Vincenzo Paglia und das homoerotische „Jüngste Gericht“ in der Kathedrale von Terni

Das "Jüngste Gericht" im Dom von Terni.
Das "Jüngste Gericht" im Dom von Terni.

(Rom) Erzbischof Vincenzo Paglia gehört zu den schillernden Gestalten der aktuellen Kirchenführung. Am vergangenen 1. März forderte der katholische Historiker und Vorsitzende der Stiftung Lepanto, Prof. Roberto de Mattei, den Rücktritt Paglias als Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben und als Großkanzler des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zur Ehe und zur Familie. In seiner Bischofskirche in Terni gab er ein monumentales Fresko in Auftrag. Der Künstler erklärte in einem Interview dessen Bedeutung. „Der Bischof fragte mich nie, ob ich an das Seelenheil und die Auferstehung glaube.“ Ob der Kulturbeauftragte Don Fabio Leonardis „schwul war, weiß ich nicht“. Jedenfalls „werden Schwule und Transsexuelle gerettet“.

Die Gemeinschaft Sant’Egidio und Paglias Aufstieg

Vincenzo Paglia war 1968 einer der Gründer der Gemeinschaft von Sant’Egidio. 1970 zum Priester der Diözese Rom geweiht, gehörte Paglia zu den Initiatoren und Promotoren der Weltgebetstreffen für den Frieden in Assisi, deren erstes und umstrittenstes Treffen 1986 stattfand. Damals wurden synkretistische Vorwürfe gegen das Treffen laut, bei dem zu Kirchenschändungen gekommen war. Fünfmal fand das Treffen seither in Assisi statt, viermal nahm ein Papst daran teil, zuletzt Papst Franziskus 2016.

Jüngstes Gericht
Jüngstes Gericht

2000 wurde Paglia von Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Terni-Narni-Amelia ernannt. Die Ernennung wurde als Anerkennung und „Belohnung“ für die Gemeinschaft von Sant’Egidio gesehen. Paglia, der geistliche Assistent der Gemeinschaft, stieg als erster Priester zum Bischof auf. Terni gehört allerdings zu den zahlreichen kleineren Bistümern Italiens.

2012 wurde Paglia von Papst Benedikt XVI. an die Römische Kurie berufen und als Vorsitzender des Päpstlichen Familienrates zum „Familienminister“ des Heiligen Stuhls ernannt. Wie es dazu kommen konnte, darüber wird bis heute gerätselt. Tatsache ist, daß die Gemeinschaft von Sant’Egidio nicht nur für ihre Paralleldiplomatie, sondern auch ihr insistentes Lobbying bekannt ist. Gleich bei der ersten Pressekonferenz als „Familienminister“ kam es zu einem Skandal, als sich Paglia für eine staatliche Anerkennung eingetragener Partnerschaften aussprach, darunter auch homosexueller.

2015, in Rom regierte bereits Papst Franziskus, wurde Paglia fast von seiner Vergangenheit eingeholt. Wie es scheint, war er froh seine Diözese Terni verlassen zu haben. Wie erst im Sommer 2013 bekannt wurde, hatte er sein Bistum mit einem Finanzloch von 35 Millionen zurückgelassen. Paglia der inzwischen die Karriereleiter nach oben gestiegen war, konnte auch das Bekanntwerden dieser Vorwürfe nichts mehr anhaben. Papst Franziskus erwies sich als großzügig. Das Finanzloch hatte zur Hälfte von der Italienischen Bischofskonferenz zur anderen Hälfte von der Vatikanbank IOR getilgt zu werden. Ein Steinchen, das Ernst von Freyberg bei seiner Abschiedserklärung als Präsident der Vatikanbank noch loswerden wollte.

Im Mai 2015 nahm der Vorsitzende der Gemeinschaft Sant’Egidio als einziger Vertreter einer sogenannten „Neuen Gemeinschaft“ am Geheimtreffen der Kasperianer an der Päpstlichen Universität Gregoriana teil. Bei dem Treffen wurde die Strategie für die zweite Bischofssynode über die Familie besprochen, um die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion zu erreichen. Zeitgleich nahm Erzbischof Paglia als Vorsitzender des Päpstlichen Familienrates im Vatikan der vom Papst einberufenen Sitzung des Synodenrates zur Vorbereitung der Bischofssynode teil. „Überall dabei, bestens informiert, immer am Ball“, mit diesen Worten haben wir damals die Vorgehensweise der Gemeinschaft von Sant’Egidio beschrieben.

Im Juli 2015 lieferte Familienminister Paglia seinen speziellen Prolog zur zweiten Bischofssynode, indem er durch homophile Aussagen auffiel.

Bilder-Zyklus Divergence-Warning – Papa I (2014)
Bilder-Zyklus: Divergence-Warning – Papa I (2014)

Der weitere Aufstieg der Gemeinschaft Sant’Egidio wurde anhand einer anderen Personalie deutlich. Hatte sich Paglia 2000 noch mit einem Kleinbistum begnügen müssen, gewährte Papst Franziskus dem zweiten Bischof aus den Reihen von Sant’Egidio, Matteo Maria Zuppi, im Oktober 2015 das Erzbistum Bologna. Mit dem Bischofsstuhl ist traditionell die Kardinalswürde verbunden. Daß der progressive Zuppi zum Nachfolger des streitbaren Kardinal Carlo Caffarra ernannt wurde, einem der Unterzeichner der vier Dubia zum umstrittenen nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia, ist dabei das eigentliche kirchenpolitische Signal.

