Frontalangriff „im Namen des Papstes“ gegen die „religiöse Rechte“ in den USA

Papst-Vertraute legen Frontalangriff gegen die "religiöse Rechte" in den USA vor. Papst Franziskus will offenbar im Schulterschluß mit der politischen Linken massiv im Anti-Trump-Kampf und am Umbau der politischen Landschaft der USA mitwirken.
Papst-Vertraute legen Frontalangriff gegen die "religiöse Rechte" in den USA vor. Papst Franziskus will offenbar im Schulterschluß mit der politischen Linken massiv im Anti-Trump-Kampf und am Umbau der politischen Landschaft der USA mitwirken.

(Rom) Laurie Goodstein hatte am 11. Juni auf der Titelseite der New York Times die „religiös Liberalen“ bzw. die „religiöse Linke“ aufgerufen, die „Vorherrschaft der religiösen Rechten in der Moral-Agenda des Landes zu brechen“. Als mögliche Akteure nannte sie „eine neue Welle katholischer Aktivisten, die von Papst Franziskus inspiriert wird“. Ihr Appell scheint nicht ungehört verhallt zu sein. In der neuen Ausgabe der römischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica (Nr. 4010) haben die beiden Autoren Antonio Spadaro und Marcelo Figueroa den Artikel „Evangelikaler Fundamentalismus und katholischer Integralismus: eine überraschende Ökumene“ vorgelegt. Er ist ein Frontalangriff – im Namen des Papstes – gegen die „religiöse Rechte“ in den USA, die für den Wahlsieg von Donald Trump verantwortlich gemacht wird.

Die Autoren: der Papst-Vertraute und der protestantische Papst-Freund

Der Jesuit Antonio Spadaro ist Schriftleiter der Jesuitenzeitschrift und einer der engsten Vertrauten von Papst Franziskus. Marcelo Figueroa ist presbyterianischer Pastor und Schriftleiter der argentinischen Ausgabe des Osservatore Romano. Wer an dieser Stelle stutzen sollte, hat nicht falsch gelesen. Am 30. Dezember 2016 ist die erste Nummer der argentinischen Ausgabe des Osservatore Romano erschienen. Diese Ausgabe geht auf einen ausdrücklichen Wunsch von Papst Franziskus zurück. Vom Papst persönlich wurde auch der verantwortliche Schriftleiter ausgewählt. Die Wahl von Franziskus fiel auf den protestantischen Theologen Marcelo Figueroa, seit Jahren ein persönlicher Freund Bergoglios. Er ist in der 156jährigen Geschichte der „Zeitung des Papstes“ der erste Nicht-Katholik, der eine solche Stellung einnimmt.

Marcelo y Jorge: Figueroa und Papst Franziskus
Marcelo y Jorge: Figueroa und Papst Franziskus

Figueroa kommt nun ein weiterer Primat zu. Die römische Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica ist noch älter als der Osservatore Romano. Redaktion und Autoren bestanden bisher ausnahmslos aus Jesuiten. Figueroa, wenn auch zusammen mit einem Jesuiten, ist der erste protestantische Autor in der seit 1850 erscheinenden Publikation, die damit die älteste noch erscheinende und zugleich auch die einflußreichste Jesuitenzeitschrift der Welt ist. Im Folgenden ist mitzudenken, daß jeder Artikel in der Civiltà Cattolica mit ausdrücklicher Erlaubnis des Vatikans erscheint. Die Texte müssen dem Staatssekretariat vorgelegt werden und bedürfen der ausdrücklichen Druckerlaubnis. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern übernimmt Papst Franziskus diese Aufgabe für ihm wichtige Themen sogar persönlich. Es darf angenommen werden, daß das auch beim vorliegenden Artikel seines Vertrauten und seines Freundes der Fall war.

Goodsteins Anti-Trump- und Anti-Konservativen-Linie

Der von Spadaro und Figueroa vorgelegte Artikel folgt ganz der Anti-Trump- und Anti-Konservativen-Linie des Artikels in der New York Times. Die Sympathien von Papst Franziskus für die politische Linke, ja sogar für die radikale Linke, sind bekannt. Ganz dieser Überzeugung entsprechend meidet er nach Möglichkeit jede Berührung mit nicht-linken politischen Kräften und reduziert seinen Kontakt als Staatsoberhaupt auf ein protokollarisches Minimum oder demonstrative Distanz, wie gegenüber den amtierenden paraguayischen und argentinischen Staatspräsidenten.

