Und als Er vierzig Tage und vierzig Nächte ge­fastet hatte, danach hungerte Ihn

John Henry Newman

Die Zeit der Buße, die Ostern vorangeht, dauert vierzig Tage zum Andenken an das lange Fasten unseres Herrn in der Wüste. Daher lesen wir heute, am ersten Fastensonntag, das Evangelium, das den Bericht darüber enthält, und im Tagesgebet bitten wir Ihn, der um unsertwillen vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hat, Er möge unser Fa­sten zum Heil der Seele und des Leibes segnen. Wir fasten der Buße wegen, und um unser Fleisch zu zähmen.

Unser Heiland hatte es nicht nötig, aus einem dieser Gründe zu fasten. Sein Fasten unter­schied sich von dem unseren in der Strenge wie auch im Ziel. Und doch werden wir zu Anfang unseres Fastens auf Sein Beispiel hingewiesen; und unser Fasten dauert so lange, bis wir auch in der Anzahl der Tage dem Seinigen gleichgekommen sind. Dafür gibt es einen Grund: wahrhaftig, wir sollten nichts tun, ohne Ihn vor Augen zu haben.

Wie wir nur durch Ihn allein die Kraft haben, irgend etwas Gutes zu tun, so ist auch nichts gut, außer wir tun es um Seinetwillen. Von Ihm kommt unser Gehorsam, nach Ihm muß er sich richten; sagt Er doch: „Ohne Mich könnt ihr nichts tun“ (Joh 15, 5). Kein Werk ist gut ohne Gnade und ohne Liebe. Der heilige Paulus gab alles auf, „um in Christus erfunden zu werden, nicht mit seiner Gerechtigkeit, die aus dem Gesetze ist, sondern mit der Gerechtig­keit, die aus Gott durch den Glauben ist“ (Phil3,9).

Dann nur sind unsere gerechten Taten Gott wohl­gefällig, wenn sie nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes, sondern in Christus durch den Glauben vollbracht werden. Hohl waren alle Werke des Ge­setzes, weil sie nicht von der Kraft des Geistes ge­tragen waren. Sie waren bloß Versuche einer un­begnadeten Natur, das zu erfüllen, was sie zwar erfüllen sollte, aber nicht konnte. Nur blinde und fleischliche Menschen oder solche, die in äußerster Unwissenheit waren, konnten etwas Beglückendes in ihnen finden.

Was bedeuteten alle die gerechten Taten des Gesetzes, was seine Werke, selbst wenn sie außergewöhnlich waren, was seine Almosen und sein Fasten, was die Entstellung des Angesichtes und die Betrübnis der Seele; was war all dies anders als Staub und Schmutz, ein kläglicher, irdischer Dienst, ein elend hoffnungsloses Bußwerk, insofern ihnen Gnade und Gegenwart Christi fehlten? Die Juden mochten sich verdemütigen, aber während sie im Fleische niederfielen, gab es für sie keine Erhebung im Geiste; sie mochten sich kasteien, aber es ge­reichte ihnen nicht zum Heil; sie mochten trauern, aber ohne daß sie sich allezeit freuten; der äußere Mensch mochte abnehmen, aber der innere erneuerte sich nicht Tag für Tag. Sie trugen die Last und Hitze des Tages und das Joch des Gesetzes, aber es „be­wirkte für sie keine überschwengliche, ewige, alles überwiegende Herrlichkeit“ (2 Kor 4,17).

Für uns aber hat Gott etwas Besseres aufbewahrt. Zu den Jüngern Christi zu gehören bedeutet: das tun kön­nen, was die Juden tun zu können vermeinten, aber nicht konnten; das in uns haben, wodurch wir alles vermögen; von der Gegenwart Dessen in Besitz ge­nommen sein, der unser Leben, unsere Kraft, unser Verdienst, unsere Hoffnung und unsere Krone ist; auf wunderbare Weise Seine Glieder werden, die Werkzeuge, die sichtbare Form oder das sakramen­tale Zeichen des Einen unsichtbaren, immer gegenwärtigen Gottessohnes, der auf mystische Weise in uns allen die Akte Seines irdischen Lebens wieder­holt: Seine Geburt, Seine Weihe, Sein Fasten, Seine Versuchung, Seine Kämpfe, Siege, Leiden, Seine Todesangst, Seine Passion, Seinen Tod, Seine Auf­erstehung und Himmelfahrt; – Er alles in allem, wir so gering an persönlicher Kraft, so gering an Vorzug oder Verdienst wie das Wasser in der Taufe, wie Brot und Wein in der heiligen Euchari­stie; doch stark im Herrn und in der Kraft Seiner Macht. Das sind die Gedanken, mit denen wir Weihnachten und Erscheinung feierten, das sind die Gedanken, die uns durch die Fastenzeit begleiten müssen.

