Marco Vannini: „Luther-Kritik nicht ‚in‘, weil katholische Welt protestantische Thesen übernommen hat“

Vergessene Luther-Kritik von Jorge Mario Bergoglio

Luther-Statue mit Blickrichtung Papst Franziskus (Oktober 2016, Audienzhalle, Vatikan)

(Rom) Seit Papst Franziskus regiert, ist das Lob für Luther, bisher eine Spezialität bestimmter deutscher Kirchenkreise, an höchster Stelle angekommen. In Lund rühmte Franziskus den von seinem Priestertum und seinen Ordensgelübden abgefallenen Luther als „Medizin für die Kirche“. Das war nicht immer so.

Die römische Jesuitenzeitschrift La Civiltà  Cattolica und der Osservatore Romano, die Zeitung des Papstes, folgen dem päpstlichen Lob für den Mann, der in der Kirche 500 Jahre lang als Erz-Häresiarch galt.

„Allerdings hüten sie sich, nachzudrucken, was Jorge Mario Bergoglio  vor seiner Wahl zum Papst über Luther und Calvin schrieb.“

Franziskus als Luther: Humor à  la Die Zeit
Franziskus als Luther: Humor à  la Die Zeit

Der Vatikanist Sandro Magister macht mit diesen Worten auf den einzigen bekannten Text von Bergoglio zur Reformation aufmerksam, den der heutige Papst vor rund 30 Jahren verfaßt hatte. Angesichts der derzeitigen Annäherungsversuche in Richtung Reformation wirkt es fast kurios, daß dieser Text noch 2014 von Antonio Spadaro, einem der engsten Papst-Vertrauten, in der römischen Jesuitenzeitschrift Civiltà  Cattolica abgedruckt wurde, und das ohne irgendein Wort der Distanzierung von den „scharfen antiprotestantischen“ Aussagen.

Noch 2014 hieß es: „Mit so jemand ist gemeinsames Reformationsgedenken unmöglich“

Als Paolo Ricca, der bekannteste waldensische (calvinistischen) Theologe in Italien das damals las, schrieb er im Leitartikel der waldensischen, methodistischen und baptistischen Zeitschrift „Riforma“:

„Ich frage mich, wie es möglich ist, daß man heute noch, oder auch vor 30 Jahren, eine so verzerrte, entstellte, verquere und substantiell falsche Sicht der protestantischen Reform haben kann. Das ist eine Sichtweise, mit der man keinen Dialog beginnen kann, nicht einmal eine Polemik, weil sie so weit von der Realität entfernt ist.“

Ricca bezweifelte damals, ob man mit einem solchen Papst gemeinsam ein Reformationsgedenken feiern könne.

„Eine Sache ist sicher: Mit einer solchen Sichtweise scheint eine ökumenische Feier des 500. Jahrestages der Reformation 2017 buchstäblich unmöglich.“

Das genaue Gegenteil ist eingetreten, wie Magister anmerkte:

„Wie man weiß, ist es Papst Franziskus gelungen, die Fäden des Dialogs wiederanzuknüpfen und in der öffentlichen Meinung das Bild einer katholischen Kirche zu verankern, die mehr denn je eine Freundin Luthers und diesem dankbar für das ist, was er getan hat“.

Der Preis: ein versteckter Text

Natürlich hatte dieser Paradigmenwechsel seinen Preis. Einer davon, wenn auch nicht der wichtigste ist, daß der 30 Jahre alte Bergoglio-Text in der Versenkung verschwunden ist. Das spanische Original: „Lutero: una ‚idea loca‘ que ha evolcionado en herjà­a y cisma„ (sowie eine englische und italienische Übersetzung) wurde im Oktober 2016 von Magister auf seinem Blog veröffentlicht. 2013 war der Text noch mit päpstlicher Erlaubnis, also nach Bergoglios Wahl zum Papst, im Sammelband eines spanischen Jesuitenverlages abgedruckt worden: J. M. Bergoglio – Francisco: Reflexiones espirituales sobre la vida apostólica, Grupo de Comunicación Loyola, Bilbao 2013.

Das sei nicht die einzige Folge des spektakulären Sinneswandels vom „antilutherischen Bergoglio“ zum Lutherfreund Franziskus, so Magister, der auf Marco Vannini verweist. Vannini gehört zu den Hauptautoren des Osservatore Romano und gilt als exzellenter Kenner der deutschen Mystik und Luthers.

Vanninis verschwiegene Luther-Kritik

Marco Vanninis Anti-Luther-Buch
Marco Vanninis Anti-Luther-Buch

Am 9. Februar 2017 erschien Vanninis Buch „Contro Lutero e il falso Evangelo“ (Gegen Luther und das falsche Evangelium, LdM Press). Vannini selbst bezeichnet sich als „vielleicht häretisch, aber römisch katholisch“. 2004 warf ihm die römischen Jesuitenzeitschrift Civiltà  Cattolica noch vor, die Transzendenz und grundlegende Wahrheiten des Christentum zu leugnen, „weshalb er über den Neoplatonismus zwangsläufig in einer modernen Gnosis landet“.