Die argentinische Presseagentur Telam schrieb zum Spadaro/Figueroa-Artikel:

„Warnung aus dem Vatikan: Evangelikale und Katholiken der USA fördern den ‚Haß‘“.

Die internationale Nachrichtenagentur Associated Press titelte:

„Vertrauter des Papstes verurteilt religiöse Rechte der USA.“

Spadaro und Figueroa sehen im „evangelikalen Fundamentalismus“ und im „katholischen Integralismus“ dieselben „ultrakonservativen“ Kräfte am Werk. Diese Kräfte versuchen, so die Autoren, die Politik der USA mit ihrer „fremdenfeindlichen und islamophoben“ Sichtweise zu beeinflussen.

Die Kritik trifft alle US-Präsidenten seit Ronald Reagan, allerdings nur die republikanischen. Reagan und George W. Bush hätten sich einer „christlich-evangelikalen Sprache“ bedient. Feinde seien „dämonisiert“ worden. Die einseitige Parteinahme zugunsten der politischen Linken ist der eigentliche rote Faden des ganzen Artikels.

„Ultrakonservative Kräfte“, deren Feindbilder „die Migranten und die Muslime“ sind

Für Spadaro/Figueroa sind - unter Berufung auf Papst Franziskus - nicht-linke Christen die Feinde.
Für Spadaro/Figueroa sind – unter Berufung auf Papst Franziskus – nicht-linke Christen die Feinde.

Diese „ultrakonservativen“ Kräfte sehen, so Spadaro und Figueroa, „ihre Welt“ durch „modernistische Ideen bedroht“. Bei diesen „Bedrohungen“ setzen die Autoren, zeitlich sehr früh an und nennen die „Rechte der schwarzen Sklaven“, die „Hippy-Bewegung“, den „Kommunismus“, die „feministischen Bewegungen usw“. Heute seien es „die Migranten und die Muslime“, durch den sich „diese Rechte“ bedroht sehe. Zugleich suggerieren die Autoren, daß eine solche „Bedrohung“ nur imaginiert sei, und diese Einbildung einer verwerflichen Ablehnung der Moderne entspringe.

Spadaro/Figueroa unterstellen der „religiösen Rechten“ (Goodstein) zudem, die Heilige Schrift, ob das Alte oder das Neue Testament, „aus dem Kontext“ zu reißen, anstatt vom „Blick voller Liebe des Jesus der Evangelien geleitet“ zu sein.

Dieser verzerrte Blick, so die beiden Autoren, verurteile nicht alles, was zum Konflikt führe. Er erkenne beispielsweise nicht den Zusammenhang „zwischen Kapital und Profit und Waffenhandel“. Vielmehr gelte „das Gegenteil: Häufig wird der Krieg mit den heroischen Eroberungsunternehmungen des ‚Gottes der Heere‘ von Gideon und David gleichgesetzt. In dieser manichäischen Sichtweise können Waffen eine Rechtfertigung theologischer Natur erfahren.“

Crux Now, die progessive Nachrichtenplattform des Boston Globe, titelte daher:

„Papstnahe Jesuitenzeitschrift sagt, hinter Trump steht ein ‚manichäisches Denken‘.“

„Mangelnde Sensibilität gegenüber dem Klimawandel“

Spadaro/Figueroa erteilen, auch darin Goodsteins Handlungsanweisungen folgend, einen mehrfachen, darunter auch rassistischen Seitenhieb, wenn sie ganz nach der Diktion linker Autoren von „dieser religiösen Kollektivität“ schreiben, die „hauptsächlich aus Weißen der unteren Schichten aus dem tiefen Süden“ der USA bestehe. Diese seien unsensibel („wie betäubt“) gegenüber dem Klimawandel. Naturkatastrophen, „die dramatischen Klimaveränderungen“ und die „ökologische Krise“ würden nur als Versuch wahrgenommen, sie zu einem Umdenken veranlassen zu wollen, oder im Sinne des Buches der Apokalypse, das sie „nicht nur allegorisch“ verstehen.