Ja, selbst in unseren Bußwerken, durch die wir am wenigsten hätten hoffen können, in Ihm ein Vor­bild zu finden, ist Christus uns vorangegangen, um sie für uns zu heiligen. Durch Sein Fasten hat Er das Fasten segnend zum Gnadenmittel erhoben; so ist Fasten nur wohlgefällig, wenn es um Seinet­willen geschieht. Buße ist bloße Formsache oder bloße Gewissensqual, wenn sie nicht in der Liebe geschieht. Wenn wir fasten, ohne uns im Herzen mit Christus zu vereinen, nämlich ohne Ihn nachzu­ahmen und Ihn zu bitten, Er möge unser Fasten zum Seinigen machen, Er möge es zu dem Seinigen fügen und ihm die Kraft des Seinigen mitteilen, damit wir in Ihm sein können und Er in uns, dann fasten wir wie Juden, nicht wie Christen. Mit Recht stellen wir uns also im Gottesdienst dieses ersten Sonntags den Gedanken an Ihn vor Augen, an Ihn, dessen Gnade in uns sein muß, damit wir nicht bei unseren Buß­werken Luftstreiche führen und uns umsonst ver­demütigen.

In vieler Hinsicht nun kann das Beispiel Christi in dieser heiligen Zeit uns zum Trost und zur Er­mutigung werden.

Vor allem wird es gut sein, den Umstand hervorzu­heben, daß unser Herr Sich auf diese Weise von der Welt zurückzog, um uns zur gleichen Pflicht zu berufen, soweit wir sie erfüllen können. Das tat Er nun besonders im vorliegenden Beispiel, ehe Er Seine öffentliche Tätigkeit begann; aber es ist nicht das einzige Beispiel, das wir kennen. Ehe Er Seine Apostel erwählte, bereitete Er Sich in der gleichen Weise vor. „Es geschah aber in jenen Tagen, daß Er hinausging auf den Berg, um zu beten; und Er verbrachte die ganze Nacht im Gebete mit Gott“ (Lk 6, 12).

Gebet zur Nachtzeit war eine Buß­übung von derselben Art wie das Fasten. Bei einer anderen Gelegenheit, damals als Er die Scharen entlassen hatte, „stieg Er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten“ (Mt 14,23); und auch bei die­ser Gelegenheit scheint Er einen großen Teil der Nacht dort verbracht zu haben. Auch damals, in­mitten des Aufsehens, das Seine Wunder erregten, „stand Er des Morgens sehr früh auf, ging hinaus und begab Sich an einen öden Ort und betete da­selbst“ (Mk 1, 35).

Wenn wir bedenken, daß unser Herr das Vorbild der menschlichen Natur in ihrer Vollkommenheit ist, können wir gewiß nicht daran zweifeln, daß solche Beispiele angestrengten Betens zu unserer Nachahmung dienen sollen, wenn wir vollkommen sein wollen. Aber die Verpflichtung hierzu ist über jeden Zweifel erhaben, da wir ähn­liche Beispiele bei den hervorragendsten Seiner Diener finden. Paulus erwähnt in der heutigen Epi­stel unter anderen Drangsalen, daß er und seine Brüder „Nachtwachen hielten und fasteten“, und in einem späteren Kapitel, daß er „oft fastete“ (2 Kor 6, 5; 11, 27).

