Erasmus und Luther – Freier Wille wider unfreien Willen

Luther im Kreis seiner Anhänger – Erasmus (vierter von rechts) gehörte mit Sicherheit nicht dazu.
Luther im Kreis seiner Anhänger – Erasmus (vierter von rechts) gehörte mit Sicherheit nicht dazu.

Auf einem Bild von Lucas Cranach dem Jüngeren ist neben dem altersgrauen Luther und seinen Anhängern auch Erasmus von Rotterdam dargestellt. Es gehört zu den vielen unwahren Luther-Legenden, dass der Humanist und Katholik Erasmus zu den lutherischen Kirchenspaltern gehörte.

Ein Gastbeitrag von Hubert Hecker.

Erasmus von Rotterdam und der fünfzehn Jahre jüngere Martin Luther hatten in ihrer ersten Lebenshälfte einige Gemeinsamkeiten: Sie traten in jungen Jahren dem Augustinerorden bei, studierten Theologie und wurden zum Priester geweiht. Beide kritisierten eine in Teilen veräußerlichte Kirchenpraxis bei Klerikern und Gläubigen. Im Eintreten für eine Reform der Kirche kehrten sie ihren Klöstern den Rücken. Beide wurden sehr bekannt aufgrund ihrer Buch-Publikationen. Von Erasmus sind 150 Bücher gedruckt worden, von Luther ein Vielfaches davon. Der Humanist schrieb in elegantem Latein und somit für die Gebildeten seiner Zeit in ganz Europa. Luther publizierte darüber hinaus auch in Deutsch und erreichte somit weitere Volksschichten. Damit sind aber die Gemeinsamkeiten der Protagonisten ausgeschöpft.

Von Askese zu Völlerei

Die Gegensätze zwischen Erasmus und Luther auf verschiedenen Ebenen waren dagegen sehr deutlich. Martin Luther war ein Mensch der Extreme: In seinen Klosterjahren führte er gegen Rat und Vorschrift seiner Oberen ein skrupulöses Mönchsleben mit übertriebener Strenge und Askese, Bußwerken und ständigem Beichten. Mit seinem semi-pelagianischen Buß-Streben fand er keine Heilgewissheit. In seinem späteren Leben trieb er es ins andere Extrem mit Ausschweifungen, Trunkenheit und Völlerei –  gegen den Verweis vom Apostel Paulus im Galaterbrief. Schon bei Luthers Reise nach Worms 1521 war aus dem „mageren Augustiner“ ein prassender Geselle geworden. „Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher, das sei Gott gedankt“ – so Luther 1540. Er starb 1546 selbstbezeichnet als „feister Doktor“.

Körperloser Geistesarbeiter und kraftstrotzender Emotionsschreiber

Desiderius Erasmus 1517, gemalt von Quinten Massys
Desiderius Erasmus 1517, gemalt von Quinten Massys

Den geistig reichen Erasmus hatte die Natur nur ärmlich ausgestattet mit einem schmalen, empfindlichen Körper, schreibt Stefan Zweig in seiner Romanbiografie. Seine stubenfarbene Haut fältete sich im Alter wie meliertes Pergament. Einer Kielfeder gleich sprang die Nase aus dem Vogelgesicht hervor über schmal geschnittene Lippen mit tonloser Stimme. Nur die Augen verrieten mit ihrer Leuchtkraft einen wachen und ständig arbeitenden Geist: die wahre Vitalität des Erasmus. In seiner reflexiven Geistesarbeit zeigte sich die Kontinuitätsachse seines Lebens: Lesen, Lernzuwachs, Schreiben – täglich bis zu zwanzig Stunden.