Die beiden Autoren sehen einen „fundamentalistischen Ökumenismus“ am Werk:

„Mit dem Hebel der Werte des Fundamentalismus entwickelt sich eine seltsame Form einer überraschenden Ökumene zwischen evangelikalen Fundamentalisten und integralistischen Katholiken, geeint durch denselben Willen eines direkten religiösen Einflusses auf die politische Dimension.“

„Seltsame Ökumene“ zu den Themen: Abtreibung, Homo-Ehe, Moral, Werte

„Einige, die sich als Katholiken bekennen“, würden Töne anschlagen, die „bis vor kurzem ihrer Tradition fremd waren und den evangelikalen Tönen viel näher sind“. Die „Ökumene“ zwischen Gruppen, die konfessionell „paradoxerweise Konkurrenten“ sind, erfolge zu „klar definierten“ Themen. Als solche nennen Spadaro/Figueroa, wiederum ganz auf der Linie Goodsteins:

„Themen wie Abtreibung, die Ehe zwischen Personen des gleichen Geschlechts, die religiöse Erziehung an den Schulen und andere Fragen, die allgemein als moralisch betrachtet werden oder mit Werten.“

Sowohl Evangelikale als auch integralistische Katholiken würden

„die traditionelle Ökumene verurteilen und eine Ökumene des Konflikts fördern, die sie eint in einem nostalgischen Traum von einem Staat mit theokratischen Zügen.“

„Ökumene des Hasses“

Der „gefährlichste“ Ausblick „dieses seltsamen Ökumenismus“ sei aber „seiner xenophoben und islamophoben Sichtweise“ zuzuschreiben, „die Mauern und reinigende Deportationen fordert“.

Die beiden Autoren versteigen sich zur Schlußfolgerung:

„Das Wort ‚Ökumene‘ verwandelt sich so in ein Paradox, in eine ‚Ökumene des Hasses‘.“

Dem stellen Spadaro/Figueroa Papst Franziskus entgegen: „Die enorme Differenz ist eindeutig“, die ihn von einem solchen Verständnis trenne. Der Papst „ermutigt die Ökumene mit verschiedenen christlichen Ansprechpartnern und anderen religiösen Konfessionen“. Er bewege sich auf „der Linie der Inklusion, des Friedens, der Begegnung und der Brücken“. Daraus folgern die Autoren:

„Dieses Phänomen entgegengesetzter Ökumenismen mit gegensätzlichem Verständnis des Glaubens und der Weltsicht, in denen die Religionen unversöhnliche Rollen spielen, ist vielleicht der unbekannteste und zugleich dramatischste Aspekt der Ausbreitung des integralistischen Fundamentalismus.“

In diesem Satz lassen Spadaro/Figueroa erstmals den von ihnen behaupteten „evangelikalen Fundamentalismus“ und den „katholischen Integralismus“ auch sprachlich ineinanderfließen.

Päpstlicher Einsatz gegen den „Religionskrieg“

Daraus ergebe sich, laut den beiden Autoren, die „historische Bedeutung des Einsatzes des Papstes gegen die ‚Mauern‘ und gegen jede Form von ‚Religionskrieg‘.“

Crux Now: Im Bild Antonio Spadaro und Papst Franziskus
Crux Now: Im Bild Antonio Spadaro und Papst Franziskus

Damit stellen Spadaro/Figueroa nicht-linke Christen in völliger Verzerrung der Wirklichkeit in einen Zusammenhang mit einem „Religionskrieg“. Es heißt zwar „jede Form von Religionskrieg“, doch handelt der Artikel nicht vom Islam, sondern richtet sich explizit gegen nicht-linke Christen, die mit ungewöhnlicher Bedingungslosigkeit herabgesetzt und wie Religionsfeinde behandelt werden.