Der neue Auftrag

Am 15. August ernannte Franziskus Paglia zum Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben und zum Großkanzler des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien über die Ehe und die Familie. Beide Institutionen wurden von Franziskus in seinem bisherigen Pontifikat stiefmütterlich behandelt. Um genau zu sein: sie wurden von ihm gar nicht beachtet. Da das Studieninstitut für das Ehesakrament und die Unauflöslichkeit der Ehe eintrat, was sein statutarischer Auftrag ist, sah Franziskus darin offenbar ein Hindernis. Das Institut wurde bei den Bischofssynoden über Ehe und Familie einfach übergangen. Das Thema Abtreibung gehört ohnehin nicht zu den Prioritäten von Franziskus, wie er selbst im September 2013 wissen ließ.

Mit der Ernennung Paglias an die Spitze der beiden Einrichtungen endete auch deren Schonfrist. Der Auftrag an Paglia lautet, die beiden Institutionen auf Bergoglio-Kurs zu bringen. Damit ändert das amtierende Kirchenoberhaupt die Linie von zwei Gründungen, die auf Papst Johannes Paul II. zurückgehen, und tilgt in diesen Bereichen dessen Lebenswerk. Paglia machte sich sofort ans Werk. Er entließ den Direktor des Studieninstituts und setzte alle Mitglieder der Akademie für das Leben vor die Tür, darunter einige der namhaftesten Lebensschützer der Welt.

Während die Päpstliche Akademie für das Leben annulliert wurde, halten währenddessen Neomalthusianer im Vatikan Einzug, die für eine massive Bevölkerungsreduzierung eintreten und dafür auf Verhütung, Sterilisation und Abtreibung setzen.

Als im November 2016 Papst Franziskus allen Priestern die Dispens erteilte, direkt von der Sünde der Abtreibung lossprechen zu können, wurde Vincenzo Paglia dazu interviewt. Als ehemaliger „Familienminister“ und nunmehriger „oberster“ Lebensschützer des Vatikans sollte er dazu etwas zu sagen haben. Die Medien hatten sich wegen der päpstlichen Entscheidungen mit Schlagzeilen überschlagen, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: „Treibt ruhig ab, der Papst vergibt euch“. Obwohl diese Darstellung verzerrt war, erfolgte vom Vatikan kein Dementi. Noch erstaunlicher war die Antwort Paglias auf die Frage einer italienischen Tageszeitung:

Il Quotidiano Nazionale: Ist es möglich, daß man in naher Zukunft zur Überwindung der Exkommunikation für Abtreibung kommen wird?

Vincenzo Paglia: Ja, das ist nicht ausgeschlossen. Ob es dann Franziskus sein wird, der den Canon abschafft, weiß ich nicht, das müßte man ihn selbst fragen. Sicher ist, daß der Kodex in den vergangenen Jahrzehnten Dutzende Male überarbeitet wurde. Es wäre also nicht verwunderlich, daß der Fortschritt des Lebens zu einem aggiornamento [Aktualisierung] des Kirchenrechts führen würde. Das liegt im Wesen der Wirklichkeit. Die Tradition der Kirche ist ein lebendiger Körper, nicht ein blockierter Kodex.

Am 17. Februar 2017 wurde am Parteisitz der kirchenfeindlichen Radikalen Partei in Rom posthum eine Autobiographie von Marco Pannella vorgestellt. Dabei redete sich Paglia regelrecht in ein panegyrisches Delirium. Er erzählte, daß ihn Papst Franziskus zu Pannella geschickt hatte. Franziskus habe anerkennend über Pannella gesagt, dieser habe „geglaubt, woran er glaubte“ und nannte ihn einen „ganz Großen“.

Das „Jüngste Gericht“ in der Kathedrale von Terni

Zurück zur ehemaligen Diözese Terni, der Kurienerzbischof Paglia von 2000-2012 vorstand. Vor kurzem wurde ein Interview des argentinischen Kunstmalers Ricardo Cinalli veröffentlicht. Cinalli berichtet darin über ein Fresko, das er im Auftrag Paglias in der Kathedrale von Terni ausführte. Der Bischof überwachte zusammen mit Dompfarrer Fabio Leonardis den Fortgang der Arbeiten. Leonardis war damals auch für die Kulturgüter in der Diözese zuständig.

Das Fresko umfaßt die gesamte Rückwand des Kirchenschiffes, also die Innenwand der Hauptfassade mit dem Hauptportal.

