Von der notwendigen Wiederentdeckung der Keuschheit – Ein Ausweg aus sozialer und kultureller Dekadenz

von Josef Spindelböck 1)Vortrag beim „Forum Moraltheologie Mitteleuropa“ (24.-27. August 2009 im Bildungshaus St. Gabriel bei Mödling)

Das Generalthema des diesjährigen „Forums Moraltheologie Mitteleuropa“ befaßt sich mit der Sexualisierung der Medien und ihren Folgen und mit der Suche nach positiven Antworten auf diese Situation aus psychologischer, soziologischer und philosophisch-theologischer Perspektive.

Jeder von uns hat seinen besonderen, ja individuellen Zugang zur Wirklichkeit 2) „Quidquid recipitur, ad modum recipientis recipitur.“ – Dieses aristotelische Prinzip (Liber de causis, IX 99) wird auch von Thomas von Aquin in seiner Erkenntnistheorie anerkannt und zugrunde gelegt, vgl. z.B. STh I, q. 12, a.4. ; wir sind geprägt durch unsere Familien- und Lebensgeschichte und durch jeweils konkrete Herausforderungen in Beruf und Gesellschaft. Und doch sind wir alle auch eingebettet in gemeinsame kulturelle und soziale Lebensfelder – in Milieus und Traditionen –, die unser Denken und Handeln in ähnlicher Weise mitbedingen und auch beeinflussen und die wiederum auch von unserer Freiheit in sittlicher Verantwortung gegenüber uns selbst, gegenüber den Mitmenschen und vor allem gegenüber Gott gestaltet werden sollen. Kurz gesagt: Das soziale Milieu prägt uns, doch wir sind auch selbst wieder für dessen Ausformung mitverantwortlich. Dies gilt im Positiven wie im Negativen: in Bezug auf das sittlich Gute, das zu bejahen und zu verwirklichen ist, und in Bezug auf das sittlich Böse, das wir innerlich ablehnen und in allem auch effektiv meiden sollen.

Interaktivität der Medien und sittliche Verantwortung

Wenn von der Sexualisierung der Medien die Rede ist, sollte uns klar sein, daß die Mittel der sozialen Kommunikation in ihren verschiedenen Formen nicht gleichsam hypostasiert für sich allein bestehen, sondern daß es um einen Ausdruck des Denkens und Wollens konkreter Menschen bzw. sozialer Gruppen geht und natürlich auch immer um das Bestreben jener Akteure, das Denken, Wollen und Handeln der Adressaten in der einen oder anderen Weise – positiv oder negativ – zu beeinflussen. Die klassische Aufteilung der medialen Bezugsgruppen in Akteure (oft Medienproduzenten genannt) und Rezipienten (die als Medienkonsumenten gelten) stellt gewiß eine Verkürzung dar. Medien sind ihrem Wesen und Anspruch nach keine Einbahnstraße, sondern Foren des Austauschs und der Kommunikation, also der jeweiligen Wechselwirkung (Interaktion).

Die elektronischen Medien verwirklichen diesen grundlegenden Zusammenhang noch konkreter, wie dies am Beispiel des Internets und damit verbundener neuer kommunikativer Formen und damit verbundener Möglichkeiten des Ausdrucks und Austauschs ersichtlich ist (Webpages, Foren, Blogs, Facebook, Twitter, Youtube etc.). Der ethische Standard des Gebrauchs der einzelnen Medien läßt sich danach bemessen, inwieweit die Personen in ihrer unveräußerlichen Würde geachtet werden und inwieweit es in der Form der Kommunikation um ein Anerkennen und Erstnehmen des personalen Gegenübers in Einsicht und Freiheit geht. Wo diese Wesensmerkmale des verantwortlich gelebten Menschseins gleichsam übersprungen werden, droht die Gefahr der Manipulation. Diese zielt eben gerade nicht darauf ab, andere zu überzeugen und in ihrer unvertretbaren Freiheit zum guten Handeln zu motivieren, sondern möchte andere Menschen wie „blinde Werkzeuge“ für bestimmte Zwecke instrumentalisieren. Dabei bleiben die wirklichen Absichten der Akteure oft im Dunkeln, und die eigentliche Triebkraft des Handelns wird nicht in der Freiheit der Entscheidung gesehen, sondern in den zu weckenden und zu lenkenden Impulsen und Trieben einer auf das Biologische verkürzten menschlichen Natur.

Wenn von einer weit verbreiteten „Sexualisierung der Medien“ zu sprechen ist, dann ist dieses Phänomen gerade hier einzuordnen, wo es um die Problemanzeige eines auf das Biologische verkürzten Menschenbilds und um die Klärung der Differenz zwischen Manipulation und Freiheit geht. Wir stehen vor der Alternative zwischen Wahrheit und Illusion, zwischen einer Freiheit, die sich an das Gute bindet, und grenzenloser Willkür, die den Menschen als Menschen verrät und sein Leben zerstört. Die ethische Frage ist daher nicht, ob die Sexualität des Menschen ein Thema der Medien sein darf, sondern wie diese zum Thema gemacht wird: ob in Ehrfurcht vor der Würde der Person und der spezifischen Aufgabe und Berufung von Ehe und Familie oder in Verkehrung ihres Wesens als angeblich durch keine Grenzen bestimmte Freiheit der Triebbefriedigung, die in Wirklichkeit nicht Freiheit ist, sondern paulinisch gesprochen mit der Sklaverei und Verfallenheit an das „Fleisch“ zusammen fällt. 3)Vgl. Gal 5,13: „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!“ – Gal 5,16: „Darum sage ich: laßt euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen.“

Weil wir auf diesem Symposion nicht nur Istzustände analysieren wollen, sondern nach Auswegen suchen, um eine gerade im Bereich der Sexualisierung der Medien zutage tretende soziale und kulturelle Dekadenz zu überwinden, gilt es nach den eigentlichen Ursache bestimmter Entwicklungen zu fragen und die Kräfte der sittlichen Verantwortung im Rahmen der menschlichen Freiheit, die von der Gnade Gottes getragen und unterstützt wird, neu zu wecken. Als hilfreich kann sich fürs erste ein Blick auf soziologisch erhobene und empirisch verifizierte Zusammenhänge zwischen der rechtlichen und sittlichen Regulierung der sexuellen Betätigung und dem jeweiligen kulturellen Standard eines Volkes bzw. einer Gesellschaft erweisen.

Die soziologische Analyse von Joseph D. Unwin – Ein Zusammenhang zwischen sexueller Regulierung und kulturellem Standard

Die aufgrund empirischer Untersuchungen gewonnene und durch „harte Fakten“ bestätigte soziologische Grundthese des Anthropologen Joseph D. Unwin (1895-1936) lautet, in Kürze auf den Punkt gebracht: Je permissiver Völker und Gesellschaften im Hinblick auf das sexuelle Leben sind, desto niedriger ist der jeweilige kulturelle Standard. 4)„Any human society is free to choose either to display great energy or to enjoy sexual freedom; the evidence is that it cannot do both for more than one generation.“ – Joseph Daniel Unwin, Sex and Culture, London 1934 (Oxford University Press), 412.  In dieser seiner 676 Seiten starken Hauptpublikation präsentiert Unwin als Anthropologe die empirischen Nachweise für seine soziologische These und wertet diese im Detail aus. Und umgekehrt: Je mehr sich in einer Gesellschaft in Theorie und Praxis die Achtung und Wertschätzung der unauflöslichen Einehe (Monogamie) und der auf sie gegründeten Familie durchsetzt und die sexuellen Energien dadurch in positiver Weise gebunden werden, desto höher ist das geistig-kulturelle Gesamtniveau einer solchen Gesellschaft. 5)In der folgenden Darstellung wird Bezug genommen auf die Kurzfassung: Joseph Daniel Unwin, Sexual Regulations and Cultural Behaviour, London 1935, Reprint California 1969. Dabei handelt es sich um eine Vorlesung, die Unwin vor der British Psychological Society (Medical Section) im Jahr 1935 gehalten hat. Vgl. auch die Darstellung der Forschungsergebnisse Unwins durch Konstantin Mascher, in: Bulletin Nr. 9, 1/2005 des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Unwin ist zu seiner Untersuchung durch die Theorie der sexuellen Sublimierung Sigmund Freuds angeregt worden, wonach der Treib „von einem ursprünglichen Ziel – z.B. sexueller Natur – auf ein anderes, kulturell höheres, hingelenkt wird.“ 6)Dieter Wyss, Die tiefenpsychologischen Schulen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Entwicklung, Probleme, Krisen, Göttingen 19916, 64.