Eine so radikale, ideologische Sichtweise war zuletzt in den 80er Jahren zu hören, damals von den befreiungstheologisch angehauchten, hochpolitisch aufgeladenen Vertreten eines Linkskatholizismus. Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks war diese Sprache aus der Öffentlichkeit verschwunden. Offensichtlich nur vorübergehend. Mit der Wahl von Papst Franziskus ist sie in so neuer Intensität zurückgekehrt. Dabei schreiben die beiden Autoren paradoxerweise selbst, daß „das religiöse Element nie mit dem politischen verwechselt werden darf“. Auch diese „Haltet-den-Dieb-Mentalität“ haben Spadaro/Figueroa mit dem europäischen Linkskatholizismus gemeinsam. Mit dem Finger wird penetrant auf andere gezeigt, um selbst die Haltung praktizieren zu können, die man den anderen vorwirft. Der damalige Linkskatholizismus war es, der Opfern „sozialistischer“ Regime die kalte Schulter zeigte. Damals wie heute scheint die Begründung dafür zu lauten: Wahre Christen stehen links, die anderen sind Reaktionäre und daher des namens Christen nicht würdig. So behauptete es der Schweizer Kapuziner Walbert Bühlmann in den 80er Jahren.

Papst Franziskus, so die beiden Autoren, widerspreche einem religiösen Mißbrauch der politischen Macht. Dieser Lesart des päpstlichen Kurses hat erst am vergangenen Sonntag ein ausgesprochen zurückhaltender und gemäßigter Politiker, der Philosoph Marcello Pera, mit ungewöhnlicher Vehemenz widersprochen. Pera, ein Wissenschaftstheoretiker, warf Franziskus vor, „nur Politik zu betreiben“. Das ganze Pontifikat des argentinischen Papstes sei „vom ersten Tag“ an, nicht durch die Vernunft oder das Evangelium geleitet, sondern durch eine irrationale Ideologie.

Spadaro/Figueroa schreiben dagegen:

„Franziskus lehnt radikal die Idee einer Umsetzung des Reiches Gottes auf Erden ab, wie sie Grundlage des Heiligen Römischen Reiches war und jede Form einer ähnlichen politischen und institutionellen Politik, einschließlich der Dimension der ‚Partei‘.“

Zugleich erteilten die Autoren im Namen des Papstes eine Absage an „ethnische“ Wurzeln und die Identität der Völker. Europa habe „christliche Wurzeln“, zitieren sie Franziskus, doch diese seien „durch einen Geist des Dienens zu pflegen wie bei der Fußwaschung“.

Die beiden Autoren konstruieren auch in diesem Fall verzerrte Gegensätze, um eine bestimmte Seite zu verurteilen.

Dazu paßt das am Mittwoch im The American Spectator erschienene Dossier:

„The Roots of the Pope’s Anti-Americanism.“

“Die Wurzeln des Anti-Amerikanismus des Papstes. Sie können auf seinen linken Hintergrund in Argentinien zurückgeführt werden.“

Das Wall Street Journal machte Papst Franziskus wegen der Wahl von Donald Trump im Dezember 2016 zum neuen Anführer der globalen Linken. Eine solche Position suchte der Papst schon deutlich früher. Im März 2016 forderte der kommunistische Philosoph und bekennende Homosexuelle Gianni Vattimo als Nachfolgeorganisation der Kommunistischen Internationale eine Papistische Internationale, ohne daß der daneben sitzende Papst-Vertraute Marcelo Sanchez Sorondo den geringsten Widerspruch erkennen ließ.

Der Spadaro/Figueroa-Artikel ist ein deutliches Signal an die US-Linke, daß Papst Franziskus auf ihrer Seite steht. Es ist auch ein überdeutliches Signal, daß der Vatikan unter Papst Franziskus den Kampf gegen die „religiöse Rechte“ in der katholischen Kirche der USA aufgenommen hat. Die wichtigen Bischofsernennungen in den USA weisen in eine eindeutige Richtung.

Der Artikel, für den die persönliche Zustimmung und Erteilung der Druckerlaubnis durch Franziskus vorausgesetzt werden kann, verdeutlicht, daß Papst Franziskus im Einklang mit der internationalen politischen Linken die konservativen und rechten Kräfte in den USA, aufgrund der herausragenden Stellung des Landes, für den größten Feind hält – nicht den Islam, nicht eine unkontrollierte Völkerwanderung, nicht den Relativismus.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Civiltà Cattolica/Crux Now (Screenshots)

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1 Kommentar

  1. Mit menschlichen Möglichkeiten ist dieser ernsten Verwirrung nicht mehr beizukommen! Papst Franziskus hatte bei seinem Antritt verlauten lassen, dass er auch nur fünf Jahre regieren will. Nach dem Müller weg ist, sollte der Papst dieser Ankündigung Taten folgen lassen.

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