Das Werk stellt nach Angaben der Diözese das Jüngste Gericht dar, in dessen Mittelpunkt Christus als Weltenrichter dargestellt ist. Im Gegensatz zur traditionellen katholischen Ikonographie zeigt das Fresko allerdings nicht Christus, der das Gute belohnt und das Böse bestraft, sondern Christus den Retter, der alle Menschen an sich zieht und rettet „ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Überzeugung oder der sexuellen Orientierung“, wie es in der offiziellen Beschreibung heißt. In den Netzen fängt Christus die Menschen und zieht sie zu sich, die aus Löchern im Boden, als Sinnbild für die Gräber, hervorsteigen. Um die Botschaft zu versinnbildlichen, malte der Künstler unter den Geretteten auch eine Muslima mit Hijab. Bevorzugt aber nackte Männerkörper.

„Unter den im Werk dargestellten Personen sind Homosexuellen, Transsexuelle, Diebe, Drogendealer, Prostituierte. Alle sind nackt.“

Ricardo Cinalli, Jahrgang 1948, mit besonderem Hang zu homoerotischen Darstellungen, vertritt einen expressiven Monumentalstil wie er in den kommunistischen oder faschistischen Diktaturen der Zwischenkriegszeit gepflegt wurden, wobei Cinalli einen surrealistischen Einfluß aufweist.

Im Video sagt der Künstler zur Aussage seines Freskos:

„Schwule und Transsexuelle werden gerettet“.

Das Fresko wurde von ihm 2007 gemalt. Darin dargestellt sind auch Bischof Paglia und Dompfarrer Leonardis, letzterer mit einem tätowierten Herz und einem Pfeil durch. Die Darstellung Leonardis erinnere an „Homoerotik“, wie eine örtliche Tageszeitung schrieb. Leonardis starb 2008 im Alter von 58 Jahren.

„Es hat mir sehr gefallen, diese Arbeit auszuführen, weil ich jede nur denkbare Freiheit hatte von Seiten des Bischofs und von Don Fabio. Nicht einmal in vier Monaten, während derer wir uns fast dreimal wöchentlich sahen, wurde ich gefragt, ob ich an das Heil und die Auferstehung glaube. Man hat mich nie in Verlegenheit gebracht. Es wurde kein Detail ausgelassen, alles wurde analysiert, alles wurde diskutiert. Sie haben mich nie alleingelassen. Ja, im Bild befindet sich auch ein Transsexueller. Es sind die verschiedensten Figuren: Drogendealer, weibliche Prostituierte, männliche Prostituierte, alles keine Personen, die sich nach einer traditionellen Sichtweise den Himmel verdient haben. Es finden sich zwei Männer, die aus einem der Löcher herauszukommen versuchen. Einer hilft dem anderen. In diesem Fall gab es keine sexuelle Absicht, aber eine erotische schon.
Ich glaube, der erotische Aspekt ist zwischen den Figuren in den Netzen am deutlichsten. Da habe ich einige eingefügt, die Porträts sind. Ich habe auch Don Fabio Leonardis eingefügt, nackt, und auch den Bischof Vincenzo Paglia. Christus ist real, das war ein Friseur. Man erkennt den Penis von Christus und deshalb kam es zu einer großen Polemik. Der Bischof aber sagte: ‚Es ist eine Person, es ist ein Mensch‘, und sie ließen es zu, daß man durch den Stoff erkennt, daß er ein wirklicher Mensch war. Bischof Vincenzo Paglia, der eine Person ist, die gegenüber der Welt ganz offen ist, hat mir Schritt für Schritt zur Seite gestanden, indem er die Dinge ausarbeitete, als wäre er das spirituelle Haupt. Ohne ihn hätte ich nicht die Kraft gehabt, ein Werk von solcher Natürlichkeit zu verwirklichen. Don Fabio war völlig offen. Es steht mir nicht zu, zu sagen, ob er schwul war oder nicht. Das spielt keine Rolle. Ihre Offenheit war absolut. Paglia war etwas formaler, aber alles was dargestellt ist, wurde von ihm ausdrücklich gebilligt. Einzig ein Paar beim Geschlechtsakt ließen sie nicht darstellen. Als sie es sahen, sagten sie. Es ist nicht notwendig so weit zu gehen, um die Freiheit zu zeigen, die der Mensch in dieser und der anderen Welt hat.“

Von Cinalli stammt ein neuerer Zyklus aus vier Bildern aus dem Jahr 2014 mit dem Titel „Divergence-Warning – Papa I-IV“. Es zeigt einen schwarzen Papst, der im ersten Bild in weiß gekleidet ist, eine weiße Mitra und rotee Schuhe trägt; im zweiten Bild ist er in gleicher Pose gezeigt, aber nackt, nur mehr mit der Mitra auf und schreiend; im dritten Bild ist er immer in gleicher Pose ein Skelett mit Mitra auf und schreiend; im vierten Bild ist das Skelett zu einem Knochenhaufen zusammengefallen. Was der Künstler genau mit dem Zyklus aussagen möchte, ist auf seiner Internetseite nicht näher beschreiben.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Youtube/Diocesi Terni (Screenshots)

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1 Kommentar

  1. Nach 5 Jahrhunderten wird wieder ein „Braghettone“ gebraucht.
    In den Fußstapfen von:nein, nicht Michelangelo, sonern von Daniele di Volterra 🙂

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