In den Psalmen wird das Wort Gottes zum Gebetswort

Liebe Brüder und Schwestern!

Seit einiger Zeit handeln meine Katechesen vom Gebet und suchen eine Schule des Gebetes zu entfalten. Dabei habe ich mich zunächst mit einigen großen Betern des Alten Bundes befaßt: Mose, vorher Abraham, Elija. Heute möchte ich nun das Gebetbuch des Volkes Gottes aufschlagen – das Buch der Psalmen. Die 150 Psalmen drücken die menschliche Erfahrung Gott gegenüber mit ihrem ganzen Facettenreichtum aus. Durch sie haben sich die Beter in Lobpreis und Bitte an Gott gewandt. Auch uns wollen die Psalmen beten lehren. In ihnen wird das Wort Gottes zum Gebetswort. Wir beten sozusagen mit Gottes eigenen Worten, die er uns gibt, damit wir lernen, zu ihm zu sprechen und eine Sprache mit ihm zu finden. Etwas ganz Ähnliches geschieht, wenn ein Kind zu sprechen beginnt. Es lernt, die eigenen Wahrnehmungen, Gefühle und Bedürfnisse mit Worten auszudrücken, die es von seinen Eltern und von anderen Personen aus seiner Umgebung gelernt hat. Was es ausdrücken will, ist das, was es selbst erlebt hat, aber das Ausdrucksmittel kommt von anderen Menschen. Nach und nach eignet das Kind es sich an und lernt so Sprache, und mit der Sprache eine Welt. Aus der Leihgabe wird das eigene Reden, das doch immer den anderen das Wort verdankt. So ist es auch im Beten der Psalmen. Sie sind uns von Gott gegeben, damit wir Wörter haben, damit wir lernen, uns an Gott zu wenden und mit ihm zu sprechen, so daß diese Worte, die er uns gegeben hat, allmählich und immer mehr unsere eigenen Worte werden. Indem wir uns seine Worte zu eigen machen, lernen wir, Gott zu kennen und uns zu erkennen, lernen wir das Mensch-Sein. Wir lernen, uns in Trübsal und in Schmerz zu ihm zu wenden – auch mit der Klage und mit der Beschwernis –, aber immer in der Gewißheit, daß er, der Ferne, uns nahe ist, und daß er, der uns vergessen zu haben scheint, uns hört, daß wir letztlich immer auf ihn zählen dürfen und daß wir in letztlich keiner Not allein gelassen sind, sondern immer noch zu ihm schreien können und wissen dürfen: Er hört mich. So ist im Letzten in der Bitte und in der Klage immer schon der Dank und die Gewißheit, daß Gott mich liebt, mitenthalten. Der Mensch mag weinen, flehen, bitten; aber er betet im Bewußtsein, daß er dem Licht und dem endgültigen Lobpreis entgegengeht. So wollen wir den Herrn bitten, daß er uns wahrhaft beten lehrt, daß er uns lehrt, seine Kinder zu sein und mit ihm im Familiendialog, im Dialog der Kinder zum Vater zu stehen und damit rechte Menschen zu werden.

Von Herzen grüße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache. Möge das Buch der Psalmen uns helfen, Gott in allen unseren Lebensumständen zu loben und ihn vertrauensvoll zu bitten. Er ist unter uns mit seinem Wort und besonders durch die Gegenwart des Sohnes im Sakrament des Altares. Danken wir ihm dafür und begehen wir das morgige Fronleichnamsfest als einen Tag des freudigen Lobpreises Gottes und der Bitte um seinen Segen. Der Herr geleite euch auf allen euren Wegen.

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