Petrus zog sich nach Joppe an der Meeresküste zurück, wohnte im Haus eines gewissen Gerbers Simon und dort fastete und betete er. Moses und Elias schöpften beide Kraft aus dem wunder­baren Fasten, das ebensolange währte wie das unse­res Herrn. Moses sogar ein zweites Mal; so berichtet er uns selbst: „Dann fiel ich nieder vor dem Herrn wie vorher, vierzig Tage und vierzig Nächte; ich aß kein Brot und trank kein Wasser“ (Dt 9,18). Nach­dem Elias von einem Engel gespeist worden war, „ging er in der Kraft dieser Speise vierzig Tage und vierzig Nächte“ (1 Kön 19,8). Auch „Daniel richtete sein Angesicht zu dem Herrn, seinem Gott, zu bitten und zu flehen mit Fasten und in Sack und Asche“ (Dn 9, 3). Ein andermal sagt er: „In denselben Ta­gen war ich, Daniel, traurig drei Wochen lang. Ich aß das wohlschmeckende Brot nicht, und Fleisch und Wein kamen nicht in meinen Mund; auch salbte ich mich nie, bis die drei Wochen um waren“ (Dn 10, 2. 3). Dies sind Beispiele des Fastens im Geiste Christi.

Sodann möchte ich darauf hinweisen, daß das Fasten unseres Heilandes nur der Auftakt zu Seiner Ver­suchung war. Er ging in die Wüste, um vom Teufel versucht zu werden; aber bevor Er versucht wurde, fastete Er. Auch war dies nicht – und das ist der Beachtung wert – einfach nur eine Vorbereitung für den Kampf, sondern es war zum guten Teil der Anlaß zu diesem Kampf. Anstatt Ihn geradewegs gegen die Versuchung zu wappnen, haben Zurück­gezogenheit und Enthaltsamkeit Ihn in diesem er­sten Beispiel ihr offenbar ausgesetzt. Das Fasten war der erste Anlaß dazu. „Als Er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, danach hungerte Ihn“; und dann erst kam der Versucher und hieß Ihn Steine in Brot verwandeln. Satan spielte Sein Fasten gegen Ihn aus.

Und dasselbe ist insbesondere jetzt bei Christen der Fall, die Ihn nachzuahmen suchen; und sie tun gut daran, dies zu wissen, denn sonst werden sie ent­mutigt, wenn sie Enthaltsamkeit üben. Man sagt gewöhnlich, daß das Fasten uns zu besseren Chri­sten machen, uns ernüchtern und uns in Glauben und Demut rückhaltloser Christus zu Füßen werfen solle. Das ist wahr, wenn man das große Ganze im Auge hat. In der Regel und zu guter Letzt wird diese Wirkung eintreten, aber es ist keineswegs ge­wiß, daß sie ohne weiteres folgen wird.

Im Gegen­teil, solche Abtötungen haben heutzutage bei ver­schiedenen Leuten sehr verschiedene Wirkungen; auch sollten sie nicht von ihren sichtbaren Segnun­gen her beurteilt werden, sondern vom Glauben an das Wort Gottes her. Wohl werden manche durch das Fasten gezähmt und kommen Gott augenblick­lich näher; andere jedoch sehen darin kaum mehr als eine, wenn auch flüchtige Gelegenheit zur Ver­suchung. Manchmal erhebt man zum Beispiel gegen das Fasten den Einwand – gewissermaßen als Grund, es zu unterlassen -, es mache den Men­schen reizbar und verdrießlich. Ich gebe zu, das mag oft der Fall sein. Auch ergibt sich sehr oft daraus eine Schwäche, die ihn seiner Herrschaft über die körperlichen Handlungen und Gefühle wie über seine Ausdrücke beraubt. So läßt sie ihn zum Bei­spiel zornig erscheinen, wenn er es gar nicht ist; weil er nämlich seine Zunge, seine Lippen, ja sein Gehirn nicht in der Gewalt hat. Er gebraucht weder die Worte, die er gern gebrauchen möchte, noch den Akzent und Ton. Er erscheint heftig, auch wenn er es nicht ist; und das Bewußtsein davon und die Reaktion dieses Bewußtseins auf seinen Geist ist eine Versuchung und macht ihn auch wirklich reiz­bar, besonders dann, wenn man ihn mißversteht und ihn für das hält, was er nicht ist.

