Tawadros II., 118. Patriarch von Alexandria – Gratwanderung der 15 Prozent Kopten zwischen Moslembruderschaft und Salafisten

(Alexandria) Gestern beging er seinen 60. Geburtstag und wurde durch Los zum 118. Patriarchen der koptisch-orthodoxen Kirche bestimmt. Amba Tawadros II., der bisherige Bischof von Behayra, ist der neue Patriarch von Alexandria und Papst von weltweit mehr als 17 Millionen orthodoxen Kopten. Dieser altorientalischen Kirche gehören die meisten Christen Ägyptens an.

Die Ernennung von Patriarch Tawadros (auch Tawadraus, das heißt Theodor) erfolgte im Rahmen einer Messe, die von Amba Pakhomios zelebriert wurde, der während der Sekisvakanz des Patriarchenstuhls seit dem Tod von Patriarch Shenouda am vergangenen 17. März die Kirche leitete. Es war ein gestern während der Zeremonie ausgewählter fünfjähriger Junge, der mit verbundenen Augen aus einer Urne den Zettel mit dem Namen des neuen Patriarchen zog. Die Urne mit den drei nach einem langwierigen Auswahlverfahren übriggebliebenen Kandidaten stand dabei auf dem Altar, um Gottes Beistand bei der Entscheidung herabzurufen.

Fünfjähriger Junge zog den Namen des neuen koptischen Papstes

Der Junge war aus einer Gruppe von zwölf „Psalmisten“ ausgewählt worden. Am Tag vor der Wahl habe der Junge seiner Mutter gesagt: „Wenn ich für das Los bestimmt werde, werde ich den Namen von Amba Tawadros  ziehen.“ Der Junge heißt Bishoy, das ist auch der Name des Klosters, dem der neue Patriarch angehört.

In Damanhour, dem Geburtsort des neuen Nachfolgers des Evangelisten Markus veranstaltete die Bevölkerung ein Freudenfest.

In der Reihe der Patriarchen wird Tawadros der Zweite seines Namens sein. Tawadros  I. war der 40. Patriarch. Tawadros  II. ist der 118. Patriarch. Er wurde am 4. November 1952 in Damanhour südöstlich von Alexandria im Nildelta geboren. 1975 schloß er sein Studium der Pharmazie an der Universität von Alexandria ab, dem ein Forschungsstipendium bei der Weltgesundheitsorganisation in Großbritannien folgte. Am 20. August 1986 trat er in das Kloster von Wadi Natroun ein und wurde am 23. Dezember 1989 zum Priester geweiht. Seit dem 15. Juni 1997 war er Bischof von Behayra. Das Kloster Amba Bishoy in seiner Diözese steht dem Kloster nahe, dem der 117. Patriarch Shenouda angehörte, der selbst einige Zeit in Amba Bishoy lebte, als er 1981 von Staatspräsident Anwar Sadat verhaftet und bis 1986 unter Hausarrest in das Kloster verbannt war.

Der neue Patriarch gilt als exzellenter Organisator. Er war vor allem in der Jugendseelsorge aktiv, für die er neue pastorale Methoden entwickelte, die eine religiöse Erziehung ab dem Kleinkindalter vorsieht und nun wohl für die gesamte Kirche auch in der Diaspora eingeführt werden wird, die vor allem in den Nordamerika und Australien sehr stark ist. Damit will der bisherige Bischof die Kirche für die Zukunft vorbereiten.

Zahl der Christen in Ägypten deutlich größer als allgemein angegeben

In Ägypten gilt allgemein, daß der koptisch-orthodoxen Kirche neben der religiösen auch eine politische Rolle im Land zukommt. Dennoch war es erstaunlich, wieviele Moslems mit den Christen um eine gute Patriarchenwahl beteten. Staatspräsident Morsi von der Moslembruderschaft wurde zur Inthronisationsfeier des neuen Patriarchen eingeladen, die am 18. November in der Markuskathedrale von Kairo stattfinden wird. Der ehemalige moslemische Präsidentschaftskandidat, Abdel Moneim Abul Futuh Abdel Hady erklärte, daß „der Papst von Alexandria nicht nur der Papst der Kopten, sondern der ganzen Nation“ sei. Er erinnerte daran, daß Patriarch Ghobril (1131-1145) die Christen Ägyptens aufforderte, die arabische Sprache anzunehmen, für die Lesung des Evangeliums und die Predigt im Gottesdienst: „Damit wurde die koptische Kirche eine Kirche für die Nation“. Abul Futuh war prominentes Mitglied der Moslembruderschaft, bis er 2011 ausgeschlossen wurde. Im Präsidentenwahlkampf wurde er von den Salafisten unterstützt und erreichte 17 Prozent der Stimmen.

Neuer Patriarch will Christen Hoffnung geben, die Sorge vor neuer Islamisierung haben

Der neue Patriarch steht vor allem der schwierigen Frage des friedlichen Zusammenlebens zwischen der moslemischen Mehrheit und der christlichen Minderheit im Land gegenüber, die sich heute unter ganz neuen Vorzeichen stellt, nachdem der „Arabische Frühling“ die Moslembruderschaft an die Macht und eine starke salafistische Minderheit ins Parlament brachte. Die Probleme beginnen bereits bei den Zahlen. Allgemein wird der Anteil der Christen mit 10 Prozent oder weniger angegeben. Religionsexperten gehen jedoch davon aus, daß mehr als 15 Prozent der Ägypter orthodoxe Kopten sind. Hinzu kommen noch die Angehörigen der anderen christlichen Gemeinschaften, allen voran der mit Rom verbundenen katholischen Kopten. Die Salafisten behaupten jedoch, daß das Land am Nil zu 95 Prozent islamisch ist.

Die Zahlen seien jedoch nicht das Wichtigste. Die Kopten bewahren in besonderer Weise das historische Erbe Ägyptens, da ihre Ursprünge weit vor die arabische Eroberung und Islamisierung des Landes zurückreichen. Sie stellen eine wichtige Realität des Landes dar und haben wesentlichen Beitrag zur Entwicklung Ägyptens geleistet, nicht zuletzt durch die „Wiedergeburt“ der arabischen Sprache, aber auch in der Literatur, den Medien, den Künsten und zahlreichen Berufen. Sie unterstützten im 20. Jahrhundert die ägyptische Nationalbewegung. Kopten hatten führende politische Ämter inne wie Nubar Pasha oder Boutros Ghali, der Anfang des vorigen Jahrhunderts Ministerpräsident war. Heute ist die Situation jedoch wesentlich unsicherer und härter geworden, da die Christen mit Sorge den wachsenden Einfluß von Moslembrüdern und Salafisten beobachten.

Text: Asianews/Giuseppe Nardi
Bild: Asianews



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1 Kommentar

  1. Ich bitte den Heiligen Geist: Laß die Christen, die ja weltweit in Not sind, erkennen, daß sie nicht machtlos sind. Niemand kann sie daran hindern, für ihre schlimmsten und gefährlichsten Feinde zu fasten und zu beten.
    „Erinnert Gott bei Gelegenheit an Eure Nöte. ER wird es schon richten.
    Aber Eure Feinde brauchen Euer Gebet, damit auch sie in den Himmel kommen können.“
    [Wer wenig zum Essen hat, kann immer noch seinen Hunger als Opfer bringen. (Katholische Weite)]

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