Sieben Jahre lang erforschte Unwin achtzig verschiedene Naturvölker und sechs verschiedene Kulturvölker im Hinblick auf den vermuteten Zusammenhang zwischen einem Verbot direkter Befriedigung der sexuellen Antriebe und einer damit korrelierenden gesellschaftlichen Förderung von Kultur und Zivilisation. Er sah sich schließlich veranlaßt, seine eigene Lebensphilosophie aufgrund der Ergebnisse seiner Untersuchungen in Frage zu stellen. 7)Vgl. Unwin, a.a.O., 5/6.

Als ausnahmslos gültiges Ergebnis fand Unwin z.B., daß jene Naturvölker, die eine vollkommene voreheliche Enthaltsamkeit für die Frau (d.h. den Zustand der unversehrten physischen Jungfräulichkeit) vor der Ehe verlangten, in religiöser Hinsicht einem Gottes- bzw. Götterglauben anhingen. Wo nur eine eingeschränkte sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe verlangt wurde (im Sinn der sexuellen Treue zu einem bestimmten Mann), wurde eine manistische religiöse Verehrung (Ahnenkult) festgestellt. Wo schließlich die völlige sexuelle Freizügigkeit vor der Ehe zugelassen war, gab es nur die kulturelle Stufe einer magischen Religiosität. 8)Vgl. Unwin, a.a.O., 6-14. Die Stufen werden von Unwin als Deismus, Manismus und Zoismus bezeichnet.

Unwin kam weiters zum Ergebnis: Je stärker bei einem Volk die sexuelle Begrenzung in Richtung auf absolute Monogamie innerhalb der Ehe war, desto vorherrschender war ein expansiver Drang des betreffenden Volkes, was nicht notwendigerweise mit Aggressivität gegen andere Völker gleichzusetzen sei. 9)Vgl. Unwin, a.a.O., 19/20. Unwin unterscheidet im Hinblick auf die sexuellen Regelungen innerhalb der Ehe zwischen modifizierter und absoluter Polygamie sowie absoluter Monogamie. Aggressivität ist also keine Folge von sexueller Einschränkung; in der Regel ist der Zusammenhang nach Unwin gerade umgekehrt.

In einem noch weiter fortgeschrittenen Zustand werde die Gesellschaft eines Volks rationalistisch: Das Individuum trete mehr und mehr in den Vordergrund, während frühere Gesellschaften stärker auf die Zugehörigkeit des einzelnen zu sozialen Gruppen aufgebaut waren. 10)Vgl. Unwin, a.a.O., 22-25. Das letzte wäre nach Unwin der wissenschaftlich-produktive Zustand, der dann erreicht werde, wenn ein Volk genügend Energie besitze. 11)Vgl. Unwin, a.a.O., 27.

Der Energiezustand eines Volkes korreliere mit der jeweiligen Intensität verpflichtender sexueller Enthaltsamkeit, die sich ein Volk auferlege, was sich jeweils einige Generationen später im kulturellen Bereich positiv oder negativ auswirke. 12)Vgl. ebd  Tradition und Erziehung haben nämlich einen Einfluß auf die jeweils nächste Generation. 13)Vgl. Unwin, a.a.O., 16-19. Den großen Einfluß der auf die Frauen bezogenen normativen Aspekte der Sexualität erklärt Unwin durch die primäre Erziehungsfunktion der Frauen für ihre Kinder, wodurch sie für das Ethos der Gesellschaft besonders prägend seien. 14)Vgl. Unwin, a.a.O., 19.

Den rechtlich-sittlichen Status absoluter Monogamie sieht Unwin in historischer Analyse verknüpft mit einer Dominanz des Mannes über die Frau; erst allmählich sei es in den jeweiligen Gesellschaften zu einer schrittweisen Gleichberechtigung der Frauen gekommen, was allerdings meist mit einer Lockerung der Festigung des Ehebundes einhergegangen sei und in manchen Fällen auch mit einer größeren Freizügigkeit im Hinblick auf voreheliche Enthaltsamkeit verbunden war. In jenen Fällen habe die „Energie der Gesellschaft“ abgenommen, was sich in kulturellem Niedergang ausgewirkt habe. 15)[1] Vgl. Unwin, a.a.O., 32-34.

Bewertung und Rezeption der Untersuchungen Unwins

Die Grundthese Unwins, wonach es einen eindeutig feststellbaren empirischen Zusammenhang zwischen vorehelicher sexueller Enthaltsamkeit und strikter Monogamie auf der einen und dem höheren kulturellen Status einer Gesellschaft auf der anderen Seite gibt, ist bis jetzt nicht widerlegt. Im Hinblick auf die Zuordnung zu bestimmten Völkern und Gesellschaften ergeben sich freilich Unschärfen, was Unwin auch selber zugibt.

Von einem ethischen und moraltheologischen Standpunkt aus könnte man in Anschluß an Unwin und in Weiterführung seiner Ergebnisse auch den positiven Wert einer sakralen bzw. religiösen Sicht von Ehe, Familie und Sexualität würdigen und feststellen, daß der Glaube an Gott und die damit verbundene religiös-sittliche Praxis zur Stärkung von Ehe und Familie und zur Sublimierung und Integration der sexuellen Urkräfte im sittlichen und kulturellen Bereich wesentlich beitragen.

Etwas konstruiert klingt eine Folgerung Unwins, wonach eine Gesellschaft, die den Ausschluß vorehelicher sexueller Beziehungen sowie die absolute Monogamie in der Ehe verlangt, bei einem relativen Rückfall im ersten Bereich unter Beibehaltung der zweiten Errungenschaft kultisch gesehen den Gottesglauben mit manistischen Elementen vermenge. Damit erklärt er das angeblich erstmalige Auftreten der Heiligenverehrung innerhalb der römisch-katholischen Kirche seit dem 4. Jh. und deren Abschaffung im England des 16. Jh. 16)[1] Vgl. Unwin, a.a.O., 38.