Körperliche Schwachheit kann ihn auch in anderer Art der Selbstbeherrschung berauben; er muß vielleicht lächeln oder lachen, wenn er Ernst bewahren sollte – offensichtlich eine sehr peinliche und verdemüti­gende Prüfung. Oder wenn schlechte Gedanken sich einstellen, kann seine Seele sie nicht abschütteln, gleich als wäre sie tot und nicht ein Geist; aber sie hinterlassen dann in ihm einen Eindruck, dem er nicht widerstehen kann.

Ebenso hindert ihn oft körperliche Schwäche, seinen Geist auf seine Gebete zu heften, anstatt ihm zu einem innigeren Gebet zu verhelfen; oder die körperliche Schwäche ist oft von Widerwillen und Teilnahmslosigkeit begleitet und ist für den Menschen ein starker Anreiz zur Träg­heit.

Doch die schmerzlichste Wirkung, die aus einer noch so bescheidenen Erfüllung dieser großen christ­lichen Pflicht entstehen kann, habe ich noch nicht erwähnt. Sie steht unleugbar im Dienst der Ver­suchung, und ich sage dies, damit niemand über­rascht und verzagt sei, wenn er es erkennt.

Auch der barmherzige Herr weiß aus Erfahrung, daß es so ist; und daß Er es aus Erfahrung kennt und weiß, wie die Schrift berichtet, ist für uns ein trostvoller Gedanke. Ich möchte damit nicht sagen, Gott be­wahre, daß je eine sündhafte Schwachheit Seine unbefleckte Seele verunreinigte; aber es erhellt aus der heiligen Geschichte, daß in Seinem wie in unse­rem Fall das Fasten der Versuchung den Weg eb­nete. Vielleicht erhellt der innerste Sinn solcher Übungen daraus, daß sie in irgendeiner wunder­baren und verborgenen Weise die andere Welt zum Guten und Bösen über uns öffnen und das Vorspiel bilden zu einem außerordentlichen Kampf mit den Mächten des Bösen.

Geschichten gehen um (ob wahr oder nicht, tut nichts zur Sache, sie zeigen jedenfalls, was die Stimme der Menschheit annähernd davon hält), Geschichten von Einsiedlern in der Wüste, die vom Satan auf sonderbare Weise angefochten wurden, jedoch dem Bösen Widerstand leisteten und ihn verjagten, nach dem Vorbild unseres Herrn und in Seiner Kraft; und hätten wir Kenntnis von der verborgenen Geschichte des menschlichen Gei­stes zu allen Zeiten, dann würden wir vermutlich (und ich glaube, das ist keine blasse Theorie) dieses finden: eine beachtenswerte Gleichheit bei denen, die durch Gottes Gnade in heiligen Dingen Fort­schritte gemacht haben (was auch immer für jene gelten mag, die keine gemacht haben), eine Gleich­heit einerseits der Versuchungen, die die Seele be­fielen, und anderseits der Seelen, die von ihnen nicht angekränkelt wurden, die ihnen nicht zu­stimmten, auch nicht in vorübergehenden Willens­akten, sondern sie einfach haßten und keinen Scha­den davontrugen.

So sehe ich es wenigstens – und so gesehen gleicht und entspricht ihre Versuchung offensichtlich der Versuchung Christi, der versucht wurde und dabei ohne Sünde blieb. Die Christen sollen sich jedoch nicht betrüben, selbst wenn sie sich Gedanken ausgesetzt finden, von denen sie sich mit Entsetzen und Schrecken abkeh­ren. Vielmehr soll ihnen eine solche Versuchung den Gedanken an die Herablassung des Gottessohnes klar und lebendig zum Bewußtsein bringen. Denn wenn es schon für uns Geschöpfe und Sünder eine Versuchung bedeutet, daß sich uns Gedanken auf­drängen, die unserem Herzen zuwider sind, was muß dann das ewige Wort, Gott von Gott, Licht von Licht, der Heilige und Wahre, gelitten haben unter einer derartigen Auslieferung an Satan, daß dieser Ihm jegliches Übel außer der Sünde antun konnte?

