Für die überlieferte Messe geweiht

Aus Anlaß von Gerüchten, daß Papst Benedikt XVI. den Gebrauch der lateinischen Liturgie wieder ohne jede Beschränkung zulassen will, und der Neuerscheinung des Buches „Die Messe aller Zeiten – Ritus und Theologie des Meßopfers“, führten wir mit Pater Matthias Gaudron, Autor des Buches, ein Interview. Die Befragung wurde von Jens Falk per E-Mail geführt.

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Pater Matthias Gaudron, geb. 1965,
ist Priester und Mitglied der
Priesterbruderschaft St. Pius X.
1990 geweiht, war er ein Jahr Kaplan
im Priorat in Saarbrücken und wurde
dann Dozent für Dogmatik und
Exegese im Priesterseminar „Herz Jesu“
in Zaitzkofen. Dem Seminar stand er
von 1998-2003 als Regens vor.
Seit August 2006 ist er Prior des
Priorats „Judas Thaddäus“ in
Kleinwallstadt.
Bild: Privat

Sie sind Priester der Priesterbruderschaft St. Pius X. Man kann davon ausgehen, daß Sie noch nie die allgemein gültige Messe, die nach dem zweiten Vatikanischen Konzil eingeführt wurde, gelesen, noch an einer Konzelebration teilgenommen haben. Warum nicht?

Als Mitglied der Priesterbruderschaft St. Pius X. bin ich für die überlieferte Messe geweiht worden und habe die Neue Messe tatsächlich nie gelesen. Wir lehnen die neue Liturgie vor allem deshalb ab, weil sie kein vollgültiger Ausdruck des katholischen Glaubens vom Meßopfer ist. Man kann zeigen, daß die Änderungen, die man 1969 vorgenommen hat, mehr oder weniger alle dazu dienen, den Opfercharakter der Messe zu verdunkeln und diese einer mehr protestantischen Konzeption von der Eucharistie anzunähern. Nach dem Urteil der Kardinäle Ottaviani und Bacci, stellt der Meßritus Pauls VI. »sowohl im Ganzen wie in den Einzelheiten ein auffallendes Abrücken von der katholischen Theologie der hl. Messe dar« (Kurze kritische Untersuchung des Neuen Ordo Missae, UVK 4/1969, S. 2). Auch Jean Guitton, ein Freund Pauls VI., sagte 1993 in einer Radiodiskussion: »Paul VI. hat alles in seiner Macht Stehende getan, um die katholische Messe – über das Konzil von Trient hinweg – dem protestantischen Abendmahl anzunähern.«

Welche Aufgaben hat der katholische Priester in der Heiligen Messe?

Der Priester vertritt in der hl. Messe Jesus Christus selbst. Er steht an dessen Stelle am Altar und Christus handelt durch ihn. Das kommt besonders bei der Wandlung zum Ausdruck, wo der Priester »in persona Christi« spricht: »Dies ist mein Leib … dies ist der Kelch meines Blutes.« Dann handelt der Priester natürlich auch als Vertreter der Kirche, in deren Namen er Gott das Opfer und die Gebete darbringt.

Priester, die nach dem alten Ritus zelebrieren, sprechen eher von Meßopfer oder Heiliger Messe; Priester, die nach dem neuen Ritus zelebrieren, eher von Eucharistiefeier. Dieser Begriff steht auch sehr häufig in den Ankündigungen der Ortskirchen.

Dieser Sprachgebrauch hängt mit der Protestantisierung der Meßtheologie zusammen. Luther leugnete nicht eine gewisse Realpräsenz Jesu Christi in der Eucharistie, wenn er sie auch nicht im katholischen Sinn verstand. Was er aber geradezu mit Abscheu zurückwies, war die Lehre, daß die hl. Messe ein Opfer ist. Eine Eucharistiefeier können auch Protestanten begehen, niemals aber ein Meßopfer feiern.

Was ist unter Meßopfer zu verstehen?

Das Meßopfer ist die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Jesu Christi. Christus wird hier durch das Wort des Priesters unter den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft gegenwärtig und bringt sich seinem Vater dar. Es erfüllt ihn dabei dieselbe Opfergesinnung, die ihn am Kreuz beseelte.

Ist Meßopfer und Kreuzopfer ein und dasselbe?