Unschwer wird man in der Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft so manches von dem verwirklicht finden können, was Unwin als These aufgestellt hat. Freilich ist gerade die pluralistische Gesellschaft keineswegs nur von einem einzigen Faktor oder einer einzigen Tendenz bestimmt, so daß man einfach sagen könnte, es wäre gegenwärtig nur ein sittlicher Verfall im Hinblick auf Ehe und Familie feststellbar. In „Familiaris consortio“ hat Johannes Paul II. ein differenziertes Bild gezeichnet: es gibt sowohl „Licht“ als auch „Schatten“. 17)Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben „Familiaris consortio“ über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute vom 22. November 1981 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 33f), Nr. 4-10. Dem entsprechen aktuelle soziologische Untersuchungen, wonach bei allem Scheitern und allen Schwierigkeiten von Ehen und Familien auch heute bei vielen Menschen eine tiefe Sehnsucht nach Stabilität einer heterosexuellen Partnerbeziehung in Offenheit für Kinder vorhanden ist, auch wenn dies aus verschiedenen Gründen oft nur unvollkommen oder gar nicht verwirklicht wird. Das „klassische“ Leitbild der Ehe und Familie, das die Kirche sowohl aus der Schöpfungs- als auch aus der Erlösungsordnung begründet, scheint also keineswegs überholt. 18)Vgl. zur Analyse und Bewertung: Eberhard Schockenhoff, Das kirchliche Leitbild von Ehe und Familie und der Wandel familialer Lebenslagen, in: Anton Rauscher (Hg.), Handbuch der katholischen Soziallehre, Berlin 2008, 291-310. Trotz aller Defizite der Verwirklichungsformen gelte es auch jene Werte wahrzunehmen und anzuerkennen, für die eine tatsächliche Offenheit der Personen gegeben ist: „Vor allem in den nichtehelichen Partnerschaften, in denen der Entschluß zur späteren Heirat bereits gefallen ist, sind die wesentlichen Elemente personaler Partnerschaft und auch der Wille zur verbindlichen Treue vorhanden, die dem kirchlichen Eheverständnis entsprechen.“ – Ebd., 300. Kritisch wäre zu ergänzen, daß diese Differenzierungen freilich nicht unter der Hand das „Gesetz der Gradualität“ in die Konzeption einer „Gradualität des Gesetzes“ selber verkehren dürfen: „Daher kann das sogenannte ‚Gesetz der Gradualität‘ oder des stufenweisen Weges nicht mit einer ‚Gradualität des Gesetzes‘ selbst gleichgesetzt werden, als ob es verschiedene Grade und Arten von Gebot im göttlichen Gesetz gäbe, je nach Menschen und Situationen verschieden. Alle Eheleute sind nach dem göttlichen Plan in der Ehe zur Heiligkeit berufen, und diese hehre Berufung verwirklicht sich in dem Maße, wie die menschliche Person fähig ist, auf das göttliche Gebot ruhigen Sinnes im Vertrauen auf die Gnade Gottes und auf den eigenen Willen zu antworten.“ – Johannes Paul II., Familiaris consortio, Nr. 34, seine eigene Homilie zum Abschluß der VI. Bischofssynode am 25. Oktober 1980, Nr. 8, zitierend. Seine Substanz ist, wie der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann anmerkt, „auch unter liberalen und säkularisierten Bedingungen weitgehend intakt“, wobei er die Werte „Liebe, Treue, wechselseitige Unterstützung, Dauerhaftigkeit ‚bis der Tod Euch scheidet‘“ anführt. 19)Franz-Xaver Kaufmann, Ehe und Familie zwischen kultureller Normierung und gesellschaftlicher Bedingtheit, in: Anton Rauscher (Hg.), Handbuch der katholischen Soziallehre, Berlin 2008, 257-272, hier 270. Eine Erklärung für diese optimistische Sichtweise trotz aller Defizite läßt sich in der allen Menschen gemeinsamen Wesensnatur und den in sie eingeschriebenen sittlichen Gesetzen auch des ehelichen Zusammenlebens von Mann und Frau finden. 20)Vgl. Johannes Messner, Das Naturrecht. Handbuch der Gesellschaftsethik, Staatsethik und Wirtschaftsethik, Berlin 19847, 124. Messner betont jedoch im Zusammenhang der christlichen Anthropologie auch das Moment der Erbsünde und ihrer Folgen, was für die Naturrechtslehre bedeutet, daß sie „gleich weit entfernt von einem einseitigen Pessimismus wie von einem einseitigen Optimismus in der Deutung der Menschennatur“ ist (125).

Die von Unwin in seiner Hauptthese aufgezeigten Zusammenhänge sind zwar in einschlägigen Kreisen bekannt und anerkannt; im öffentlichen gesellschaftlichen Diskurs hindert es gegenwärtig eine so genannte „political correctness“ im Rahmen der Gender- und Homosexualitäts-Ideologie, daß die Ergebnisse Unwins zum Gegenstand weiterer Analysen und Schlußfolgerungen gemacht werden. Die Mentalität des Scientismus, die trotz einer verstärkten Zuwendung zur Natur in ihrem Eigenwert und ihrer Schutzbedürftigkeit noch weiterwirkt, zeigt sich in der vagen und letztlich illusorischen Hoffnung, Wissenschaft und Technik könnten den moralischen Verfall gerade im Bereich der sexuellen Ordnung gleichsam kompensieren. Man meint so im letzten, Moral durch Technik ersetzen zu können. Der Mensch wäre auf diese Weise gleichsam frei geworden von seiner eigenen zweigeschlechtlichen Natur, die nur mehr ein willkürlich zu instrumentalisierendes „biologisches Material“ darstellt. So würde die These Unwins unter den Bedingungen der Industrie- und Informationsgesellschaft angeblich nicht mehr gelten. So jedenfalls die von manchen als Vorwand und Rechtfertigung für das Aufrechterhalten eines sexuell permissiven Lebensstils vorgebrachte Auffassung, die kaum mehr als eine unbewiesene Vermutung darstellt.

Was die Analysen Unwins nicht leisten können und wollen, ist die Ausarbeitung einer philosophischen Anthropologie. Diese aber scheint unerläßlich, um den Stellenwert rechtlicher und sittlicher Verpflichtungen in angemessener Weise begründen und interpretieren zu können. Eine solche Anthropologie im Hinblick auf die personale Gemeinschaft der Ehe und Familie und die damit verbundenen sittlichen Normen betreffend die sexuelle Dimension hat der verstorbene Papst Johannes Paul II. entwickelt, und zwar noch bevor er Papst wurde, nämlich als Anthropologe und Ethiker. Eine umfassende Präsentation seiner Gedanken findet sich im Werk „Liebe und Verantwortung“ 21)Karol WojtyÅ‚a (Johannes Paul II.), Liebe und Verantwortung. Eine ethische Studie, Kleinhain 2007. Vgl. auch die theologische und lehramtliche Fortführung: Johannes Paul II., Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan. Eine Theologie des Leibes, hg. v. Norbert und Renate Martin, Kisslegg 2008. , auf das im folgenden auch Bezug genommen werden soll, wenn die Rede ist von der notwendigen Wiederentdeckung der Keuschheit als Antwort auf die Dekadenz unserer Zeit, die gerade durch die Sexualisierung der Medien sichtbar geworden ist.

Die notwendige Wiederentdeckung der Keuschheit

Die richtige Antwort gegenüber der Herausforderung der „Sexualisierung der Medien“ als bloß instrumentelle Sicht des Menschen und seines Leibes und als einseitige Fixierung auf Sexualität als sinnliche Bedürfnisbefriedigung kann nur eine sittliche und im letzter Konsequenz eine in der Gottesbeziehung gründende sein. Bloß technische „Rezepte“, und seien sie noch so ausgefeilt und gut gemeint, nützen nichts , wenn wir nicht dort ansetzen, wo unser Herr Jesus Christus die Wurzel sowohl des Guten als auch des Bösen verortet: im menschlichen Herz! 22)Vgl. Mt 15,17-19.

Nicht umsonst spricht Jesus in den Seligpreisungen der Bergpredigt von der „Reinheit des Herzens“, die mit der Verheißung der Gottesschau verbunden ist. 23)Vgl. Mt 5,8: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.“ Sicher ist damit nicht nur die rechte Ordnung des sexuellen Bereichs gemeint, sondern es geht um die Integrität des Menschen als solchen, um sein Heilsein und Heilwerden in der Wahrheit und in der Liebe vor Gott, doch ist gerade die sexuelle Prägung des Menschseins ein konstitutives Element seiner Person, und die rechte Sicht dieser Wirklichkeit und der Umgang mit der Sexualität als triebhafter Urkraft des Menschen ist wesentlich für alles übrige: für das geistig-kulturelle Leben gemäß der Analyse Joseph D. Unwins und insbesondere für die Gottesbeziehung des Menschen. Wer seinen eigenen Leib, der ein Tempel des Heiligen Geistes sein soll 24)Vgl. 1 Kor 6,19-20: „Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ , entwürdigt und schändet und wer den Mitmenschen in seinem Leib instrumentalisiert (in Gedanken, Worten und Werken), der trübt auch das Bild Gottes im Menschen und verbaut sich und anderen den Zugang zu Gott, der die Liebe und das Leben ist und den man nur schauen kann mit einem reinen Herzen.

Der Sache nach geht es hier um nichts anderes als um die notwendige Wiederentdeckung der Keuschheit als sittlicher Tugend in der Einheit der Gottes- und Nächstenliebe. Eine Tugend zu besitzen und zu verwirklichen bedeutet viel mehr als bloß bürgerliche Anständigkeit oder Bravheit. Es geht gemäß klassischem aristotelisch-thomanischen Verständnis um „das ultimum potentiae, das Äußerste dessen, was ein Mensch sein kann; sie ist die Erfüllung des menschlichen Seinskönnens.“ Es geht um „die Vollendung des Menschen zu einem Tun, durch das er seine Glückseligkeit verwirklicht.“ 25)Vincent Twomey, Der Papst, die Pille und die Krise der Moral, Augsburg 2008, 73

Der Begriff der Keuschheit ist im gesellschaftlichen Kontext fast zum Fremdwort geworden, und auch innerkirchlich gilt man als Exot, wenn man von ihr spricht. Der „Katechismus der Katholischen Kirche“ tut dies dennoch und stellt heraus, was wirklich damit gemeint ist:

„Keuschheit bedeutet die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein. Die Geschlechtlichkeit, in der sich zeigt, dass der Mensch auch der körperlichen und biologischen Welt angehört, wird persönlich und wahrhaft menschlich, wenn sie in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und zeitliche unbegrenzte wechselseitige Hingabe von Mann und Frau eingegliedert ist.“ 26)KKK 2237.

