Roberto de Mattei

Correctio filialis – eine erste Zwischenbilanz

Weltweites Interesse der Gläubigen an der "Correctio filialis".
Weltweites Interesse der Gläubigen an der "Correctio filialis".

Von Roberto de Mattei*

Am 25. September, dem Tag nach der Veröffentlichung der Correctio filialis an Papst Franziskus, dementierte Greg Burke, der Sprecher des vatikanischen Presseamtes, die von der Presseagentur ANSA gemeldete Nachricht, daß der Heilige Stuhl den Zugang zur Internetseite der Correctio gesperrt hatte, unter Zuhilfenahme von viel Ironie:

„Und schon gar nicht machen wir das wegen eines Briefes mit 60 Unterzeichnern.“

Den Direktor des Presseamtes, der Initiativen offenbar nach der Zahl der Followers gewichtet, könnte es also interessieren, daß die Zugriffe auf die Internetseite der Correctio in die Hunderttausende gehen und aus 200 Ländern (praktisch alle) auf allen fünf Kontinenten kommen. Die USA und Italien führen die Zahl der Zugriffe an. Die an Papst Franziskus gerichtete Zurechtweisung wurde zum Stand 3. Oktober von 216 Theologen, Professoren und Intellektuellen aus aller Welt unterzeichnet, deren Namen auf der Seite veröffentlicht wurden. Ihnen haben sich Zehntausende Gläubige angeschlossen, von denen die Initiative auch durch ihre Unterschrift unterstützt wird.

Guido Mocellin mußte am 27. September im Avvenire, der Tageszeitung der italienischen Bischöfe, zugeben, daß in der „kirchlichen Blogosphäre“, dank einer „modernen Internetseite in sechs Sprachen“, „die Posts zu der an Papst Franziskus gerichteten ‚Correctio filialis wegen der Verbreitung von Häresien‘ beherrschend waren: sie machten in den Tagen vom 24.-26. September 30 Prozent aller Posts aus“.

Und wenn man bei den Zahlen bleiben will: Die Zahl der Kardinäle, Bischöfe und Theologen, die sich zur Verteidigung von Amoris laetitia gegen die Correctio geäußert haben, ist unbedeutend geblieben. Sogar der Kardinal, der dem Papst am nächsten steht, Staatssekretär Pietro Parolin, nahm eine äquidistante Haltung ein, indem er erklärte:

„Die Menschen, die nicht einverstanden sind, bringen ihren Widerspruch zum Ausdruck, aber über diese Dinge muß man nachdenken und versuchen, sich zu verstehen.“

Was hingegen jenseits der Zahlen fehlt, ist inhaltliche Substanz in den Argumenten, mit denen versucht wurde, auf die Correctio zu antworten. Die größte Anstrengung bis hin zu akrobatischen Sophismen kam am 3. Oktober vom Politiker-Philosophen Rocco Buttiglione auf Vatican Insider. Die zentrale Stelle von Amoris laetitia, die von den Unterzeichnern der Correctio kritisiert wird, ist laut Buttiglione „eine absolut traditionelle Sache, die wir alle als Kinder im Katechismus der katholischen Kirche gelernt haben, nicht nur im neuen von Johannes Paul II, sondern auch im alten des heiligen Pius X.“.

Es stimmt – gibt Buttiglione zu, daß es „eine absolute Unmöglichkeit gibt, jemand die Kommunion zu spenden, der sich im Stand einer Todsünde befindet (und diese Regel ist Teil des Göttlichen Gesetzes und daher verpflichtend); wenn aber in Ermangelung eines vollen Bewußtseins und absichtlicher Zustimmung keine Todsünde gegeben ist, kann man die Kommunion aus Sicht der Moraltheologie auch wiederverheirateten Geschiedenen spenden“. Für Buttiglione, wie auch für den Moraltheologen des päpstlichen Vertrauens, Msgr. Victor Manuel Fernandez, sei das Grundproblem die „Anrechenbarkeit“ der Handlungen. Die Anrechenbarkeit sei bei der großen Mehrheit jener, die more uxorio zusammenleben, nicht gegeben, weil die konkreten Situationen, in denen sie leben, das Bewußtsein mildern und es ihnen vor allem praktisch unmöglich machen, das Gesetz des Herrn zu befolgen. Damit widerspricht man sorglos dem Konzil von Trient, das erklärt:

„Wer sagt, die Gebote Gottes seien auch für einen gerechtfertigten und unter der Gnade stehenden Menschen unmöglich zu beobachten: der sei mit dem Bann belegt“ (Denz-H, 1568).

Die Bischöfe, die die Lehre von Papst Franziskus anwenden, lassen sich weder vom Katechismus von Pius X. noch dem neuen von Johannes Paul II. leiten. In ihren Diözesen verlangen die wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion im vollen Bewußtsein ihrer Situation, und sie wird ihnen gemäß Amoris laetitia wie ein legitimes Recht gewährt. Um diese unmoralische Praxis zu rechtfertigen, geht man soweit, das Denken des heiligen Thomas von Aquin zu verfälschen. Ein renommierter Theologe, der die Correctio unterzeichnet hat, Don Alfredo Morselli, hat am 3. Oktober bei Messa in Latino die Unmöglichkeit nachgewiesen, das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus mit der Lehre des Aquinaten in Einklang zu bringen. Don Morselli erinnert an einige unzweideutige Aussagen des Doctor Angelicus, die das Gegenteil des § 301 von Amoris laetitia aussagen:

Non autem bonitas voluntatis intendentis sufficit ad bonitatem actus: quia actus potest esse de se malus, qui nullo modo bene fieri potest

„Die gute Absicht genügt nicht, um die Güte einer Handlung zu bestimmen: weil eine Handlung in sich schlecht sein kann und auf keine Weise gut werden kann“ (Super Sent., lib. 2 d. 40 q. 1 a. 2 co.).