Meßopfer und Kreuzesopfer sind nicht in jeder Hinsicht dasselbe. Das Konzil von Trient lehrt, daß Messe und Kreuzesopfer identisch sind in bezug auf die Opfergabe und den Hauptopferpriester. Die Opfergabe ist in der Messe wie am Kreuz der Gottmensch. Auch der Hauptopferpriester ist in beiden Fällen Jesus Christus, der sich in der Messe allerdings des menschlichen Priesters als Werkzeug bedient. Die Opferweise ist jedoch verschieden, denn am Kreuz hat sich Christus unter vielen Schmerzen aufgeopfert und ist gestorben. In der Messe leidet und stirbt er nicht mehr, wenn sein Tod auch durch die Doppelkonsekration sakramental dargestellt wird. Auch erwirbt Christus in der Messe keine neuen Verdienste mehr, da das Kreuzesopfer vollkommen ist und nicht ergänzt werden muß. Das Meßopfer wendet vielmehr die am Kreuz verdienten Gnaden den Menschen zu.

Kann man sagen: »Das Opfer ist die Verherrlichung Gottes durch Konsekration«?

Der wesentliche Opferakt der Messe ist die Konsekration. Die Verherrlichung Gottes ist der wichtigste Zweck des Opfers, aber nicht der einzige. Durch das Opfer wird Gott auch Dank gesagt für alle Wohltaten, die er uns spendet. Die Opfergabe wird zudem zur Sühne für die Sünden der Menschen dargebracht und Gott um die Gewährung neuer Gnaden gebeten.

Was sagt die hl. Schrift von der Messe als Opfer?

In der Hl. Schrift wird zunächst vom Propheten Malachias 1,10 für den Neuen Bund die Darbringung eines Opfers vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang, also unter allen Völkern, vorausgesagt. Diese Prophetie kann sich unmöglich auf die Opfer der Juden beziehen, die ja nur in Jerusalem dargebracht werden durften, und auch nicht auf das Kreuzesopfer, das ja nur einmal dargebracht wurde. Die Prophetie wird dann von den Kirchenvätern auch sofort auf das Meßopfer bezogen. Im NT sprechen die Einsetzungsworte Christi von der Hingabe seines Leibes und dem Vergießen seines Blutes. Das sind Opfertermini. Auch der hl. Paulus stellt ganz selbstverständlich in 1 Kor 10,16-21 die Teilnahme am Tisch des Herrn den Opfermahlzeiten der Juden und Heiden gegenüber. Wie das Essen von den Opfermahlzeiten der Juden und Heiden eine Anteilnahme am jeweiligen Opfer bedeutete, so bedeutet die hl. Kommunion eine Anteilnahme am christlichen Opfer. Man beachte auch Hebr 13.10, wo es heißt: »Wir haben einen Opferaltar, von dem jene nicht essen dürfen, die dem Zelte dienen (d. h. die Juden).«

Der Opfercharakter der Messe ist also keine Erfindung des Mittelalters?

Es war mir wichtig, in meinem Buch zu zeigen, wie der Opfercharakter der Messe von Anfang an unbestrittenes Glaubensgut der Kirche war. Hier nur einige Beispiele: Schon die ältesten kirchlichen Schriftstücke sprechen von der Eucharistie als von einem Opfer. So lesen wir in der um 100 n. Chr. geschriebenen Didache: »Am Tage des Herrn versammelt euch, brechet das Brot und saget Dank, nachdem ihr zuvor eure Sünden bekannt habt, damit euer Opfer rein sei … Denn so lautet der Ausspruch des Herrn: „ºAn jedem Ort und zu jeder Zeit soll man mir darbringen ein reines Opfer, weil ich ein großer König bin, spricht der Herr, und mein Name wunderbar ist bei den Völkern.“¹« Die Beziehung auf die Prophetie des Malachias zeigt deutlich, daß es hier um ein eigentliches Opfer geht. Ende des 2. Jh.s schreibt der hl. Irenäus von Lyon (“  202): »Als er (Christus) deshalb die Gabe des Brotes nahm, sagte er Dank und sprach: „ºDas ist mein Leib“¹. Und ähnlich bekannte er den Kelch, der aus dieser irdischen Schöpfung stammt, als sein Blut und machte ihn zur Opfergabe des Neuen Bundes, so daß ihn die Kirche, wie sie ihn von den Aposteln empfangen hat, auf der ganzen Welt Gott darbringt … Auf diesen weist unter den zwölf Propheten Malachias mit folgenden Worten hin: „ºIch habe kein Wohlgefallen …“¹ Das besagt ganz deutlich, daß zunächst das Volk aufhören wird, Gott zu opfern, daß dann aber an jedem Orte ihm ein Opfer dargebracht werden wird, und zwar ein reines, und daß sein Name herrlich werden wird unter den Völkern« (Adv. haer. IV, 17,5; BKV [Irenäus II] S. 53).