Diese Kurzbeschreibung zeigt auf, daß es bei der Tugend der Keuschheit um keine Unterdrückung und Verleugnung der geschlechtlichen Dimension des Menschseins geht. Im Gegenteil! Ein keuscher Mensch bejaht voll und ganz die eigene sexuelle Prägung und Ausrichtung: Die jeweilige Person nimmt ihr Frau-Sein bzw. Mann-Sein wirklich an und sieht es als Reichtum ihrer Person und als Prägung und Qualifikation, die nicht nur den Leib betrifft, sondern das ganze leibseelische Wesen. Der Sinn so verstandener Keuschheit liegt nicht in der Selbstgenügsamkeit der Person, nicht in einem Sichverschließen gegenüber dem Mitmenschen, vielleicht aus Egoismus oder auch aus falscher „bewahrender“ Ängstlichkeit, sondern in einer Offenheit und Hingabe der Liebe, wie sie in der ehelichen Berufung ihren einzigartigen Ausdruck findet.

Es geht bei der Tugend der Keuschheit sowohl um die Wahrung der „Unversehrtheit der Person“ als auch um die „Ganzheit der Hingabe“, wie der Katechismus ausführt. 27)Vgl. KKK 2338-2347. Wesentlich ist es, die Keuschheit als standesgemäße Tugend zu erkennen, d.h. es gibt nach dem heiligen Ambrosius einen Unterschied zwischen der Keuschheit der Verheirateten, der Verwitweten und der Jungfräulichen. 28)Ambrosius, vid. 23, zit. in KKK 2349.  Dabei gilt:

„Verheiratete sind berufen, in ehelicher Keuschheit zu leben; die anderen leben keusch, wenn sie enthaltsam sind.“ 29)KKK 2349.

Die eheliche Keuschheit entspricht voll und ganz dem Wesen ehelicher Liebe als personale Ganzhingabe und Vereinigung der Partner mit Leib und Seele. Die Einheit der Herzen zeigt sich auch im Ein-Fleisch-Werden, d.h. in der sexuellen Vereinigung der Gatten. Diese ist stets auf humane Weise und als Ausdruck personaler Liebe zu vollziehen. 30)Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, GS 49: „Diese Liebe wird durch den eigentlichen Vollzug der Ehe in besonderer Weise ausgedrückt und verwirklicht. Jene Akte also, durch die die Eheleute innigst und lauter eins werden, sind von sittlicher Würde; sie bringen, wenn sie human vollzogen werden, jenes gegenseitige Übereignetsein zum Ausdruck und vertiefen es, durch das sich die Gatten gegenseitig in Freude und Dankbarkeit reich machen.“ Niemals ist es in der Ehe gestattet, den Ehepartner als Instrument der sexuellen Befriedigung zu mißbrauchen. Der innere Zusammenhang der Sinndimensionen der ehelich-sexuellen Vereinigung, nämlich Ausdruck personaler Liebe in Offenheit für das Leben zu sein, darf nicht aufgelöst werden. 31)Vgl. Paul VI., Enzyklika „Humanae vitae“ über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens vom 25. Juli 1968, Nr. 12: „Diese vom kirchlichen Lehramt oft dargelegte Lehre gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung –, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen. Seiner innersten Struktur nach befähigt der eheliche Akt, indem er den Gatten und die Gattin aufs engste miteinander vereint, zugleich zur Zeugung neuen Lebens, entsprechend den Gesetzen, die in die Natur des Mannes und der Frau eingeschrieben sind. Wenn die beiden wesentlichen Gesichtspunkte der liebenden Vereinigung und der Fortpflanzung beachtet werden, behält der Verkehr in der Ehe voll und ganz den Sinngehalt gegenseitiger und wahrer Liebe, und seine Hinordnung auf die erhabene Aufgabe der Elternschaft, zu der der Mensch berufen ist. Unserer Meinung nach sind die Menschen unserer Zeit durchaus imstande, die Vernunftgemäßheit dieser Lehre zu erfassen.“

Die Keuschheit der Unverheirateten zeigt sich nicht nur in der wirklichen Enthaltsamkeit von allen sexuellen Akten, sei es mit anderen oder auch allein. Es muß auch die rechte innere Haltung gegenüber dem Geschlechtlichen gegeben sein. Entweder ist die Person von ihrer Fähigkeit und Berufung her offen für eine mögliche Ehe und bereitet sich in entsprechender Weise vor, auch durch eine innere Kultur ihrer Affektivität und durch äußere Weisen der Kommunikation, um den geeigneten Partner fürs Leben zu finden. 32)Das im Rahmen dieses Symposions verhandelte Generalthema legt es nahe, hier einen Verweis auf die von Weihbischof Prof. Dr. Andreas Laun mitbegründete katholische Heiratsvermittlung www.kathtreff.org anzubringen. Oder aber eine Person hat erkannt, daß sie entweder nicht (mehr) heiraten kann oder daß im Unverheiratet-Sein sogar ihre eigentliche Berufung liegt, um auf diese Weise einen besonderen Dienst auszuüben und/oder in ausdrücklicher Weise ganz Gott anzugehören. Auch hier darf und soll die sexuelle Prägung und Ausrichtung nicht verleugnet werden. Es ist wichtig, daß auch ehelose und zölibatär-jungfräuliche Menschen eine natürliche und übernatürliche Kultur männlicher bzw. fraulicher Affektivität entwickeln und pflegen, die sie auch befähigt, in sittlich geordneter Freundschaft und Liebe mit anderen Menschen verbunden zu sein. Zugleich muß in kluger Weise dafür Sorge getragen werden, daß allfällige Gefahren für die Wahrung der Keuschheit ausgeschlossen werden und Ärgernisse vermieden werden.

Bei der Einübung in die Tugend der Keuschheit geht es um das schrittweise Erlernen der Selbstbeherrschung und des rechten Maßes im Umgang und Einsatz der uns von Gott geschenkten Kräfte. 33)Vgl. KKK 2341: „Die Tugend der Keuschheit steht unter dem Einfluß der Kardinaltugend der Mäßigung, welche die Leidenschaften und das sinnliche Begehren des Menschen mit Vernunft zu durchdringen sucht.“ Dies alles muß im Kontext personaler Liebe geschehen, worin sich die volle Bedeutung der Tugend der Keuschheit zeigt. 34)Die personale Liebe hilft dabei, den Primat der Person und ihrer Werte und Güter in jedem Aspekt der Sinnlichkeit und Emotionalität zu garantieren. Vgl. Karol WojtyÅ‚a, Liebe und Verantwortung, 253. Von daher wird klar, daß die christliche Tradition stets daran festgehalten hat, daß die Keuschheit bei allem menschlichen Bemühen um sie letztlich eine Gabe Gottes ist, d.h. eine Gnade, die auch erbetet werden muß. 35)„Die Keuschheit ist eine sittliche Tugend, ein Geschenk Gottes, eine Gnade, eine Frucht des Geistes.“ – Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche, München 2005, Nr. 488.