Gewiß bedeutet es für uns eine Versuchung, wenn uns vor den Menschen vom Ankläger der Brüder Beweggründe und Empfindungen unterschoben wer­den, die wir nie in Erwägung zogen; es ist eine Ver­suchung, wenn uns inwendig insgeheim Gedanken eingeflüstert werden, vor denen wir zurückschrecken; es ist eine Versuchung für uns, wenn Satan seine eigenen Gedanken mit den unsrigen derart ver­mengen darf, daß wir uns schuldig fühlen, selbst wenn wir es nicht sind; ja, wenn er unsere törichte Natur in Brand stecken kann, bis wir gewisser­maßen gegen unseren Willen sündigen: ist aber nicht Einer uns vorangegangen, erschütternder in Seiner Versuchung, herrlicher in Seinem Sieg? Er wurde in allen Stücken versucht, „ähnlich wie wir, war jedoch ohne Sünde“ (Hebr 4,15). Sicher spricht die Versuchung Christi auch hier uns Trost und Er­mutigung zu.

Dies ist also vielleicht eine zutreffendere Betrachtung der Folgen des Fastens als die landläufige. Natürlich ist das Fasten schließlich immer mit Gottes Gnade eine geistliche Wohltat für unser Herz und führt es zur Vollkommenheit, – durch Ihn, der alles in allem wirkt; ja, es ist oft für uns im Augen­blick eine fühlbare Wohltat. Freilich ist es bisweilen anders; bisweilen steigert es nur die Erregbarkeit und Empfindsamkeit unseres Herzens; jedesmal aber soll man es jedoch hauptsächlich als eine An­näherung an Gott betrachten – eine Annäherung an die Mächte des Himmels – ja, aber auch an die Mächte der Hölle.

Und von diesem Gesichtspunkt aus liegt etwas sehr Schreckhaftes im Fasten. Bekanntlich ist die Versuchung Christi nur die Fülle dessen, was in entsprechender Weise und gemäß unserer Schwä­che und Bresthaftigkeit in allen Seinen Dienern, die Ihn suchen, vor sich geht. Und ist dem so, dann war diese Tatsache für die Kirche sicher ein zwin­gender Grund, weshalb sie unsere Bußzeit mit dem Aufenthalt Christi in der Wüste in Verbindung brachte, damit wir nicht unseren eigenen Gedanken überlassen wären und sozusagen „mit den wilden Tieren lebten“ (Mk 1,13), ja verzagen würden, wenn wir uns züchtigen; vielmehr sollten wir erfah­ren können, daß wir sind, was wir wirklich sind: keine Sklaven Satans und keine Kinder des Zornes, die hoffnungslos unter der Last stöhnen, die be­kennen und ausrufen, „ich unglücklicher Mensch!“, sondern zwar wirkliche Sünder, nämlich Sünder, die sich kasteien und für die Sünden Buße tun; aber zu­gleich Kinder Gottes, in denen die Buße Früchte zeitigt, die erhöht werden, während sie sich selbst erniedrigen, und die zu derselben Zeit, da sie sich am Fuß des Kreuzes niederwerfen, immer noch Streiter Christi sind, das Schwert in der Hand einen hochgemuten Kampf kämpfend und wissend, daß sie jenes Etwas in sich und an sich tragen, vor dem die Teufel zittern und fliehen.

Und dies ist ein weiterer Punkt, der in der Ge­schichte des Fastens und der Versuchung unseres Heilandes unsere besondere Beachtung erheischt, nämlich der Sieg, der sie begleitet; Er hatte drei Versuchungen und dreimal siegte Er, – bei der letzten sagte Er: „Weiche von Mir, Satan“; worauf „Ihn der Teufel verließ“ (Mt 4,10.11). Dieser Kampf und Sieg in der unsichtbaren Welt klingt auch in anderen Schriftstellen durch. Am bedeutsamsten ist das Wort, das unser Herr hinsichtlich des Besessenen spricht, den Seine Apostel nicht hei­len konnten.

Eben war Er herabgekommen vom Berg der Verklärung, auf den Er – man beachte dies – mit Seinen bevorzugten Aposteln hinauf­gestiegen zu sein scheint, um die Nacht im Gebet zu verbringen. Er kam herab nach diesem Austausch mit der unsichtbaren Welt, trieb den unreinen Geist aus und sagte dann: „Diese Gattung kann nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden“ (Mk 9, 28). Das bedeutet nichts Geringeres als eine offene Er­klärung, daß solche Übungen der Seele eine Macht über die unsichtbare Welt verleihen.

