliefern.

  1. Richtig. Bergoglio als großartiger Verteidiger Weihnachtens? Na bitte. Und die Kirche als Fürsprecherin für „Integration“ dh für Bevölkerungsaustausch? Schon ein wenig platt.

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