Als die Türken Papst Pius X. dankten – Der Widerstand des Heiligen Stuhls gegen einen „anti-islamischen“ Krieg

(Rom/Istanbul) In den von europäischen Mächten geführten Kolonialkriegen des 19. und 20. Jahrhunderts wurde auch die Religion als politisches Instrument eingesetzt, um die einheimischen Völker von der „historischen Notwendigkeit“ des Kolonialismus zu überzeugen oder auch zur Rechtfertigung kolonialer Eroberungen. Der bekannte Historiker Pater Giovanni Sale befaßte sich in der renommierten Zeitschrift Civiltà  Cattolica mit einem Kapitel dieser Geschichte: der italienischen Militärexpedition zur Eroberung Libyens 1911. Darin verurteilt der Jesuit den Mißbrauch der Religion für koloniale Eroberungen und zeigt die Haltung von Papst Pius X. auf, der sich gegen den Mißbrauch des Konfliktes als „anti-islamischen“ Krieg zur Wehr setzte.

Die Italiener landeten 1911 in Nordafrika mit der „irrigen Meinung, von der einheimischen Bevölkerung als Befreier und ‚Zivilisatoren‘ empfangen zu werden“. Was nur ein „Sonntagsausflug“ sein sollte, wurde zu einem langwierigen, teuren Militärunternehmen, das mehr als 20 Jahre dauern sollte. Erst 1935 konnte das faschistische Italien, das seit 1923 den Krieg fortsetzte, den letzten libyschen Widerstand brechen.

Am 13. Oktober 1911, unmittelbar nach der Landung des Expeditionskorps, erließ der kommandierende General Carlo Caneva als italienischer Gouverneur Tripolitaniens (Libyen im heutigen Sinne gab es noch nicht) eine Proklamation an die Araber Tripolitaniens und der Cyrenaika „im Namen des gütigen und barmherzigen Gottes“.

In der Proklamation hieß es, die italienischen Truppen seien nicht entsandt worden, um die Völker dieser Gebiete zu unterwerfen, sondern „um ihnen ihre Rechte zurückzugeben, die Usurpatoren zu bestrafen und sie frei zu machen“. Das italienische Heer habe den Auftrag, sie von der türkischen Herrschaft zu befreien, um den Libyern die Freiheit und ihre Rechte zurückzugeben, daß die Libyer künftig von ihren eigenen Führern nach ihren eigenen Gesetzen regiert würden, daß die islamische Religion und die Tradition und Gebräuche vollkommen respektiert würden. Die Proklamation enthielt sogar zwei Verse des Koran. „Jenen, die nicht den Religionskrieg bringen und euch nicht aus euren Ländern verjagen, müßt ihr Gutes tun und sie schützen, weil Gott die Wohltäter und Beschützer liebt.“

Die Religion, die der Feind zur Eroberung und Befriedung der Libyer einzusetzen versuchte, wurde hingegen zu einem der wichtigsten Antriebsfedern für den Widerstand gegen die italienische Invasion und führte schließlich dazu, daß sich die einheimischen Stämme mit den Türken verbündeten und eine geschlossene islamische Front gegen die „christlichen Invasionstruppen“ bildeten, wie der moslemische Historiker Habib Wadaa Al-Hesnaw schreibt. Jeder libysche Kämpfer gegen den italienischen Eroberer wurde zum Mudschaheddin (Mudschahid), das heißt zum Kämpfer für den Heiligen Krieg, den Dschihad.

Die Proklamation General Canevas wurde damals sofort vom Osservatore Romano und der Civiltà  Cattolica vollinhaltlich veröfffentlicht und scharf kritisiert. Der Tonfall war dabei „ironisch und provokant“, wie Pater Sale schreibt. Die Tageszeitung des Vatikans stellte die unlauteren Absichten der italienischen Regierung bloß, die sich mit Pathos auf die Religion berief, doch in Wirklichkeit antiklerikal war und „in religiösen Dingen sicher nicht von sich behaupten kann, weich und tolerant gegenüber der katholischen Kirche zu sein“. Der Osservatore Romano kritisierte offen die Kirchenpolitik der liberalen Regierungen Italiens, die seit der italienischen Einigung von 1861 das Land beherrschten. Der Vatikan machte auf die „Heuchelei und die Zweideutigkeit der Proklamation aufmerksam, indem die Religion und die heiligen Dinge offensichtlich politischen Zwecken untergeordnet oder noch schlimmer für diese mißbraucht wurden, um von den Einheimischen Zustimmung und Gehorsam für eine ihnen mit Gewalt aufgezwungene Besatzung zu erlangen“, so Pater Sale.