Im 4. Jh. hebt der hl. Cyrill von Jerusalem (“  386) in seiner Beschreibung der Meßliturgie den Sühnecharakter des Meßopfers hervor, wenn er den Gläubigen bei der Besprechung des Gedächtnisses der Toten sagt: »Wir glauben nämlich, daß die Seelen, für welche während des heiligen, erhabensten Opfers gebetet wird, sehr großen Nutzen davon haben. Um euch davon zu überzeugen, will ich euch ein Beispiel geben: … Nehmen wir an, es haben sich einige gegen ihren König vergangen und wurden deshalb von ihm in die Verbannung geschickt; deren Angehörige aber flechten nun einen Kranz und bringen ihn dem König, um Fürbitte für die Bestraften einzulegen: Wird der König ihnen nicht etwa die Strafe nachlassen? Ebenso ist es bei uns. Wir bringen Gott für die Verstorbenen, trotzdem sie Sünder waren, unsere Gebete dar. Wir winden keinen Kranz, sondern opfern den für unsere Sünden geschlachteten Christus. Dadurch versöhnen wir den barmherzigen Gott mit ihnen und mit uns« (5. Mystagogische Katechese 9 f; BKV S. 368 f). Besonders schön ist auch ein Wort des hl. Gregor von Nazianz (“  390), das er dem Priester zuruft: »Zögere nicht für uns zu beten und zu flehen, wenn du durch dein Wort den Logos herabziehst, wenn du auf unblutige Weise den Leib und das Blut des Herrn scheidest, indem du das Wort (= die Wandlungsworte) als Schwert gebrauchst« (Ep. 171 ad Amphil. PG 37, 280; RJ 1019). Hier wird deutlich die Lehre von der unblutigen Hinopferung Christi durch die Trennung seines Leibes und Blutes vermittels der Doppelkonsekration zum Ausdruck gebracht.

Beim hl. Johannes Chrysostomus (“  407), dem »doctor eucharistiae«, finden wir besonders realistische Aussagen: »Wenn du siehst, wie der Herr geopfert daliegt und wie der Priester vor dem Opfer steht und betet und wie alle mit jenem kostbaren Blute gerötet werden: glaubst du da noch, unter Menschen zu sein und auf Erden zu weilen?« (Über das Priestertum III, 4; BKV [Chry. IV], S. 141). »Du trittst hin zu einem furchtbaren, heiligen Opfer. Christus liegt geschlachtet da, um dich … mit dem Schöpfer des Weltalls zu versöhnen« (De prod. Judas hom. 2,6; PG 49, 390). Es war also wirklich eine Neuerung, ein Abrücken vom überlieferten Glauben der Christen, als Luther den Opfercharakter der Messe leugnete.

Ist die katholische Auffassung des Opferbegriffs eine andere als der Opferbegriff in der vorchristlichen Zeit?

Nein, grundsätzlich nicht. Auch in den heidnischen Kulturen faßte man das Opfer als höchsten Akt der Gottesverehrung auf. Man opferte der Gottheit etwas Wertvolles zum Zeichen seiner Selbsthingabe, um die Gottheit zu ehren, ihr zu danken, sie zu versöhnen und von ihr Gunsterweise zu erbitten. Die jüdischen Opfer waren zudem als direkte Vorbereitung auf das christliche Opfer von Gott selbst angeordnet und hatten keine andere Intention. Allerdings waren alle vorchristlichen Opfer unvollkommen und konnten die Erlösung nicht bewirken.

Was ist unter dem Mahl zu verstehen?

Die hl. Kommunion kann man ein Mahl oder ein Opfermahl nennen. Sie ist die höchste Weise, sich mit dem Opfer Christi zu vereinigen. Sie gehört aber nicht zum Wesen der Messe, sondern ist eher eine Frucht derselben. Die Gläubigen können darum der Messe auch fruchtbar beiwohnen, wenn sie nicht kommunizieren. Die Kirche hat den sonntäglichen Meßbesuch zur Pflicht gemacht, niemals aber vorgeschrieben, daß man dabei kommunizieren muß.

