Das Zweite Vatikanische Konzil und die Apostasie

Kardinal Oddi über das Dritte Geheimnis von Fatima

Fatima, 13. Juli 1917: „Mein Unbeflecktes Herz wird triumphieren.“
Fatima, 13. Juli 1917: „Mein Unbeflecktes Herz wird triumphieren.“

Von Wolfram Schrems*

Die deutsch-amerikanische Autorin Dr. Maike Hickson veröffentlichte unter diesem Titel auf der qualitätsvollen katholischen Seite OnePeterFive am 28.11.17 einen äußerst bemerkenswerten Bericht zu einem Interview, das Kardinal Oddi im Jahr 1990 gegeben hatte. Darin geht es um Fatima und das Dritte Geheimnis. Offenbar erregte das Interview damals nicht die Aufmerksamkeit, die ihm zusteht.  Auf dem Hintergrund der unglaubwürdigen Veröffentlichung der Glaubenskongregation mit dem irreführenden Namen „Die Botschaft von Fatima“ vom 26. Juni 2000 und der sich rapide beschleunigenden Revolution in der Kirchenhierarchie ist der Bericht von großer Relevanz.

Dieser soll hier weitgehend vollständig wiedergegeben und im Anschluß kommentiert werden (Resümee). Die Zwischentitel stammen von mir.

*

Kardinal Silvio Oddi – ein Zweifler an der vatikanoffiziellen Version von Fatima

Kardinal Silvio Oddi
Kardinal Silvio Oddi

Kardinal Silvio Oddi, der im Jahr 2001 verstarb, war einer der offenherzigsten konservativen Prälaten seiner Zeit. Er hat auch einen besonderen Platz in der Geschichte der Debatte über die Botschaft von Fatima, da er mehrfach versuchte, Papst Johannes XXIII. zur Veröffentlichung des Dritten Geheimnisses von Fatima zu bewegen. Die britische Zeitung The Telegraph berichtete anläßlich seines Todes:

„In noch einem unvorsichtigen Interview, das 1990 veröffentlicht wurde, sprach Kardinal Oddi über seine Beziehung zu Johannes XXIII. Als er in den frühen 1960er Jahren dessen Sekretär war, sagte er dem Papst: ‚Heiliger Vater, es gibt eine Sache, wegen der ich Ihnen nicht vergeben kann.‘ Der Papst war überrascht und fragte, worum es sich handelte. Oddi antwortete, daß er das Dritte Geheimnis von Fatima nicht enthüllt hatte, das die Jungfrau Maria 1917 drei portugiesischen Kindern anvertraute und das 1960 veröffentlicht hätte werden sollen. ‚Sprechen wir nicht darüber‘, antwortete der Papst. Oddi sagte, er habe schon an die Hundert Predigten und Reden zu diesem Thema gehalten. ‚Ich habe Ihnen gesagt, nicht darüber zu sprechen‘, sagte der Papst.“

Als ich vor kurzem in einer anderen Angelegenheit die Archive meines Ehemannes Dr. Robert Hickson durchsah, fand ich zufällig einen Ordner zur Fatima-Debatte. Dort war ein berühmtes Interview zu finden, das Kardinal Oddi im April 1990 dem internationalen Monatsmagazin 30 Tage gegeben hatte. Da das Interview auf der Netzseite des Journals nicht greifbar ist, zitiere ich folgenden aus der Druckausgabe aus dem Archiv meines Mannes (…).

Papst Johannes XXIII. und das Dritte Geheimnis – Geschichte einer Verdrängung

Kardinal Oddi, Sekretär von Erzbischof Angelo Giuseppe Roncalli (später Papst Johannes XXIII.), als dieser apostolischer Nuntius in Paris war, sagte in dem Interview von 1990, daß er nicht glaube, daß das damals noch unveröffentlichte Dritte Geheimnis hauptsächlich von den Entwicklungen in Rußland handeln würde, von Gorbatschow und seiner Perestroika u. dgl. Auf die Frage, ob er mit der „russischen These“ zum Dritten Geheimnis übereinstimme, antwortet er:

„Nein, im Gegenteil, ich bleibe sehr skeptisch. Ich glaube, ich kannte Johannes XXIII. ziemlich gut, da ich einige Jahre an seiner Seite verbrachte, als er an der Nuntiatur in Paris war. Wenn das Geheimnis für die Kirche tröstliche Tatsachen betroffen hätte, wie etwa die Bekehrung Rußlands oder die religiöse Wiedergeburt von Osteuropa, dann glaube ich, daß er Druck ausgeübt hätte, das Geheimnis zu veröffentlichen. Von seinem Naturell her zögerte er nicht, erfreuliche Dinge zu erzählen (es wurde bekannt, daß Kardinal Roncalli in Briefen an Freunde praktisch seine Wahl zum Papst angekündigt hatte). Aber als ich ihn bei einer Audienz fragte, warum er im Jahr 1960, als die Verpflichtung das Geheimnis unter Verschluß zu halten erloschen war, den letzten Teil der Fatimabotschaft nicht publik machte, antwortete er mit einem müden Seufzen. Er sagte dann: ‚Äußern Sie sich mir gegenüber nicht mehr zu diesem Gegenstand, bitte…‘“

In demselben Interview erklärt Kardinal Oddi seine eigene Theorie zum Inhalt des Dritten Geheimnisses von Fatima:

„Was geschah 1960, das man in einem Zusammenhang mit dem Fatimageheimnis sehen könnte? Das wichtigste Ereignis ist zweifellos die Eröffnung der Vorbereitungsphase des Zweiten Vatikanischen Konzils. Daher wäre ich nicht überrascht, wenn das Geheimnis etwas mit der Einberufung des II. Vaticanums zu tun hätte.”

Auf die Frage, warum er das sage, antwortete Oddi:

„Aus der Haltung, die Papst Johannes während unserer Unterhaltung zeigte, schloß ich – aber das ist nur eine Hypothese –, daß das Geheimnis einen Teil enthalten dürfte, der einen eher unangenehmen Klang haben könnte. (…)“

Zum Abschluß seiner eigenen Überlegungen über den möglichen Inhalt des Dritten Geheimnisses von Fatima ergänzt Kardinal Oddi:

„Ich wäre nicht überrascht, wenn das Dritte Geheimnis auf dunkle Zeiten für die Kirche anspielen würde: schwere Verwirrungen und beunruhigende Apostasien innerhalb des Katholizismus selbst… Wenn wir die schwere Krise erwägen, die wir seit dem Konzil erleben, dann scheint es an Zeichen, daß diese Prophetie erfüllt wurde, nicht zu fehlen.“

Papst Benedikt XVI. – Zickzackkurs beim Thema Fatima

[Maike Hickson kommt dann auf das Interview, das der damalige Kardinal Joseph Ratzinger 1984 dem Magazin Jesus gab, zu sprechen. Es wurde auf dieser Seite schon erwähnt. WS]

In diesem Interview antwortet der Kardinal auf die Frage, warum das Dritte Geheimnis noch nicht veröffentlicht worden ist, wie folgt:

„Weil es nach dem Urteil der Päpste nichts dem hinzufügt, was ein Christ aus der Offenbarung wissen muß: ein radikaler Ruf zur Umkehr, die absolute Wichtigkeit der Geschichte, die Gefahren, die den Glauben und das Leben des Christen und damit der Welt gefährden. Und dann die Wichtigkeit der „novissimi“ (der letzten Dinge am Ende der Zeit). Wenn es nicht veröffentlicht wird – zumindest vorläufig –, dann deswegen, um zu verhindern, daß religiöse Prophetie mit der Sucht nach dem Sensationellem verwechselt wird. Aber die Dinge, die in diesem ‚Dritten Geheimnis‘ enthalten sind, entsprechen dem, was in der hl. Schrift angekündigt wird und was immer wieder in anderen Marienerscheinungen ausgesagt wird, vor allem in der von Fatima selbst, nämlich was bezüglich deren Inhalt schon bekannt ist. Umkehr und Buße sind die grundlegenden Bedingungen für die Erlösung.“