Quaedam enim sunt quae habent deformitatem inseparabiliter annexam, ut fornicatio, adulterium, et alia huiusmodi, quae nullo modo bene fieri possunt

„Es gibt einige [menschliche Handlungen], die eine untrennbar damit verbundene Verzerrung haben, wie Unzucht, der Ehebruch und andere Dinge dieser Art, die auf keine Weise moralisch gut vollzogen werden können“ (Quodlibet IX, q. 7 a. 2 co.).

In Übereinstimmung mit dem wahren Thomismus sagte Msgr. Fernando Ocariz, heute Prälat des Opus Dei, auf einer Tagung anläßlich des 20. Jahrestages von Humanae vitae:

„Die Existenz besonderer Normen der natürlichen Moral, die universale und uneingeschränkte Gültigkeit haben, ist nicht nur Teil der katholischen Doktrin, sondern vielmehr eine Glaubenswahrheit“ (Humanae vitae, 20 anni dopo, Edizioni Ares, Mailand 1989, S. 129).

Dazu gehört das Verbot der Verhütung und des Ehebruchs. Hat sich die Lehre der Universitäten vom Heiligen Kreuz und von Navarra geändert, die damals zusammen mit dem Päpstlichen Institut Johannes Paul II. die Tagung veranstaltet haben, oder wird sie sich ändern? Die Frage stellt sich nach dem InfoVaticana-Interview vom 30. September, in dem der derzeitige Generalvikar des Opus Dei, Msgr. Mariano Fazio, jene Mitglieder der Personalprälatur tadelt, die die Correctio filialis unterzeichnet haben, und ihnen vorwirft, „der ganzen Kirche ein Ärgernis zu geben“.

Das Interview ist kurios: Weder die argentinischen Bischöfe noch jene von Malta, die den Ehebruch in ihren Bistümern legitimiert haben, sind schuldig, der Kirche ein Ärgernis zu geben, jene, die dagegen protestieren, aber schon. Den Papst, so Fazio, darf man kritisieren, aber nur im privaten Kreis, nie aber öffentlich. Die Reaktion der Leser von InfoVaticana war eine Lawine widersprechender Kommentare. In einem davon hieß es lapidar:

„Und der heilige Paulus?“

War es nicht der heilige Paulus, der den heiligen Petrus öffentlich zurechtwies (Gal 2,7–14)? Der apostolische Freimut des heiligen Paulus und die Demut des Apostelfürsten Petrus sind seither Vorbild für das richtige Verhältnis zwischen denen, die Autorität ausüben und jenen, die treu, aber nicht unkritisch gehorchen. Der Glaube kann nie der Vernunft widersprechen. Denkverweigerung kann bequem sein, vor allem dann, wenn die Anwendung der Vernunft dazu zwingt, unliebsame Verantwortung übernehmen zu müssen.

Einer der bedeutenden Unterzeichner der Correctio, der Theologe und Philosoph Don Alberto Strumia, verweigert sich dem Denken nicht. Am 30. September sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung Il Giornale:

„Die Doktrin der Kirche wurde nicht von den Theologen erfunden und auch nicht von den Päpsten, sondern gründet auf der Schrift, die in der Tradition der Kirche verwurzelt ist. Der Papst steht als Bewahrer und Garant im Dienst dieser Kontinuität und darf sie nicht einmal verhüllt brechen, indem er durch zweideutige Formulierungen zu verstehen gibt, daß man heute das Gegenteil dessen glauben und tun könne, was bisher vom Lehramt zu wesentlichen Fragen wie der Doktrin der Sakramente oder der Familienmoral gelehrt wurde, und das damit begründet, daß die Zeiten sich geändert hätten, und  die Welt eine Anpassung fordere. Deshalb ist es eine Liebespflicht, die das Seelenheil zum Ziel hat, wie man früher gesagt hat, und die Verteidigung der Würde der Cathedra Petri und von dem, der darauf sitzt, mit größtem Respekt diese Zweideutigkeiten aufzuzeigen. […] Man darf und muß nur dann eine doktrinelle Zurechtweisung an den Papst richten, wenn die Wahrheit des Glaubens bedroht ist und daher auch das Heil derer, die zum Volk Gottes gehören.“

In einer Zeit der Verdunkelung der Gewissen drückt die Correctio filialis den sensus fidei Zehntausender Katholiken aus, die in treuer Anhänglichkeit ihren obersten Hirten daran erinnern, daß das Seelenheil ihr höchstes Gut ist und daß man aus keinem Grund der Welt das Böse tun oder ihm nachgeben darf.

*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017.

Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana

 

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1 Kommentar

  1. So wie Buttiglione argumentierte bereits 1972 der deutsche Kirchenrechtler Adam Zirkel.
    Und das ist längst in der deutschen Staatskirche anerkannt und durchgängig Praxis.
    Nun ist es dabei, sich weltweit durchzusetzen.

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