Karol WojtyÅ‚a hat in seinen Analysen herausgestellt, daß es bei der Keuschheit um einen zugleich unbefangenen und ehrfurchtsvoll-liebenden Zugang zum eigenen Leib als auch zur leibseelischen Wirklichkeit des Mitmenschen geht. 36)Vgl. Karol WojtyÅ‚a, Liebe und Verantwortung, 208 ff. Während wir an uns selber den Leib von unserem Innenleben klar unterscheiden können, begegnet uns der Mitmensch gerade auch in seiner Innerlichkeit immer nur vermittelt durch den Leib. Von daher verbietet sich jede Versachlichung und Instrumentalisierung des Leibes gerade der anderen Person. Wir können den Respekt und die Ehrfurcht, die wir dem Leib des Mitmenschen entgegenbringen, nicht vom Respekt gegenüber dieser oder jener konkreten Person trennen. 37)„Der Gedanke, daß freie Menschen sich in ihrem sittlichen Subjektsein nur achten, wenn sie einander solche Achtung zuallererst in der Weise des Respektes vor der Unverletzlichkeit ihre körperlichen Daseins entgegenbringen, ist in der Geschichte der Philosophie seit der europäischen Aufklärung immer stärker hervorgetreten.“ – Eberhard Schockenhoff, Ethik des Lebens. Ein theologischer Grundriß, 19982, 97; vgl. ders., Die Achtung der Menschenwürde in der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation, in: Anton Rauscher (Hrsg.), Handbuch der katholischen Soziallehre, Berlin 2008, 61-76, hier 66.

Die besondere Perspektive der Medien

In der medialen Präsentation wird nun zwar eine gewisse Distanz gegenüber dem durch Leiblichkeit vermittelten und unmittelbar gegenwärtigen Menschsein aufgebaut, und oft besteht auch eine Anonymität und „Künstlichkeit“ der Perspektive. Doch darf dies nicht zur irrigen Auffassung führen, es gäbe in den Medien überhaupt keinen Bezug zur Wirklichkeit als solcher bzw. zu wirklichen Menschen. Auch wo diese als Schauspieler auftreten oder in eine andere Rolle schlüpfen, können sie doch von ihrer eigenen Persönlichkeit nicht ganz abstrahieren, und insofern kann und darf es nicht gleichgültig sein, welches Verhalten jemand an den Tag legt bzw. welche Rollenerwartung der sog. Rezipient der Medien an die Darsteller hat. Es gibt per se entwürdigende Verhaltensweisen, die durch keine noch so gute Absicht oder Umstände zu rechtfertigen sind. 38)„Nun bezeugt die Vernunft, dass es Objekte menschlicher Handlungen gibt, die sich ‚nicht auf Gott hinordnen‘ lassen, weil sie in radikalem Widerspruch zum Gut der nach seinem Bild geschaffenen Person stehen. Es sind dies die Handlungen, die in der moralischen Überlieferung der Kirche ‚in sich schlecht‘ (intrinsece malum), genannt wurden: Sie sind immer und an und für sich schon schlecht, d.h. allein schon aufgrund ihres Objektes, unabhängig von den weiteren Absichten des Handelnden und den Umständen.“ – Johannes Paul II., Enzyklika „Veritatis splendor“ über einige grundlegende Fragen der kirchlichen Morallehre vom 6. August 1993 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 111), Nr. 80. Nicht alles darf man daher in den Medien „zeigen“. Wo es um eine Darstellung des Bösen geht (im Kontext einer wirklich sittlichen Bewertung und nicht als Selbstzweck, d.h. nicht zur Verherrlichung des Bösen) muß auch diese eher mit manchen Andeutungen arbeiten als daß sie das Böse einfach „reproduzieren“ darf, um es so möglichst „realistisch“ darzustellen. Denn eine Quasi-Reproduktion des Bösen würde dessen Immoralität gleichsam medial wiederholen bzw. sogar intentional vervielfachen. Ein derart mißverstandener „Realismus“, der beispielsweise eine Vergewaltigung in pornografisch-obszöner Weise zur Darstellung bringt, verleitet eher zu einer partiellen und instrumentellen Sicht der Personen als daß diese Darstellungsform geeignet wäre, das furchtbare Unrecht gegenüber einem Opfer sexueller Gewalt aufzuzeigen. 39)Als historisches Beispiel für einen filmischen Grenzgang kann der Film „Die Jungfrauenquelle“ von Ingmar Bergman (1960) angeführt werden. Zwar handelt es sich hier um keine pornografische Darstellung im eigentlichen Sinn; doch die gegenüber einer jungen Frau von ihren Peinigern angewandte sexuelle Gewalt wird in einer sowohl zeitlichen als auch personalen Intensität vermittelt, so daß es heftige Diskussionen darüber gab, ob diese Art von brutal wirkendem Realismus noch zu verantworten sei. Vgl. Lexikon des Internationalen Films, hrsg. vom Katholischen Institut für Medieninformation und der Katholischen Filmkommission für Deutschland, Frankfurt/Main 2002, Bd 2, 1609. Und so weiter.

Insbesondere die Pornografie (von Medienverantwortlichen mitunter verharmlosend als „Vollerotik“ oder „adult entertainment“ bezeichnet) stellt ein massives gesellschaftliches und sittliches Problem dar und verlangt die Wahrnehmung medialer Verantwortung. 40)Inzwischen kann man vielfach schon von einer „Pornografisierung“ der Medien und insbesondere des Internets sprechen, die weit über eine bloße „Sexualisierung“ hinausgeht

„Pornografie besteht darin, tatsächliche oder vorgetäuschte geschlechtliche Akte vorsätzlich aus der Intimität der Partner herauszunehmen, um sie Dritten vorzuzeigen. Sie verletzt die Keuschheit, weil sie den ehelichen Akt, die intime Hingabe eines Gatten an den anderen, entstellt. Sie verletzt die Würde aller Beteiligten (Schauspieler, Händler, Publikum) schwer; diese werden nämlich zum Gegenstand eines primitiven Vergnügens und zur Quelle eines unerlaubten Profits. Pornografie versetzt alle Beteiligten in eine Scheinwelt. Sie ist eine schwere Verfehlung. Die Staatsgewalt hat die Herstellung und Verbreitung pornografischer Materialien zu verhindern.“ 41)KKK 2354.

Der eheliche Akt ist etwas, das den Gatten zu eigen ist. Sie brauchen den notwendigen Raum des Schutzes dafür, um ihn so vollziehen zu können, daß er wirklich ein Ausdruck ihrer Ganzhingabe und Liebe ist. Von seinem Wesen her widersetzt sich gerade dieser Akt der Außenbeobachtung, wie Karol WojtyÅ‚a aufgezeigt hat. 42)Die sexuelle Vereinigung als Ausdruck und Verwirklichung ehelicher Liebe bedarf der Intimität. Von außerhalb dieser Vereinigung (d.h. vom Standpunkt anderer Personen aus) kann das objektive Profil der Liebe, welches das Gebrauchen einer Person durch die andere ausschließt, nicht erkannt werden. Daher besitzt niemand von außen kommend das Recht, ein Beobachter dieses Ausdrucks sexueller Intimität zu sein. Vgl. Karol WojtyÅ‚a, Liebe und Verantwortung, 266.

Der voyeuristische Außenbeobachter eines sexuellen Aktes nimmt ja gerade nicht die innere Dimension der Liebe wahr und kann dies auch gar nicht. Insofern dieser heiligste Akt der Gatten dann gleichsam auf sein biologisches Erscheinungsbild reduziert wird, wird er zugleich radikal entwertet und gerät in den Verdacht, nichts anderes zu sein als ein Akt der Unzucht oder gar der Prostitution, wo es nur um die geschlechtliche Befriedigung als solche geht und die jeweiligen Personen bloß Mittel zum Zweck sind. In der Pornografie und im öffentlich präsentierten erotischen Vergnügen wird die Sexualität aus dem intimen und sie schützenden personalen Bezug herausgenommen und der sexuellen Begierde ausgeliefert. 43)Vgl. Karol WojtyÅ‚a, Liebe und Verantwortung, 282-284. Sexualität wird so zur Ware, und insbesondere die Würde der Frau wird mißachtet, was im öffentlichen Bewußtsein inzwischen immer mehr erkannt wird. 44)Vgl. aus politikwissenschaftlich-feministischer Perspektive: Doris Allhutter, Dispositive digitaler Pornografie. Zur Verflachung von Ethik, Technologie und EU-Internetpolitik, Frankfurt 2009. Im Hinblick auf die Problematik „digitaler Pornografie“ solle der ethische Forschungsfokus von der Frage „Wie werden Informations- und Kommunikationstechnologien für die Verbreitung und den Konsum pornografischer Materialien genutzt?“ hin zu „Wie verändert sich das Phantasma der Pornografie durch ihre informationstechnologischen Herstellungs- und Anpassungsprozeße?“ gerichtet werden: vgl. ebd., 102. Allerdings intendiert diese Autorin „eine Auflösung von Geschlechtergrenzen und eine Dekonstruktion von Ideologien menschlicher Verschiedenheit … und hierarchischer Macht- und Herrschaftsstrukturen“ (ebd., 33; vgl. 105-106), womit sie einer sog. „Gender-Ideologie“ folgt, die gerade nicht die Würde des Frau- und Mann-Seins respektiert, sondern diese als angebliche Anmaßung von Herrschaft „dekonstruiert“. Eine besonders schwerwiegende Form des Unrechts und der Gewalt stellt die Kinderpornografie dar, unabhängig davon, ob die dargestellten pornografischen Szenen tatsächlich „real“ sind oder „fiktiv“ bzw. „virtuell“. 45)Auf die Problematik der fließenden Grenzen zwischen dem, was im Bereich digital vermittelter Erotik und Pornografie „real“ oder (bloß?) „virtuell“ ist, kann hier nicht näher eingegangen werden.

