Die Früchte von "Gaudium et Spes" – Was geschieht im Vatikan?

von Roberto de Mattei*

Was geschieht im Vatikan? Die Katholiken der ganzen Welt fragen sich fassungslos nach dem Sinn der Meldungen, die in den Zeitungen aus dem Boden schießen und den Eindruck eines innerkirchlichen Krieges zu enthüllen scheinen, der innerhalb der Leoninischen Mauern toben soll, und der von den Massenmedien künstlich aufgeblasen wird. Wenn es schon nicht leicht ist zu verstehen, was passiert, kann man zumindest versuchen zu verstehen, weshalb das alles passiert.

Die Tatsache ist nicht ohne Bedeutung, daß diese Selbstentladung genau zum 50. Jahrestag des Zweiten Vatikanischen Konzils erfolgt. Unter allen Dokumenten des Konzils, ist eines besonders emblematisch und vielleicht auch das umstrittenste, nämlich die Konstitution Gaudium et Spes, die dem Theologen Joseph Ratzinger nicht gefiel. In jenem Dokument wurde mit irenischem Optimismus die Umarmung zwischen der Kirche und der modernen Welt gefeiert. Es war die Welt der 60er Jahre, getränkt von Konsumismus und Säkularismus, eine Welt, auf der der Schatten des kommunistischen Imperialismus lag, über den das Konzil nicht reden wollte.

Das Zweite Vatikanum sah die positiven Keime der Moderne, nicht aber deren Gefahren und verzichtete darauf, die Irrtümer anzuprangern und weigerte sich, deren antichristlichen Wurzeln zu erkennen. Es wollte die Welt hören und versuchte die „Zeichen der Zeit“ zu lesen in der Überzeugung, daß die Geschichte einen kontinuierlichen, undefinierten Fortschritt bedeute. Die Konzilsväter schienen es eilig zu haben, mit der Vergangenheit abzuschließen, in der Überzeugung, daß die Zukunft günstig für die Kirche und die Menschheit sei. Dem war aber leider nicht so. In den Nachkonzilsjahren wurde der vertikale Schwung hin zu den transzendenten Prinzipien ersetzt durch ein Hinterherjagen hinter den irdischen und mondänen Wertvorstellungen.

Das philosophische Prinzip von Immanenz wandelte sich in eine horizontale und soziologische Sichtweise des Christentums, symbolisiert – in der Liturgie – durch den Volksaltar. Die conversio ad populum, die mit dem Preis unerhörter künstlerischer Zerstörungen bezahlt wurde, verwandelte das Bild des mystischen Leibes Christi in jenes eines sozialen Körpers, der seiner übernatürlichen Seele entleert wurde. Wenn aber die Kirche dem Übernatürlichen und dem Transzendenten den Rücken zukehrt, um sich dem Immanenten zuzuwenden, stellt sie die Lehre des Evangeliums auf den Kopf, wonach man „in der Welt, aber nicht von der Welt“ sein soll. Sie hört auf, die Welt zu christianisieren und wird statt dessen von dieser verweltlicht.

Das Reich Gottes wird zur reinen Machtstruktur, in der Kalkül und politische Vernunft, menschliche Leidenschaften und nebensächliche Interessen vorherrschend werden. Die „anthropologische Wende“ brachte viel menschliche Präsenz in die Kirche, aber wenig göttliche. Wenn wir von Kirche sprechen, beziehen wir uns natürlich nicht auf die Kirche an sich, sondern auf die Menschen, die ihr angehören. Die Kirche hat eine göttliche Natur, die durch nichts getrübt werden kann und die sie immer rein und unbefleckt sein läßt. Ihre menschliche Dimension aber kann durch jenen Ruß bedeckt werden, den Benedikt XVI. bei der Via Crucis vor seiner Wahl, als „Schmutz“ bezeichnete und Paul VI. angesichts der konziliaren Sprünge und Klüfte unbewußt mit prophetischen Worten als „Rauch Satans“ bezeichnete, der in das Haus Gottes eingedrungen ist.

Der Rauch Satans sind noch vor den Schwächen und den Armseligkeiten der Menschen vor allem die häretisierenden Reden und die zweideutigen Erklärungen, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erfolgen, ohne daß noch das Werk begonnen hätte, das Johannes Paul II. die „Reinigung der Gedächtnisses“ nannte, und das wir einfacher „Gewissenserforschung“ nennen, um zu verstehen, was wir falsch gemacht haben, was wir zu korrigieren haben, wie wir dem Willen Jesu Christi entsprechen müssen, der der einzige Retter bleibt, nicht nur seines mystischen Leibes, sondern einer Gesellschaft, die abdriftet. Die Kirche durchlebt eine Zeit der Krise, ist aber auch reich an geistlichen Ressourcen und an Heiligkeit, die in vielen Seelen leuchten. Die Stunde der Finsternis wird in der Geschichte immer von der Stunde des Lichts begleitet, das aufleuchtet.

* Roberto de Mattei war Professor für Zeitgeschichte an der Universität Cassino, heute Professor für Kirchengeschichte an der Europäischen Universität in Rom, er war Berater der italienischen Regierung in außenpolitischen Fragen, stellvertretender Vorsitzender des Nationalen Forschungsrats (CNR) der Republik Italien, Direktor und Herausgeber der Zeitschrift Radici Cristiane und des katholischen Nachrichtendienstes Corrispondenza Romana, Autor der Konzilsgeschichte: Das Zweite Vatikanische Konzil – eine bislang ungeschriebene Geschichte, Edition Kirchliche Umschau, für das er 2011 mit dem italienischen Historikerpreis Acqui Storia ausgezeichnet wurde.

Text: Roberto de Mattei
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrado Giaquinto: Satan vor dem Herren (1750)

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1 Kommentar

  1. Das ist bisher der beste Beitrag, den ich zu diesem mehr als unerfreulichen Thema gelesen habe. Weil Roberto de Mattei versucht, die Ursachen zu benennen. Auch wenn die Drahtzieher der gegenwärtigen Krise gefunden werden, was dingend nötig ist, die Krise der Kirche an sich ist nicht gelöst.
    Nicht, wenn beispielsweise „Gaudium et Spes“ nicht überwunden wird. So trostlos langweilig dieses Dokument auch zu lesen ist, so überholt es an vielen Stellen inzwischen ist, die Anhänger der Zeitgeistkirche werden dieses Zeitgeistdokument kampferprobt verteidigen wie den kostbarsten Schatz. Da sie überwiegend an den Schaltzentralen der kirchlichen Strukturen sitzen, wird die Krise der Kirche noch weitergehen. Dieser endlos scheinende Winter…
    Auch wenn es Zeichen gibt, dass irgendwann der Frühling den Winter ablöst (sinngemäß nach dem Generaloberen der FSSPX). Ohne heftigste Stürme wird es nicht gehen. Sie müssen wohl ertragen werden.

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