Da wir sehen, wie unser geschichtlicher katholischer Glaube Tag für Tag geschwächt, gemindert und unterminiert wird, wobei das oft im Namen des „Geistes des Konzils“ geschieht und oft von hochrangigen Kirchenleuten selbst betrieben wird, können wir uns dem nicht entziehen, was Kardinal Oddis eigene, wohldurchdachte Theorie zum Dritten Geheimnis war. Das Dritte Geheimnis, genauer gesagt die Vision, wie wir es nun im Jahr 2000 angeblich vollständig enthüllt vor uns haben, erklärt uns weder die Gefahr des Glaubensabfalls noch die anderen Gefahren, die den Glauben bedrohen.

*

Soweit Maike Hickson.

Resümee

Dieser Bericht von Maike Hickson ist hochbrisant. Er zeigt, daß die vatikanoffizielle Darstellung von Fatima seit Papst Johannes XXIII. nicht von allen Kirchenmännern geglaubt wurde und wird. Zu widersprüchlich sind die Aussagen, zu brutal der Konformitätsdruck. Was der damalige Kardinal Ratzinger in dem Interview 1984 gesagt hatte, wiederholte er nach recherchierbarem Kenntnisstand niemals. Warum? Warum ist von dem, was er in dem Interview sagte, nämlich vom Glauben und den Gefahren, die ihn bedrohen, in der Erklärung der Glaubenskongregation vom 26.06.2000 überhaupt nicht die Rede? Das paßt nicht zusammen.

Kardinal Oddi hat nach eigener Angabe sehr oft von Fatima gesprochen. Heute hört man sehr wenig davon, und wenn, dann fast nur im Sinne der vatikanoffiziellen Politik. Darum sind auch die offiziellen Fatima-Apostolate so gut wie wirkungslos. Denn wozu soll man sich an einer Botschaft ausrichten, deren Bedeutung nach der Erklärung der Glaubenskongregation von 2000 ja mittlerweile der Vergangenheit angehört? Papst Benedikt XVI. widersprach dem zwar zehn Jahre später, aber es wurden keinerlei Konsequenzen gezogen.

Die Politik der Kirchenautoritäten bezüglich Fatima läßt genau das vermuten, was zu verbergen sie versuchen, nämlich daß die Apostasie des 20. Jahrhunderts in der Hierarchie begonnen hat. Diese erhält durch die Entscheidungen von Papst Franziskus immer stärkere Dynamik. Es ist höchst an der Zeit, daß die Hirten der Kirche und die Laien, je nach ihrer Zuständigkeit, dagegen Widerstand einlegen und ihr Leben im Sinne der Botschaft Unserer Lieben Frau von Fatima ausrichten.

Besonders dringend ist jetzt Papst emeritus Benedikt XVI. um klärende Worte angefragt. Denn der skandalöse Zustand einer Art Konfinierung im Vatikan nach einer höchst zweifelhaften „freiwilligen“ Amtsniederlegung bei gleichzeitiger Beibehaltung der päpstlichen Insignien (Fischerring, weiße Soutane) ruft nach einer Klärung. Nach menschlichem Ermessen kann nur Papst emeritus Benedikt die verworrene Situation der Kirche und seiner Selbst entwirren.

Es sollte rasch geschehen.

Post scriptum: ein dringendes Gebetsanliegen

Neben der Bitte um das Gebet in den Anliegen, die sich aus dem Gesagten ergeben, seien die Leserinnen und Leser von Katholisches.info auch um das Gebet für den Ehemann von Maike Hickson ersucht, der überraschend von akut lebensbedrohlichen gesundheitlichen Problemen heimgesucht worden ist.

*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro-Lifer

Bild: OnePeterFive/Wikicommons

Katholisches wird immer für den Leser kostenlos bleiben. Damit das Magazin Tag für Tag mit neuen Artikel weiterhin erscheinen kann sind Zuwendungen notwendig: Unterstützen Sie bitte Katholisches mit einer Spende.
Zuwendungsübersicht

ANZEIGE

FalkMedien liefert jedes Buch! - Recherche mit dem Verzeichnis Lieferbarer Bücher.