Praktische Schlußfolgerungen für den Umgang mit Medien

Angesichts der Sexualisierung der Öffentlichkeit und des Einflußes der Medien ergeben sich einige praktische Folgerungen:

  • Entscheidend ist gemäß dem Evangelium das „reine Herz“. Auf dieses kommt es in allem an. Dabei muß uns bewußt sein, daß der Mensch sich nicht selbst erlösen und rechtfertigen kann. Thomas von Aquin hat darum mit Recht festgestellt, daß das neue Gesetz ja gerade die Gnade des Heiligen Geistes ist, der die Liebe ausgießt in die Herzen der Menschen. 46)Principalitas legis novae est gratia Spiritus sancti, quae manifestatur in fide per dilectionem operante.“ – STh I-II q.108 a.1.
  • Es braucht gewisse Regeln der Klugheit im Umgang mit den Gefahren: Dabei ist es wichtig nicht zu dramatisieren, aber auch nicht zu verharmlosen. Was für den einen eine ernste Gefahr darstellt, ist für den anderen vielleicht (noch) keine Bedrohung. Vor Selbstsicherheit sollte man sich hüten: „Wer also zu stehen meint, der gebe acht, daß er nicht fällt.“ 47)1 Kor 10,12.  Die Gelegenheit zur Sünde ist – in kluger Einschätzung, nicht in Überängstlichkeit – entsprechend den vorhandenen Möglichkeiten und speziellen Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu meiden. 48)Nicht einmal die Dekadenz der Spätantike läßt sich mit der öffentlichen Zurschaustellung von Pornografie, der Befürwortung abwegiger sexueller Praktiken und dem riesigen und aggressiven Geschäft der ‚Sex-Industrie‘ vergleichen, die die moderne westliche Gesellschaft kennzeichnen. Das ist der gegenwärtige Kontext, in dem die Keuschheit als Tugend erworben werden muß, und diesen Kontext muß die Selbstzucht berücksichtigen, indem sie vor allem das vermeidet, was man früher einmal – gar nicht unzutreffend – Gelegenheiten zur Sünde genannt hat.“ – Twomey, a.a.O., 183. Gerade die „Starken“ müssen sich jedoch auch bemühen, den „Schwachen“ kein Ärgernis zu geben. 49)Vgl. Röm 14,21: „Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trinken oder sonst etwas zu tun, wenn dein Bruder daran Anstoß nimmt.“
  • Der Schutz von Kindern und Jugendlichen hat jedenfalls Vorrang vor der Wahrnehmung der Freiheit Erwachsener. Im Kontext medial vermittelter Realität ist es wesentlich, auf den Reifegrad der Personen Rücksicht zu nehmen, die von bestimmten Darstellungen betroffen sind. Nicht umsonst gibt es, auch wenn er vielfach ausgehöhlt ist, den Jugendschutz, und für die Umsetzung entsprechender Empfehlungen sind die Eltern in der Familie die primären Verantwortlichen, die wir darum auch in ihrer Aufgabe unterstützen sollten. So ist es sinnvoll, Zeiten und Möglichkeiten des Fernsehens und der Nutzung des Internets gerade für Minderjährige einzuschränken und hier entsprechende „zensurierende“ Vorkehrungen zu treffen. 50)Kontrovers diskutiert wird: Manfred Spitzer, Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft, München 2006. Dies freilich nicht in einer Haltung prinzipieller Abwehr und Angst vor diesen Medien, doch im Gesamtkontext eines verantwortlichen Umgangs, der nicht nur um die vielen Chancen der Medien im Dienst des Guten weiß, sondern auch ganz realistisch konkrete Gefahren erkennt und ihnen mit Klugheit und Entschiedenheit zu begegnen weiß.
  • Die nötige Selbstdisziplin im Umgang mit den Medien der sozialen Kommunikation müssen sich gerade auch Erwachsene aneignen. Dabei geht es darum, die Medien nicht zu verteufeln, sondern gezielt, d.h. aber auch selektiv nutzen, wie die inzwischen zahlreichen kirchlichen Dokumente zu den Massenmedien, besonders auch zu Fernsehen und Internet ausführen. 51)Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel „Inter mirifica“; Päpstliche Kommission für die Instrumente der sozialen Kommunikation, Pastoralinstruktion „Communio et progressio“ über die Instrumente der sozialen Kommunikation, veröffentlicht im Auftrag des 2. Vatikanischen Ökumenischen Konzils am 23. Mai 1971; Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Pastoralinstruktion „Aetatis novae“ zur sozialen Kommunikation zwanzig Jahre nach „Communio et Progressio“ vom 22. Februar 1992; sowie die jährlich veröffentlichten Papstbotschaften zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel (die jüngste von Benedikt XVI. vom 24. Mai 2009 trägt den Titel „Neue Technologien – neue Verbindungen. Für eine Kultur des Respekts, des Dialogs, der Freundschaft“). Oft ist weniger mehr. Wer alles Dargebotene unterschiedslos konsumiert, kann das Gehörte und Gesehene nicht wirklich verarbeiten. Er verliert in seinem Denken und Empfinden fast unmerklich die Sensibilität für das Wahre und Gute. 52)Vgl. Alexander Kissler, Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet, Gütersloh 2009.
  • Nebenbei sei angemerkt, daß die verzerrte und entwürdigende Darstellung der menschlichen Sexualität nicht die einzige Gefahr ist, die von einem Mißbrauch der Medien droht. Ein großes Problem ist der in vielen Filmen (und auch in Computerspielen!) begegnende massive Einsatz von Gewalt, was auf einer anderen Ebene zu Verrohung und Abstumpfung führen kann. Auch wenn dies hier nicht unmittelbar das Thema ist, so sagt doch das Begriffspaar „Sex and Crime“ schon genug aus über einen oft bestehenden Zusammenhang von Haß, Gewalt und sexueller Diskriminierung, der noch stärker beachtet werden sollte.
  • An dieser Stelle sei ein Wort über kirchliche oder kirchennahe Medien verloren: Natürlich ist es für katholische Christen nicht notwendig, sich nur auf die Nutzung kirchlicher oder kirchennaher Medien zu beschränken. Wir leben nun einmal in dieser Welt und müssen uns auch in angemessener Weise über Vorgänge des öffentlichen Lebens informieren. Außerdem gibt es neben Information und religiös-sittlicher Weiterbildung auch ein Recht auf eine – selbstverständlich sittlich einwandfreie – Unterhaltung. Wollte man sich nur auf „katholische“ oder kirchliche Medien beschränken, so würde die Gefahr einer Gettoisierung drohen. Gerade katholische Christen sollen und dürfen sich im Sinne einer recht verstandenen Präsenz der Laien in dieser Welt auch in säkulare Medien einbringen; sie sollen diese mitgestalten und Verantwortungsaufgaben übernehmen, ohne allerdings unannehmbare Kompromisse zu schließen, die gegen ihr christliches Gewissen sind oder ihre Identität als katholische Christen preisgeben.
  • Erinnert sei nochmals an das über die standesgemäße Keuschheit Gesagte: Verheiratete sollen die Beziehungen zu ihrem Partner in ehelicher Liebe fördern; auch gute und sittlich geordnete Freundschaften sind wichtig, wie schon der heilige Franz von Sales richtig erkannt hat. 53)Vgl. mit vielen Zitaten aus den Werken und Briefen des Heiligen: Andreas Laun, Der salesianische Liebesbegriff. Nächstenliebe, heilige Freundschaft, eheliche Liebe, Eichstätt 1993.
  • Jedenfalls sind stets geistliche Hilfen in Anspruch zu nehmen: das Gebet, der Empfang der Sakramente, die geistliche Begleitung, die treue Erfüllung der Standespflichten und beruflichen Aufgaben in einer Haltung der „guten Meinung“, d.h. zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen.

