Prof. Shaw über die Zurechtweisung: „Ehrliche und uneigennützige Kritik kann bester Dienst“ für Papst und Kirche sein

Prof. Joseph Shaw, einer der Erstunterzeichner der Correctio filialis über die Gründe, weshalb er unterschrieben hat, und was er den Kritikern der Zurechtweisung antwortet.
Prof. Joseph Shaw, einer der Erstunterzeichner der Correctio filialis über die Gründe, weshalb er unterschrieben hat, und was er den Kritikern der Zurechtweisung antwortet.

(Rom) Einer der Unterzeichner der Correctio filialis (Zurechtweisung wegen der Verbreitung von Häresien) von Papst Franziskus wegen Amoris laetitia, Joseph Shaw, Professor der Philosophie der Moral an der Universität Oxford, erklärte InfoVaticana die Gründe seiner Entscheidung, die Zurechtweisung zu unterzeichnen. Zugleich antwortete er den Kritikern der Zurechtweisung.

Shaw gehörte zum Kreis der 40 Erstunterzeichner, die am vergangenen 11. August Papst Franziskus die Correctio filialis de haeresibus propagatis (Zurechtweisung wegen der Verbreitung von Häresien) übermittelte.

Seither kamen die Unterschriften weiterer katholischer Persönlichkeiten hinzu und seit 24. September steht das Dokument für Unterstützer offen. Die Erstunterzeichner machten die Correctio am vergangenen Sonntag öffentlich, da sie von Papst Franziskus keine Reaktion erhalten hatten. Papst Franziskus wird vorgeworfen, in Amoris laetitia sieben Häresien zu Ehe, Moral und Sakramentenempfang „angedeutet oder ermutigt“ und diese durch „weitere Worte, Handlungen und Unterlassungen“ „ohne den geringsten Verdacht eines Zweifels“ gefördert zu haben.

Der Papst wird aufgefordert, seinen Fehler einzugestehen und die sieben Häresien zu verurteilen.

„Da wir vergeblich gehofft haben, daß der Heilige Vater antwortet, haben wir das Dokument öffentlich gemacht, weil er nicht geantwortet hat, als wir es ihm privat und unter Ausschluß der Öffentlichkeit vorgelegt haben, und es uns nicht wahrscheinlich erschien, daß er noch ausdrücklich oder formal antworten würde.“

Mit diesen Worten erklärt Shaw, warum die Unterzeichner den Weg an die Öffentlichkeit gegangen sind. Das Dokument, so der Oxford-Professor, verdeutliche die Bedenken zu den theologischen Implikationen von Amoris laetitia, die in den vergangenen Monaten in zahlreichen Appellen, Petitionen und Bitten an den Papst herangetragen wurden, aber ungehört blieben.

InfoVaticana: Warum haben Sie unterschrieben?

Prof. Shaw: Ich fühlte mich von meinem Gewissen dazu gezwungen. Das Kirchenrecht sagt, daß die Gläubigen „das Recht und bisweilen sogar die Pflicht haben, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen und den übrigen Gläubigen kundzutun“ (212 §3). Dieses Recht wird zur Pflicht, wenn das Schweigen zu einer Zustimmung zu dem würde, das das eigene Gewissen als eindeutig falsch erkannt hat.
Das bedeutet nicht, daß ich oder die Unterzeichner als Gruppe sich für unfehlbar halten. Es bedeutet nur, daß ich spüre, meinen Standpunkt deutlich machen zu müssen. Unsere Bedenken richten sich an jene, die über Lehrautorität verfügen, um zu klären, was nicht klar ist, oder uns notfalls nachzuweisen, wo wir uns geirrt haben. Jedes Dokument innerhalb der Kirche wie dieses soll dazu dienen, die Ausübung des Lehramtes zu stimulieren, nicht es zu untergraben oder zu ersetzen.

InfoVaticana: Was sagen Sie jenen, die Ihnen Ungehorsam oder Beleidigung des Papstes vorwerfen?