Bei Luther dagegen war das Schreiben ein quasi körperunterstützter Vorgang, durchlebt und durchlitten, mit den Füßen stampfend, mit der Faust schreibend und den Zähnen malmend, manchmal mit Schaum vor dem Mund. Seine Emotionen von Angst und Zorn, Entschlossenheit und Kampfgeist formten seine Worte und Sätze gelegentlich wie Hammerschläge und Giftpfeile. So entwickelte und beherrschte er zahlreiche Stilgattungen: Erbauungsliteratur, geistliche Lieder, Predigten, geschliffene Argumentationsschriften, scharfe Polemiken, Schmäh-Schriften, Beleidigungsbriefe und vernichtende Pamphlete.

Devote Schmeicheleien und demagogischer Tonfall

Er konnte aus taktischen Gründen einen sehr devoten Ton auflegen – so in seinem „Sendschreiben an Papst Leo X.“ vom Oktober 1520, nachdem er das Papsttum schon mehrfach als teuflischen Antichristen gebrandmarkt hatte. In ähnlich schmeichlerischer Höflichkeit und übertriebenen Selbstherabsetzung hatte Luther im März 1519 ein Bittschreiben an Erasmus gerichtet. Es ging ihm darum, dass der damals schon hochberühmte und europaweit geachtete Humanist „den kleinen Bruder in Christo anerkenne“, also ein Wort der Zustimmung zu Luthers Kirchen-Rebellion ausspreche.

Erasmus äußerte in internen Gesprächen durchaus Sympathien für Luthers Reformanforderungen. Aber von Anfang an tadelte er den demagogischen Tonfall und fanatischen Akzent von dessen Reden und Schriften. In seinem Antwortbrief verwies Erasmus darauf, dass durch wissenschaftliche Klärung und kluge Zurückhaltung im aktuellen Parteienstreit mehr erreicht werde als durch ungestüme Einmengung: „So hat Christus die Welt unterworfen.“ Dringlich ermahnte er Luther zur Mäßigung und endete den Brief mit dem Wunsch, Christus möge Luther täglich mehr von seinem (sanftmütigen) Geiste verleihen.

Erasmus’ Mahnung zur Mäßigung prallte an beiden Parteien ab

Die Mahnung zur Mäßigung sollte der maßlose Macher- und Machtmensch Luther als Kränkung empfinden, die Aufforderung zur Zurückhaltung war dem cholerischen Tatmenschen eine Provokation. Gänzlich irritierend musste für den stolzen Wittenberger der Hinweis auf demütige Gesinnung aus dem Geiste Christi sein. Zwar hatte Luther in seinen ersten Lehrjahren genau diese Methode des Erasmus gelehrt: Wahrheit könne nur mit Demut erreicht werden. Doch inzwischen war er in einer Kehrtwende auf dem Weg zu einer „sanctissima superbia“. In seiner überheblichen Wahrheitsgewissheit spielte er sich in “heiligem Hochmut“ gegenüber seinen papistischen Gegnern auf.

Nach dieser maßvollen Absage schienen die Wege getrennt zu sein: Luther ging seinen Weg, das kommende Drama in seinem Sinne zu gestalten. Erasmus hoffte in diesem Parteienstreit Zuschauer oder wenigstens Schlichter sein zu können. Er warnte Papst, Bischöfe und Fürsten vor übereilter Härte: „Nicht jeder Irrtum ist schon eine Ketzerei, die nach dem Scheiterhaufen schreit.“ Den Wittenberger mahnte er unermüdlich, auf nicht so aufrührerische und „unevangelische Weise das Evangelium zu verkünden“. Doch auf beiden Seiten setzten sich die Falken durch. Auf dem Reichstag zu Worms sollte von Kaiser und Kirche der Stab über Luther gebrochen werden. Viele Fürsten waren ebenso entschlossen, den beiden europäischen Zentralmächten Steine in den Weg zu legen.