Schlußimpuls

Als Christen leben wir auch in einer weithin von Gott abgewandten Welt immer in der Hoffnung auf Gottes Hilfe und Beistand. Eine Erneuerung der Kultur im christlichen Sinne ist nicht illusorisch. Die Evangelisierung vollzieht sich immer nach dem Prinzip des Sauerteigs im Evangelium 54)Vgl. Mt 13,33. . Ein guter Anfang, wie immer und wo immer er geschieht, pflanzt sich fort und findet seine Nachahmer. „Exempla trahunt!“ – Gute Beispiele regen an und bewegen. In diesem Sinn sollte jeder seine Aufgabe und Verantwortung wahrnehmen und nach besten Kräften zu erfüllen trachten: Gottes Beistand und Gnade ist uns jedenfalls zugesagt!

Der Priester Josef Spindelböck ist Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Diözese St. Pölten und Mitglied der Gemeinschaft vom heiligen Josef.

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Referenzen   [ + ]

1. Vortrag beim „Forum Moraltheologie Mitteleuropa“ (24.-27. August 2009 im Bildungshaus St. Gabriel bei Mödling)
2. „Quidquid recipitur, ad modum recipientis recipitur.“ – Dieses aristotelische Prinzip (Liber de causis, IX 99) wird auch von Thomas von Aquin in seiner Erkenntnistheorie anerkannt und zugrunde gelegt, vgl. z.B. STh I, q. 12, a.4.
3. Vgl. Gal 5,13: „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!“ – Gal 5,16: „Darum sage ich: laßt euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen.“
4. „Any human society is free to choose either to display great energy or to enjoy sexual freedom; the evidence is that it cannot do both for more than one generation.“ – Joseph Daniel Unwin, Sex and Culture, London 1934 (Oxford University Press), 412.  In dieser seiner 676 Seiten starken Hauptpublikation präsentiert Unwin als Anthropologe die empirischen Nachweise für seine soziologische These und wertet diese im Detail aus.
5. In der folgenden Darstellung wird Bezug genommen auf die Kurzfassung: Joseph Daniel Unwin, Sexual Regulations and Cultural Behaviour, London 1935, Reprint California 1969. Dabei handelt es sich um eine Vorlesung, die Unwin vor der British Psychological Society (Medical Section) im Jahr 1935 gehalten hat. Vgl. auch die Darstellung der Forschungsergebnisse Unwins durch Konstantin Mascher, in: Bulletin Nr. 9, 1/2005 des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft.
6. Dieter Wyss, Die tiefenpsychologischen Schulen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Entwicklung, Probleme, Krisen, Göttingen 19916, 64.
7. Vgl. Unwin, a.a.O., 5/6.
8. Vgl. Unwin, a.a.O., 6-14. Die Stufen werden von Unwin als Deismus, Manismus und Zoismus bezeichnet.
9. Vgl. Unwin, a.a.O., 19/20. Unwin unterscheidet im Hinblick auf die sexuellen Regelungen innerhalb der Ehe zwischen modifizierter und absoluter Polygamie sowie absoluter Monogamie.
10. Vgl. Unwin, a.a.O., 22-25.
11. Vgl. Unwin, a.a.O., 27.
12. Vgl. ebd
13. Vgl. Unwin, a.a.O., 16-19.
14. Vgl. Unwin, a.a.O., 19.
15. [1] Vgl. Unwin, a.a.O., 32-34.
16. [1] Vgl. Unwin, a.a.O., 38.
17. Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben „Familiaris consortio“ über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute vom 22. November 1981 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 33f), Nr. 4-10.
18. Vgl. zur Analyse und Bewertung: Eberhard Schockenhoff, Das kirchliche Leitbild von Ehe und Familie und der Wandel familialer Lebenslagen, in: Anton Rauscher (Hg.), Handbuch der katholischen Soziallehre, Berlin 2008, 291-310. Trotz aller Defizite der Verwirklichungsformen gelte es auch jene Werte wahrzunehmen und anzuerkennen, für die eine tatsächliche Offenheit der Personen gegeben ist: „Vor allem in den nichtehelichen Partnerschaften, in denen der Entschluß zur späteren Heirat bereits gefallen ist, sind die wesentlichen Elemente personaler Partnerschaft und auch der Wille zur verbindlichen Treue vorhanden, die dem kirchlichen Eheverständnis entsprechen.“ – Ebd., 300. Kritisch wäre zu ergänzen, daß diese Differenzierungen freilich nicht unter der Hand das „Gesetz der Gradualität“ in die Konzeption einer „Gradualität des Gesetzes“ selber verkehren dürfen: „Daher kann das sogenannte ‚Gesetz der Gradualität‘ oder des stufenweisen Weges nicht mit einer ‚Gradualität des Gesetzes‘ selbst gleichgesetzt werden, als ob es verschiedene Grade und Arten von Gebot im göttlichen Gesetz gäbe, je nach Menschen und Situationen verschieden. Alle Eheleute sind nach dem göttlichen Plan in der Ehe zur Heiligkeit berufen, und diese hehre Berufung verwirklicht sich in dem Maße, wie die menschliche Person fähig ist, auf das göttliche Gebot ruhigen Sinnes im Vertrauen auf die Gnade Gottes und auf den eigenen Willen zu antworten.“ – Johannes Paul II., Familiaris consortio, Nr. 34, seine eigene Homilie zum Abschluß der VI. Bischofssynode am 25. Oktober 1980, Nr. 8, zitierend.
19. Franz-Xaver Kaufmann, Ehe und Familie zwischen kultureller Normierung und gesellschaftlicher Bedingtheit, in: Anton Rauscher (Hg.), Handbuch der katholischen Soziallehre, Berlin 2008, 257-272, hier 270.
20. Vgl. Johannes Messner, Das Naturrecht. Handbuch der Gesellschaftsethik, Staatsethik und Wirtschaftsethik, Berlin 19847, 124. Messner betont jedoch im Zusammenhang der christlichen Anthropologie auch das Moment der Erbsünde und ihrer Folgen, was für die Naturrechtslehre bedeutet, daß sie „gleich weit entfernt von einem einseitigen Pessimismus wie von einem einseitigen Optimismus in der Deutung der Menschennatur“ ist (125).
21. Karol WojtyÅ‚a (Johannes Paul II.), Liebe und Verantwortung. Eine ethische Studie, Kleinhain 2007. Vgl. auch die theologische und lehramtliche Fortführung: Johannes Paul II., Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan. Eine Theologie des Leibes, hg. v. Norbert und Renate Martin, Kisslegg 2008.
22. Vgl. Mt 15,17-19.
23. Vgl. Mt 5,8: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.“
24. Vgl. 1 Kor 6,19-20: „Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“
25. Vincent Twomey, Der Papst, die Pille und die Krise der Moral, Augsburg 2008, 73
26. KKK 2237.
27. Vgl. KKK 2338-2347.
28. Ambrosius, vid. 23, zit. in KKK 2349.
29. KKK 2349.
30. Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, GS 49: „Diese Liebe wird durch den eigentlichen Vollzug der Ehe in besonderer Weise ausgedrückt und verwirklicht. Jene Akte also, durch die die Eheleute innigst und lauter eins werden, sind von sittlicher Würde; sie bringen, wenn sie human vollzogen werden, jenes gegenseitige Übereignetsein zum Ausdruck und vertiefen es, durch das sich die Gatten gegenseitig in Freude und Dankbarkeit reich machen.“
31. Vgl. Paul VI., Enzyklika „Humanae vitae“ über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens vom 25. Juli 1968, Nr. 12: „Diese vom kirchlichen Lehramt oft dargelegte Lehre gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung –, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen. Seiner innersten Struktur nach befähigt der eheliche Akt, indem er den Gatten und die Gattin aufs engste miteinander vereint, zugleich zur Zeugung neuen Lebens, entsprechend den Gesetzen, die in die Natur des Mannes und der Frau eingeschrieben sind. Wenn die beiden wesentlichen Gesichtspunkte der liebenden Vereinigung und der Fortpflanzung beachtet werden, behält der Verkehr in der Ehe voll und ganz den Sinngehalt gegenseitiger und wahrer Liebe, und seine Hinordnung auf die erhabene Aufgabe der Elternschaft, zu der der Mensch berufen ist. Unserer Meinung nach sind die Menschen unserer Zeit durchaus imstande, die Vernunftgemäßheit dieser Lehre zu erfassen.“