Prof. Shaw: Ich möchte nicht nur auf die allgemeinen Grundsätze hinweisen, die im eben erwähnten Kirchenrecht dargelegt sind, sondern auch darauf, daß Papst Franziskus ausdrücklich, energisch und wiederholt zur ehrlichen Äußerung von entgegengesetzten Meinungen aufgefordert hat. Er forderte nicht nur die Teilnehmer der Familiensynode zur Parrhäsie auf, sondern hat persönlich jenen gedankt, die kritisches zu ihm geschrieben oder gesagt haben.1)Papst Franziskus bedankte sich im November 2013, in einem mit seiner Zustimmung öffentlich gemachten Telefonanruf, beim Rechtsphilosophen Mario Palmaro für dessen gemeinsam mit dem Journalisten Alessandro Gnocchi geäußerten Kritik an seiner Regierungsausübung. Die beiden Autoren waren in den ersten Monaten des Pontifikats die schärfsten und wortmächtigsten Kritiker von Franziskus. Wegen ihrer Papstkritik wurden sie von Radio Maria Italien entlassen. Mario Palmaro, Ehemann und Familienvater, erlag im Alter von erst 45 Jahren, wenige Tage vor dem ersten Jahrestag der Wahl von Franziskus, einer schweren Krankheit.
Einige seiner selbsternannten Verteidiger, die ihn als hypersensiblen Tyrannen präsentieren, erweisen ihn damit keinen guten Dienst.
Das heißt nicht, daß man mit jeder Kritik einverstanden sein muß, die vorgebracht wird. Es bedeutet aber, daß der Kritiker ein persönliches Risiko eingeht, wie jüngst der Fall von Prof. Seifert klar gezeigt hat, und daß die ehrliche und uneigennützige Kritik der bestmögliche Dienst für einen Regierenden sein kann, besonders für jemand wie dem Papst mit nur wenigen formalen Einschränkungen seiner Macht.
Papst Franziskus hat nicht versucht, die Debatte über die Interpretation von Amoris laetitia mit einer formalen und lehramtlichen Erklärung zu beenden. Es ist eindeutig gewollt und die Konsequenz daraus, daß die Fortsetzung der Diskussion nicht ein Mangel an Gehorsam oder Fügsamkeit ist.

InfoVaticana: Was wollen Sie mit dem Brief erreichen?

Prof. Shaw: Der Brief wurde zuerst dem Heiligen Vater persönlich übermittelt. Er hat nicht geantwortet, was sein gutes Recht ist, weshalb wir mehr als einen Monat gewartet haben, um das Dokument öffentlich zu machen.
Es wurde entworfen, um die Wichtigkeit dessen zu unterstreichen, was auf dem Spiel steht, und um die Dringlichkeit zu unterstreichen, eine korrekte Sichtweise zu diesen Themen [Ehe, Moral, Sakramentenempfang] zu bewahren. Die korrekte Sichtweise ist die Sichtweise der Kirche, die Sichtweise Christi, die Sichtweise des Naturrechts, das in unser Herz eingeschrieben ist. Im Licht dieser Sichtweise zu leben, macht die natürliche und übernatürliche Tugend möglich, das Aufblühen der Beziehungen, ein Leben in der Gnade und letztlich das Seelenheil. Die persönlichen Meinungen der Prälaten, einschließlich des Heiligen Vaters, sind in diesem Zusammenhang von keiner Bedeutung, ebensowenig wie die anderer Personen oder Aspekte der Kirchenpolitik: nichts davon fördert die Familienbeziehungen im Gegensatz zur Frage nach dem Leben in der Wahrheit oder nicht.
Meine Hoffnung im Zusammenhang mit dem Dokument ist es, daß es die Aufmerksamkeit auf das lenkt, was wichtig ist: die moralische Wirklichkeit. Ob das Dokument korrekt ist oder ob es korrigiert werden muß, sind theologische und nicht politische Fragen.

InfoVaticana: Wenn Sie noch etwas hinzufügen möchten…

Prof. Shaw: Ich möchte den vielen ausgezeichneten Theologen und anderen Gelehrten danken, die an diesem Dokument mitgewirkt haben, und die mir in ihrer Kenntnis der kirchlichen Lehre weit voraus sind, und deren Meinungen ich respektiere. Ihre Teilnahme wird ihre Karriere nicht fördern, sondern muß von allen als Dienst für den Heiligen Vater erkannt werden, weil sie von tiefer Liebe zur Kirche geleitet sind.

Text/Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons



Katholisches wird immer für den Leser kostenlos bleiben. Damit das Magazin Tag für Tag mit neuen Artikel weiterhin erscheinen kann sind Zuwendungen notwendig: Unterstützen Sie bitte Katholisches mit einer Spende.
Zuwendungsübersicht



Print Friendly, PDF & Email

   [ + ]

1. Papst Franziskus bedankte sich im November 2013, in einem mit seiner Zustimmung öffentlich gemachten Telefonanruf, beim Rechtsphilosophen Mario Palmaro für dessen gemeinsam mit dem Journalisten Alessandro Gnocchi geäußerten Kritik an seiner Regierungsausübung. Die beiden Autoren waren in den ersten Monaten des Pontifikats die schärfsten und wortmächtigsten Kritiker von Franziskus. Wegen ihrer Papstkritik wurden sie von Radio Maria Italien entlassen. Mario Palmaro, Ehemann und Familienvater, erlag im Alter von erst 45 Jahren, wenige Tage vor dem ersten Jahrestag der Wahl von Franziskus, einer schweren Krankheit.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*