In dieser Situation erwuchs Erasmus unerwartet eine Vermittlerrolle zu. Friedrich von Sachsen, kirchenfromm und Reliquiensammler, aber Schirmherr Luthers, fragte Erasmus um Rat zur Lehre Luthers.  Der antwortete entsprechend seiner ausgleichend-prüfenden Art: Luther sollte öffentlich von gerechten, freien und unverdächtigen Richtern gehört und seine Bücher nicht vorher verbrannt werden. Diese Antwort machten sich Friedrich von Sachsen und andere mit Luther sympathisierende Fürsten zu eigen. Sie protestierten damit gegen den schroffen Standpunkt Roms und des Kaisers. Doch die blieben bei ihrer Forderung nach Widerruf oder Ächtung – genauso wie Luther ein Einlenken kategorisch ablehnte.

Die Tragik des humanistischen Vermittlers

Damit war die drohende Spaltung vollzogen und sie vertiefte sich noch. Denn der Kaiser war wegen auswärtiger Kriegspflichten zu schwach, um als weltlicher Arm die kirchliche Verurteilung durchzusetzen. Viele Fürsten andererseits fühlten sich bestärkt in ihrem Widerstand gegen Kaiser und Rom. Unter den gegebenen Verhältnissen hatte Erasmus ungewollt der Partei Luthers Vorschub geleistet. Er hat es später bedauert, nicht persönlich in Worms sein hohes Ansehen in die Waagschale der Entscheidung eingebracht zu haben. Aber weltgeschichtliche Stunden lassen sich nicht nachträglich einholen, resümiert Stefan Zweig. Der Standpunkt des Ausgleichens zeitigte in diesem zugleich kirchlichen und politischen Prozess ein tragisches Ergebnis für den Humanisten Erasmus. Fortan wurde er von katholischen Universitäten wie etwa Löwen als Anstifter der „Lutherpest“ beschimpft oder von protestantischer Seite als lau, schwankend und unentschlossen getadelt.

Luther und Erasmus (Buch der Gustav-Siewerth-Akademie)
Luther und Erasmus (Buch der Gustav-Siewerth-Akademie)

Der Biograf Zweig fasst zusammen: „Erasmus kann die Papstkirche nicht aufrichtigen Herzens verteidigen, weil er als Erster in diesem Streite ihre Missbräuche gerügt, ihre Erneuerung gefordert hatte.“ Doch dann musste er erkennen, dass die von ihm und anderen Humanisten gerügten Veräußerlichungen der Kirche keine innere Reform hervorgebracht hatte. Wer keine Reliquien verehrte, wurde dadurch noch lange kein besserer Christ.

Bald wurde seine Distanz zu Luthers Lehren größer als seine kritische Haltung zur Kirche. Insbesondere erregt sein Abscheu, dass Luther und seine Anhänger nicht „die Idee seines Friedens-Christus in die Welt tragen, sondern zu wüsten Eiferern geworden sind“ – so Stephan Zweig. Erasmus bleibt bei seiner kritischen Loyalität zur römisch-katholischen Kirche: „In Luthers Kirche hätte ich eine der Koryphäen sein können, aber ich wollte lieber den Hass ganz Deutschlands auf mich ziehen, als mich von der Gemeinschaft der Kirche zu trennen.“

Der Humanist wurde zu einem frühen Kritiker der protestantischen Bewegung:

„Sie schreien unablässig Evangelium, Evangelium! Dessen Ausleger wollen sie aber selber sein. Einst machte das Evangelium die Wilden sanft, die Räuber wohltätig, die Händelsüchtige friedfertig, die Fluchenden zu Segnenden. Diese aber, wie Besessene, fangen allerhand Aufruhr an und reden den Wohlverdienten Böses nach. Ich sehen neue Heuchler, neue Tyrannen, aber nicht einen Funken evangelischen Geistes.“