Auch läßt sich kein hinreichender Grund nennen, sie auf die ersten Zeiten des Evangeliums zu beschränken. Und ich glaube, es liegt genug Beweis gerade in der Er­kenntnis, die wir rückschauend aus den Wirkungen solcher Übungen auf heutige Menschen gewinnen (ohne zur Geschichte Zuflucht zu nehmen): sie zeigt, daß diese Übungen die Werkzeuge Gottes sind, um dem Christenmenschen weit mehr als seinen Artgenossen eine hohe und königliche Macht zu geben.

Weil das Gebet nicht nur die stets notwendige und sichere Waffe in unserem Kampf mit den Mächten des Bösen ist, weil sogar immer eine Befreiung vom Bösen als Ziel des Gebetes mitinbegriffen ist, so ergibt sich daraus, daß sämtliche Texte, die von unserem Verkehr mit Gott handeln und von der Macht, die wir bei Ihm durch Gebet und Fasten haben, in der Tat diesen Kampf ansagen und den Sieg über den Bösen verheißen. So bekundet in der Parabel die aufdringliche Witwe, die die Kirche in ihrem Beten vorstellt, nicht nur Beharr­lichkeit gegenüber Gott, sondern auch gegen ihren Widersacher. „Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher“ (Lk 18, 3), sagt sie; und unser „Widersacher ist der Teufel, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge; ihm widerstehet tapfer im Glauben“, fügt Petrus hinzu (1 Petr 5,8). Man beachte, daß uns in diesem Gleichnis die Beharrlichkeit im Gebet besonders an­empfohlen wird.

Und das ist eine der Lehren, die uns durch die Länge der Fastenzeit gegeben ist, – daß wir nämlich das Gewünschte nicht an einem besonderen Tag, den wir für die Buße ansetzen, sollten erlangen wollen, auch nicht durch ein noch so inniges Gebet, sondern durch „beharrliches Ge­bet“ (Röm 12, 12; Kol 4, 2). Dies wird uns auch angedeutet im Bericht über den Kampf Jakobs. Gleich unserem Herrn war er die ganze Nacht in diesen Kampf verwickelt. Wer es war, dem er in jener einsamen Stunde begegnen durfte, wird uns nicht gesagt; aber Der, mit dem er rang, gab ihm die Kraft zum Ringen und hinterließ zuletzt an ihm ein Zeichen, wie um ihm zu bedeuten, daß er nur siegte durch die Herablassung Dessen, den er be­siegte.

So gestärkt, hielt er durch bis zum Tages­anbruch und bat um den Segen; und Der, den er bat, segnete ihn wirklich und gab ihm einen neuen Na­men zur Erinnerung an seinen Sieg. „Keineswegs soll dein Name hinfort Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und Menschen gekämpft und den Sieg davongetragen“ (Gn 32, 28). Ähnlich ver­brachte Moses das eine seiner vierzigtägigen Fasten in Bekenntnis und Fürbitte für das Volk, das das goldene Kalb aufgestellt hatte. „Und ich lag vor dem Herrn vierzig Tage und vierzig Nächte, wie ich anfangs tat; denn der Herr hatte gesagt, Er wolle euch vertilgen. Ich betete daher zum Herrn und sprach: Herr, Gott, vertilge nicht Dein Volk und Dein Erbe, das Du erlöst hast in Deiner großen Macht und herausgeführt hast aus Ägypten mit starker Hand“ (Dt 9, 25. 26).