Was ist die Heilige Messe, was passiert während des Ablaufs? Für wen ist die Kulthandlung? Wer ist an ihr beteiligt?

Die Messe ist die Vergegenwärtigung oder unblutige Erneuerung des Kreuzesopfers, das Jesus Christus auf Kalvaria dargebracht hat. Dabei werden die am Kreuz erworbenen Verdienste den anwesenden Gläubigen sowie der ganzen Kirche zugewendet und Gott wird auf unendliche Weise angebetet und verherrlicht. Beteiligt daran sind nicht nur der zelebrierende Priester, sondern alle, die in irgendeiner Weise mitwirken oder der Messe mit gläubigem Herzen beiwohnen.

Welche Funktion haben die Gläubigen (Laien), die an einer Heiligen Messe teilnehmen?

Die Gläubigen sind bei der Feier der hl. Messe nicht nur Zuschauer oder Empfänger, sondern sollen in einem wahren Sinn mitopfern. Allerdings ist ihre Weise des Opferns von der des Priesters unterschieden. Papst Pius XII. hat in Mediator Dei diese Frage mit großer Klarheit behandelt. Er lehrt, daß die Gläubigen an der Konsekration, also der Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu Christi, keinen Anteil haben. Die Gläubigen sollen sich aber am Opfer beteiligen, indem sie den auf dem Altar gegenwärtigen Christus auch ihrerseits Gottvater aufopfern und indem sie sich selber mit Christus zusammen Gott zum Opfer darbringen. Es ist der Taufcharakter, der die Gläubigen befähigt, auf diese Weise am göttlichen Kult teilzunehmen.

Viele behaupten, z.Bsp. kann man in der Online Enzyklopädie Wikipedia (zuletzt aufgerufen am 11. Nov. 2006) nachlesen, daß die nachkonziliare Liturgie auf die frühkirchliche Liturgie in der Stadt Rom zurückgehe. Trifft dies zu?

Keineswegs. In Wahrheit steht die sog. tridentinische Messe in vollkommener Kontinuität mit der ältesten Überlieferung. Der römische Kanon hatte schon im 4. Jh. mehr oder weniger die heutige Form. Die letzten kleinen Änderungen hat Ende des 5. Jh.s Gregor der Große vorgenommen. Seitdem hat man nichts mehr an ihm geändert. Die Liturgiereform ist dagegen – übrigens ganz im Gegensatz zum Willen der Väter des Vatikanum II – sehr willkürlich mit der Überlieferung umgegangen. Vom 2. Hochgebet, das wegen seiner Kürze das meist verwendete ist und den Opfercharakter der Messe fast nicht mehr aufscheinen läßt, behauptet man zwar oft, es sei der antike Kanon des Hippolyt, jedoch hat man längst nachgewiesen, daß es eine völlige Verstümmelung dieses antiken Gebets ist, bei dem man alles weggelassen hat, was nicht zum nachkonziliaren Geist paßte. Es gibt hierzu eine eigene Studie von Dr. Heinz-Lothar Barth: »Die Mär vom antiken Kanon des Hippolytos«, Köln 1999.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der, wie Sie sagen, »Protestantisierung der Meßtheologie« und der Kirchenkrise, dem Glaubensabfall von Priestern und Gläubigen, oder ist es doch eher ein tiefer kultureller Wandel der »westlichen« Welt?

Die Theologie der Messe ist nur ein Punkt in der heutigen Kirchen- und Glaubenskrise, wenn auch ein sehr wichtiger. Die Krise ist aber noch viel umfassender. Die Kirche hat seit dem II. Vatikanum wenigstens praktisch den Anspruch aufgegeben, die einzige von Christus gegründete Kirche und im Besitz der ganzen Offenbarung zu sein. Es gibt keine Glaubenswahrheiten mehr, die nicht von irgendwelchen Theologen und selbst Bischöfen geleugnet werden. Wenn aber nun plötzlich alles unsicher geworden ist, was die Kirche bis vor wenigen Jahrzehnten lehrte, dann muß man sich nicht wundern, wenn die Menschen dieser Kirche in Scharen den Rücken zuwenden. Natürlich hat der materielle Wohlstand und extreme Liberalismus auch eine Rolle bei diesem Glaubensabfall gespielt und spielt ihn bis heute. Die Kirche hat sich dem aber nicht kraftvoll entgegengestellt, sondern ihn teilweise noch befördert.