Ironisch fügte der Osservatore Romano 1911 hinzu: „Die gläubigen Italiener werden ab jetzt zumindest wissen, wohin sie gehen müssen, um wenigstens ein bißchen frische Luft schnappen zu können und sogar im Schatten der Staatsfahne den heiligen Namen Gottes offiziell von den Behörden ausgesprochen und die heiligen Dinge und Personen respektiert und geschützt zu sehen.“

Auch die Civiltà  Cattolica kommentierte damals die Proklamation hart: „Die Regierung hat mit der Inbesitznahme von Tripolis bewiesen, daß sie in der Religion lediglich ein Instrument für seine politischen Zwecke sieht, von dem sie Gebrauch macht wie von irgendeinem beliebigen anderen. Der Mißbrauch des Namens Gottes und der Vorsehung ist offensichtlich.“

Nach diesen Stellungnahmen kam es zu heftigen Angriffen der in Italien regierenden Kreise, den Liberalen, den omnipräsenten Freimaurern und einem sich zunehmend radikalisierenden Nationalismus. Um Mißverständnisse zu vermeiden, sah sich der Heilige Stuhl genötigt, erneut Stellung zu nehmen. Vor allem auch, um unter den Katholiken Unsicherheiten zu vermeiden, da die Staatsbehörden genußvoll die Nachricht verbreiteten, daß am 17. Oktober 1911 in der katholischen Kirche von Tripolis ein Te Deum gesungen wurde, an dem alle militärischen und zivilen Kolonialbehörden teilnahmen.

In einer kurzen Erklärung hieß es im Leitartikel des Osservatore Romano, daß die nordafrikanische Unternehmung des Staates „eine absolut politische Angelegenheit ist, die mit der Religion rein gar nichts zu tun hat“.

Im Zuge der sich ausweitenden Polemik verteidigten auch Kirchenvertreter und katholische Medien (vor allem jene, die zu einem Gutteil von der Banco di Roma finanziert wurden, die wiederum wirtschaftliche Interessen in Libyen verfolgte) die Kolonialpläne der Regierung. „Sie beschrieben den stattfindenden Krieg als Unternehmen gegen den tödlichen Feind des Christentums, das heißt gegen die ‚türkische Gefahr’“, so Pater Sale. Papst Pius X. wollte angesichts dieser Stellungnahmen selbst ein klärendes Wort sprechen. Das Staatssekretariat verfaßte darauf eine Erklärung, die am 21. Oktober auf der Titelseite des Osservatore Romano veröffentlicht wurde.

„Nicht wenige Zeitungen, die im katholischen Lager kämpfen wollen und etliche Redner, Kirchenvertreter und Laien, möchten mit ihren Äußerungen rund um den italienisch-türkischen Konflikt fast glauben machen, als handle es sich um einen heiligen Krieg, der im Namen und mit Unterstützung der Religion und der Kirche stattfindet. Wir sind autorisiert, zu erklären, daß der Heilige Stuhl keinerlei Verantwortung für solche Erklärungen übernimmt, sie nicht gutheißen kann, sondern mißbilligt.“ Die Erklärung wurde zusätzlich allen Bischöfen zugesandt, die sich zugunsten der italienischen Invasion ausgesprochen hatten.

Am 22. Oktober kam die Tageszeitung des Vatikans erneut auf das Thema zurück, indem sie über die Christen berichtete, die in den umkämpften Ländern lebten. Der Heilige Stuhl bewies damit eine differenzierte Sichtweise, die der waffenklirrenden Regierung völlig abging. „Es sind viele Tausende und Abertausende Christen aller Nationen, angefangen die Italiener, die alles Interesse haben, nicht in Verdacht zu geraten und nicht verfolgt zu werden, aus Haß, weil sie Christen sind.“ Deshalb dürfe dem herrschenden Konflikt „nicht der Charakter eines religiösen Krieges zugesprochen werden“.

Papst Pius X. lehnte „entschieden“ jeden „Mißbrauch der Religion für ausschließlich politische Zwecke ab“, so Pater Sale. So wollte er vor allem auch verhindern, daß der italienische Kolonialkrieg, wie auch der anderer katholischer Staaten, als Religionskrieg aufgefaßt wurde, „im konkreten Fall als Krieg zwischen Moslems und Christen“. Eine Haltung, die von den Türken sehr wohl verstanden wurde. Eine osmanische Parlamentarierdelegation schickte dem Papst ein „Danktelegramm für seine Friedenshaltung im aktuellen italienisch-türkischen Krieg“.

Die Haltung Papst Pius X. war „von großer historischer und moralischer Bedeutung, weil sie wesentlichen Einfluß auf die Haltung des Heiligen Stuhls bei späteren zwischenstaatlichen Konflikten hatte. Wie Pius X. sprachen sich, auch in historisch sehr verschiedenen Situationen, Benedikt XV. und Pius XII. im Ersten und Zweiten Weltkrieg aus.“

Text: Vatican Insider/Giuseppe Nardi
Bild: Vatican Insider

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