Ebenso endeten beide Fasten Daniels, von denen berichtet wird, in einer Segnung. Sein erstes war eine Fürbitte für sein Volk, und dafür wurde ihm die Weissagung der siebzig Wochen gewährt. Auch das zweite wurde belohnt mit prophetischen Enthüllungen; und was bedeutsam ist, es scheint einen Einfluß gehabt zu haben (wenn ich ein solches Wort gebrauchen darf) auf die unsichtbare Welt – von dem Zeitpunkt an, da er damit begann. „Der Engel sprach: Fürchte dich nicht, Daniel, denn vom ersten Tage an, da dein Herz Einsicht verlangte und du dich kasteitest vor dem Angesichte deines Gottes, wurden deine Worte erhört, und ich bin gekommen um deiner Worte willen.“ Er kam erst am Ende, aber bereits am An­fang schickte er sich an zu gehen. Doch mehr als das, der Engel fährt fort: „Aber der Fürst des Reiches der Perser widerstand mir einundzwanzig Tage“; genau die Zeit, während der Daniel gebetet hatte-; „aber siehe, Michael, einer der vornehmsten Fürsten, kam mir zu Hilfe, und ich blieb daselbst bei dem König der Perser“ (Dn 10,12.13). Ein Engel kam zu Daniel nach seinem Fasten; so kamen Engel zu unserem Herrn und dienten Ihm; und so dürfen auch wir wohl Glauben und Trost aus dem Gedanken schöpfen, daß auch jetzt noch Engel besonders zu denen gesandt werden, die auf diese Weise Gott suchen. Nicht nur Daniel, auch Elias wurde während seines Fastens von einem Engel gestärkt; ein Engel erschien Kornelius, wäh­rend er fastete und betete; und ich meine wirklich, religiöse Menschen können in ihrem Umkreis genug Beobachtungen machen, die dazu dienen, sie in der Hoffnung zu stärken, die sie dergestalt aus dem Worte Gottes schöpfen.

„Seinen Engeln gab Er dich in Hut, sie sollen wachen über dich auf allen deinen Wegen“; auch der Teufel kennt diese Verheißung, denn er hat sie gerade in jener Stunde der Versuchung ausgenützt. Er weiß sehr wohl, was unsere Macht ist und was seine eigene Schwäche ist. So haben wir nichts zu fürchten, solange wir im Schatten des Thrones des Allmächtigen weilen. „Fallen auch tausend an dei­ner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird’s dir doch nicht nahen.“

Solange wir in Chri­stus erfunden werden, haben wir teil an Seiner Sicherheit. Er hat die Macht Satans gebrochen; Er ist „über Löwen und Schlangen geschritten, junge Löwen selbst und Drachen hat Er zertreten“ (Ps 90, 11. 7.13); und anstatt Gewalt über uns zu haben, zittern fortan die bösen Geister und beben zurück vor jedem echten Christen. Sie wissen, daß er etwas in sich trägt, das ihn zu ihrem Meister macht; daß er, wenn er will, sie verlachen und verjagen kann. Sie wissen das gut und sind sich dessen bei allen ihren Angriffen, die sie gegen ihn führen, bewußt; nur die Sünde gibt ihnen Macht über ihn; und ihr großes Ziel ist es, ihn zur Sünde zu verführen und ihn durch Überraschung zum Sündigen zu bringen, da sie wis­sen, daß sie kein anderes Mittel haben, ihn zu über­wältigen. Sie versuchen, ihn durch Vorspiegelung einer Gefahr zu erschrecken und ihn dadurch zu überraschen; oder sie nahen sich unvermerkt und hinterlistig, um ihn zu verführen und ihn dadurch zu überraschen. Aber sie richten nichts aus, es sei denn, sie fangen ihn unversehens.

Daher wollen wir, meine Brüder, „nicht unkundig sein ihrer Pläne“ (2 Kor 2,11); und da wir sie kennen, wollen wir wachen, fasten und beten, wir wollen uns unter den Flügel des Allmächtigen bergen, damit Er unser Schirm und Schild sei. Bitten wir Ihn, uns Seinen Willen kundzutun – uns unsere Fehler zu zeigen – von uns zu nehmen, was immer Ihn beleidigen kann uns auf dem Pfad der Ewigkeit zu führen. Ver­setzen wir uns in dieser heiligen Zeit gemeinsam mit Ihm auf den Berg – hinter den Vorhang – verborgen mit Ihm – nicht gelöst oder getrennt von Ihm, in dessen Gegenwart allein Leben ist, sondern mit und in Ihm. Lernen wir von Seinem Gesetz mit Moses, von Seinen Vollkommenheiten mit Elias, von Seinen Ratschlüssen mit Daniel lernen wir bereuen, lernen wir bekennen und uns bessern – lernen wir Seine Liebe und Seine Furcht verlernen wir uns selbst und wachsen wir empor zu Ihm, der da ist unser Haupt.

Aus John Henry Newman. Deutsche Predigten vol VI,1, Schwabenverlag Stuttgart 1954, p. 7-21.

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