FalkMedien liefert jedes neue Buch versandkostenfrei ohne Mindestbestellwert.

Kostenfreie Hotline: 0800-2824325 / Mo. - Fr.: 8-16:30 Uhr

HIER KÖNNEN SIE WERBEN »
Print Friendly, PDF & Email

8 Kommentare

  1. War es Hochmut weshalb die Päpste seit 1960 geschwiegen und das Gottesvolk etwas vorgespiegelt haben? Hatten sie Angst oder wussten sie es vielleicht besser als die Gottesmutter? Haben sie Ihre Botschaft einfach nicht glauben wollen?

    Mittlerweile sind die Kirchen fast leer und zahlen die verwirrte Schäflein ein schweres Los..

    Der Rauch Satans ist nicht nur eingedrungen, Ihre Kirche brennt.
    Um unserer Kinder willen: bitte Papst Benedikt, sagen Sie uns doch die ganze Wahrheit.

  2. Wenn die Mutter Gottes keine Lobeshymnen über das letzte Konzil gesungen hat dann zählt sie zu den Traditionalisten und das geht schon mal gar nicht denn schließlich hat der Konzilsgeist alle Türen und Fenster der Heiligen Kirche aufgerissen um die frische Luft von Sodom und Gomorrha hineinzulassen. Wie war das noch mit dem Rauch Satans? Jedenfalls wird am Ende ihr unbeflecktes Herz triumphieren ob es gewisse Spezialisten in der Kirche passt oder nicht.
    Per Mariam ad Christum.

  3. Ich könnte mir vorstellen, dass das 3. Geheimnis viel schwerer ist, als dass nur der Rauch Satans in die hl. Kirche eingedrungen ist. Das ist fatal, aber niemand oder eine Personengruppe wird direkt angesprochen, eine globale Aussage. Es lässt vermuten, dass evtl. das Oberhaupt, also der Papst, selbst betroffen ist. Falls das 3. Geheimnis eine Botschaft enthält, dass z. B. Satan sich selbst an die Spitze der hl. Kirche setzt, wäre jeder Papst sofort verdächtigt und hätte Probleme sich zu beweisen, man würde ihn evtl. nicht mehr ernst nehmen. Davor hätte jeder Angst und würde dies nicht verkünden.

  4. Wenn Russland wieder katholisch geworden wäre dann hätte sich das Kräfteverhältnis in dieser Welt massiv verschoben. Panik außerhalb und innerhalb der Kirche. Ich kann mir gut vorstellen das selbst Luzifer über eine Weihe Russlands an das Herz Mariens kurz vor dem Nervenzusammenbruch stand.
    Per Mariam ad Christum.

  5. Guter Artikel.

    Ich denke, es gibt zwei grundsätzliche Punkte zu bedenken.

    1. Der Artikel der Zeitung Novidades aus Lissabon vom 9.2.1960 in dem es als Begründung für die Entscheidung, den 3. Teil des Geheimnis nicht zu veröffentlichen sinngemäß heißt, ~obwohl die Kirche die Erscheinungen von Fatima anerkennt, möchte sie nicht dafür einstehen, die Wahrheit der Worte zu garantieren, welche die drei Hirtenkinder behaupten, von unserer Frau gehört zu haben.

    Nun, diese Haltung scheint die Kirche bis auf den heutigen Tag beibehalten zu haben, denn in der Veröffentlichung von 2000 sind keine Worte, die von Unserer Lieben Frau stammen.

    2. Wenn man den vor wenigen Jahren (2 oder 3) veröffentlichen Eintrag aus dem geistlichen Tagebuch von Sr. Lucia liest, so ist die beschriebene Vision der zunächst abstrus anmutenden sog. diplomatischen Fassung wesentlich näher, als dem veröffentlichten 3. Teil. Wenn man die Ursache bedenkt, (Verschiebung der Erdachse) so scheint Louis Emrichs Version zumindest erklärbar.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*