Der Besucher der alten Heiligen Messe sieht kaum etwas von der Kulthandlung, außerdem wird sie lateinisch gefeiert. Oft ist zu sehen, daß Gläubige in der Messe den Rosenkranz oder privat beten. Ist es nicht unendlich schwer für die Gläubigen, die alte Messe zu verstehen, zu verfolgen und mitzufeiern? Ist da nicht der neue Ritus offener, freundlicher gegenüber den Gläubigen?

Wer ohne Vorbereitung eine traditionelle Messe zum ersten Mal erlebt, kann vielleicht den Eindruck gewinnen, als sei es sehr schwierig in dieser Messe etwas zu verstehen, obwohl viele Menschen trotzdem von der Atmosphäre der Andacht und des Mysteriums beeindruckt sind. Die Gläubigen, die der Messe regelmäßig beiwohnen, kennen aber sehr gut ihren Aufbau und haben kein Problem, ihr zu folgen. Zudem haben sie mit Hilfe der Volksmeßbücher (Schott oder Bomm) die Möglichkeit, allen Gebeten in der Landessprache zu folgen. Warum sollen sie aber nicht auch in einer freieren Weise beten und sich so mit der Messe vereinigen? Im übrigen ist hier die Tradition der Ostkirche viel weiter gegangen als der Westen. Dort vollzieht sich das Geheimnis nämlich tatsächlich hinter einer Bilderwand. Der neue Ritus täuscht dagegen eine Verständlichkeit vor, die gar nicht gegeben ist, denn die Messe ist ein unfaßbares Geheimnis. Die Gläubigen, die regelmäßig die neue Messe besuchen, haben meist auch ein völlig falsches Verständnis von der Messe. Sie wissen nichts von der Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers, sondern halten die Messe für eine Erinnerungsfeier wie bei den Protestanten.

Eins fällt dem genauen Beobachter der alten Messe auf. Der Priester versucht auf jeden Fall zu verhindern, daß Partikel der gewandelten Hostie auf den Boden fallen. Warum ist das so wichtig? Im neuen Ritus scheint es kein Problem zu sein, wenn Partikel zu Boden fallen und die Kommunion auch von Personen ausgeteilt wird, die nicht zum Priester geweiht worden sind.

Da Christus nicht nur in der ganzen Hostie gegenwärtig ist, sondern auch in jedem ihrer Teile, ist es angemessen, sorgsam auch auf die kleinsten Partikel zu achten. Schon die Kirchenväter mahnen die Gläubigen, ja nicht ein Teilchen der Hostie verloren gehen zu lassen. Der sorglose Umgang mit der hl. Kommunion im neuen Ritus hat dagegen viel dazu beigetragen, daß viele Katholiken den Glauben an die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie verloren haben.

Man hört, daß viele jüngere Priester die alte Messe nicht lesen können, obwohl sie es gerne möchten, weil sie kein Latein können. Sie sehen ein Problem mit der neuen Messe und wünschen sich einen »Kompromiss«, eine »alte« Messe in ihrer Landessprache. Wäre das nicht ein gangbarer Weg?

Erzbischof Lefebvre soll einmal gesagt haben, er würde lieber die alte Messe auf Französisch als die neue in Latein lesen. Tatsächlich ist das Latein nicht der wichtigste Punkt bei der Messe. Es gibt jedoch gute Gründe für das Latein, und von einem Priester, der ja ein Theologiestudium hinter sich hat, sollte man erwarten können, daß er so viel Latein lernen kann, um die Messe feiern zu können. Viele Gebete sind ja jeden Tag dieselben und die Schrifttexte sind ihm schon anderweitig vertraut.

Warum werden zur hl. Kommunion nicht beide Gestalten gereicht? Ein Hauptvorwurf Luthers. Im Meßkanon steht doch auch: »In gleicher Weise nahm Er nach dem Mahle auch diesen wunderbaren Kelch in Seine heiligen und ehrwürdigen Hände, dankte Dir abermals, segnete ihn und gab ihn Seinen Jüngern mit den Worten: Nehmet hin und trinket alle daraus.« Eine berechtigte Kritik?