Luther forderte Erasmus zur Stellungnahme heraus

Erasmus über den freien Willen
Erasmus über den freien Willen

Luther reagierte auf diese Einlassungen gewohnt streitsüchtig. Er schrieb 1522 an einen Freund: „Die Wahrheit ist mächtiger als die Beredsamkeit, der Glaube größer als die Gelehrsamkeit. Sollte es Erasmus wagen, mich anzugreifen, so würde er erfahren, dass Christus sich weder vor den Pforten der Hölle noch vor den Mächten der Luft fürchtet.“ Der Wittenberger strotzte vor Selbstbewusstsein, wenn er die Wahrheit, den wahren Glauben und selbst Christus mit sich und seinem Handeln identifizierte. Als er ein Jahr später ein persönliches Schreiben an Erasmus richtete, war sein Tonfall ähnlich überheblich und herablassend: Wenn er schon nicht den Mut habe, an der Seite Luthers gegen „das Ungeheuer der Papstkirche“ zu kämpfen, dann solle er sich in den Streit nicht einmischen. Und wenn er es doch tue, bedeute es keine Gefahr mehr für ihn.

Trotz der hochfahrenden Art und des demütigenden Brief-Inhalts ließ sich Erasmus nicht dazu hinreißen, in gleicher Weise auf Luther einzugehen. Er wählte für die Auseinandersetzung die Form einer philosophisch-theologischen Erörterung über den freien Willen. Luther musste nach der Veröffentlichung der Schrift „De libero arbitrio“ von 1524 zugeben, dass Erasmus der einzige von allen Widersachern sei, der den Nerv seiner Sache erkannt habe.

Luthers Extreme waren seine Schwachpunkt

Luthers dogmatische Lehre hatte zwei Eckpunkte, die sich gegenseitig bedingten: Die totale, unheilbare Verderbtheit der Menschen könnte niemals irgendwelche guten Werke bewirken und daher seien sie zu ihrer Rechtfertigung allein und völlig auf die Gnade Gottes angewiesen. Der Mensch werde von Natur aus und auch nach der Taufe stets „vom Teufel geritten“ und nur der Glaube mache ihn zum Reittier Gottes. In diesem Konzept durfte kein Platz für den freien Willen sein, denn der hätte menschliches Mühen, Reue, Besserung und insbesondere heilsbedeutsame gute Werke nach sich gezogen, die die alleinige Gnadenwirkung beeinträchtigten. Luthers Position zum unfreien Willen war die Grundlage für seinen Kampf gegen die katholische Lehre vom Zusammenwirken von Natur und Gnade, von Glauben und Werken.

Erasmus entfaltete die katholische Lehre

Erasmus fasste Luthers Theorem so zusammen: Der Mensch sei unfähig, die Gebote Gottes zu erfüllen, da alle vermeintlich guten Werke nur Verdammnis brächten. Dagegen führt er eine große Zahl von philosophisch-theologischen Autoritäten an wie auch die Mehrzahl der einschlägigen Bibelstellen. Erasmus behandelte die biblischen Aussagen und erörterte die klassischen Argumentationen von Kirchenlehrern und Theologen. Sein Ergebnis formulierte er wie immer abgewogen und moderat: Der freie Wille stehe nicht im Widerspruch zur göttlichen Gnade, sondern in einem graduellen Verhältnis:

„Ich billige die Überzeugung jener, die dem Willen einiges zuschreiben, aber der Gnade das meiste.“

Das umschreibt die Position der kirchlichen Theologen und Konzilien seit jeher und so wurde es im Konzil von Trient dogmatisiert.

Perverser Sündenstolz ohne Scham und Reue

Nach der Lektüre von Erasmus’ Buch zeigt Luther sogleich seinen verächtlichen Respekt: „Während ich mir mit den Büchern meiner anderen Gegner den H…. auswische, habe ich diese Schrift ausgelesen, aber doch hinter die Bank geworfen.“ Denn zunächst hatte er 1524 an anderen Fronten zu kämpfen. Mit seinem blutrünstigen Pamphlet gegen die kämpfenden Bauern stellt er sich endgültig auf die Seite der Fürsten und Grundherren gegen das Volk: „Der Esel will Schläge haben und der Pöbel mit Gewalt regiert werden.“ Nachdem die Felder in Württemberg und Thüringen mit dem Blut der hingeschlachteten Bauern getränkt waren, gab er das grausige Bekenntnis ab: „Ich, Martin Luther, habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen, denn ich habe sie heißen totschlagen: All ihr Blut ist auf meinem Hals.“