32. Das im Rahmen dieses Symposions verhandelte Generalthema legt es nahe, hier einen Verweis auf die von Weihbischof Prof. Dr. Andreas Laun mitbegründete katholische Heiratsvermittlung www.kathtreff.org anzubringen.
33. Vgl. KKK 2341: „Die Tugend der Keuschheit steht unter dem Einfluß der Kardinaltugend der Mäßigung, welche die Leidenschaften und das sinnliche Begehren des Menschen mit Vernunft zu durchdringen sucht.“
34. Die personale Liebe hilft dabei, den Primat der Person und ihrer Werte und Güter in jedem Aspekt der Sinnlichkeit und Emotionalität zu garantieren. Vgl. Karol WojtyÅ‚a, Liebe und Verantwortung, 253.
35. „Die Keuschheit ist eine sittliche Tugend, ein Geschenk Gottes, eine Gnade, eine Frucht des Geistes.“ – Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche, München 2005, Nr. 488.
36. Vgl. Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 208 ff.
37. „Der Gedanke, daß freie Menschen sich in ihrem sittlichen Subjektsein nur achten, wenn sie einander solche Achtung zuallererst in der Weise des Respektes vor der Unverletzlichkeit ihre körperlichen Daseins entgegenbringen, ist in der Geschichte der Philosophie seit der europäischen Aufklärung immer stärker hervorgetreten.“ – Eberhard Schockenhoff, Ethik des Lebens. Ein theologischer Grundriß, 19982, 97; vgl. ders., Die Achtung der Menschenwürde in der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation, in: Anton Rauscher (Hrsg.), Handbuch der katholischen Soziallehre, Berlin 2008, 61-76, hier 66.
38. „Nun bezeugt die Vernunft, dass es Objekte menschlicher Handlungen gibt, die sich ‚nicht auf Gott hinordnen‘ lassen, weil sie in radikalem Widerspruch zum Gut der nach seinem Bild geschaffenen Person stehen. Es sind dies die Handlungen, die in der moralischen Überlieferung der Kirche ‚in sich schlecht‘ (intrinsece malum), genannt wurden: Sie sind immer und an und für sich schon schlecht, d.h. allein schon aufgrund ihres Objektes, unabhängig von den weiteren Absichten des Handelnden und den Umständen.“ – Johannes Paul II., Enzyklika „Veritatis splendor“ über einige grundlegende Fragen der kirchlichen Morallehre vom 6. August 1993 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 111), Nr. 80.
39. Als historisches Beispiel für einen filmischen Grenzgang kann der Film „Die Jungfrauenquelle“ von Ingmar Bergman (1960) angeführt werden. Zwar handelt es sich hier um keine pornografische Darstellung im eigentlichen Sinn; doch die gegenüber einer jungen Frau von ihren Peinigern angewandte sexuelle Gewalt wird in einer sowohl zeitlichen als auch personalen Intensität vermittelt, so daß es heftige Diskussionen darüber gab, ob diese Art von brutal wirkendem Realismus noch zu verantworten sei. Vgl. Lexikon des Internationalen Films, hrsg. vom Katholischen Institut für Medieninformation und der Katholischen Filmkommission für Deutschland, Frankfurt/Main 2002, Bd 2, 1609.
40. Inzwischen kann man vielfach schon von einer „Pornografisierung“ der Medien und insbesondere des Internets sprechen, die weit über eine bloße „Sexualisierung“ hinausgeht
41. KKK 2354.
42. Die sexuelle Vereinigung als Ausdruck und Verwirklichung ehelicher Liebe bedarf der Intimität. Von außerhalb dieser Vereinigung (d.h. vom Standpunkt anderer Personen aus) kann das objektive Profil der Liebe, welches das Gebrauchen einer Person durch die andere ausschließt, nicht erkannt werden. Daher besitzt niemand von außen kommend das Recht, ein Beobachter dieses Ausdrucks sexueller Intimität zu sein. Vgl. Karol WojtyÅ‚a, Liebe und Verantwortung, 266.
43. Vgl. Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 282-284.
44. Vgl. aus politikwissenschaftlich-feministischer Perspektive: Doris Allhutter, Dispositive digitaler Pornografie. Zur Verflachung von Ethik, Technologie und EU-Internetpolitik, Frankfurt 2009. Im Hinblick auf die Problematik „digitaler Pornografie“ solle der ethische Forschungsfokus von der Frage „Wie werden Informations- und Kommunikationstechnologien für die Verbreitung und den Konsum pornografischer Materialien genutzt?“ hin zu „Wie verändert sich das Phantasma der Pornografie durch ihre informationstechnologischen Herstellungs- und Anpassungsprozeße?“ gerichtet werden: vgl. ebd., 102. Allerdings intendiert diese Autorin „eine Auflösung von Geschlechtergrenzen und eine Dekonstruktion von Ideologien menschlicher Verschiedenheit … und hierarchischer Macht- und Herrschaftsstrukturen“ (ebd., 33; vgl. 105-106), womit sie einer sog. „Gender-Ideologie“ folgt, die gerade nicht die Würde des Frau- und Mann-Seins respektiert, sondern diese als angebliche Anmaßung von Herrschaft „dekonstruiert“.
45. Auf die Problematik der fließenden Grenzen zwischen dem, was im Bereich digital vermittelter Erotik und Pornografie „real“ oder (bloß?) „virtuell“ ist, kann hier nicht näher eingegangen werden.
46. Principalitas legis novae est gratia Spiritus sancti, quae manifestatur in fide per dilectionem operante.“ – STh I-II q.108 a.1.
47. 1 Kor 10,12.
48. Nicht einmal die Dekadenz der Spätantike läßt sich mit der öffentlichen Zurschaustellung von Pornografie, der Befürwortung abwegiger sexueller Praktiken und dem riesigen und aggressiven Geschäft der ‚Sex-Industrie‘ vergleichen, die die moderne westliche Gesellschaft kennzeichnen. Das ist der gegenwärtige Kontext, in dem die Keuschheit als Tugend erworben werden muß, und diesen Kontext muß die Selbstzucht berücksichtigen, indem sie vor allem das vermeidet, was man früher einmal – gar nicht unzutreffend – Gelegenheiten zur Sünde genannt hat.“ – Twomey, a.a.O., 183.
49. Vgl. Röm 14,21: „Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trinken oder sonst etwas zu tun, wenn dein Bruder daran Anstoß nimmt.“
50. Kontrovers diskutiert wird: Manfred Spitzer, Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft, München 2006.
51. Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel „Inter mirifica“; Päpstliche Kommission für die Instrumente der sozialen Kommunikation, Pastoralinstruktion „Communio et progressio“ über die Instrumente der sozialen Kommunikation, veröffentlicht im Auftrag des 2. Vatikanischen Ökumenischen Konzils am 23. Mai 1971; Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Pastoralinstruktion „Aetatis novae“ zur sozialen Kommunikation zwanzig Jahre nach „Communio et Progressio“ vom 22. Februar 1992; sowie die jährlich veröffentlichten Papstbotschaften zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel (die jüngste von Benedikt XVI. vom 24. Mai 2009 trägt den Titel „Neue Technologien – neue Verbindungen. Für eine Kultur des Respekts, des Dialogs, der Freundschaft“).
52. Vgl. Alexander Kissler, Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet, Gütersloh 2009.
53. Vgl. mit vielen Zitaten aus den Werken und Briefen des Heiligen: Andreas Laun, Der salesianische Liebesbegriff. Nächstenliebe, heilige Freundschaft, eheliche Liebe, Eichstätt 1993.
54. Vgl. Mt 13,33.

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