Es waren rein praktische Gründe, die die Kirche im 2. Jahrtausend bewegten, die Kommunion den Gläubigen nur unter der Gestalt des Brotes zu reichen. Bei einer großen Zahl von Gläubigen ist es schwierig, allen die Kommunion unter beiden Gestalten auszuteilen und die Gefahr des Verschüttens ist doch recht groß. Da Christus unter jeder der beiden Gestalten ganz enthalten ist, empfangen die Gläubigen das Blut Christi auch unter der Gestalt des Brotes.

Wie oft soll ein Priester die heilige Messe feiern? Man kann beobachten, daß Priester Ihrer Gemeinschaft täglich eine Messe feiern, selbst ohne Anwesenheit von Gläubigen. Sie feiern dann eine stille heilige Messe. Gibt es die stille Messe auch im neuem Ritus?

Die tägliche Zelebration der Messe ist zwar keine Pflicht, wird den Priestern aber selbst im neuen Kirchenrecht eindringlich ans Herz gelegt, sogar noch deutlicher als im alten Kirchenrecht. Auch im neuen Ritus gibt es die Möglichkeit, die hl. Messe ohne Volk zu lesen, wenn es auch zumindest im deutschen Sprachraum nur selten getan wird.

Könnte man sagen, daß in der katholischen Kirche eine neue Religion entsteht? Oder ist es weiterhin die Katholische Kirche, zwar in der Krise, aber in einer, wie Bischöfe zu sagen pflegen »lebendigen Tradition«. Oder anders gefragt: Neuer Ritus neue Kirche?

Ohne jeden Zweifel haben heute viele Bischöfe, Priester und Gläubige nicht mehr den katholischen Glauben. Von daher herrscht tatsächlich im offiziellen Raum der Kirche zum Teil eine neue Religion. Allerdings hat die Kirche nicht offiziell ihre definierten Glaubenswahrheiten aufgegeben. Es herrscht hier oft ein eklatanter Widerspruch zwischen Theorie und Praxis.

Ist die Liturgie das wichtigste Element der katholischen Kirche? Geht alles von der Liturgie aus? Vertreten Sie die Meinung, daß bei einer besseren, richtigen Liturgie die Kirchenkrise überwindbar ist?

Die Liturgie ist der Ausdruck des Glaubens. Darum führt eine Veränderung der Liturgie auch zu einer Veränderung des Glaubens und umgekehrt. Benedikt XVI. hat als Kardinal selbst gesagt, daß er die Liturgiereform für eine der wichtigsten Ursachen für die Glaubenskrise hält. Er schrieb wörtlich: »Ich bin überzeugt, daß die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht, die mitunter sogar so konzipiert wird, „ºetsi Deus non daretur“¹« (Aus meinem Leben, DVA 1997, S. 174). In bezug auf das Verbot der alten Messe sagte er: »Eine Gemeinschaft, die das, was ihr bisher das Heiligste und Höchste war, plötzlich als strikt verboten erklärt und Verlangen danach geradezu als unanständig erscheinen läßt, stellt sich selbst in Frage. Denn was soll man ihr eigentlich noch glauben? Wird sie nicht morgen wieder verbieten, was sie heute vorschreibt?« (Salz der Erde, Heyne 2001, S. 188). Darum wäre die Rückkehr zur überlieferten Liturgie wenigstens ein wichtiger Schritt zur Überwindung der Kirchenkrise. Natürlich müßte der Modernismus auch in der Theologie überwunden und in der Verkündigung ausgemerzt werden, damit die Kirche sich wahrhaft erneuern kann.

Matthias Gaudron: „Die Messe aller Zeiten« Ritus und Theologie des Meßopfers.
Sarto-Verlag,
3-932691-51-2; 978-3-932691-51-5, 14,90 Eur. Derzeit

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Aus dem Vorwort:

Um die hl. Messe immer mehr zu schätzen und zu lieben,
muß man sich um ein möglichst tiefes
Verständnis ihrer Gebete und Riten bemühen. Schon das
Konzil von Trient mahnte daher die Seelsorger, öfters
über die Geheimnisse der hl. Messe zu predigen und ihre Gebete
zu erläutern. Hätte man dies mehr beachtet und
hätten vor allem die Priester sich mehr in die liturgischen
Geheimnisse vertieft, wäre es wohl kaum möglich
gewesen, daß die Mehrheit der Priester nach dem 2.
Vatikanischen Konzil die Messe ihrer Priesterweihe so widerstandslos
aufgaben.

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