In diesem hybriden Sündenstolz ohne Scham und Reue zeigten sich die furchtbaren Früchte seiner exzessiven Sünden- und Gnadenlehre: Da einerseits die Sünden unvermeidbar sind, andererseits der Sünder im Glauben durch die Gnade gerechtfertigt wird, sind selbst die größten Sünden irrelevant. Luther kann die Gläubigen sogar zu kräftigem Sündigen auffordern, wenn sie nur noch kräftiger glauben würden. Erasmus hatte mit seiner Schrift diesem zentralen Theorem Luthers den Boden entzogen und deshalb tobte der Wüterich:

„Ich will gegen ihn schreiben, sollt er gleich darüber sterben und verderben; den Satan will ich mit der Feder töten – wie ich Münzer getötet habe, dessen Blut auf meinem Hals liegt.“

Auch die Tötung der Wiedertäufer nahm er auf seinen Hals. In einer Denkschrift hatte er von den protestantischen Fürsten gefordert, Wiedertäufer zu verfolgen, einzukerkern und mit dem Galgen zu bestrafen.

Luther will Gottes Krieg führen, auch wenn die Welt in Scherben fällt

Luthers Gegenschrift "über den unfreien Willen"
Luthers Gegenschrift „über den unfreien Willen“

In seiner Schrift „De servo arbitrio“ oder vom knechtischen Willen von 1525 zieht Luther alle Register seiner Beredsamkeit von Spott und Speien, Argumentation und Attacke. Er schreibe das Buch nur, weil Paulus befehle, „unnützen Schwätzern das Maul zu stopfen“. Dann verhöhnt er den Humanisten wegen dessen abwägender Argumentation. Luther hatte die erörternd-diskursive Methode der Scholastik längst hinter sich gelassen. Aus seiner Glaubensgewissheit heraus gab es für ihn nur eine Wahrheit – seine Wahrheit, die er mit Christi Wort und Wille gleichsetzte. Der Heilige Geist sei kein Skeptiker wie Erasmus. Deshalb  setze er auf ein klares Urteil, wenn auch gleich die ganze Welt in Unfrieden versinken, zu Trümmern gehen und in Scherben zerfallen würde. Über die Willens-, Sünden- und Gnadenfrage hinaus griff Luther Erasmus’ Christusglauben vom Friedensbringer an: „Das Wort Gottes ist Krieg, ist Gift, ist Untergang“, doziert er martialisch. „Dieser Krieg ist unseres Herrgotts, der hat ihn durch seinen göttlich freien Willen erweckt und wird nicht damit aufhören, bis er alle Feinde seines Wortes zuschanden gemacht.“ Erasmus als Weichredner solle mit seinen gezierten Worten nicht an Problemen herumfingern, die nur von restlos gläubigen Tatmenschen entschieden werden könnten.

Niederträchtige Totschlag-Phantasien …

Aber auch mit dieser maßlos drohenden und dröhnenden Rede konnte sich Luther in seinem Eindreschen auf den Gegner nicht beruhigen. Keinen Anlass sollte er im weiteren Leben versäumen, um Erasmus mit fürchterliche Schmähungen und Verunglimpfungen zu überkübeln. Der Humanist wäre der „grimmigste Feind Christi“, er fluchte seinen Namen als Glaubensskeptiker, gottesschändlicher Ketzer oder gar Atheist. Luthers Hass steigerte sich zu niederträchtigen Gewaltphantasien:

„Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig.“

Luthers Polemiken gegen seine akademischen und sonstigen Gegner werden von protestantischen Apologeten – auch von Frau Käßmann – vielfach unter dem Titel „derbe Sprache“ subsumiert, die damals angeblich „üblich“ gewesen wäre. Das ist in zweifacher Hinsicht falsch. Mit der Kennzeichnung von sprachlicher Derbheit wird Luthers gelegentliche Vernichtungssprache verharmlosend gerechtfertigt. Und „üblich“ waren seine sprachlichen Exzesse auch nicht. Denn das städtische Bürgertum hatte sich im Spätmittelalter an den höfisch-gepflegten Sprach- und Umgangsformen von Adel und Ritterschaft orientiert. Erst die Raubritter des 15. Jahrhunderts und die Landsknechte der frühen Neuzeit brachten eine sprachliche Verrohung mit sich. An diesem kleinen gesellschaftlichen Sektor orientierte sich Luther bei seinen rüden sprachlichen Ausfällen.

Auch der protestantische Kirchenhistoriker und Lutherkenner Thomas Kaufmann gebraucht eine Verharmlosungssprache, wenn er Luthers maßlose Verteuflungen von Juden, Türken, Papisten, Schwärmer, Zigeuner und eben auch Humanisten mit dem farblosen Fremdwort „Invektiven“ zusammenfasst oder als „derbe sprachliche Mittel“ relativiert (ZEIT Geschichte 5/2016). Darüber hinaus will er Luthers „Kampfschriften“ aus der „agonalen Streitkultur der spätmittelalterlichen Universität“ ableiten, in der Luther sozialisiert worden war. Tatsächlich kann man etwa in seiner Streitschrift zum geknechteten Willen die scholastische Debattierkunst noch erkennen. Aber Luther verletzte eben die akademischen Spielregeln von Argumenten, Beweisen und Folgerungen, wenn er mit Schmähungen, Beleidigungen und Vernichtungsworten auf seine Gegenspieler einschlug. Das muss ihm als persönliche Niedertracht und unmoralisches Nachtreten angerechnet werden, was Luther aber in seinem Sündenstolz – wie oben gezeigt – nicht weiter störte.

… von einem stiernackigen Gottesbarbar

Wahrscheinlich von seinen Freunden angemahnt, schrieb Luther nach einiger Zeit einen beschwichtigenden Brief an den vorher Verfluchten – diesmal mit Scherzen und Schmeicheleien gewürzt. In seinem Antwortschreiben zeigte Erasmus, was den Unterschied ausmachte zwischen einem polemischen Hassredner und einem großmütigen und weitdenkenden Humanisten: Alle die persönlichen Beleidigungen, Lügen und Schmähungen seien ihm weniger wichtig. Ihn schmerze vielmehr das Ärgernis, dass Luther mit seinem „anmaßenden, schamlosen und aufrührerischen Verhalten“ den Frieden in der Kirche zerstört, die furchtbarsten Tumulte über Deutschland gebracht und die Welt in Spaltungen und Krieg geführt habe. Er machte den Reformator dafür verantwortlich, dass der Name Christi zum Feldruf geworden sei und das Evangelium gebraucht werde wie eine Streitaxt der Barbaren.

An dieses Urteil des humanistischen Zeitgenossen Luthers knüpfte ein anderer Humanist 400 Jahre später an. Thomas Mann sprach vom Reformator als „stiernackigem Gottesbarbar“, der alle die kriegerischen und spalterischen Folgen seines Handelns gewollt und auf seinen „gedrungenen Hals“ genommen habe. Luther hatte sicher auch andere Seiten. Aber der berserkerhafte Vernichtungswille „in Gottes Namen“ gegen Mitstreiter und Gegenredner, Beteiligte und Unbeteiligte zog sich wie ein grausam-blutiger Faden durch Luthers Leben – bis hin zu seinen antijudaistischen Spätschriften.

Literatur: Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, Erstpublikation 1935, Neuauflage 2016

Text: Hubert Hecker
Bild: Wikicommons

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