Das war 2004, als noch Johannes Paul II. auf dem Stuhl Petri saß. Jetzt schreiben wir das Jahr 2017 und in Rom regiert Franziskus. Heute ist Vannini eine „Edelfeder“ des Osservatore Romano und die Civiltà  Cattolica würde sich hüten, ein ähnliches Urteil über ihn zu wiederholen.

Die Linie des Francisceischen Vatikans ist aber immer eine Frage der Inhalte. Franziskus verschenkt keine Gunst. Seine Frage lautet immer, „für oder gegen mich“. Für Vanninis lutherkritisches Buch gab es daher kein Wort, keine Zeile, keine Spalte in den Papstmedien. Kritik an Luther paßt 2017 nicht in die Linie von Franziskus. Auch dann nicht, wenn sie aus der Feder Vanninis stammt.

„Reformation verantwortlich für eines der größten Übel unserer Welt: die Selbstliebe“

Die bekanntestes progressive Zeitschrift Italiens, die Dehonianer-Schrift Il Regno (Das Reich) veröffentlichte ein Interview mit Vannini.

Marco Vannini: „Meine Beschäftigung mit Luther-Texten geht auf meine Jugend zurück; dann bin ich zu meinem Hauptinteresse übergegangen: die vor- und nach-protestantische, deutsche Mystik. Die Polemik gegen Luther ist heute sicher ‚nicht aktuell‘, weil meines Erachtens die katholische oder ex-katholische Welt sich die Thesen, Tendenzen und Seinsweisen der protestantischen, lutherischen Welt zu eigen gemacht hat. Das Luthertum und die Reformation generell sind verantwortlich für eines der größten Übel unserer Welt: den Individualismus, den Primat des Subjekts, der die Selbstliebe in den Mittelpunkt stellt, die radix omnis mali et peccati ist, die Wurzel aller Übel und Sünden, wie der heilige Augustinus sagte und es von Meister Eckart mehrfach wiederholt wurde. Das ist der Grund für meine Ablehnung des Luthertums. Es ist kein Zufall, daß Luther von den selbsternannten Laizisten, die weder eine Zuneigung für Christus noch für das Christentum haben, so geliebt wird.“

An einer anderen Stelle des Interviews sagte Vannini zu Luther:

Marco Vannini: „Sie verlieren wirklich nicht den Gebrauch, den Luther nach seinem Gefallen von der Schrift machte, um beispielsweise einen Text absolut als Wort Gottes zu definieren, indem er ihn von allem anderen trennt, oder wenn er aus der Schrift das nimmt, was ihm nützt und den Rest wegwirft. Als ich vor Jahren die Vorwörter zur Luther-Bibel studierte, fand ich seine Manipulationen gegen den Papst unerträglich.“

Und weiter:

Marco Vannini: „Das wahre Evangelium besteht darin, daß das Licht Gottes, das ewige Licht, immer und in jedem Fall auf jedem Menschen ruht. In Luther finde ich hingegen etwas Diabolisches, es herrscht ein Geist der Lüge, der mit dem Edlen des Geistes, mit der Wahrheit und der tiefen Ehrlichkeit kontrastiert, den man beim Lesen der großen Philosophen atmet. Wenn Luther gegen die große Philosophie auftritt, die er als „Hure des Teufels“ bezeichnet, spüre ich eine radikale Feindseligkeit: Hier ist sein falsches Evangelium stark spürbar. Es ist falsch, weil es nicht der Welt der Vernunft entspringt, dem Kostbarsten was wir besitzen, sondern das Ergebnis seiner speziellen Auswahl ist.“

Reformation: ein oder kein Ereignis des Heiligen Geistes?

Papst Franziskus als Luther: Humor à  la Radio Vatikan.
Papst Franziskus als Luther: Humor à  la Radio Vatikan.

Vannini stößt sich, soweit ist klar, vor allem an Luthers Abneigung gegen die klassische Antike. An dieser Stelle ist nicht näher auf Fehler im Denken Vanninis einzugehen, wenn er die antike Philosophie über das Christentum zu erhöhen scheint.

Bemerkenswert ist aber die Tatsache, daß jemand von zweifelhaften Überzeugungen wie Vannini heute gerngesehener Autor des Osservatore Romano ist, ihm aber dort kein Platz eingeräumt wird, weil nicht einmal er der Linie von Papst Franziskus folgen kann. Seine Luther-Kritik paßt natürlich nicht ins Bild, wenn ein Papst-Vertrauter wie Nunzio Galantino, Generalsekretär der Italienischen Bischofskonferenz, die Reformation als „Ereignis des Heiligen Geistes“ rühmt.

Kardinal Müller wies Galantinos Aussage zurück, indem er feststellte, daß Luthers Reformation mit Sicherheit „kein Ereignis des Heiligen Geistes“ war. Dem von Franziskus entlassenen Glaubenspräfekten stand dafür aber kein vatikanisches Medium mehr zur Verfügung. Er mußte für seine Stellungnahme auf eine katholische, aber unabhängige, italienische Internetzeitung ausweichen.

In der Tat gilt, wie jüngste Vorfälle zeigen: je unabhängiger von der kirchlichen Hierarchie, desto freier kann derzeit im Medienbereich die katholische Lehre vertreten und verteidigt werden.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Periodista digital/Settimo Cielo/Radio Vatikan (Screenshots)

 



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